Cottbus oder Chemnitz - beides fast mit K
Verfasst: Freitag 4. Februar 2005, 10:47
Das ist bislang die geilste Geschichte zum Thema Wettskandal. Ich versteh' überhaupt nichts mehr....
Cottbus oder Chemnitz – beides fast mit K
Von Bernd Müllender, Aachen
04.02.2005
Morgens um sieben ist die Welt nicht mehr in Ordnung: Wie Aachen-Profi Reghecampf die Ermittlungen im Fußballskandal als Beschuldigter erlebt
Offenbar ist die Ermittlungstätigkeit deutscher Justizbehörden mittlerweile auf jenes Niveau abgesackt, mit dem der DFB versucht, dem Chaos um die Wettskandale Herr zu werden. Am Mittwochmorgen haben sich seltsame Dinge abgespielt: Um 5.30 Uhr klingelte beim Profi des Zweitligisten Alemannia Aachen Laurentiu-Aurelian Reghecampf das Handy. Am Apparat: die Cottbuser Polizei. Man stehe mit einem Durchsuchungsbefehl vor seiner Wohnung, aber niemand mache auf. Der Rumäne teilte den Beamten mit, er habe seit etwa einem Monat einen neuen Arbeitsplatz in Aachen gefunden, wohne derzeit daselbst im Hotel Quellenhof. Und falls sie doch in seine Cottbuser Wohnung möchten: Im gleichen Haus wohne seine Tante, wenn man da bitte klingeln möchte, die habe einen Schlüssel.
Die Exekutive ist zwar weit hinter der Zeit, aber fähig zu schnellem Konter. Eine halbe Stunde später standen Aachener Polizeikollegen in Reghecampfs Hotelzimmer. Dort präsentierten sie den Durchsuchungsbeschluss, wonach der „ehemalige Spieler des FC Chemnitz“ verdächtig sei, mit den kroatischen Brüdern S. aus dem Berliner Café King Spiele manipuliert zu haben, „z.B. das Spiel Paderborn - Chemnitz“ (Regionalliga am 22. 5. 04). Der Haken: Reghecampf hat nie für Chemnitz gespielt, sondern damals fast zeitgleich für Energie Cottbus das 1:0 gegen Regensburg geschossen. Da ist Schiebung schwer, selbst wenn der Referee in Paderborn damals Robert Hoyzer hieß. Zudem ist seit gestern sicher, dass der Hoyzerei-Versuch in diesem Spiel misslang.
Aber bitte: Chemnitz, Cottbus – beides ist tiefer Osten und klingt zum Verwechseln ähnlich, schließlich fängt beides fast mit K an. Reghecampfs Aachener Anwalt spricht von Skandal, Rufmord und Spießrutenlaufen. Im Aachener Polizeipräsidium, so ein Beamter gestern, habe man sich „unter Kollegen sehr amüsiert über diese Peinlichkeiten“; in Berlin seien wohl „alle sehr in Hektik“. Der Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft Michael Grunwald hat gestern zerknirscht mitgeteilt, dass es sich „um ein Büroversehen, einen Schreibfehler“ gehandelt hat. Dennoch bleibe der Spieler „ein Beschuldigter“. Nur warum jetzt, weiß er nicht genau zu sagen. „Es geht wohl um ein Cottbus-Spiel.“ Das wäre wieder ein neuer Tatbestand.
Einen seltsam grotesken Fehler machte allerdings auch Reghecampf. Während sich die Beamten bei ihm umsahen, verschwand er auf die Toilette und begann Kontoauszüge zu zerreißen und abzuspülen. Er wurde vorläufig festgenommen, erkennungsdienstlich behandelt, Handy und Laptop wurden beschlagnahmt. Am Mittag war er wieder auf freiem Fuß. Haftbefehl erging nicht. Naiv ließ der kleine Dribbler wissen, die Auszüge seien Privatsache gewesen, die niemanden etwas angehen.
