Palästinas Nationalteam - immer nur auswärts
Verfasst: Donnerstag 11. März 2004, 15:58
In der Sportschule Hennef sucht Palästinas Fußballteam Verstärkung - per
Zeitungsannonce.
Juergen Bindrim
Barakat lächelt, er blickt aufs Spielfeld, es ist gut, die Berliner sind da. Gestern um Mitternacht hatte er diesen Anruf auf dem Handy; er habe kein Geld, sagte der Anrufer, aber er sei Palästinenser und spiele Fußball und habe Freunde, die Fußball spielen, sie hätten von der Anzeige gehört, die im "Kicker" stand: "Der Palästinensische Fußballverband ruft seine Spieler! Alle interessierten palästinensischen/palästinensisch-stämmigen Fußballer sind herzlich zu Tests eingeladen."
Sie hatten auch keine Tickets, aber die Handy-Nummer von Taisir Barakat. Der ist Geschäftsmann, palästinensisch-stämmig, Sponsor der palästinensischen Nationalmannschaft und Inhaber eines Reisebüros in Kuweit. Von Deutschland aus trieb er seine Mitarbeiter in Kuweit an den Laptop, die buchten per Internet Plätze in einer Morgenmaschine von Berlin nach Köln/Bonn. Die Berliner sind da, 4 von 18 Bewerbern, beim Probetraining in der Sportschule Hennef bei Köln. Und Barakat lächelt, er hat einen Traum.
Taisir Barakat ist ein schmaler Herr in einem dunkelblauen Trainingsanzug, auf dem Rücken leuchtet weiß das Wort "Palestine". Er ist Geldgeber der palästinensischen Nationalmannschaft, und er träumt davon, dass diese Mannschaft ihre Qualifikationsspiele gewinnt, für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, 2006. Es gibt kein Land Palästina, nur die beiden Bruchteile Westjordanland und Gaza-Streifen, aber die Fifa hat Palästina 1998 als Mitglied akzeptiert. Eine Nationalmannschaft gibt es schon, ein gutes Dutzend Spieler aus Palästina und ein paar Profis, die im Ausland spielen, in Chile, in Syrien, in Griechenland, aber das reicht nicht.
Palästinenser haben kein Land. Also sind sie überall. Also muss man sie dort suchen. Und das tun sie nun, Barakat und seine Freunde, sie suchen Nationalspieler per Zeitungsannonce, eine einzigartige Aktion. Es war Barakat, der weitere Sponsoren fand, 14 sind es jetzt, Geschäftsleute aus Doha, Dubai, dem Libanon. Auch einen Nationaltrainer hat er nun, der seinen Job versteht, den Österreicher Alfred Riedl, 54, und der scheucht jetzt, an diesem kalten, sonnigen März-Mittwoch, die Bewerber über den Rasen, auf Wienerisch, Englisch, Arabisch, hoffnungsvoll? "Ich bin kein Optimist", sagt Riedl. "Aber ich lass mich gern enttäuschen."
Riedl kennt ungewöhnliche Posten, hat nicht nur die österreichische, sondern auch die vietnamesische und die kuweitische Nationalmannschaft und Vereinsmannschaften in Ägypten, Saudi-Arabien und Marokko trainiert. Ein erfahrener Coach, überlebensfähig, einer, der nicht davonrennt, wenn ihn ein Spieler zum arabischen Bruderkuss umarmt. Nicht als Politik habe er diesen Job begriffen, sagt Riedl, ein Mensch mit freundlich geschliffenem, nachdenklichem Ton, wenn er nicht auf dem Spielfeld steht und schreit. Er würde genauso auch für Israel arbeiten, "aber sie mischt sich eben immer wieder dazwischen, die Politik".
Quartier des Nationalteams ist die ägyptische Stadt Ismailija, am Suezkanal. Heimspiele gibt es nicht. Die Kader aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen treffen nur im Trainingslager zusammen, in der Zwischenzeit sind sie ohne Liga. Und es kommt vor, immer wieder, dass einer morgens, im Trainingslager, von einem erschossenen Cousin erzählt. "Willst du nach Hause, mit deiner Familie ein bisschen trauern?", fragt Riedl dann. Aber auf der Heimreise ist Checkpoint für Checkpoint zu überwinden, und zur Beerdigung käme der Spieler zu spät.
