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Spielbericht: Derby Sarajevo

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 10:35
von Tüten-Tim
Eine Tour mit reichlich Turbulenzen
Blind Date auf dem Weg nach Sarajevo

Da haben sich die Herrschaften der Fußballverbände von Serbien, Bosnien und Ungarn ja was tolles einfallen lassen: Roter Stern vs. Partizan, FK vs. Zeljo und Újpest vs. Ferencváros an einem Wochenende. Die Derbys in Belgrad (Samstag Nachmittag) und Budapest (Sonntag 11:30 Uhr) haben ja praktisch ihre festen Termine, wenn aber Sarajevo wie schon vor einem Jahr am Freitag Abend angepfiffen wird, kommt das einem Sechser im Lotto gleich und alle drei Derbys könnten angesteuert werden. Ohne weiteres kann dieses Wochenende also im Kalender vorzeitig fett markiert werden, auch wenn das Auswärtsspiel der Kickers in Augsburg ansteht und aufgrund jüngster Ereignisse ja ebenfalls durchaus interessant werden könnte – aber da muss man einfach Prioritäten setzen. Um so spannender wird also fast täglich mitverfolgt, was sich in Bosnien so in Sachen Termin-Festlegungen tut. Immerhin steht die Autobesatzung bereits, mein Fiesta muss mal wieder als Transportmittel herhalten. Kollega Schäberle hat durchaus auch Interesse an einer Mitfahrt, ist eigentlich sogar richtig heiß auf die Tour. Trotz Rumfragen gibt es bis auf den Albstädter keinerlei weitere Interessenten aus den Fanszenen von Kickers und VfB, also wird die Option „Blind Date“ gezogen und via Groundhopping-Forum stoßen mit dem Ascheberscher und TJ zwei weitere Mitfahrer hinzu. Alles bestens soweit, doch eine Woche vor Abfahrt bestätigt sich, was man in gewissen Kreisen schon ne Weile im Gespräch ist: Die Grobari boykottieren das Derby, Belgrad findet praktisch ohne Gäste statt. Wie praktisch, dass da der BiH-Verband das Derby in Sarajevo auf Samstag legt. Bestens, mit den Derbys in Budapest und Sarajevo somit zwei Top-Spiele an diesem Wochenende.

