Air Bäron
Verfasst: Mittwoch 7. Dezember 2005, 07:23
Nicht ohne meine Fahne
Autor: Bernd Brackmann
24.06.2004
Es ist nur ein Fetzen, ein großes Stück Stoff. Vier Meter breit und einen Meter hoch. Mit weißer Farbe sind drei Vokale, vier Konsonanten und ein Umlaut draufgepinselt: „Air Bäron“. Acht Buchstaben, die jeder Fußball-Fan kennt. Das Transparent ist längst zum Dauerbrenner in den Stadien geworden. Wäre das Wort nicht so überlastet, man würde von Kult sprechen. Kein Auge und erst recht keine Kamera kommen an der schwarz-rot-goldenen Flagge vorbei, dem Markenzeichen von Frank Niemann, einem 29jährigen Westfalen.
Seine zwölf Buchstaben sind weit weniger bekannt. Seit neun Jahren pilgert der HSV-Anhänger aus dem beschaulichen Westbevern (bei Münster) mit dem bekanntesten Transparent der Liga von Arena zu Arena. Der Postbote steht zu seinem Lieblingsspieler, auch wenn der schon lange nicht mehr gegen den Ball tritt. Ende 2000 kam für Karsten Bäron das Aus, eine schwere Knieverletzung bedeutete das Karriereende. Das Transparent abhängen wollte Niemann aber nicht. „Vielleicht hat es Karsten ja auch ein bißchen geholfen“, sagt er. Der HSV-Fan muss es wissen. Er und Bäron sind inzwischen gute Freunde, regelmäßig telefonieren beide. Ein Fernsehsender brachte sie 1994 zusammen, arrangierte ein Treffen. Gleichzeitig begann das Interesse der Öffentlichkeit. Im Dorf sprachen ihn Leute an, bestaunten, wo er wieder überall gewesen sei.
Medienstar Niemann
Routiniert klappt der Fußball-Anhänger seine Presse-Mappe auf, präsentiert Berichte aus den regionalen und Bundesgazetten. „Man genießt es schon, wenn die Medien nach einem Interview fragen“, gesteht er und lehnt sich geschmeichelt in den Sessel zurück. Überrascht war er dennoch. Überrascht, welche Wellen sein Transparent schlug. Ungläubig schüttelt er den Kopf. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“ Sorgfältig ordnet Niemann wieder die Artikel – und seine Gedanken. „Mir war am Anfang gar nicht bewusst, was daraus werden würde.“ Schließlich sei die Idee nur aus einer Laune heraus entstanden. Etwas originelles wollten er und ein paar Freunde entwerfen, das Ergebnis war „Air Bäron“ – in Anlehnung an den ähnlich groß gewachsenen amerikanischen Basketballer Michael „Air“ Jordan. Was ihn damals ausgerechnet an dem HSV-Stürmer fasziniert hat? Niemand kramt in seinen Erinnerungen, erzählt von der guten alten Zeit: „Es war die Art, wie Bäron den Ball gespielt hat“, schwärmt er, „dass er trotz seiner Größe so leichtfüßig war.“
Natürlich wird das Transparent samt Besitzer mittlerweile im Stadion erkannt. Manche knipsen Fotos, andere klopfen ihm auf die Schulter. Stolz? Klar ist er stolz. Viele geben ihm sogar das Gefühl, Vorbild zu sein. „Aber das muss man sich auch erarbeiten.“ Das hat Niemann. Durch ständige Präsenz und jahrelange Treue. Doch er braucht sich nicht zu rechtfertigen. Man spürt, dass er für den Fußball lebt. Sein Blick geht oft Richtung Fernseher – Europapokal, ohne Beteiligung seines Vereins. Der HSV sei ihm immer schon mit am wichtigsten gewesen. Was die Familie und Verwandtschaft von seiner Leidenschaft halten? „Nun“ – der 29jährige Postbote, der bei den Eltern wohnt, stockt kurz, spielt an seiner Halskette, lacht lin-kisch, spricht leiser als bisher, „so begeistert sind sie nicht“, sagt er und zuckt mit den Schultern, „aber was sollen sie machen? Daß man als verrückt gilt, bleibt halt nicht aus.“ Niemann ist verrückt – verrückt nach dem runden Leder. Und er ist Realist: „Wer weiß, wie lange ich das noch mache“, fragt er und beantwortet sich die Frage gleich selbst: „Ewig bestimmt nicht.“
Das Auge mit dem Fernseh-Blick
Unter den vielen Reisen leiden freilich heimische Kontakte. „Ich habe wenige gute Freunde“, erklärt Niemann. Eine Freundin hat er zurzeit nicht. Das spart Geld. Sein Hobby ist kostspielig. Mehrere hundert Euro gibt er durchschnittlich im Monat für den Fußball aus. Kein Wunder: Seit Herbst 1992 hat er kein Heimspiel des HSV verpasst. Zudem brachte es der treue Fan auf eine Serie, die sämtliche Spieler des Nordklubs in den Schatten stellt: Ganze 274 Spiele in Folge zitterte Niemann mit seinem Verein, acht Jahre lang feuerte er die Hanseaten ununterbrochen an. Der Westfale ist selbst beeindruckt. „Das ist eine lange Zeit.“ Dazu kommen noch unzählige Länderspiele, um die 100. Letztes Highlight war die Weltmeisterschaft in Asien. Gleich zweimal flog der Postbote zur Nationalmannschaft. Erst sah er sich zwei Gruppenspiele an, fürs Finale nahm er weitere 25 Stunden Reise-Strapazen auf sich. Auch wenn das Endspiel verloren ging: „Es hat sich gelohnt“, strahlt der Fußball-Anhänger, „ich war dabei.“ Und noch etwas betont der Fan: Sein Transparent war immer gut zu sehen. Das ist wichtig. Sein geschultes Auge hat den Fernseh-Blick, damit „Air Bäron“ auf Kamerahöhe hängt. Dafür geht er früh ins Stadion, nutzt seine Kontakte. Denn jeder versuche, seine Fahne möglichst telegen ins Bild zu bringen.