Er wolle, sagt der Sponsor, der Welt beweisen, dass sie Unrecht hat, wenn sie Palästinenser als Synonym für Terroristen begreift: "Wir sind Handwerker, Geschäftsleute, und Fußballer sind wir auch." Barakat sagt, es sei Mr. Schröder gewesen, der ihn inspiriert habe, der deutsche Bundeskanzler Schröder, mit seinen Tränen beim Film über das "Wunder von Bern". Barakat träumt vom Fußball, für den er als Spieler nicht gut genug war. Und träumt von einem Staat Palästina, für den sein Volk, so könnte man meinen, der Welt nicht gut genug erscheint.
Vom Lächeln der Palästinenser spricht er, vom 18. Februar, als sein Team, schon unter Riedl, das erste Qualifikationsspiel gegen Taiwan hinter sich brachte und über die Nachrichtenbänder des palästinensischen Fernsehens ausnahmsweise eine gute Nachricht lief: "Palästina gegen Taiwan: 8:0". Aber sie brauchen Verstärkung, am 31. März spielen sie gegen den Irak und Riedls Freund Bernd Stange; beide Teams haben ihre Spiele nach Doha verlegt, gezwungenermaßen, spielen Heimspiele ohne Heimat, aber die einen haben immerhin einen Staat, die anderen reden nur davon. Und als Favoriten gelten die Iraker.
Riedl braucht Leute, braucht Enthusiasten, er kann nicht Reichtum versprechen, ein Taschengeld eher, aber vielleicht Ruhm und eine glückliche Verwandtschaft in Bethlehem. Er jagt sie über den Rasen, ein paar schwedische Palästinenser und ein paar deutsche, die bisher für Lichtenrade Berlin oder Germania Dattenfeld oder den OSC Vellmar spielten. "Ihr spielt wie Kinder!", schreit er, und dann hat er ein neues arabisches Wort gelernt: "Aama" heißt "blind".
Manche keuchen schon nach zwei Spielminuten. Manche haben schon ohne Ball ein Bewegungsproblem. Manche - man wird sehen, vielleicht ein, zwei Schweden werden eine Einladung zum Training nach Ägypten bekommen, Riedl hat nicht mehr erwartet. Und Barakat - der lächelt. Er wird demnächst nach London fliegen. Da gibt es einen, der spielt bei Fulham, den will er überreden, braucht nicht jeder Mensch einen Traum?
BARBARA SUPP
Zeitungsannonce.
Juergen Bindrim
Barakat lächelt, er blickt aufs Spielfeld, es ist gut, die Berliner sind da. Gestern um Mitternacht hatte er diesen Anruf auf dem Handy; er habe kein Geld, sagte der Anrufer, aber er sei Palästinenser und spiele Fußball und habe Freunde, die Fußball spielen, sie hätten von der Anzeige gehört, die im "Kicker" stand: "Der Palästinensische Fußballverband ruft seine Spieler! Alle interessierten palästinensischen/palästinensisch-stämmigen Fußballer sind herzlich zu Tests eingeladen."
Sie hatten auch keine Tickets, aber die Handy-Nummer von Taisir Barakat. Der ist Geschäftsmann, palästinensisch-stämmig, Sponsor der palästinensischen Nationalmannschaft und Inhaber eines Reisebüros in Kuweit. Von Deutschland aus trieb er seine Mitarbeiter in Kuweit an den Laptop, die buchten per Internet Plätze in einer Morgenmaschine von Berlin nach Köln/Bonn. Die Berliner sind da, 4 von 18 Bewerbern, beim Probetraining in der Sportschule Hennef bei Köln. Und Barakat lächelt, er hat einen Traum.
Taisir Barakat ist ein schmaler Herr in einem dunkelblauen Trainingsanzug, auf dem Rücken leuchtet weiß das Wort "Palestine". Er ist Geldgeber der palästinensischen Nationalmannschaft, und er träumt davon, dass diese Mannschaft ihre Qualifikationsspiele gewinnt, für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, 2006. Es gibt kein Land Palästina, nur die beiden Bruchteile Westjordanland und Gaza-Streifen, aber die Fifa hat Palästina 1998 als Mitglied akzeptiert. Eine Nationalmannschaft gibt es schon, ein gutes Dutzend Spieler aus Palästina und ein paar Profis, die im Ausland spielen, in Chile, in Syrien, in Griechenland, aber das reicht nicht.