Österreich 2. Liga am 14.10.2005
SCR Altach vs. FK Austria Wien Amateure
1:2
Traditionell gibt es am Freitag Abend vor einem Balkan-Besuch Fußball-Kost aus Österreich. Treffpunkt ist mal wieder der Fernsehturm-Parkplatz vorm Stuttgarter Waldaustadion, so geht es bereits zwei Stunden vorher in Richtung Landeshauptstadt, um noch ne gemütliche Runde bei Junior Pascal einzulegen – übrigens ohne Commandante CHEberle, dessen Tante unter der Woche den Löffel abgab und die Beerdigung bereits am Samstag steigen sollte. Wie gut, dass mit dem Schnäppchen aus Leipzig spontan ein weiterer Mitfahrer ab Graz gefunden wurde. Doch zunächst gibt es mal ganz andere Probleme, schließlich scheint ganz Süddeutschland im Stau zu stecken und so brauche ich mal eben fast zwei Stunden bis nach Stuttgart. Na toll, das fängt ja gut an. Ascheberscher und TJ schnell ins Auto geladen (guter Dialekt-Kauderwelsch an Bord, stammen die beiden Herrschaften doch aus Aschaffenburg und Offenburg), begrüßt und ab auf die A8. Schon auf Höhe Nürtingen ist das Eis ziemlich getaut, keine Chaoten die beiden, im Gegenteil – kann bei so einem „Blind Date“ ja auch immer etwas schief gehen, besonders für so eine Tour, bei dem jeder ein wenig auf Zack sein muss. Doch auch auf der A8 geht es nicht allzu zügig voran, der Kick in Altach kann praktisch geknickt werden. Diskussionen gehen hin und her: Soll man es versuchen oder nicht, unter Umständen nur eine Halbzeit in Kauf nehmen? Immerhin sind ja äußere Umstände verantwortlich. Bei Ulm muss man sich dann endgültig entscheiden, den Ausschlag gibt die SMS des Albstädters (mit Rene ebenfalls in Altach anwesend), in der er das tolle Alpen-Panorama rund um das Stadion lobt. Einen geilen Ground, den der Albstädter hat und ich nicht? Arschlecken, ab auf die A7 und runter zum Bodensee, probieren geht über studieren. Am ehemaligen Grenzhäuschen schnell noch ne Vignette mit etwas Labello getunt (den Ascheberscher zieht es nächste Woche nach Ungarn) und mit ständigem Blick auf die Uhr durch Vorarlberg. In Bregenz wird sich kurz verfahren und auch in Altach dauert die Groundsuche wesentlich länger als geplant, schließlich ist die ganze Situation mit Stadtteilen und Unterstadtteilen nicht immer ganz durchschaubar und scheint manchmal nicht ganz durchdacht. So kommen wir erst in der Halbzeitpause am „Stadion Schnabelholz“ an, in dem richtig was los ist: Über 6.000 Zuschauer, das ist für die 2. Ösi-Liga mehr als eine Überraschung, zumal es sich hier um alles andere als ein Derby handelt. Trotzdem ist hier heute Spitzenspiel angesagt, es spielt der 1. gegen den 2. der Liga, zugleich wird die neue Hinter-Tor-Tribüne eingeweiht. Die Suche nach dem Albstädter dauert dementsprechend einiges länger, Rene wird hingegen auf der neuen Tribüne aufgegabelt und dahinten von den Wurstbuden kommend nähert sich auch schon unser Quoten-Maurer: „Ha, ich hab mir grad noch ein Zack-Zack reingepfiffen“ – was immer das auch sein mag, es darf sich begrüßt werden. Einigkeit herrscht darüber, dass man sich hier heute völlig unbewusst das wohl beste Spiel der zweiten Liga ausgesucht hat. Man diskutiert kurz über kommende Touren, dann ist das Spiel auch leider schon beendet. Schade, eine Halbzeit war hier deutlich zu wenig, immerhin machten die Altacher sogar etwas Stimmung (Gästefans sind selbstredend keine angereist). Die Amateure der Austria bleiben somit auf Platz 1, können aber nicht ins Oberhaus aufsteigen, somit ist der SCR Altach auf einem Aufstiegsplatz – eigentlich zu hart, aber in Österreich ist ja bekanntlich alles möglich. Dass man seit dieser Saison die Amateur-Teams bis in die zweite Liga aufsteigen lässt unterstreicht das nur. So, man plauscht noch ein wenig zusammen, dann haut die Albstädter Konstellation ab, unsereins fasst noch mal schnell Essen im örtlichen Subway und widmet sich der Landkarte. Obwohl der wohl berühmteste Autobahn-Bauer der Geschichte aus Ösi-Land stammt, scheint das ganze Highway-Netz hier wenig durchdachte. Eine Direkt-Verbindung von Innsbruck nach Graz gibt es nicht, man muss entweder einen Riesen-Umweg über Salzburg in Kauf nehmen oder sich querfeldein durch die Alpen schlagen – so oder so ne ganz miese Kiste, man einigt sich auf die Autobahn-Variante. Die Fahrt an Innsbruck vorbei genieße zumindest ich in besonderer Form, verbrachte ich meine Kleinkind-Zeit doch bei meiner hier seit 30 Jahren lebenden Oma und weilte doch auch in fast allen Ferien danach in der Landeshauptstadt Tirols – es kommen also nostalgische Gefühle auf, hehe. Prompt darf danach dann aber auch schon wieder Hass geschoben werden, sperren die Ösis doch nachts in bestimmten Abständen eine Zeit lang ihre Tunnel und wir dürfen vor einem solchen ne Weile tatenlos abhängen. Der Ascheberscher nutzt die Zeit und erzählt von seinen bisherigen Touren nach Süd- und Mittel-Amerika, passend dazu wird das Autoradio mit mexikanischem Ska gefüttert. Dann aber los, Zeit hat man ja nicht unbedingt übrig. Deutlich dem Zeitplan hinterher erreichen wir erst gegen 4 Uhr den Grazer Hbf, das Schnäppchen – schon einige Mal unterwegs angerufen, wo wir denn nun bleiben – wartet bereits sehnsüchtig. Kurze Begrüßung, das Schnäppchen leicht enttäuscht wegen der gesunkenen Mitfahrer-Zahl („Oh, nur 4 Mitfahrer – mach ich also kein Schnäppchen“) und ab in Richtung slowenische Grenze. Kult-Dialog derweil zwischen Schnäppchen und Ascheberscher (Schnäppchen: „Ach, AB, Du bist auch dabei... Wann waren wir das letzt Mal auf Tour?“ – Ascheberscher: „Kroatien, Pula – es war das einzige Mal, dass wir zusammen auf Tour waren.“), dann rollen wir nach kurzen Tank-Stop vor Maribor konsequent gen Balkan. 150 km vorm Grenzübergang Slavonski Brod (die Stadt ist in einen kroatischen (Slavonski Brod) und einen serbisch-bosnischen Teil (Srpsko Brod) geteilt) fallen meine Augen immer mehr zu, es ist ja mittlerweile auch schon nach 8 Uhr und die Sonne ist aufgegangen. Also mal ne für ne Stunde abruhen, der Ascheberscher fährt den Fiesta mit der nötigen Akribe quer durch das verwinkelte Slavonski Brod zum Grenzhäuschen, dann werden die Plätze wieder getauscht. Tatsächlich müssen wir weit über eine halbe Stunde hier anstehen, scheinbar findet ein reger Austausch zwischen den beiden Teilen der Stadt statt. Ohne Murren dürfen wir in den serbischen Teil Bosniens einreisen, drei von uns vier betreten hiermit Neuland, lediglich der Ascheberscher war beim Länderspiel schon mal vor Ort. Schlagartig ändert sicher hier das Landschaftsbild: Die Straßen werden eine ganze Spur schlechter, gleichzeitig gibt es die Straßenschilder nur noch in kyrillischer Schrift zu lesen. Während man in Serbien noch in lateinsicher und kyrillischer Schrift ausschildert, sieht man es hier im serbischen Teil wohl etwas konservativer und stellt uns somit vor einige, wenn auch nicht unlösbare Probleme. Unsere Bosnien-Landkarte führt die Stadtnamen zwar nicht in kyrillischer Schrift, aber ein wenig bin ich dieser Schriftzeichen ja mächtig, zumindest weiß ja fast jeder, wie sich die serbischen Erstligisten auf kyrillisch schreiben und dementsprechend muss man dann vergleichen. Warum so viel Stress? In Bosnien gibt es keine Autobahnen und man muss querfeldein über die Dörfer sprinten. An der ersten Tanke wird mal eben schnell Geld gewechselt, womit wir wieder unsere gutes, altes Duo Mark und Pfennig in der Hand halten, wenn auch nur in konvertibler Form. Nach Ende des Bürgerkriegs war hier schließlich die D-Mark offizielles Zahlungsmittel und als man sich dann auf eine eigene Währung einigte, bekamen diese den Namen „Marka“ und „Feniga“, der Umrechnungskurs nach wie vor 1:1, also 1 Euro = 1,95 Konvertible Mark. Etwas weiter wird dann die Sportzeitung ran geschafft zwecks Informationsdurst. Aha, das „vjeciti derbi“ (= „ewiges Derby“) steigt wie vermutet um 14:30 Uhr, es werden 27.000 Zuschauer im Olympiastadion zu Sarajevo erwartet. Na, dann mal ab in die Hauptstadt.

