Joe Bauer: Bayern-Show in Degerloch
Verfasst: Dienstag 21. Juli 2009, 22:32
Bayern-Show in Degerloch - Ein bisschen Bundesliga...
Stuttgart - 21. Juli 2009, 18.30 Uhr, erste Sitzprobe in der Unterwelt des deutschen Fußballs. Die Kickers feiern ihren 110. Geburtstag in der vierten Liga. So weit unten war unser Club noch nie. Degerloch endgültig tiefer gelegt, eine Frage der Gewohnheit.
Ich betrachte die Dinge ausnahmsweise mal von oben. Auf der Tribüne des Kickersplatzes bin ich zum letzten Mal vor zehn Jahren gesessen, beim 3:1 im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund, damals Tabellenführer der ersten Liga. Der Blick auf die Baumwipfel über dem B-Block der Stehtribüne, meinem Stammplatz, ist immer noch so gut wie damals. Welche Kulisse. Die Waldau bleibt ein Natur-Ereignis.
Die Bude ausverkauft, der Club am Leben. Erste Erkenntnis: Die Stuttgarter Kickers machen sogar gegen die Bayern den Laden voll. München atmet auf.
Wir haben einen heißen Abend erwischt, den ersten Sommertag im Juli. Vereinzelt weiße Wolken überm Fernsehturm, die neuen blauen Trikots, im Design langweiliger als die alten, kommen so besser zur Geltung. Die Bayern in roter Arbeitskleidung und mit großem Star-Aufgebot auf dem Rasen. Ihr Manager Uli Hoeneß auf der Waldau präsent, er kann kein schlechter Mensch sein. Wenn ein Mann den Kickers hilft, darf er sich Sportsmann nennen.
Hauskonzerte der Degerlocher Fußball-Schrammler
Etwas schade für uns Liga-vier-Eintaucher, dass die größte Waldau-Show der Saison vor dem ersten Pflichtspiel steigt. Das Fernsehen ist da, unser sonst unsichtbarer Sponsor aus der Frischkäsebranche führt den Anstoß aus, und im C-Block hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Jesus". So nah wird uns der Himmel nie mehr sein.
In drei Wochen, an einem Freitag, bestreiten wir das erste Heimspiel gegen Wehen II. Dann beginnt der Degerlocher Alltagsrummel, und es wird sich zeigen, wer Charakter hat. Auf der Tribüne kann ich den Musiker Erwin Lehn mit seinem Sommerhütchen sehen.
Unser Ansager hat ihn vor Spielbeginn als "Kompositeur" und "Erfinder" der 35 Jahre alten Kickers-Hymne vorgestellt. An diesem Freitag wird der 90-jährige Bandleader beim Festival Jazz Open in der Stuttgarter Messe mit einer langen Nacht geehrt werden. Jazzstars wie McCoy Tyner und Bill Frisell, Wolfgang Dauner und Helen Schneider musizieren ihm zu Ehren.
Sollten ähnliche Kaliber eines Tages auf unserem Rasen spielen, werden wir die Hauskonzerte der Degerlocher Fußball-Schrammler vergessen haben.
Was sage ich da. Die Regionalliga-Blauen, fast alle neu, unbekannt und erschreckend jung, wehren sich eine Zeit lang wie Männer. Zur Halbzeit führen die Bayern 1:0. Torschütze Gomez, früher VfB. Wer sonst. Rote halten überall zusammen. Nur der Benefizspiel-Gast Mayer-Vorfelder wird ausgepfiffen, auch von den Bayern-Fans. MV liebt Pfiffe. Jede andere Reaktion der Fans hieße Imageverlust.
Eine halbe Stunde vor Schluss beginnen die Bayern, sich etwas merkwürdig zu benehmen: Sie spielen uns Bundesliga vor, als hätten wir zu Hause keinen Fernseher. Als sie 10:0 führen, geht die Sonne hinter den Wipfeln unter, und Uli Hoeneß ist bereits in den Katakomben verschwunden. Jetzt verlassen auch viele die Tribüne. Ich werde mich nie wieder auf die Tribüne setzen.
Noch aber ist alles offen in der Unterwelt - und Wehen II gewarnt. Für zehn Einschüsse wird irgendeiner büßen.