Palästinenser haben kein Land. Also sind sie überall. Also muss man sie dort suchen. Und das tun sie nun, Barakat und seine Freunde, sie suchen Nationalspieler per Zeitungsannonce, eine einzigartige Aktion. Es war Barakat, der weitere Sponsoren fand, 14 sind es jetzt, Geschäftsleute aus Doha, Dubai, dem Libanon. Auch einen Nationaltrainer hat er nun, der seinen Job versteht, den Österreicher Alfred Riedl, 54, und der scheucht jetzt, an diesem kalten, sonnigen März-Mittwoch, die Bewerber über den Rasen, auf Wienerisch, Englisch, Arabisch, hoffnungsvoll? "Ich bin kein Optimist", sagt Riedl. "Aber ich lass mich gern enttäuschen."
Riedl kennt ungewöhnliche Posten, hat nicht nur die österreichische, sondern auch die vietnamesische und die kuweitische Nationalmannschaft und Vereinsmannschaften in Ägypten, Saudi-Arabien und Marokko trainiert. Ein erfahrener Coach, überlebensfähig, einer, der nicht davonrennt, wenn ihn ein Spieler zum arabischen Bruderkuss umarmt. Nicht als Politik habe er diesen Job begriffen, sagt Riedl, ein Mensch mit freundlich geschliffenem, nachdenklichem Ton, wenn er nicht auf dem Spielfeld steht und schreit. Er würde genauso auch für Israel arbeiten, "aber sie mischt sich eben immer wieder dazwischen, die Politik".
Quartier des Nationalteams ist die ägyptische Stadt Ismailija, am Suezkanal. Heimspiele gibt es nicht. Die Kader aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen treffen nur im Trainingslager zusammen, in der Zwischenzeit sind sie ohne Liga. Und es kommt vor, immer wieder, dass einer morgens, im Trainingslager, von einem erschossenen Cousin erzählt. "Willst du nach Hause, mit deiner Familie ein bisschen trauern?", fragt Riedl dann. Aber auf der Heimreise ist Checkpoint für Checkpoint zu überwinden, und zur Beerdigung käme der Spieler zu spät.
Er wolle, sagt der Sponsor, der Welt beweisen, dass sie Unrecht hat, wenn sie Palästinenser als Synonym für Terroristen begreift: "Wir sind Handwerker, Geschäftsleute, und Fußballer sind wir auch." Barakat sagt, es sei Mr. Schröder gewesen, der ihn inspiriert habe, der deutsche Bundeskanzler Schröder, mit seinen Tränen beim Film über das "Wunder von Bern". Barakat träumt vom Fußball, für den er als Spieler nicht gut genug war. Und träumt von einem Staat Palästina, für den sein Volk, so könnte man meinen, der Welt nicht gut genug erscheint.
Vom Lächeln der Palästinenser spricht er, vom 18. Februar, als sein Team, schon unter Riedl, das erste Qualifikationsspiel gegen Taiwan hinter sich brachte und über die Nachrichtenbänder des palästinensischen Fernsehens ausnahmsweise eine gute Nachricht lief: "Palästina gegen Taiwan: 8:0". Aber sie brauchen Verstärkung, am 31. März spielen sie gegen den Irak und Riedls Freund Bernd Stange; beide Teams haben ihre Spiele nach Doha verlegt, gezwungenermaßen, spielen Heimspiele ohne Heimat, aber die einen haben immerhin einen Staat, die anderen reden nur davon. Und als Favoriten gelten die Iraker.
Riedl braucht Leute, braucht Enthusiasten, er kann nicht Reichtum versprechen, ein Taschengeld eher, aber vielleicht Ruhm und eine glückliche Verwandtschaft in Bethlehem. Er jagt sie über den Rasen, ein paar schwedische Palästinenser und ein paar deutsche, die bisher für Lichtenrade Berlin oder Germania Dattenfeld oder den OSC Vellmar spielten. "Ihr spielt wie Kinder!", schreit er, und dann hat er ein neues arabisches Wort gelernt: "Aama" heißt "blind".
Manche keuchen schon nach zwei Spielminuten. Manche haben schon ohne Ball ein Bewegungsproblem. Manche - man wird sehen, vielleicht ein, zwei Schweden werden eine Einladung zum Training nach Ägypten bekommen, Riedl hat nicht mehr erwartet. Und Barakat - der lächelt. Er wird demnächst nach London fliegen. Da gibt es einen, der spielt bei Fulham, den will er überreden, braucht nicht jeder Mensch einen Traum?
BARBARA SUPP