Bosnien 1. Liga am 15.10.2005
FK Sarajevo vs. NK Zeljeznicar Sarajevo
0:0
Hier im serbischen Teil Bosniens sind noch deutliche Spuren des Bürgerkriegs zu sehen, fast die Hälfte der Häuser in den kleinen Dörfchen sind zerbombt oder ausgebrannt, junge Menschen sieht man überhaupt keine auf den Straßen. Nach einigen Kilometern wird es dann spannend, erreichen wir den muslimischen Teil Bosniens, worauf ich ja schon sehr gespannt war. Von einem Dorf aufs andere wird die Schriftart plötzlich wieder lateinisch, statt orthodoxer Kirchen stehen natürlich Moscheen mit grünen Halbmond-Flaggen (vermutlich nach Mekka ausgerichtet – hier brauch man theoretisch nicht mal ne Landkarte, hehe) in den Ortskernen – ein zweifelsohne interessanter Anblick, untermalt von osmanisch geprägter Dudelei aus dem Radio. In leicht größeren Siedlungen sehen wir Graffities mit arabischen Schriftzeichen, Frauen und Mädchen laufen meist mit Kopftüchern rum. Richtig spannend, auch wenn TJ und Schnäppchen all das dummerweise verpennen – ich würde mich ja ärgern, schlafen kann ich in meinem Leben ja noch genug. Unsere Befürchtungen die bosnischen Straßen zu sehr unterschätzt zu haben bestätigen sich Gott sei Dank nicht, gegen 12:30 Uhr laufen wir in Sarajevo ein, am Stadtrand kommen uns einige Fahrzeuge der deutschen Bundeswehr entgegen, die hier ja immer noch als Blauhelmsoldaten auf Friedensmission unterwegs sind. Wie auch in Belgrad ist die Fahrweise der Einheimischen relativ unorthodox (was für ein Wortspiel in Anbetracht des muslimisch-orthodoxen Religionskonfliktes hier – da muss ich mir ja fast selber gratulieren), man muss sich also schnell anpassen oder eben den kürzeren Strohhalm ziehen. So wird also fleißig mitgerast, noch eben über eine bereits auf gelb gesprungene Ampel gehechtet – und wenige Meter weiter auch gleich von einem Polizisten rausgezogen. Na toll. Der Bulle spricht aber weder Deutsch noch Englisch, ich ja kein Bosnisch. Er kontrolliert zwar meinen Pass, versucht sich irgendwie zu verständigen, ich schalte natürlich auch auf blöd und mehr, als mir „bye bye“ zu wünschen, bleibt ihm dann auch nicht übrig – Schwein gehabt. So geht es quer durch Sarajevo immer den Fanmassen hinterher in Richtung Olympiastadion. Erster Eindruck von der Stadt: Unglaublich viele Einschusslöcher und vergammelte Häuser, nur die Moscheen und eher wenig vorhandenen Kirchen sind natürlich fein rausgeputzt, da fragt man es sich dann doch, ob es nicht wichtiger sei, fundamentale Dinge der Stadt wieder aufzubauen statt die Gotteshäuser. Die Stadt war immerhin bis Anfang 1996 fast 4 Jahre von bosnischen Serben und der JNA (yugoslawische Volksarmee und zugleich Name des Stadions von Partizan Belgrad (man munkelt ja auch, dass radikale Teile der Grobari von Partizan im Bürgerkrieg an verschiedensten Fronten eingesetzt wurden und entsprechend radikal auch vorgingen)) besetzt worden, täglich (!) gingen mehrere Hundert Granaten auf die Stadt nieder, Heckenschützen verschanzten sich in den Häusern der Stadt und machten Jagd auf alles, was lebendig war. Bilanz: rund 50.000 Verletzte und über 10.000 Tote. Grund für die Aggression der Serben: April 1992 entschieden sich die Bosnier per Volksentscheid nun eigene, unabhängige Wege zu gehen und sich von Jugoslawien los zu reißen. Erst mit dem Vertrag von Dayton marschierten UNO-Blauhelmsoldaten Februar 1996 in Sarajevo ein, schon seit 1995 gab es hier aber eine Waffenruhe. All die Ausmaße sieht man heute noch mehr als deutlich, selbst wenn man unachtsam durch Sarajevo fahren würde. Alle Verkehrsmittel sind übrigens Spenden aus anderen Ländern und Städten. Auf den Straßenbahnen ist beispielsweise ein Gruß aus Japan zu lesen, an den Bussen ist noch sehr gut zu sehen, dass diese einst durch Augsburg gurkten und teilweise sogar die Werbung noch auf Deutsch ist. Wir setzen unsere Rundfahrt durch Sarajevo dann mal fort. Als das Fanaufkommen dann beträchtlich zunimmt, beschließen wir, das Auto in einer Seitenstraße abzuparken und dann zu Fuß weiterzulaufen. Ab unweit der amerikanischen Botschaft (zahlreiche Polizisten mit Maschinengewehren im Anschlag davor) folgen wir dem Menschenauflauf, fein säuberlich in weinrot-weiße bzw. blau-weiße Gesinnung getrennt. Gut gepanzerte Bullen in voller Montur sorgen trotzdem dafür, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Von einer Brücke kommend sehen wir gerade, wie die Horde Zla von FK geschlossen mit rund 500 Mann zum Stadion läuft, die ersten Fotos können also geknipst werden. Dabei sehen wir auch den gigantischen Friedhof rund um das Stadion, von dem ich schon viel gelesen hab. Da bleibt einem kurz der Mund offen stehen, so viele Gräber hab ich noch nicht mal in Verdun gesehen. Heftig, das steht außer Frage! Vorm Stadion verticken ein paar Zigeuner dann Fanartikel und Karten für die Kurven, da könnte man nach Spielende durchaus mal zuschlagen, teilweise sind sogar ein oder zwei interessante Dinge dabei. Doch erst mal die Kartenfrage lösen, die hat jetzt erst mal Priorität. Die anderen drei agieren etwas nervös rund um die dicht von FK-Fans belagerten als Kassenhäuschen benutzten vergitterten Baucontainer, das Schnäppchen lässt sich nach ner Weile schon gar nicht mehr finden, ist jetzt als Einzelkämpfer unterwegs. Mensch, in solchen Situationen muss man doch immer einen kühlen Kopf bewahren, also haue ich mal ein relativ unscheinbar aussehendes Mitglied der Horde Zla an und erkundige mich mal, welches denn hier die neutralen Blöcke sind und wie das auf Bosnisch heißt. Alles klar, an den Kassen etwas drängeln und keine fünf Minuten später halte ich auch schon drei begehrte Karten für die tribuna zapad zu je 10 KM in der Hand. Weil bei mir jetzt auch schon ziemlich die Müdigkeit einsetzt, hau ich mir mal schnell zwei Espresso rein, dazu darf es ein landestypischer Cevapcici-Hamburger rein. Köstlich. Die Eingangskontrollen kann man zweifelsohne als lasch abstempeln, da gab’s ja trotz Fotoaparat, Feuerzeug und dergleichen gar nichts zu beanstanden. So, jetzt mal den Block finden. Ansprechpartner Policija kann nicht wirklich weiter helfen, schickt uns sogar zum falschen Eingang, im