Wie viele andere auch hatte der 29-jährige Fußballspieler eine eidesstattliche Versicherung „als eine Ehrenerklärung“ abgegeben gegen die Unterstellungen „durch den vormaligen Schiedsrichter Hoyzer“. Nur einmal „vor anderthalb bis zwei Jahren“ sei er „mit einem Spielerfreund“ zu Gast gewesen im Café King. Der Freund war Tomislav Piplica, Cottbus’ Torwart. Ist es verdächtig, dass die Betreiber der Zockerbude, so Reghecampfs Anwalt, auf ihrer Website ein Foto der beiden Fußballergäste platziert hätten?
Die auf dem Platz so angriffsfreudige Alemannia geht derweil in Deckung. Die zeitweilige Festnahme des teuersten Spielers der Klubgeschichte (600 000 Euro Ablöse) wurde auf der Webseite unterschlagen. Die Fans schwanken in ihrem Forum zwischen Verständnis („Ich hab auch schon Kontoauszüge vernichtet“) und Skepsis: „Aber nicht morgens um sieben, wenn die Polizei danebensteht.“
Kann es ein Indiz für Reghecampfs Unlauterkeit sein, dass er in der Hinrunde für Energie Cottbus zwei Elfmeter verschoss? Der Mann wird jedenfalls der erste aktuell beschuldigte Profi sein, der vor fremden Publikum aufläuft. Alemannia spielt am Sonntag in Karlsruhe, und da darf man einiges Fangetöse erwarten. Dennoch, sagt Aachens Sportdirektor Jörg Schmadtke, es gebe „keine Überlegungen, ihn draußen zu lassen“.
Und zur Aktenvernichtung seines Spielers auf dem Hotel-Klo fällt dem Alemannia-Manager schulterzuckend nur ein etwas seichter Vergleich ein: „Vielleicht ist das ganz menschlich: Wenn wir auf der Autobahn die Polizei sehen, geht auch der erste Blick zum Tacho.“ Bis auf weiteres, so Schmadtke, gelte am Tivoli: „Wir glauben dem Jungen.“
(aus der FTD)
Cottbus oder Chemnitz – beides fast mit K
Von Bernd Müllender, Aachen
04.02.2005
Morgens um sieben ist die Welt nicht mehr in Ordnung: Wie Aachen-Profi Reghecampf die Ermittlungen im Fußballskandal als Beschuldigter erlebt
Offenbar ist die Ermittlungstätigkeit deutscher Justizbehörden mittlerweile auf jenes Niveau abgesackt, mit dem der DFB versucht, dem Chaos um die Wettskandale Herr zu werden. Am Mittwochmorgen haben sich seltsame Dinge abgespielt: Um 5.30 Uhr klingelte beim Profi des Zweitligisten Alemannia Aachen Laurentiu-Aurelian Reghecampf das Handy. Am Apparat: die Cottbuser Polizei. Man stehe mit einem Durchsuchungsbefehl vor seiner Wohnung, aber niemand mache auf. Der Rumäne teilte den Beamten mit, er habe seit etwa einem Monat einen neuen Arbeitsplatz in Aachen gefunden, wohne derzeit daselbst im Hotel Quellenhof. Und falls sie doch in seine Cottbuser Wohnung möchten: Im gleichen Haus wohne seine Tante, wenn man da bitte klingeln möchte, die habe einen Schlüssel.
Die Exekutive ist zwar weit hinter der Zeit, aber fähig zu schnellem Konter. Eine halbe Stunde später standen Aachener Polizeikollegen in Reghecampfs Hotelzimmer. Dort präsentierten sie den Durchsuchungsbeschluss, wonach der „ehemalige Spieler des FC Chemnitz“ verdächtig sei, mit den kroatischen Brüdern S. aus dem Berliner Café King Spiele manipuliert zu haben, „z.B. das Spiel Paderborn - Chemnitz“ (Regionalliga am 22. 5. 04). Der Haken: Reghecampf hat nie für Chemnitz gespielt, sondern damals fast zeitgleich für Energie Cottbus das 1:0 gegen Regensburg geschossen. Da ist Schiebung schwer, selbst wenn der Referee in Paderborn damals Robert Hoyzer hieß. Zudem ist seit gestern sicher, dass der Hoyzerei-Versuch in diesem Spiel misslang.
