Die neuen Meinungsmacher - Internet-Foren u. Fußball-Fans
Verfasst: Freitag 14. Mai 2004, 12:21
Die neuen Meinungsmacher
Durch Internet-Foren bekommen Fußball-Fans eine stärkere Stimme in der Öffentlichkeit und werden in den Medien regelmäßig zitiert
VON MORITZ KÜPPER
Fans und Internet-Foren (FR)
Rigobert G. wurde erwischt, sah es aber direkt ein: "Okay, ertappt. Ich wollte nur mal ein Gerücht in die Welt setzen... :-)." Zwar ging es nur um die Nationalität der Freundin von Spieler Markus Kreuz (sie ist Argentinierin statt wie behauptet Türkin), doch der Vorfall zeigt, dass es im Internet-Forum von Eintracht Frankfurt (www.eintracht-frankfurt.de) nicht immer um die Wahrheit geht.
"Es wird viel geflunkert. Nicht alles, was dort steht, ist wahr", sagt Rolf Scholz, "aber gerade das macht solche Foren attraktiv." Der 44-Jährige arbeitet am Institut für Sportpublizistik an der Sporthochschule Köln und beschäftigt sich dort mit der Verbindung von Sport und neuen Medien. "Internet-Foren werden immer wichtiger." Das kann auch Jan Schneider nur bestätigen: "Wir haben über 20 000 registrierte User", berichtet der 30-Jährige, der sich seit fünf Jahren um den Internetauftritt von Eintracht Frankfurt kümmert. "Der Hauptgedanke ist, ein Netzwerk unter den Fans zu schaffen" erklärt er. Dort können sich die Anhänger über Auswärtsfahrten und andere Fan-Aktion informieren. Wie Eintracht Frankfurt haben auch die übrigen 17 Bundesligisten einen Internetauftritt mit Foren für ihre Fans. Diese müssen sich dort registrieren lassen und können dann ihre Kommentare abgeben - lesen kann man die Beiträge jedoch ohne Anmeldung.
Hinzu kommen noch unzählige Fanseiten, auf denen sich die Anhänger ebenfalls in Foren austauschen können. "Wegen dieser Vielzahl sind Fanforen sehr schwer zu beurteilen", sagt Scholz, "klare Untersuchungen gibt es nicht." Trotzdem hat er sich mit den Foren beschäftigt: "Neben dem Service-Charakter bieten die Foren auch den Vereinen die Möglichkeit, die Stimmung der Fans aufzunehmen und einzuarbeiten." Das erlebt Andreas Plaszyk, Fan-Betreuer bei Hertha BSC Berlin, fast täglich in der Praxis: "Für uns ist das Forum eine wichtige Informationsquelle."
Doch der vielleicht wichtigste Effekt, den die Foren für die Anhänger haben, ist das Sprachrohr in der Öffentlichkeit: "Früher hatten die Fans nur am Samstagnachmittag im Stadion eine Stimme", sagt Scholz, "jetzt haben sie eine Plattform, auf der sie die ganze Woche ohne Redaktionsschluss ihre Meinung wiedergeben können." Ein digitaler Stammtisch also. Der aber aus zwei Gründen reizvoller ist, als die Theke in der Stammkneipe: "Zum einen ist die Gruppe, mit der man diskutiert, größer", beobachtet Scholz, "zum anderen gibt es eine gewisse Öffentlichkeit." Denn auch Journalisten beobachten die Neuigkeiten aus den Foren aufmerksam: "Die Medien zitieren recht häufig daraus, und die Fans wissen, dass man sie beobachtet", erklärt Scholz, "das macht die Sache natürlich noch viel interessanter."
Das können auch die Forenbetreuer aus Frankfurt und Berlin bestätigen: "Das Hertha-Forum wird viel von Berliner Medien genutzt", berichtet Plaszyk, "die Journalisten holen sich dort viele Anregungen für ihre Arbeit." Auch in der Sportredaktion der Frankfurter Rundschau gehört ein Blick in das Eintracht-Forum längst zur Arbeitsroutine.
Aber nicht nur die Medien interessieren sich für die Meinung der Fans, auch die Betroffenen selbst schauen häufiger vorbei: "Ich weiß, dass zum Beispiel unsere Spieler Andree Wiedener, Andreas Menger und Alexander Schur öfters mal in das Forum schauen", berichtet Schneider. Allerdings schreiben die Spieler keine Kommentare - wie die meisten Teilnehmer. "Die meisten sind Passiv-Nutzer", erklärt Scholz, "das heißt, sie lesen nur."
