STZ: Erdin - ein Manager ohne Rückendeckung?
Verfasst: Dienstag 14. Oktober 2003, 06:41
Erdin - ein Manager ohne Rückendeckung?
Der Gewöhnungsprozess bei den Kickers läuft stockend
STUTTGART. Drei Monate ist die neue Führung des Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers im Amt, doch noch vermisst der Geschäftsführer Kahraman Erdin den richtigen Draht, vor allem zum Aufsichtsrat: "Die Kommunikation im Verein könnte derzeit besser sein."
Von Joachim Klumpp
In der nächsten Woche läuft die Schonfrist ab. Das neue Präsidium der Stuttgarter Kickers ist dann 100 Tage im Amt - Zeit, um ein erstes Fazit zu ziehen. Also die Nachfrage beim Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Jürgen Wetzel, und der sagt: "Für eine Bilanz ist es noch etwas zu früh, weil wir mit dem Präsidium erst einmal gemeinsam getagt haben." Das war Ende September, am Tag des Auswärtsspiels in der Fußball-Regionalliga beim SC Feucht. Zufall oder Absicht? Jedenfalls war Kahraman Erdin nicht zugegen bei der Funktionärstagung. Vielleicht vermittelt der Manager deshalb den Eindruck, etwas allein gelassen zu sein. "Die Kommunikation innerhalb des Vereins könnte besser sein", sagt Erdin auf die Frage, wie er denn die Zusammenarbeit nach hundert Tagen bewertet.
Was Erdin damit anspricht, ist das Verhältnis zu den offiziellen Gremien: dem Präsidium, vor allem dem Aufsichtsrat. Bei deren Sitzungen saß er in der Vergangenheit regelmäßig mit am Tisch. "Inzwischen bekomme ich nicht einmal mehr ein Protokoll, obwohl schon eine Hand voll Präsidiumssitzungen stattgefunden haben." Ein Vorwurf, den der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Jürgen Wetzel nicht überbewerten möchte. "Auf ein Protokoll warte auch ich noch."
Andere Leute, andere Sitten. Während der langjährige Präsident Axel Dünnwald-Metzler - auch aus gesundheitlichen Gründen - zuletzt viele Aufgaben delegierte, nimmt sein Nachfolger Hans Kullen die Dinge gerne selbst in die Hand: "Ich bin ja täglich auf der Geschäftsstelle, und da habe ich nicht den Eindruck, als ob es zu wenig Kommunikation gibt." Und dass Erdin von den Gesprächen der Vereinsgremien ausgeschlossen ist, sieht Wetzel eher pragmatisch: "Das ist eben auch ein Gewöhnungsprozess."
Oder ein Zeichen des Misstrauens? Erdin sagt: "Wie soll ich das operative Geschäft leiten, wenn ich nicht weiß, was die Führung will." Seit der Hauptversammlung vom 16. Juli jedenfalls sind die Karten neu gemischt - doch den schwarzen Peter möchte sich Kahraman Erdin nicht zuschieben lassen. "Ich habe mir hier nichts vorzuwerfen. In der kritischen Situation Anfang des Jahres sind Spendenaufrufe sowie außergewöhnliche Vermarktungsaktionen wie die Benefizspiele gegen den VfB und Bayern oder der Marktkauftag gestartet worden. Solche Maßnahmen haben zusätzliche Gelder gebracht." Gerade wegen dieses Engagements wurde der 39-Jährige auf der Hauptversammlung, selbst von Mitgliedern des jetzigen Aufsichtsrats, mit wahren Lobeshymnen versehen, "sodass es mir fast schon peinlich war".
Und jetzt, ein Vierteljahr später? Indirekt wird dem Geschäftsführer vorgehalten, dass für die laufende Saison bereits wieder ein Minus auflaufen wird. Und rote Zahlen sind für die Blauen ein Gedanke, der bei Günter Daiss, dem starken Mann im Aufsichtsrat der Kickers, so gar keine Freudenmiene hervorruft. Der Unternehmer, der bei der Mitgliederversammlung mit markigen Worten ("Ohne Moos nix los") aufgetreten ist, betont: "Es war nie davon die Rede, dass ich hier für Altlasten geradestehen werde."
Nach dem Verkauf des Vereinsgeländes an die Stadt für 1,36 Millionen Euro war zunächst davon ausgegangen worden, bei null in die Ära nach ADM zu starten, und das Ziel des neuen Präsidenten Hans Kullen lautete sogar optimistisch: "Ich möchte die Saison mit einem Plus abschließen." Jetzt droht wieder ein Minus, und kein ganz geringes. Günter Daiss gibt sich noch bedeckt: "Im Moment sind wir dabei, die genauen Zahlen aufzuarbeiten."