Gegenzug darf man aber abenteuerliche Schleichwege durch gesperrte Teile des Stadions nehmen. Zu nett, hvala! Noch 20 Minuten bis zum Anpfiff, schauen wir uns also mal das Stadion an: Netter All-Seater für fast 40.000 Leute in grüner Farbe gehalten und mit „Sarajevo“-Schriftzug auf der Gegengeraden, geiles Teil, für dieses Derby aber zu groß. Die beiden Kurven füllen sich mit etwa 3.500 (FK) bzw. 4.000 (Zeljo) Leuten, zudem nette Beflaggung der ganzen Sektionen von Horde Zla (die Jungs aus Stuttgart heute wohl auch anwesend) und Manijaci, beide Gruppierungen übrigens bereits 1987 gegründet, wie auch Komiti aus dem mazedonischen Skopje – zweifelsohne also ein Trend zu der damaligen Zeit in Jugoslawien. Bis zum Anpfiff kann somit noch mal ein Blick von der Tribüne aus auf den großen Friedhof und ein Wohnviertel am gegenüberliegenden Berg geworfen werden – schon witzig, wenn statt einem Kirchturm da der Turm einer Moschee zwischen den Häusern heraus ragt. Nachdem das mehr als geile Vereinslied von FK zig Mal gespielt wurde, schreiten dann endlich die Mannschaften aufs Spielfeld. Zeljo zeigt eine etwas lausig Choreo, die nur eine kleine „5“ plus Spruchband zeigt. Bei FK gibt es hingegen erst mal nur eine Schalparade, dann aber wird schon eine Blockfahne mit einer blauen Kloschüssel darauf gezeigt. Bei den Manijaci von Zeljo entzünden sich danach rund 70-80 Bengalos, die allesamt aufs Spielfeld fliegen und der Kick vorerst unterbrochen werden muss – soweit also doch schon alles wirklich bestens, kann man nicht meckern. Zwar keine Verhältnisse wie beim Belgrader Derby, aber das hat man ja auch nicht erwartet. Auch draußen vorm Stadion gibt es einige Graffitis der Horde Zla zu sehen, aber auch hier geht es in der serbischen Hauptstadt vor beiden Stadien einige Nummern krasser ab. Die Stimmung in den ersten 20 Minuten kann man ohne weiteres als richtig gut einordnen, besonders das „volim, volim, volim – volim Sarajevo“ von FK weiß sehr zu überzeugen. In der Mitte der zweiten Halbzeit erreicht das Derby dann seinen Höhepunkt, beide Kurven laufen zu Hochtouren auf mit Dauergesängen, wahnsinnig laut das ganze dazu. Auch während des ganzen Spiels immer wieder Bengalos, Schalparaden oder der ganze Mob hüpft Arm in Arm mit dem Rücken zum Spielfeld. Dem ganzen Schauspiel fehlt nun mal leider ein Tor, aber auch so kann man höllisch zufrieden sein – Horde Zla mit leichten akustischen Vorteilen, drüben die Manijaci mit optischen. Unentschieden, auf dem Platz, wie auch auf den Rängen. Die ohnehin schon hohen Erwartungen wurden mindestens erfüllt, einem erneuten Besuch hier zum Rückspiel steht eigentlich nix im Weg. Gemütlich wird noch der Abzug der Fangruppen verfolgt, ehe es dann mal vors Stadion geht. Hier ist eigentlich nichts mehr groß los, Ausschreitungen im großen Stil gibt es in Sarajevo ohnehin nicht, dazu fehlt dann doch der ganz große Hass zwischen Zeljeznicar (benannt nach einem Fluss, der neben dem großen „Bosna“ hier durch die Stadt fließt) und FK. Für uns darf es dann noch mal Cevapcici sein, danach wird kurz über einen nebenliegenden Bazar flaniert (so soll es hier in dieser Stadt einen der größten überdachten Bazars Europas geben, der heute eventuell auch noch gefunden und besucht wird). Das Schnäppchen drängt ein wenig zur Weiterfahrt, ulkt: „Jede Viertelstunde weg vom Auto ist ein Reifen weniger.“ Haha, sehr witzig. Ein paar Zigeuner verkaufen noch sehr coole Caps der Horde Zla für 10 KM, ich halte mich dummerweise zurück, am Ende hab ich aber an der Grenze noch eben genau 10 KM übrig – hätte ich das nur vorher gewusst. Das Auto wird wieder erreicht, Schnäppchen brüllt laut „Ach du Scheiße“. Ooorrrr, jetzt hör mal auf mit dem Mist, so langsam ist es nicht mehr lustig. Doch dann seh ich’s auch: Der Gehweg ist voller Scherben, die vorher mal meine Seitenscheibe dargestellt haben, das Autoradio ist natürlich weg, genau wie die auch erst am Freitag Morgen erstandene CD mit bestem ungarischen und polnischen Hip-Hop, die einen auf der Hinfahrt wach hielt. Auch TJs Rucksack ist nicht mehr da, wurde vermutlich als Transportmittel missbraucht. Fuck, das muss erst mal verdaut werden. Eben war man noch so gut gelaunt wegen der Dinge, die man in dieser Stadt und beim Derby gesehen hat, und jetzt das. Was habt Ihr nur mit meiner mir so sehr ans Herz gewachsenen Karre gemacht? Glück im Unglück: Wenigstens ist das Auto noch da, denn wenn die Typen erst mal im Auto drin sind, kann ja auch alles passieren. Und nun? Der Kopf ist erst mal leer, ein Passant (spricht sogar Englisch, obwohl die meisten Leute hier eigentlich keiner Fremdsprache mächtig sind, ist ja auch kein Touri-Land) ruft freundlicherweise die Polizei, kurz danach steigen drei üble Brecher (auf den Straßen Sarajevos darf nun mal nicht jeder Spätschicht schieben, hehe) aus einem Streifenwagen, sprechen natürlich kein Englisch. Gut, die Szenerie spricht Bände, hier sieht jeder, was passiert ist. Man verständigt sich darauf, dass die anderen drei im Streifenwagen mitfahren, bei mir einer der bulligen Bullen mit einsteigt und es gemeinsam zum Polizeirevier geht. Gott sei Dank haben wir hier vorher Fotos vom Ort des Geschehens gemacht, das scheint hier bei der Policija nicht üblich zu sein, auch die Scherben werden einfach liegen gelassen. Gut, ist mir auch klar, dass die Cops jetzt weder das Radio, noch die Übeltäter findet, aber für die Versicherung wird halt ein Protokoll der Polizei gebraucht. Sehr vorsichtig taste ich mich durch den abendlichen Verkehr Sarajevos, bloß nicht zu schnell fahren, ist ja auch nicht alltäglich, dass ein Polizist auf dem Beifahrersitz hockt und dann auch noch so ein Tier. Der passt nämlich gar nicht so recht in den Fiesta mit seiner kugelsicheren Weste und die Hälfte seines Oberkörpers hängt ohnehin aus dem nicht mehr vorhandenen Fenster raus. Dass der Knabe auch mitten in den Scherben sitzt, stört ihn auch nicht weiter. Im Gegenteil, forsch gibt er mit den Händen zu verstehen, wann es nach links oder rechts gehen soll, gelegentlich werde ich sogar zum noch schneller fahren aufgefordert. Na dann, ist ja alles autorisiert und um so schneller kommen