Richtigen Urlaub kennt er nicht. Sämtliche freien Tage fallen auf Spieltage. Durch Schicht-Tausch mit Kollegen und ein paar Überstunden lassen sich zusätzliche Tage freischaufeln. „Bisher haut es ganz gut hin.“ Knapp wird es samstags, wenn der Postbote morgens vor dem Spiel arbeitet und anschließend die 270 Kilometer nach Hamburg fahren muss. Dann ist er spät im Stadion und die besten Plätze für sein Transparent meist weg. Streit gab es bisher nicht. „Doch“, unterbricht Niemann. Einmal gab’s Ärger, ausgerechnet beim Erzrivalen aus Bremen. Während eines Europapokalspiels durfte er sein Transparent nicht aufhängen. Niemann schmunzelt, als ihm eine weitere Anekdote bei den Grün-Weißen einfällt. „Die Bremer wollten mein Transparent klauen.“ Doch statt seiner nahmen sie die Nachbar-Flagge mit. „Da hab’ ich Glück gehabt“, sagt Niemann. Und verrät zum Schluss noch ein letztes Geheimnis seines lieb gewonnenen Stück Stoffs: „Die Fahne wird nie gewaschen.“ Wie pflegeleicht.
Quelle: www.wortwende.de
Autor: Bernd Brackmann
24.06.2004
Es ist nur ein Fetzen, ein großes Stück Stoff. Vier Meter breit und einen Meter hoch. Mit weißer Farbe sind drei Vokale, vier Konsonanten und ein Umlaut draufgepinselt: „Air Bäron“. Acht Buchstaben, die jeder Fußball-Fan kennt. Das Transparent ist längst zum Dauerbrenner in den Stadien geworden. Wäre das Wort nicht so überlastet, man würde von Kult sprechen. Kein Auge und erst recht keine Kamera kommen an der schwarz-rot-goldenen Flagge vorbei, dem Markenzeichen von Frank Niemann, einem 29jährigen Westfalen.
Seine zwölf Buchstaben sind weit weniger bekannt. Seit neun Jahren pilgert der HSV-Anhänger aus dem beschaulichen Westbevern (bei Münster) mit dem bekanntesten Transparent der Liga von Arena zu Arena. Der Postbote steht zu seinem Lieblingsspieler, auch wenn der schon lange nicht mehr gegen den Ball tritt. Ende 2000 kam für Karsten Bäron das Aus, eine schwere Knieverletzung bedeutete das Karriereende. Das Transparent abhängen wollte Niemann aber nicht. „Vielleicht hat es Karsten ja auch ein bißchen geholfen“, sagt er. Der HSV-Fan muss es wissen. Er und Bäron sind inzwischen gute Freunde, regelmäßig telefonieren beide. Ein Fernsehsender brachte sie 1994 zusammen, arrangierte ein Treffen. Gleichzeitig begann das Interesse der Öffentlichkeit. Im Dorf sprachen ihn Leute an, bestaunten, wo er wieder überall gewesen sei.