Die Rede ist von ein paar hunderttausend Euro, zum einen, weil die Spielerverträge nicht wie gewünscht reduziert werden konnten - Profis wie Malchow, Obinna oder Benda wären sonst von der Fahne gegangen. Der weitaus größere Teil des Defizits aber resultiert daraus, dass Sponsoren in höherer Zahl als kalkuliert abgesprungen sind - aus unterschiedlichen Gründen: die Wirtschaftslage ist schlecht, die sportliche Situation der Kickers seit Jahren nicht besonders motivierend, und persönliche Gründe könnten auch eine Rolle spielen. "Wir wissen, dass es im Moment schwierig ist, Werbepartner zu finden", sagt der Versicherungskaufmann Kullen, "aber mein Prinzip war es immer, die Stammkunden zu binden."
Daraus ließe sich der Vorwurf ableiten, Erdin habe nicht alles versucht, die alte Kickers-Klientel zu halten. Doch der wehrt sich und wirft einen Blick auf den Beginn seiner Amtszeit. "Als ich hier angetreten bin, habe ich Schulden von 2,2 Millionen Euro übernommen. Habe ich da gejammert?"
Nein, so Erdin, sondern die Ärmel hochgekrempelt, den Hauptsponsor (Gazi) und viele andere Partner an Land gezogen, "oft zwölf bis 14 Stunden am Tag für den Verein gearbeitet". Wie erfolgreich, darüber möchte sich Günter Daiss erst ein genaues Bild machen. "Es ist noch zu früh, ein Urteil abzugeben. Und an Halbwahrheiten ist mir nichts gelegen." Mit anderen Worten: der Manager steht auf dem Prüfstand - und letztendlich werden wohl die Zahlen über seine Zukunft entscheiden. "Ich glaube an den Verein. Wir müssen nur an einem Strang ziehen", sagt Erdin. "Aber wenn ich hier nicht mehr erwünscht bin, soll man es mir offen sagen. Ich klebe nicht an meinem Stuhl."
Also aufgeben? Nein, das ist nicht Erdins Sache: "Ich bin ein Kämpfer. Das habe ich immer vorgelebt - und das werde ich weiter vorleben." Die Frage ist nur, ob man ihn lässt.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/p ... 2003-10-14
Der Gewöhnungsprozess bei den Kickers läuft stockend
STUTTGART. Drei Monate ist die neue Führung des Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers im Amt, doch noch vermisst der Geschäftsführer Kahraman Erdin den richtigen Draht, vor allem zum Aufsichtsrat: "Die Kommunikation im Verein könnte derzeit besser sein."
Von Joachim Klumpp
In der nächsten Woche läuft die Schonfrist ab. Das neue Präsidium der Stuttgarter Kickers ist dann 100 Tage im Amt - Zeit, um ein erstes Fazit zu ziehen. Also die Nachfrage beim Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Jürgen Wetzel, und der sagt: "Für eine Bilanz ist es noch etwas zu früh, weil wir mit dem Präsidium erst einmal gemeinsam getagt haben." Das war Ende September, am Tag des Auswärtsspiels in der Fußball-Regionalliga beim SC Feucht. Zufall oder Absicht? Jedenfalls war Kahraman Erdin nicht zugegen bei der Funktionärstagung. Vielleicht vermittelt der Manager deshalb den Eindruck, etwas allein gelassen zu sein. "Die Kommunikation innerhalb des Vereins könnte besser sein", sagt Erdin auf die Frage, wie er denn die Zusammenarbeit nach hundert Tagen bewertet.
Was Erdin damit anspricht, ist das Verhältnis zu den offiziellen Gremien: dem Präsidium, vor allem dem Aufsichtsrat. Bei deren Sitzungen saß er in der Vergangenheit regelmäßig mit am Tisch. "Inzwischen bekomme ich nicht einmal mehr ein Protokoll, obwohl schon eine Hand voll Präsidiumssitzungen stattgefunden haben." Ein Vorwurf, den der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Jürgen Wetzel nicht überbewerten möchte. "Auf ein Protokoll warte auch ich noch."
Andere Leute, andere Sitten. Während der langjährige Präsident Axel Dünnwald-Metzler - auch aus gesundheitlichen Gründen - zuletzt viele Aufgaben delegierte, nimmt sein Nachfolger Hans Kullen die Dinge gerne selbst in die Hand: "Ich bin ja täglich auf der Geschäftsstelle, und da habe ich nicht den Eindruck, als ob es zu wenig Kommunikation gibt." Und dass Erdin von den Gesprächen der Vereinsgremien ausgeschlossen ist, sieht Wetzel eher pragmatisch: "Das ist eben auch ein Gewöhnungsprozess."