wir endlich am Revier an. Wie man auch hier an den massenhaften Einschusslöchern sieht war dieses Viertel scheinbar hart umkämpft, im Schatten einer großen Moschee ein paar Querstraßen entfernt bewachen stellenweise bis zu 10 Polizisten die Straße – scheint hier nicht so der sichere Ort zu sein, so richtig noble oder scheinbar extrem sichere Gegenden haben wir in Sarajevo bisher aber ohnehin nicht gesehen. Also bewachen die anderen drei das Auto, ich schlappe durch das Polizeirevier, dem man zweifelsohne das Prädikat „total keimig“ verleihen kann: Überall Müll und Zigarettenkippen, alles vergilbt und keine Bilder oder dergleichen an der Wand. Rund 20 Minuten wird im ganzen Revier jemand gesucht, der einer Fremdsprache mächtig ist, erst dann stoßen wir auf Streifenpolizist Omer (ganz typisch für den muslimischen Teil Bosniens: Nachnamen, die ganz im Yugo-Style auf „-ic“ enden, und orientalische Vornamen, wie Kemal, Bühlent, Ali etc.), dessen Bruder in Hannover lebt, er trotzdem aber nur gebrochen Deutsch redet – aber immerhin... Quer geht es durchs Revier auf der Suche nach einem freien Zimmer, unterwegs kreuzen immer festgenommene jugendliche FK- und Zeljo-Fans mit Jogger meinen Weg, dazu Cops mit einer ganzen Ladung abgesägter Tifo-Bengalen im Arm – scheinbar ging da doch irgendwas, ich hab jetzt aber erst mal andere Probleme. In einem Raum mit zwei Typen in Anzug soll ich mal Platz nehmen, Omer übersetzt alles brav auf Deutsch so gut er kann, ich bekomme dazu sogar Zigaretten von ihm geschenkt. Wohin mit der Asche? Ach, einfach auf den Boden. Dass hier ein Teppichboden verlegt ist, juckt keine Sau. Der Amtsapparat in Sarajevo ist noch leicht träge, man will die seltsamsten Dinge von mir wissen, letztendlich sogar den Namen und Wohnort meines Vaters. Als ich den Typen klar mache, dass mein Vater dieses Jahr gestorben ist und keinen Wohnort mehr hat, kommt es fast schon zu einer witzigen Situation: „Ja, ja, ich verstehen. Vater tot. Aber wo Vater wohnen?“ – „Mein Vater wohnt nirgends mehr, der liegt auf dem Friedhof“ – „Ja, ja, verstehen. Aber wo Vater wohnen?“ Ooorrrrrrr, peilt Ihr eigentlich gar nichts? Und was hat das mit meinem Auto zu tun? Geb ich denen halt einfach meine Adresse, hab ich doch jetzt auch keinen Bock mehr. Das ganze Protokoll wird in acht-facher Ausfertigung ausgedruckt, von Bürokratie keine Spur, hehe. Omer geht das ganze Ding noch mal mit mir durch, ich kapier ja nicht wirklich viel. Ja, Rucksack ist dabei, TJs Jacke auch, aber wo ist das Autoradio? „Autoradio? Du nichts haben gesagt von Autoradio...“ Ooorrrr, mach ich hier so ne Hektik wegen ner Jacke, oder was? Die Kollegen haben natürlich die Info mit dem Autoradio nicht weitergeleitet. Der Anzug-Typ natürlich leicht genervt, es geht wieder von vorne los. Derweil freunde ich mich ein wenig mit Omer an, er erzählt von seinem letzten Besuch in Deutschland bei seinem Bruder und ärgert sich noch heute, dass ihm am Münchner Hbf keiner helfen konnte, wo denn der Zug nach Hannover abfahre. Gleichzeitig klingelt Omer seine ganzen Kumpels aus Sarajevo aus dem Bett und fragt rum, wo man denn eventuell heute Abend noch eine neue Autoscheibe einbauen könne. Fast eine Stunde lang reißt sich Omer für mich förmlich den Arsch auf, aber hilft nichts – Samstag Abend geht nun mal auch in Sarajevo nicht viel. Aus irgendeinem Grund vergisst Anzug-Manne dann auch noch, die jeweiligen Geldwerte der geklauten Gegenstände ins Protokoll einzubauen, es geht erneut von vorne los. 2 Stunden lang zieht sich mein erster Besuch auf dem Polizeipräsidium Sarajevo in die Länge, meine Fresse... So, dann ist aber alles fertig, Omer lächelt freundlich und meint: „Du können Papiere dann Montag hier abholen.“ Montag???? Habt Ihr nen Schatten?? Da bin ich schon längst wieder in Deutschland, ich brauch die Scheine jetzt. Eigentlich hoffnungslos, doch mein Kollesch Omer regelt die Sache, klingelt mal eben den Polizeichef aus dem Bett, damit der seine Unterschrift hier leisten kann. Ne Vertretung oder so was gibt es hier nämlich nicht, Bürokratie allez, alles muss vom obersten Boss signiert werden und der würde dann in so ein bis zwei Stunden hier auftauchen. Kann man nichts machen, aber besser als Montag. Omer hat jetzt eigentlich Feierabend, wirft aber auch noch mal nen Blick aufs Auto. Die anderen drei warten schon ungeduldig, das Schnäppchen fragt mal vorsichtig nach, ob Omer denn ne Folie habe für die Scheibe, ist ja auch ein bisschen ungemütlich bei komplett geöffnetem Fenster. Kein Thema, Omer verschwindet für ne knappe Minute in der gegenüberliegenden Videothek, kommt mit nem Schlauchboot, Schere und Klebeband zurück. Omer, Du bist der Hammer! In fast kompletter Eigenregie schneidert der Polizist das Schlauchboot zurecht (doppelte Hülle, sollte sich als sehr günstig in puncto Wärmeisolation heraus stellen), wenig später kommt er noch aus dem Polizeirevier mit Eimer und Besen zurück, damit wir die Scherben entfernen können. Dann wartet aber auch schon sein Kumpel im Auto, es werden eben noch die privaten Handynummern von uns ausgetauscht, er unterstreicht noch mal „Bosnische Policija guuuuut, oder?“ und verschwindet dann zwischen den Gassen Sarajevos. Wahnsinn, auf der Hinfahrt haben wir noch diskutiert, wer von uns denn Leute in so „unscheinbaren“ Ländern wie Slowenien oder der Slowakei kennt, schon hab ich meine erste Bekanntschaft in Bosnien geschlossen und dann auch noch mit einem Bullen. Wir gammeln noch ne Stunde auf der Straße rum, müssen zugeben, dass die Situation jetzt zwar alles andere als lustig und für mich zudem sehr kostenintensiv ist, man aber spätestens in ein paar Tagen wohl drüber lachen muss. Passend dazu setzt der Muezzin in diesem Moment zum Gebet an, ganz seicht und eigentlich auch gar nicht aufdringlich, das ist wirklich angenehm und mal was anderes als monotones Kirchenglocken-Gebimmel. Die Leute auf der Straße registrieren das nicht in besonderer Form und laufen ganz normal weiter, ist für die hier halt Alltag und außerdem sind die meisten ja auch schon auf dem Weg zu irgendwelchen Samstag-Abend-Partys. Wir erörtern passend dazu ne Weile die