Erwin Lehn wird 90
Verfasst: Montag 8. Juni 2009, 06:04
Schreib ich mal hier rein, einer unserer wenigen noch verbleibenden VIP-Fans wird 90 Jahre alt
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/p" onclick="window.open(this.href);return false; ... swing.htmlDer Herr mit dem Swing
Zum neunzigsten Geburtstag des Orchesterchefs Erwin Lehn
Vierzig Jahre lang, von 1951 bis 1991, hat Erwin Lehn das Südfunk-Tanzorchester geleitet. Heute feiert einer der Männer, die den Jazz nach Deutschland gebracht und den Swing populär gemacht haben, in Stuttgart einen runden Geburtstag.
Von Jan Ulrich Welke
Ein bisschen Ehrfurcht ergreift einen zwangsläufig, wenn man auf jener Gartenbank sitzt, auf der auch schon Zarah Leander Platz nahm. Wenn man durch das Wohnzimmer streift, in dem sich schon Gert Fröbe oder Karin Dor wohlgefühlt haben. Wenn man an der Wand des Partykellers die Inschriften der ersten Garde der deutschen Unterhaltungsbranche liest, die sich dort scheint"s kollektiv verewigt haben. Und wenn man dann jenem Mann gegenübersitzt, in dessen Orchester Horst Jankowski und Ernst Mosch als Solisten spielten, der schon mit Josefine Baker, Chet Baker, Benny Goodman, Stan Getz, Chick Corea, Sonny Rollins und Miles Davis musiziert hat, dann kommt man um ein gerüttelt Maß an Respekt nicht herum.
Erwin Lehn, ein groß gewachsener, hagerer Asket, lässt es sich trotz seines Alters nicht nehmen, seine Gäste persönlich an der Gartenpforte dieses Hauses zu empfangen und zu verabschieden. Es ist ein großes, kühn konstruiertes Gebäude, idyllisch gelegen in einem besser gestellten Stuttgarter Stadtteil. Entworfen wurde es vor fünfzig Jahren von Paul Stohrer, der einerseits das Stuttgarter Rathaus verbrochen hat, andererseits hier bei Lehns mit dieser streng funktionalistischen, an das Bauhaus angelehnten Konstruktion ein wunderbares Bauwerk geschaffen hat.
Gutbürgerlich ist das Interieur gehalten; größer könnte der Stilbruch im Vergleich zu seiner äußeren Hülle kaum sein. Aber vielleicht stehen diese Gegensätze ja sinnbildlich für jenen Mann, der dieses Haus eben seit fünfzig Jahren mit seiner Frau Lydia bewohnt. Denn schließlich war es Erwin Lehn, der nach dem Krieg im deutschen Rundfunk den von Theodor W. Adorno als "Negermusik" geschmähten Jazz salonfähig gemacht hat - und zwar recht gerissen über eine Hintertür namens Tanzmusik.
So schwierig war es aber gar nicht, erzählt Erwin Lehn, dies im vermeintlichen bundesrepublikanischen Mief der Nachkriegszeit durchzusetzen. "Im Leiter der Südfunk-Abteilung Unterhaltungsmusik hatte ich einen Gleichgesinnten gefunden, mit dem ich im Bereich Jazz viel erreicht habe", sagt er. Lehn hat von dieser Zustimmung, aber auch von der Liebe zur Musik tüchtig profitiert.
Um nicht zu sagen: sein ganzes Leben liest sich wie eine einzige Melodie. Der am 8. Juni im pfälzischen Grünstadt geborene Lehn wurde zunächst mit Privatunterricht am Klavier, der Violine und der Klarinette geschult, anschließend arbeitete er an der Städtischen Musikschule in Peine bei Hannover. Selbst die Militärzeit hat er mehr oder weniger musikalisch verbracht. Von 1945 an arbeitete er dann als Pianist und Arrangeur beim Radio Berlin Tanzorchester, ehe er am 2. April 1951 in Stuttgart das von ihm gegründete Südfunk-Tanzorchester zur ersten Probe zusammenrief. Am 17. Juni 1951 debütierte das Ensemble im damaligen Palast-Kino an der Stuttgarter Königstraße. Der Rest ist Legion: nämlich die Liste der Künstler, mit denen er zusammenarbeitete. Dutzende von Filmmusiken hat er zudem eingespielt, enorme rund neuntausend Titel hat er in seiner Karriere aufgenommen. Bis 1991 leitete er das SDR-Orchester des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, von 1977 bis 1997 zudem die Big Band der Stuttgarter Musikhochschule, die ihn 1985 zum Professor ernannte.
In bald 65 Jahren Beschäftigung mit professioneller Musik sammelt sich natürlich ein schier unfassbares Reservoir an Erfahrungen an. Lehn ziert sich trotzdem, irgendeinen Künstler herauszuheben. Höflich schweigt er sich aus. Selbst über ein unerreichtes Jahrhundertgenie wie Miles Davis sagt er, freilich ohne dass es herablassend klingen würde: "Ach Gott, ja, in seiner Art war er unerreicht. Aber es gab so viele Musiker, die in einer anderen Art gespielt haben, die aber deswegen nicht schlechter waren." Je nun, das muss man auch über Miles Davis erst mal sagen dürfen.