Medienstar Niemann
Routiniert klappt der Fußball-Anhänger seine Presse-Mappe auf, präsentiert Berichte aus den regionalen und Bundesgazetten. „Man genießt es schon, wenn die Medien nach einem Interview fragen“, gesteht er und lehnt sich geschmeichelt in den Sessel zurück. Überrascht war er dennoch. Überrascht, welche Wellen sein Transparent schlug. Ungläubig schüttelt er den Kopf. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“ Sorgfältig ordnet Niemann wieder die Artikel – und seine Gedanken. „Mir war am Anfang gar nicht bewusst, was daraus werden würde.“ Schließlich sei die Idee nur aus einer Laune heraus entstanden. Etwas originelles wollten er und ein paar Freunde entwerfen, das Ergebnis war „Air Bäron“ – in Anlehnung an den ähnlich groß gewachsenen amerikanischen Basketballer Michael „Air“ Jordan. Was ihn damals ausgerechnet an dem HSV-Stürmer fasziniert hat? Niemand kramt in seinen Erinnerungen, erzählt von der guten alten Zeit: „Es war die Art, wie Bäron den Ball gespielt hat“, schwärmt er, „dass er trotz seiner Größe so leichtfüßig war.“
Natürlich wird das Transparent samt Besitzer mittlerweile im Stadion erkannt. Manche knipsen Fotos, andere klopfen ihm auf die Schulter. Stolz? Klar ist er stolz. Viele geben ihm sogar das Gefühl, Vorbild zu sein. „Aber das muss man sich auch erarbeiten.“ Das hat Niemann. Durch ständige Präsenz und jahrelange Treue. Doch er braucht sich nicht zu rechtfertigen. Man spürt, dass er für den Fußball lebt. Sein Blick geht oft Richtung Fernseher – Europapokal, ohne Beteiligung seines Vereins. Der HSV sei ihm immer schon mit am wichtigsten gewesen. Was die Familie und Verwandtschaft von seiner Leidenschaft halten? „Nun“ – der 29jährige Postbote, der bei den Eltern wohnt, stockt kurz, spielt an seiner Halskette, lacht lin-kisch, spricht leiser als bisher, „so begeistert sind sie nicht“, sagt er und zuckt mit den Schultern, „aber was sollen sie machen? Daß man als verrückt gilt, bleibt halt nicht aus.“ Niemann ist verrückt – verrückt nach dem runden Leder. Und er ist Realist: „Wer weiß, wie lange ich das noch mache“, fragt er und beantwortet sich die Frage gleich selbst: „Ewig bestimmt nicht.“
Das Auge mit dem Fernseh-Blick
Unter den vielen Reisen leiden freilich heimische Kontakte. „Ich habe wenige gute Freunde“, erklärt Niemann. Eine Freundin hat er zurzeit nicht. Das spart Geld. Sein Hobby ist kostspielig. Mehrere hundert Euro gibt er durchschnittlich im Monat für den Fußball aus. Kein Wunder: Seit Herbst 1992 hat er kein Heimspiel des HSV verpasst. Zudem brachte es der treue Fan auf eine Serie, die sämtliche Spieler des Nordklubs in den Schatten stellt: Ganze 274 Spiele in Folge zitterte Niemann mit seinem Verein, acht Jahre lang feuerte er die Hanseaten ununterbrochen an. Der Westfale ist selbst beeindruckt. „Das ist eine lange Zeit.“ Dazu kommen noch unzählige Länderspiele, um die 100. Letztes Highlight war die Weltmeisterschaft in Asien. Gleich zweimal flog der Postbote zur Nationalmannschaft. Erst sah er sich zwei Gruppenspiele an, fürs Finale nahm er weitere 25 Stunden Reise-Strapazen auf sich. Auch wenn das Endspiel verloren ging: „Es hat sich gelohnt“, strahlt der Fußball-Anhänger, „ich war dabei.“ Und noch etwas betont der Fan: Sein Transparent war immer gut zu sehen. Das ist wichtig. Sein geschultes Auge hat den Fernseh-Blick, damit „Air Bäron“ auf Kamerahöhe hängt. Dafür geht er früh ins Stadion, nutzt seine Kontakte. Denn jeder versuche, seine Fahne möglichst telegen ins Bild zu bringen.
Richtigen Urlaub kennt er nicht. Sämtliche freien Tage fallen auf Spieltage. Durch Schicht-Tausch mit Kollegen und ein paar Überstunden lassen sich zusätzliche Tage freischaufeln. „Bisher haut es ganz gut hin.“ Knapp wird es samstags, wenn der Postbote morgens vor dem Spiel arbeitet und anschließend die 270 Kilometer nach Hamburg fahren muss. Dann ist er spät im Stadion und die besten Plätze für sein Transparent meist weg. Streit gab es bisher nicht. „Doch“, unterbricht Niemann. Einmal gab’s Ärger, ausgerechnet beim Erzrivalen aus Bremen. Während eines Europapokalspiels durfte er sein Transparent nicht aufhängen. Niemann schmunzelt, als ihm eine weitere Anekdote bei den Grün-Weißen einfällt. „Die Bremer wollten mein Transparent klauen.“ Doch statt seiner nahmen sie die Nachbar-Flagge mit. „Da hab’ ich Glück gehabt“, sagt Niemann. Und verrät zum Schluss noch ein letztes Geheimnis seines lieb gewonnenen Stück Stoffs: „Die Fahne wird nie gewaschen.“ Wie pflegeleicht.
Quelle: www.wortwende.de