Oder ein Zeichen des Misstrauens? Erdin sagt: "Wie soll ich das operative Geschäft leiten, wenn ich nicht weiß, was die Führung will." Seit der Hauptversammlung vom 16. Juli jedenfalls sind die Karten neu gemischt - doch den schwarzen Peter möchte sich Kahraman Erdin nicht zuschieben lassen. "Ich habe mir hier nichts vorzuwerfen. In der kritischen Situation Anfang des Jahres sind Spendenaufrufe sowie außergewöhnliche Vermarktungsaktionen wie die Benefizspiele gegen den VfB und Bayern oder der Marktkauftag gestartet worden. Solche Maßnahmen haben zusätzliche Gelder gebracht." Gerade wegen dieses Engagements wurde der 39-Jährige auf der Hauptversammlung, selbst von Mitgliedern des jetzigen Aufsichtsrats, mit wahren Lobeshymnen versehen, "sodass es mir fast schon peinlich war".
Und jetzt, ein Vierteljahr später? Indirekt wird dem Geschäftsführer vorgehalten, dass für die laufende Saison bereits wieder ein Minus auflaufen wird. Und rote Zahlen sind für die Blauen ein Gedanke, der bei Günter Daiss, dem starken Mann im Aufsichtsrat der Kickers, so gar keine Freudenmiene hervorruft. Der Unternehmer, der bei der Mitgliederversammlung mit markigen Worten ("Ohne Moos nix los") aufgetreten ist, betont: "Es war nie davon die Rede, dass ich hier für Altlasten geradestehen werde."
Nach dem Verkauf des Vereinsgeländes an die Stadt für 1,36 Millionen Euro war zunächst davon ausgegangen worden, bei null in die Ära nach ADM zu starten, und das Ziel des neuen Präsidenten Hans Kullen lautete sogar optimistisch: "Ich möchte die Saison mit einem Plus abschließen." Jetzt droht wieder ein Minus, und kein ganz geringes. Günter Daiss gibt sich noch bedeckt: "Im Moment sind wir dabei, die genauen Zahlen aufzuarbeiten."
Die Rede ist von ein paar hunderttausend Euro, zum einen, weil die Spielerverträge nicht wie gewünscht reduziert werden konnten - Profis wie Malchow, Obinna oder Benda wären sonst von der Fahne gegangen. Der weitaus größere Teil des Defizits aber resultiert daraus, dass Sponsoren in höherer Zahl als kalkuliert abgesprungen sind - aus unterschiedlichen Gründen: die Wirtschaftslage ist schlecht, die sportliche Situation der Kickers seit Jahren nicht besonders motivierend, und persönliche Gründe könnten auch eine Rolle spielen. "Wir wissen, dass es im Moment schwierig ist, Werbepartner zu finden", sagt der Versicherungskaufmann Kullen, "aber mein Prinzip war es immer, die Stammkunden zu binden."
Daraus ließe sich der Vorwurf ableiten, Erdin habe nicht alles versucht, die alte Kickers-Klientel zu halten. Doch der wehrt sich und wirft einen Blick auf den Beginn seiner Amtszeit. "Als ich hier angetreten bin, habe ich Schulden von 2,2 Millionen Euro übernommen. Habe ich da gejammert?"
Nein, so Erdin, sondern die Ärmel hochgekrempelt, den Hauptsponsor (Gazi) und viele andere Partner an Land gezogen, "oft zwölf bis 14 Stunden am Tag für den Verein gearbeitet". Wie erfolgreich, darüber möchte sich Günter Daiss erst ein genaues Bild machen. "Es ist noch zu früh, ein Urteil abzugeben. Und an Halbwahrheiten ist mir nichts gelegen." Mit anderen Worten: der Manager steht auf dem Prüfstand - und letztendlich werden wohl die Zahlen über seine Zukunft entscheiden. "Ich glaube an den Verein. Wir müssen nur an einem Strang ziehen", sagt Erdin. "Aber wenn ich hier nicht mehr erwünscht bin, soll man es mir offen sagen. Ich klebe nicht an meinem Stuhl."
Also aufgeben? Nein, das ist nicht Erdins Sache: "Ich bin ein Kämpfer. Das habe ich immer vorgelebt - und das werde ich weiter vorleben." Die Frage ist nur, ob man ihn lässt.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/p ... 2003-10-14