Aber bitte: Chemnitz, Cottbus – beides ist tiefer Osten und klingt zum Verwechseln ähnlich, schließlich fängt beides fast mit K an. Reghecampfs Aachener Anwalt spricht von Skandal, Rufmord und Spießrutenlaufen. Im Aachener Polizeipräsidium, so ein Beamter gestern, habe man sich „unter Kollegen sehr amüsiert über diese Peinlichkeiten“; in Berlin seien wohl „alle sehr in Hektik“. Der Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft Michael Grunwald hat gestern zerknirscht mitgeteilt, dass es sich „um ein Büroversehen, einen Schreibfehler“ gehandelt hat. Dennoch bleibe der Spieler „ein Beschuldigter“. Nur warum jetzt, weiß er nicht genau zu sagen. „Es geht wohl um ein Cottbus-Spiel.“ Das wäre wieder ein neuer Tatbestand.
Einen seltsam grotesken Fehler machte allerdings auch Reghecampf. Während sich die Beamten bei ihm umsahen, verschwand er auf die Toilette und begann Kontoauszüge zu zerreißen und abzuspülen. Er wurde vorläufig festgenommen, erkennungsdienstlich behandelt, Handy und Laptop wurden beschlagnahmt. Am Mittag war er wieder auf freiem Fuß. Haftbefehl erging nicht. Naiv ließ der kleine Dribbler wissen, die Auszüge seien Privatsache gewesen, die niemanden etwas angehen.
Wie viele andere auch hatte der 29-jährige Fußballspieler eine eidesstattliche Versicherung „als eine Ehrenerklärung“ abgegeben gegen die Unterstellungen „durch den vormaligen Schiedsrichter Hoyzer“. Nur einmal „vor anderthalb bis zwei Jahren“ sei er „mit einem Spielerfreund“ zu Gast gewesen im Café King. Der Freund war Tomislav Piplica, Cottbus’ Torwart. Ist es verdächtig, dass die Betreiber der Zockerbude, so Reghecampfs Anwalt, auf ihrer Website ein Foto der beiden Fußballergäste platziert hätten?
Die auf dem Platz so angriffsfreudige Alemannia geht derweil in Deckung. Die zeitweilige Festnahme des teuersten Spielers der Klubgeschichte (600 000 Euro Ablöse) wurde auf der Webseite unterschlagen. Die Fans schwanken in ihrem Forum zwischen Verständnis („Ich hab auch schon Kontoauszüge vernichtet“) und Skepsis: „Aber nicht morgens um sieben, wenn die Polizei danebensteht.“
Kann es ein Indiz für Reghecampfs Unlauterkeit sein, dass er in der Hinrunde für Energie Cottbus zwei Elfmeter verschoss? Der Mann wird jedenfalls der erste aktuell beschuldigte Profi sein, der vor fremden Publikum aufläuft. Alemannia spielt am Sonntag in Karlsruhe, und da darf man einiges Fangetöse erwarten. Dennoch, sagt Aachens Sportdirektor Jörg Schmadtke, es gebe „keine Überlegungen, ihn draußen zu lassen“.
Und zur Aktenvernichtung seines Spielers auf dem Hotel-Klo fällt dem Alemannia-Manager schulterzuckend nur ein etwas seichter Vergleich ein: „Vielleicht ist das ganz menschlich: Wenn wir auf der Autobahn die Polizei sehen, geht auch der erste Blick zum Tacho.“ Bis auf weiteres, so Schmadtke, gelte am Tivoli: „Wir glauben dem Jungen.“
(aus der FTD)