Ein Mann in den Knien
Gestern Morgen, als schon Sommer war, ging ich über den Karlsplatz. Der Karlsplatz genießt kein großes Ansehen in der Stadt. Der Karlsplatz ist froh, dachte ich, wenn ihn mal einer besuchen kommt.
Dann sah ich, dass ich nicht allein war. Hinter dem Reiterdenkmal mit dem Kaiser Wilhelm, vor dem Hinterteil von Kaiser Wilhelms Pferd, entdeckte ich einen Mann in der Hocke.
Der Mann sah aus wie ein VfB-Fan: Rot und verschwitzt, schwer atmend. Gut, dachte ich, vielleicht gibt der Mann den Fluglotsen wie der Torwart des FC Liverpool beim Elfmeterschießen im Champions-League-Finale gegen Mailand in Istanbul. Das war das Größte, was ich je erlebt habe, größer als der Pokalsieg der Kickers gegen Heidenheim in Eislingen/Fils. Liverpools Pole Dudek mit seiner Veitstanz-Nummer im Tor: Die ausgestreckten Arme mit den riesigen Handschuhen an den Händen wie Windmühlenflügel über dem Kopf, der ganze Körper in Bewegung wie unsereins bei der Hampelmann-Gymnastikin der Reha-Klinik. Jeder Luftgitarrist sieht dagegen wie ein anthroposophischer Pantomime aus. Prompt schoss der erste Italiener, der anlief, ein Loch in den Abendhimmel über Istanbul.
Mein Mann auf dem Karlsplatz aber gab nicht den Fluglotsen, er machte Kniebeugen, preußische Kommiskopf-Kniebeugen, das Gewicht auf die Fußballen verlagert, die Arme vor der Brust ausgestreckt, so wie es früher mein Turnlehrer mit der Pfeife am Halsband verlangt hat, wenn er mich fertig machen wollte.
Ich drehte einsame Runden um den Karlsplatz und schielte unauffällig hinüber zu dem Mann, der das Hinterteil von Kaiser Wilhelms Pferd anstarrte und die Knie beugte, als ginge es um sein Leben. Ich lief neun Runden um den Karlsplatz, der Mann beugte immer noch die Knie vor dem Hinterteil von Kaiser Wilhelms Pferd, und es hing ihm die Zunge raus.
Längst hätte ich ins Büro gehen müssen, ich rief an, ich könne erst später kommen, vor dem Hinterteil von Kaiser Wilhelms Ross geschehe Unglaubliches. Verstehen Sie, nie zuvor hatte ich einen Pferdehinterteil-Anbeter gesehen. Nie einen Mann, der beim Anblick eines Pferdehinterteils mit preußischer Kommisskopf-Haltung und heraushängender Zunge in die Knie ging. Ich stellte mir vor, wie diese Nummer Schule macht: Eines Tages tausende Menschen vor dem Hinterteil von Kaiser Wilhelms Pferd, und alle beugen die Knie. Vorne mein alter fieser Turnlehrer mit der Pfeife am Bändel: "Eins, zwo! Eins, zwo!"
Mein alter fieser Sportlehrer wäre in der Lage, uns zu triezen bis zum Jüngsten Tag. Er würde auch nicht aufhören, wenn aus dem Hinterteil von Kaiser Wilhelms Pferd - als göttliches Zeichen für eine Kniebeugen-Pause - Äpfel fielen.
Ich überlegte, was in Kaisers Wilhelms Pferd vorginge, wenn es mitbekäme, dass die ganze Stadt vor seinem Hinterteil die Knie beugt. Das Pferd wäre sicher irritiert bei dem Gedanken, was es mit seinem von weiten Kreisen der Bevölkerung sonst unbeachteten Hinterteil auf sich habe.
Womöglich aber versteht Kaiser Wilhelms Pferd etwas von Fußball. Womöglich hat es den großen Sieg des FC Liverpool über den AC Mailand beeinflusst, weil das Pferd, wie jeder Fußballkenner, weiß, dass große Siege seit jeher auf das Hinterteil zurückschlagen.
Neulich wurde ein Fußballfachmann gefragt, wie man sich ein großes Spiel vorzustellen habe. Nicht Kaiser Wilhelms Pferd, sondern stellvertretend Schalkes Manager Rudi Assauer hat darauf geantwortet: Er wünsche sich, sagte er, dass hinterher alle sagen: "Leck mich am Arsch, es war ein Riesenspiel!"
Aktualisiert: 28.05.2005, 06:17 Uhr
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/s ... php/930444