Bürgerkriegs-Problematik, dann schau ich wieder im Revier vorbei, um das Protokoll abzuholen. Einfach die Treppe hoch, gleich die erste Tür – doch Stopp! An der Anmeldung komm ich nicht so leicht vorbei, die Dame will wissen, wo ich hin will. Tja, wie soll ich der das jetzt klar machen, die Tante spricht ja nur Bosnisch... Sie telefoniert mit irgendwem daraufhin, widmet sich dann aber über 10 Minuten ihrer Tageszeitung, während ich wie doof davor rumstehe. Na toll, das läuft ja wieder dufte. Hallo, hier steht Kundschaft, ist das vielleicht bürgernaher Service? Es kommt ein Mann im Anzug die Treppen runter, meine Gelegenheit, den hau ich mal eben an und versuche mit Händen, Füßen und meinen ganz paar wenigen Brocken Serbisch klar zu machen, was hier geht. Der Typ versteht, Gott sei Dank, ich darf hoch. Im Zimmer mit den Anzug-Herren sitzen inzwischen einer paar Jugendliche mit Jogger und Horde Zla-Kapuzen-Pulli, haben wohl irgendwas angestellt. Nach einer weiteren Unterschrift (immerhin heute schon die 33.) krieg ich dann endlich den Wisch. Naja, was geht denn bitte schön damit? Das hätte ich auch selber am Computer zu Hause machen können, sieht aus wie ein billiges Word-Dokument. Oben steht einfach nur „Federacija Bosne i Hercegovine Policija Kanton Sarajewo“, alles ohne Wappen oder so und dann halt der Text. Nun ja, besser als nichts und jetzt weg hier, schon genug Zeit vertrödelt. Mit eindeutig eingeschränkter Sicht geht es wieder ab nach Norden. Für Sightseeing (der eigentliche, scheinbar sehr orientalisch angehauchte Stadtkern und der serbische Teil „Srpsko Sarajevo“ (von hier stammt der dritte Erstligist Slavija Sarajevo) hätten mich sehr brennend interessiert) fehlt uns verständlicherweise völlig die Motivation und vor allem auch ein sicheres Auto, schließlich wird sich jeder Autodieb über das Schlauchboot kaputt lachen und mal eben ein Schlitz in selbes machen, das ist wirklich nicht mehr fürs abparken irgendwo in Sarajevo geeignet. Schade eigentlich, aber, Sarajevo, wir sehen uns wieder und dann widme ich mich Deinen Sehenswürdigkeiten - und sieh Du zu, dass sich Deine Bürger dann etwas besser zu benehmen wissen! Es wird noch mal schnell getankt und diskutiert, was man wohl unternommen hätte, wenn man die Typen auf frischer Tat dabei ertappt hätte, wie sie die Scheibe einschlagen. Hinrennen und unter Umständen dann ein Messer im Bauch haben oder in den Lauf einer Knarre blicken? Nee, nee, im Endeffekt hatten wir wirklich Glück, dass das Auto hier überhaupt noch steht. Und was machen wir jetzt? Klar, Budapest hat jeder Bock, aber es gibt da ein Problem: Die ungarische Hauptstadt ist als Autoknacker-Hochburg bekannt. Wäre doch zu töricht, da ohne Fensterscheibe in die Stadt zu fahren und das Teil irgendwo abzuparken. Der Plan 11:30 Uhr Újpest vs. Ferencváros und 16 Uhr VfB Admira Wacker Mödling Amateure vs. Polizei/Feuerwehr Wien (3. Liga Ösi-Land) kann somit getrost ad acta gelegt werden. Dániel wird zwar noch schnell in Budapest kontaktiert, ob er irgendwie ne Garage auftreiben kann, ist aber nicht der Fall. Schade, wird’s auch nichts mit der geplanten kleinen Party in seiner Bude. Das ärgert mich wirklich, nach langer Zeit streikten beide Fangruppen trotz früher Anstoßzeit mal wieder nicht und es soll ein richtig geiles Derby gewesen sein. Aber was will man machen, eigentlich wollte ich jetzt einfach nur noch nach Hause und hatte die Schnauze gestrichen voll. Es geht noch ein wenig hin und her, dann einigt man sich darauf, zumindest ein Spiel morgen noch in Österreich zu machen, wo immer das auch statt finden wird – Informationen wird man dann halt erst in Graz einholen können. Gut, machen wir das so. Es geht wieder quer durch Bosnien, leider ohne ein paar geile Fotos machen zu können (Motive stehen ja reichlich zur Auswahl, sei es eine Moschee, ein in kyrillischer Sprache gehaltenes Ortschild, ein arabisches Graffiti oder einer der zahlreichen Grillstellen am Straßenrand in den kleinen Dörfern, wo auf abenteuerlichste Weise Tiere gebraten und gleich verkauft werden): Auf der Hinfahrt fehlte die Zeit, auf der Rückfahrt Motivation und Tageslicht. Schade, aber man war ganz sicher nicht zum letzten Mal in diesem abenteuerlich-geilen Land. An einer Tankstelle irgendwo in der Pampa vernichten Schnäppchen und ich noch einige Tassen Kaffee, dann widmen wir uns auch schon dem günstigen Zigaretten-Kauf. Ab dem Grenzübergang in Brod darf dann das Schnäppchen fahren, ich kann endlich mal ne Runde pennen, ist ja inzwischen auch schon wieder Mitternacht. An Zagreb und Maribor vorbei sind wir morgens fast schon wieder in Graz, da klappert kurz nach einem Maut-Häuschen plötzlich irgendwas am Boden. Schnell, fahr rechts ran, was ist da los? Oh Gott, der Auspuff ist abgefallen. Meine lieben Herrschaften da oben im Himmel, die die Geschicke hier unten auf der Erde leiten – so langsam reicht’s jetzt mal, wir hatten in den letzten 12 Stunden weitaus genug Action und haben bereits eine ordentliche Überdosis Adrenalin ausgestoßen. Aber uns bleibt halt nichts erspart, ne halbe Stunde später rollte der Abschleppwagen an und es geht zurück nach Maribor in die Werkstatt des AMZS (ADAC-Variante aus Slovenija). Etwas schweißen und 90 Euro später darf es dann endlich weiter gehen, ich hab nun vollständig die Lust verloren, künftig bin ich nur noch mit Bus und Bahn unterwegs, das könnt Ihr mir glauben. In Graz wird schnell in ein Internet-Café am Hbf eingecheckt und dabei festgestellt, dass es schon schwierig ist, vertrauliche Informationen für die 3.Ösi-Liga einzufangen, verschiedene Seiten auch verschiedene Anstoßzeiten und Tage angeben. So stehen neben dem anvisierten Kick in Mödling nur noch das 10:30 Uhr-Drittliga-Derby in Innsbruck (am anderen Ende des Landes, die erste Halbzeit läuft bereits), das Erstliga-Spiel zwischen Pasching und Salzburg (bereits seit zwei Wochen ausverkauft) und die Begegnung Würmla gegen Zwettl auf dem Programm. Ok, gönnen wir und letzteres, Schnäppchen legt eine weitere Schicht vorm Lenkrad ein und für heiteres Gemüt sorgt eine Fanzine-Vorlesung aus der Regensburger „Scheißhauslektüre“ – big respect to Matzomatico.