Aber auch das kann bisweilen interessant sein. Denn das Forum hat vor allem als Gerüchteküche seinen Reiz. "Die Fans können Spielernamen nennen und spekulieren, das können die seriöse Zeitungen nicht", sagt Scholz. Und ein bisschen flunkern macht die Sache erst attraktiv.
Doch bei Beleidigungen, rassistischen und sexistischen Äußerungen wird eine Grenze überschritten. "Wenn es unter die Gürtellinie geht, reagieren wir", sagt Plaszyk. Der Beitrag wird rausgenommen, der Verfasser verwarnt oder gar ganz ausgeschlossen. Deswegen werden die Foren auch moderiert. Auch in Frankfurt kam es schon zu Vorfällen: "Beim Streit der Eintracht mit Andreas Möller und seinen Berater Klaus Gerster, haben Fans Gersters Adresse und Telefonnummer ins Forum kopiert", erzählt Schneider, "das geht natürlich nicht." Auch gegen Frankfurter Journalisten wurden schon Unterschriften gesammelt. Das Ziel: "Mit der S-Bahnlinie 8 nach Offenbach", in die bei den Eintracht-Fans wenig geliebte Nachbarstadt. Es fällt mitunter auf, dass die Fans in den Foren von den Journalisten mehr Hingabe zu ihrem Verein erwarten und weniger kritische Distanz. Die Reaktionen können dabei durchaus auch in der Nähe der Gürtellinie ankommen.
Entscheidend für die Diskussionsbereitschaft und die Tonlage ist vor allem die sportliche Situation des Vereins. Als Hertha BSC Berlin sich im Dezember vergangenen Jahres von Trainer Huub Stevens trennte, hatte es vorher im Forum schon eine breite Mehrheit gegen den Coach gegeben. Eine Trainerdiskussion gibt es auch bei Eintracht Frankfurt längst. Im Forum wurden zunächst die Medienvertreter beschimpft, die den Trainer in ihren Artikeln in Frage gestellt hatten. Doch mittlerweile gibt es für Coach Willi Reimann auch in den Foren nur noch wenige Befürworter.
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/sport ... cnt=437056
Durch Internet-Foren bekommen Fußball-Fans eine stärkere Stimme in der Öffentlichkeit und werden in den Medien regelmäßig zitiert
VON MORITZ KÜPPER
Fans und Internet-Foren (FR)
Rigobert G. wurde erwischt, sah es aber direkt ein: "Okay, ertappt. Ich wollte nur mal ein Gerücht in die Welt setzen... :-)." Zwar ging es nur um die Nationalität der Freundin von Spieler Markus Kreuz (sie ist Argentinierin statt wie behauptet Türkin), doch der Vorfall zeigt, dass es im Internet-Forum von Eintracht Frankfurt (www.eintracht-frankfurt.de) nicht immer um die Wahrheit geht.
"Es wird viel geflunkert. Nicht alles, was dort steht, ist wahr", sagt Rolf Scholz, "aber gerade das macht solche Foren attraktiv." Der 44-Jährige arbeitet am Institut für Sportpublizistik an der Sporthochschule Köln und beschäftigt sich dort mit der Verbindung von Sport und neuen Medien. "Internet-Foren werden immer wichtiger." Das kann auch Jan Schneider nur bestätigen: "Wir haben über 20 000 registrierte User", berichtet der 30-Jährige, der sich seit fünf Jahren um den Internetauftritt von Eintracht Frankfurt kümmert. "Der Hauptgedanke ist, ein Netzwerk unter den Fans zu schaffen" erklärt er. Dort können sich die Anhänger über Auswärtsfahrten und andere Fan-Aktion informieren. Wie Eintracht Frankfurt haben auch die übrigen 17 Bundesligisten einen Internetauftritt mit Foren für ihre Fans. Diese müssen sich dort registrieren lassen und können dann ihre Kommentare abgeben - lesen kann man die Beiträge jedoch ohne Anmeldung.