Joe Bauer
21.07.2009 - aktualisiert: 21.07.2009 22:45 Uhr
---> Mal wieder spitze geschrieben!!! Und eines werden die Bayern wohl niemals mehr haben: Einen Joe Bauer und einen Paule... :D
Stuttgart - 21. Juli 2009, 18.30 Uhr, erste Sitzprobe in der Unterwelt des deutschen Fußballs. Die Kickers feiern ihren 110. Geburtstag in der vierten Liga. So weit unten war unser Club noch nie. Degerloch endgültig tiefer gelegt, eine Frage der Gewohnheit.
Ich betrachte die Dinge ausnahmsweise mal von oben. Auf der Tribüne des Kickersplatzes bin ich zum letzten Mal vor zehn Jahren gesessen, beim 3:1 im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund, damals Tabellenführer der ersten Liga. Der Blick auf die Baumwipfel über dem B-Block der Stehtribüne, meinem Stammplatz, ist immer noch so gut wie damals. Welche Kulisse. Die Waldau bleibt ein Natur-Ereignis.
Die Bude ausverkauft, der Club am Leben. Erste Erkenntnis: Die Stuttgarter Kickers machen sogar gegen die Bayern den Laden voll. München atmet auf.
Wir haben einen heißen Abend erwischt, den ersten Sommertag im Juli. Vereinzelt weiße Wolken überm Fernsehturm, die neuen blauen Trikots, im Design langweiliger als die alten, kommen so besser zur Geltung. Die Bayern in roter Arbeitskleidung und mit großem Star-Aufgebot auf dem Rasen. Ihr Manager Uli Hoeneß auf der Waldau präsent, er kann kein schlechter Mensch sein. Wenn ein Mann den Kickers hilft, darf er sich Sportsmann nennen.
Hauskonzerte der Degerlocher Fußball-Schrammler
Etwas schade für uns Liga-vier-Eintaucher, dass die größte Waldau-Show der Saison vor dem ersten Pflichtspiel steigt. Das Fernsehen ist da, unser sonst unsichtbarer Sponsor aus der Frischkäsebranche führt den Anstoß aus, und im C-Block hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Jesus". So nah wird uns der Himmel nie mehr sein.
In drei Wochen, an einem Freitag, bestreiten wir das erste Heimspiel gegen Wehen II. Dann beginnt der Degerlocher Alltagsrummel, und es wird sich zeigen, wer Charakter hat. Auf der Tribüne kann ich den Musiker Erwin Lehn mit seinem Sommerhütchen sehen.
Unser Ansager hat ihn vor Spielbeginn als "Kompositeur" und "Erfinder" der 35 Jahre alten Kickers-Hymne vorgestellt. An diesem Freitag wird der 90-jährige Bandleader beim Festival Jazz Open in der Stuttgarter Messe mit einer langen Nacht geehrt werden. Jazzstars wie McCoy Tyner und Bill Frisell, Wolfgang Dauner und Helen Schneider musizieren ihm zu Ehren.
Sollten ähnliche Kaliber eines Tages auf unserem Rasen spielen, werden wir die Hauskonzerte der Degerlocher Fußball-Schrammler vergessen haben.
Was sage ich da. Die Regionalliga-Blauen, fast alle neu, unbekannt und erschreckend jung, wehren sich eine Zeit lang wie Männer. Zur Halbzeit führen die Bayern 1:0. Torschütze Gomez, früher VfB. Wer sonst. Rote halten überall zusammen. Nur der Benefizspiel-Gast Mayer-Vorfelder wird ausgepfiffen, auch von den Bayern-Fans. MV liebt Pfiffe. Jede andere Reaktion der Fans hieße Imageverlust.
Eine halbe Stunde vor Schluss beginnen die Bayern, sich etwas merkwürdig zu benehmen: Sie spielen uns Bundesliga vor, als hätten wir zu Hause keinen Fernseher. Als sie 10:0 führen, geht die Sonne hinter den Wipfeln unter, und Uli Hoeneß ist bereits in den Katakomben verschwunden. Jetzt verlassen auch viele die Tribüne. Ich werde mich nie wieder auf die Tribüne setzen.
Noch aber ist alles offen in der Unterwelt - und Wehen II gewarnt. Für zehn Einschüsse wird irgendeiner büßen.
Joe Bauer
21.07.2009 - aktualisiert: 21.07.2009 22:45 Uhr
---> Mal wieder spitze geschrieben!!! Und eines werden die Bayern wohl niemals mehr haben: Einen Joe Bauer und einen Paule... :D