Österreich 3. Liga am 16.10.2005
SV Würmla vs. SC Zwettl
1:0
Ziemlich am Arsch der Welt liegt dieses Würmla, wird aber letztendlich doch gefunden. Kleines Dörfchen, kommt uns ja entgegen, hier wird es ja hoffentlich nicht so von Autodieben wimmeln, die mal eben in den Wagen steigen könnten. Um all dem vorzubeugen – Nummer Sicher ist immer gut – wollen wir direkt an der Tribüne parken, der Kassen-Manne wird einfach links liegen gelassen. Statt freundlich zu fragen á la „Hallo, könnten wir vielleicht...“ meint das Schnäppchen ganz forsch „Ja, wir müssen mal eben hier durch und ganz nah an der Tribüne parken. Wir haben hier bisschen Probleme mit unserer Scheibe, siehste ja selber...“ – und schon waren wir durch, Frechheit siegt. So, was läuft denn so in Würmla? Immerhin ne ganz nette Tribüne hier an der Sportanlage Olympiaweg, dazu das ganze Gelände leicht verwinkelt und sogar scheinbar ziemlich durchdacht. Naja, schließlich ist der Pressesprecher hier auch Mitglied der „Ultras Rapid“, so wundert es auch keinen, dass via Lautsprecher Karten für die kommenden Champions League-Heimspiele von Rapid angeboten werden, die später an der Kasse gekauft werden können. Zuschauer sind etwa 350 heute gekommen, Gäste von der tschechischen Grenze werden keine gesehen. Am Wochenende war hier irgendein Fest, so gibt es für stolze 7 Euro noch Fisch zu kaufen. Nee, lass mal, aber für 2,40 Euro fließt hier schon ein halber Liter Almdudler, das nenn ich fair – wohl bekommt’s! Spielerisch ist der ganze Zauber hier mehr als mieser Hafer, hier wird scheinbar jeder aufgestellt, der irgendwie gerade laufen kann. Im Team des SC Zwettl stehen übrigens nur Tschechen auf dem Platz, dementsprechend ist die Amtssprache hier auch Tschechisch. Exotisch. An der Seite der Tribüne hat sich ein kleiner Fan-Block etabliert, das älteste Mitglied der Trommelbande ist vielleicht 14 Jahre alt – kann man also vergessen. Trotzdem schmeißen die Typen – der SVW schießt hier irgendwie doch noch ein Tor – am Ende des Spiels zwei Rauchtöpfe auf den Rasen und zünden ein Bengalo. Auf Fotos entlang der Tribüne ist der Aufstieg 1995 dokumentiert, auch hier sind kleine Kinder mit Bengalos in der Hand zu sehen – sehr seltsames Dorf. Nichts wie weg hier, mit unserer ganz besonderen Seitenfenster-Konstruktion (auf dem Schlauchboot macht eine Firma mit Namen „Heller“ auf sich aufmerksam, nach den gekonnten Scheren-Schnitten von Omer war aber nur noch „Hell“ zu lesen, was schnell den Spitznamen „Höllen-Fiesta“ einbrachte) sind wir natürlich absoluter Blickfang. Am Ortsausgang darf es dann noch ein Gruppenfoto sein, dann aber ab durch die Mitte. Das Schnäppchen fährt auch noch bis Salzburg, dort wird sich verabschiedet. Der Inhaber der Bahncard 100 haut ab nach Leipzig, will ja morgen nach Luxemburg weiter, wir treten nach einem Cevapcici (musste einfach sein) über München und Ulm den Heimweg an. Kurz nach Mitternacht ist der Fernsehturm-Parkplatz erreicht, dann aber ab nach Hause. Was bleibt? Eine geile Tour war es trotz aller Turbulenzen, Budapest hätte dem ganzen natürlich noch eine riesige Krone aufgesetzt, vor allem ich hätte mich gefreut, mal wieder in „meiner“ Stadt zu sein und ein Fradi-Spiel, dazu noch Derby, zu sehen. Aber da kann man nun mal gar nichts gegen machen. Fest steht, dass das Rückspiel unbedingt wieder angesteuert werden muss, wenn es günstig läuft, liegen die Derbys in Sarajevo, Belgrad und Budapest dann auch wieder auf einem Wochenende und dann ist Wiedergutmachung angesagt – wenngleich auch nicht mit meinem Auto, das ist klar, hehe...



