"Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert"
Martin Wegener ist Rollifahrer und Comicliebhaber, neugierig aufs Leben und fühlt sich wohl im "Wohnhaus" im Scharnhauser Park
SCHARNHAUSER PARK - "Ich sitze wohl im Rollstuhl, aber bin ich ein ganz normaler Mensch", auf diese Feststellung legt Martin Wegener wert. Immer wieder beobachtet er, dass sich ihm Menschen nur sehr zögerlich nähern und ihn manchmal behandeln, als könne er nicht bis drei zählen. "Viele setzen die körperliche mit der geistigen Behinderung gleich", ärgert sich der junge Mann der vor einigen Tagen seinen 24. Geburtstag gefeiert.
Dafür, dass sich mancher Zeitgenosse beim Umgang mit Behinderten eher schwer tut, hat Martin Wegener Verständnis. "Vielleicht wollen sie sich deshalb nicht mit diesem Thema auseinandersetzen, weil sie sich dann darüber Gedanken machen müssten, dass auch sie durch Unfall oder Krankheit leicht in solch eine Lage geraten."
Martin Wegener ist ein frohgemuter, energiegeladener Mann. Seine Stimme ist kräftig, das Idiom verrät die schwäbische Herkunft. Nur der Händedruck bei der Begrüßung fällt eher schwach aus, ein Zeichen seiner Behinderung, die ihn bereits im Kindesalter in den Rollstuhl zwang. Als Frühchen auf die Welt gekommen, hat zeitweiliger Sauerstoffmangel im Brutkasten zur Lähmung der rechten Körperhälfte geführt, vermuten Experten. Erst im Alter von einem Jahr fiel das Anderssein auf. Die Eltern waren misstrauisch geworden, weil sich ihr Jüngster nicht altersgerecht fortbewegte.
"Seltsamer Weise habe ich nie mit meinem Schicksal gehadert", sagt der nachdenkliche junge Mann. Auch nicht, wenn seine Freunde kickten und ihm nur die Rolle des Zuschauers blieb. "Ich sitze im Rollstuhl, aber das bedeutet ja nicht, dass ich mein Leben lang Trübsal blasen muss." An dieser positiven Einstellung zum Leben habe seine Mutter großen Anteil. "Sie hat mich zu einem fröhlichen selbstbewussten Menschen erzogen."
Aufgewachsen in Ingersheim (Landkreis Ludwigsburg) hat ihm seine Familie eine ganz normale kindliche Entwicklung angedeihen lassen. "Meine Eltern haben darum gekämpft, dass ich in einen Kindergarten und in die Grundschule aufgenommen wurde", erzählt Martin Wegener. Später bekam er die Möglichkeit, auch Haupt- und Werkrealschule erfolgreich zu absolvieren. "Ohne die Unterstützung der Lehrer hätte ich es nicht geschafft", ist er dankbar. Und ohne die Hartnäckigkeit der Eltern auch nicht. Sie finanzierten einen Zivi, der den Sohn tagtäglich in die Schule begleitete und sorgten später dafür, dass er eine kaufmännische Ausbildung auf der Ludwigsburger Karlshöhe, einer Bildungseinrichtung der evangelischen Kirche für behinderte Menschen, bekam. Nach dem erfolgreichen Anschluss folgte ein Praktikum in einer Firma in Bietigheim-Bissingen.
Auch sein nur zehn Monate älterer Bruder habe ihm nie das Gefühl gegeben, eine Sonderstellung einzunehmen. "Er hat mich immer unterstützt, gefordert und wie einen ganz normalen Menschen behandelt."
Richtig stolz ist Martin Wegener darauf, dass er vor gut einem Jahr den Schritt aus dem behüteten Elternhaus in die Eigenständigkeit gewagt hat. "Ich habe lange überlegt, Vor- und Nachteile abgewogen. Aber ich wollte gehen bevor es so richtig wehtut."
Den Einzug in das "Wohnhaus" im Scharnhauser Park hat Martin Wegener wohl erwogen und bislang nicht bereut. "Ich fühle mich wohl, integriert und bin viel selbständiger geworden", resümiert er. Neben dem guten Klima und der modernen Ausstattung des Hauses gab auch die verkehrsgünstige Lage des Stadtteiles den Ausschlag.
Und neue Perspektiven taten sich auf. Seit einigen Monaten besucht er auf Anregung der Leiterin des "Wohnhauses", Renate Fischer, einen Spanischkurs an der Volkshochschule. Hat er eine besondere Beziehung zu dem Land auf der iberischen Halbinsel? Das nicht. "Ich wollte mich geistig wieder fordern." Zudem sei einer der Mitarbeiter des Hauses Spanier, "der hat mir seine Hilfe angeboten", grinst Martin Wegener.
Im Übrigen betrachtet er die Weiterbildung eher pragmatisch. "Ich komme unter die Leute und lerne andere Menschen kennen." Nach Spanien zu reisen, bleibt bislang nur ein schöner Traum. "Dazu fehlt mir das Geld." In einer Werkstatt für Behinderte lässt sich nicht das große Geld verdienen.
Martin Wegener ist Fußballfan, sein Herz schlägt für die Stuttgarter Kickers. So oft es geht, besucht er zusammen mit seinem Bruder ein Spiel der Blauweißen. Die Tatsache, dass die gerade eher in den Niederungen der Liga angekommen sind, schmerzt wohl, tut aber der Treue zum Verein keinen Abbruch.
Neben dem Fußball haben es ihm Comics angetan. Vor allem die von Walt Disney. "Ich liebe Micky Maus und Donald Duck", sagt"s und schaut ob des Geständnisses verlegen lächelnd über den Rand seiner Brille. naw
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Bericht über Martin Wegener Rollifahrer und Kickers-Fan
- Felix B.
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Re: Bericht über Martin Wegener Rollifahrer und Kickers-Fan
Wahre Worte...Jürgen K. hat geschrieben:Die Tatsache, dass die gerade eher in den Niederungen der Liga angekommen sind, schmerzt wohl, tut aber der Treue zum Verein keinen Abbruch.