Überhaupt entkräftet Lehn einige Klischees, die man über den Stellenwert von Musik in der Nachkriegszeit gepflegt hat. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Künstlern sei keinesfalls so ressentimentgeprägt gewesen, wie man das vermuten würde. "Das hat sich alles ganz normal entwickelt. Viele Musiker waren interessiert, etwas in Deutschland zu machen", erinnert sich Lehn. Die Kontakte zu Musikern wie Miles Davis knüpfte der Südfunk, erzählt Lehn. Der Sender forderte allerdings auch umgekehrt von dem "Experten" für die leichte Tanzmusikmuse, dass er ständig Neuland betrete, bis hin zu Experimenten mit der Zwölftonmusik. Rückblickend sagt Lehn heute, das sei durchaus mal eine "willkommene Abwechslung" gewesen.
Lehn eilte jedoch stets auch der Ruf voraus, als Perfektionist die Musiker kräftig getriezt zu haben. Stimmt das? "Ja, ich musste pingelig genau sein, um zu erreichen, was ich wollte. Umgekehrt musste ich, auch um das Swing-Gefühl zu wahren, den Musikern Freiheiten lassen. Damit die Musiker nicht ängstlich spielten, sondern trotzdem mit Freuden an die Aufgaben herangingen. Über diesen Spagat zwischen größtmöglicher Präzision und künstlerischem Freiraum sagt er: "Man braucht schon Fingerspitzengefühl, um den einzelnen Musiker nicht zu quälen oder in seinem Freiheitsgefühl einzuengen."
1991 verließ Erwin Lehn den Südfunk - nicht ganz freiwillig. Wenngleich man sich allerdings auch vor Augen führen muss, dass er zu diesem Zeitpunkt schon über siebzig Jahre alt war. War es schwierig aufzuhören? "Nein, das hat sich so ergeben", sagt er ohne größeren Groll. "Mit der Begründung, dass mittlerweile so viel Musik auf Schallplatten und CDs vorliege, hatte man den Etat meines Orchesters um fünfzig Prozent gekürzt. Und das war für mich ein Grund zu sagen: dann eben nicht", bilanziert Lehn. "Zwei Musiker aus meinem Orchester haben dann aber den Vertrag übernommen. Und so ist die Tradition immer noch da", sagt er erfreut über die jetzige SWR Big Band.
Privat lässt er es, wer wollte ihm dies verdenken, mittlerweile deutlich ruhiger angehen. Der neunzigste Geburtstag heute wird mit Rücksicht auf das fortgeschrittene Alter dezent begangen, zu den beiden für ihn angesetzten Jubiläumskonzerten (siehe unten unsere Anmerkung) will er jedoch auf jeden Fall kommen. Selber spielt er schon lange nicht mehr. Musik hört er sich nur noch sporadisch an, "nicht übertrieben viel, nur wenn ich gerade mal Lust habe", sagt er. Die aktuellen Strömungen der Jazzmusik verfolgt er zwar noch, zeitgenössischer Jazz ist aber nicht so richtig sein Ding. "Ich bin nicht von allem angetan, was sich tut. Es gab ja eine Zeit, in der man dem sogenannten Free Jazz gehuldigt hat, aber das war auch nicht mehr meine Lieblingsmusik. Ich bin ein Anhänger von schönen Harmonien und entsprechenden Melodien. Das ist das, was mich erfreut", sagt Lehn.
Entschiedene Ansichten hat er hingegen über die heutige Radiolandschaft. "Zuhören und schimpfen", beschreibt er lachend seine Gefühle, wenn er das Radio anschalte. "Ich muss gestehen, dass nicht mehr die Musik gespielt wird, die mir zusagt. Der momentane landläufige Geschmack ist etwas, was mich musikalisch nicht befriedigt", sagt er - und das klingt keinesfalls abfällig, sondern so, wie es auch ein nicht mal Vierzigjähriger sofort unterschreiben könnte. Zumal er sogleich in erfrischendem Liberalismus hinzufügt: "Was angeboten wird, hat an Niveau verloren. Aber jeder darf die Musik hören, die ihm Spaß macht. Ich bin nicht diktatorisch." Und das wäre eigentlich das perfekte Schlusswort.
Doch auch dies liefert der langjährige Inhaber einer Dauerkarte bei den Stuttgarter Kickers noch selbst. Denn angesprochen darauf, wie er den Niedergang seines Fußballvereins und mit Blick auf die eigenen, wie er sagt, "Wehwehchen" bewertet, meint er: "Ich wollte, ich hätte keine anderen Probleme."
Zu Ehren Erwin Lehns gibt es am kommenden Samstag um 19 Uhr in der Musikhochschule ein Konzert mit der Big Band der Musikhochschule. Beim diesjährigen Festival Jazz-Open gibt es am 24. Juli ein Galakonzert von Erwin Lehn mit der SWR Big Band; als Gäste treten unter anderem Helen Schneider und Wolfgang Dauner auf.