REPRESENTING SARAJEVO:

http://www.hordezla-stuttgart.com/hzhimna.mp3
http://www.hordezla-stuttgart.com/HordeZlaDilber.mp3
http://www.hordezla-stuttgart.com/himna1.mp3
http://www.hordezla-stuttgart.com/Sarajevomer.mp3
http://www.hordezla-stuttgart.com/f_volim_volim1.mp3
http://www.hordezla-stuttgart.com/sarajevo21.mp3

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 11:38
von SIR Andrew
Was für ein WE....! :D

Ich hoffe, mittlerweile hast Du wieder eine Scheibe und alles richtig schön wieder ansonsten angeschweißt! Ansonsten würde ich das Auto dann doch noch nach Budapest fahren... :wink:


Guter Bericht!

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 12:52
von Tüten-Tim
Jaja, alles wieder dran, auf die Schweiß-Dienste des AMZS ist Verlass und die Scheibe wurde dann halt erst hier eingebaut. Naja, kann man nichts machen - mal geht's gut, mal nicht, theoretisch kann einem auch vor der eigenen Haustür das Auto aufgebrochen werden. Gut, in puncto Sarajevo wurden da jetzt halt alle Klischees bestätigt... :lol:

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 13:37
von Felix B.
Sehr cooler und hochinteressanter Bericht! Gibts irgendwo Fotos zu sehen?

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 13:50
von Tüten-Tim
Fotos gibt es, die Versicherung hat schon welche von der eingeschlagenen Scheibe :lol: Ansonsten warte ich auf meinen Kontaktmann aus Aschaffenburg, dass der endlich mal die Dinger online stellt ;)

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 14:17
von Überlinger
Na da habt ihr ja mal wieder ordentlich was erlebt! :wink:

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2005, 15:49
von Buddy
Wenns ein paar Absätze hätte könnte man es deutlich besser lesen.

Verfasst: Montag 24. Oktober 2005, 07:26
von Rinderwahn
Sehr geiler Bericht und wohl auch sehr geile Tour.

Verfasst: Freitag 4. November 2005, 15:12
von Tüten-Tim