Hinzu kommen noch unzählige Fanseiten, auf denen sich die Anhänger ebenfalls in Foren austauschen können. "Wegen dieser Vielzahl sind Fanforen sehr schwer zu beurteilen", sagt Scholz, "klare Untersuchungen gibt es nicht." Trotzdem hat er sich mit den Foren beschäftigt: "Neben dem Service-Charakter bieten die Foren auch den Vereinen die Möglichkeit, die Stimmung der Fans aufzunehmen und einzuarbeiten." Das erlebt Andreas Plaszyk, Fan-Betreuer bei Hertha BSC Berlin, fast täglich in der Praxis: "Für uns ist das Forum eine wichtige Informationsquelle."
Doch der vielleicht wichtigste Effekt, den die Foren für die Anhänger haben, ist das Sprachrohr in der Öffentlichkeit: "Früher hatten die Fans nur am Samstagnachmittag im Stadion eine Stimme", sagt Scholz, "jetzt haben sie eine Plattform, auf der sie die ganze Woche ohne Redaktionsschluss ihre Meinung wiedergeben können." Ein digitaler Stammtisch also. Der aber aus zwei Gründen reizvoller ist, als die Theke in der Stammkneipe: "Zum einen ist die Gruppe, mit der man diskutiert, größer", beobachtet Scholz, "zum anderen gibt es eine gewisse Öffentlichkeit." Denn auch Journalisten beobachten die Neuigkeiten aus den Foren aufmerksam: "Die Medien zitieren recht häufig daraus, und die Fans wissen, dass man sie beobachtet", erklärt Scholz, "das macht die Sache natürlich noch viel interessanter."
Das können auch die Forenbetreuer aus Frankfurt und Berlin bestätigen: "Das Hertha-Forum wird viel von Berliner Medien genutzt", berichtet Plaszyk, "die Journalisten holen sich dort viele Anregungen für ihre Arbeit." Auch in der Sportredaktion der Frankfurter Rundschau gehört ein Blick in das Eintracht-Forum längst zur Arbeitsroutine.
Aber nicht nur die Medien interessieren sich für die Meinung der Fans, auch die Betroffenen selbst schauen häufiger vorbei: "Ich weiß, dass zum Beispiel unsere Spieler Andree Wiedener, Andreas Menger und Alexander Schur öfters mal in das Forum schauen", berichtet Schneider. Allerdings schreiben die Spieler keine Kommentare - wie die meisten Teilnehmer. "Die meisten sind Passiv-Nutzer", erklärt Scholz, "das heißt, sie lesen nur."
Aber auch das kann bisweilen interessant sein. Denn das Forum hat vor allem als Gerüchteküche seinen Reiz. "Die Fans können Spielernamen nennen und spekulieren, das können die seriöse Zeitungen nicht", sagt Scholz. Und ein bisschen flunkern macht die Sache erst attraktiv.
Doch bei Beleidigungen, rassistischen und sexistischen Äußerungen wird eine Grenze überschritten. "Wenn es unter die Gürtellinie geht, reagieren wir", sagt Plaszyk. Der Beitrag wird rausgenommen, der Verfasser verwarnt oder gar ganz ausgeschlossen. Deswegen werden die Foren auch moderiert. Auch in Frankfurt kam es schon zu Vorfällen: "Beim Streit der Eintracht mit Andreas Möller und seinen Berater Klaus Gerster, haben Fans Gersters Adresse und Telefonnummer ins Forum kopiert", erzählt Schneider, "das geht natürlich nicht." Auch gegen Frankfurter Journalisten wurden schon Unterschriften gesammelt. Das Ziel: "Mit der S-Bahnlinie 8 nach Offenbach", in die bei den Eintracht-Fans wenig geliebte Nachbarstadt. Es fällt mitunter auf, dass die Fans in den Foren von den Journalisten mehr Hingabe zu ihrem Verein erwarten und weniger kritische Distanz. Die Reaktionen können dabei durchaus auch in der Nähe der Gürtellinie ankommen.
Entscheidend für die Diskussionsbereitschaft und die Tonlage ist vor allem die sportliche Situation des Vereins. Als Hertha BSC Berlin sich im Dezember vergangenen Jahres von Trainer Huub Stevens trennte, hatte es vorher im Forum schon eine breite Mehrheit gegen den Coach gegeben. Eine Trainerdiskussion gibt es auch bei Eintracht Frankfurt längst. Im Forum wurden zunächst die Medienvertreter beschimpft, die den Trainer in ihren Artikeln in Frage gestellt hatten. Doch mittlerweile gibt es für Coach Willi Reimann auch in den Foren nur noch wenige Befürworter.
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/sport ... cnt=437056