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StZ 23.02.2006: Kullen, ein Präsident mit Ecken und Kanten

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 09:21
von troutman
Untertitel: Der Kickers-Chef ist kein Mann der Diplomatie, sondern der Taten

Die Stuttgarter Kickers spielen am Samstag in der Fußball- Regionalliga gegen den VfR Aalen. Auf der Tribüne wird dann wieder Hans Kullen mitfiebern. Der Präsident ist im Umgang nicht einfach, aber voller Tatendrang. "Mein Anfang im Amt stand unter einem etwas unglücklichen Stern", sagt er.


Von Joachim Klumpp

Die Kickers und Hans Kullen - nur ein Missverständnis? Wenn man zu den Anfängen der Liaison zurückblickt, könnte dieser Verdacht durchaus entstehen. Es war noch zu Zeiten eines Axel Dünnwald-Metzler, als sich Hans Kullen erstmals offiziell bei den Blauen blicken ließ: auf der Hauptversammlung im November 2002. Und als der inzwischen verstorbene Ehrenpräsident die finanzielle Schieflage des Traditionsklubs schilderte, gab Kullen spontan und diskret einen 500-Euro-Schein - als anonyme Spende. Doch der anwesende Versammlungsleiter interpretierte diese Geste anders und outete den Gönner. Weshalb danach in Reutlingens Lokalzeitungen zu lesen war, er bewerbe sich mit 500 Euro um das Präsidentenamt.

Falsch. Schließlich hat sich der 64-Jährige nie um den Job gerissen, er wurde ihm vom alten Vorstand quasi aufgedrängt. Dennoch stand das Kapitel Kickers von Anfang an "unter einem etwas unglücklichen Stern", wie Kullen heute sagt. "Mit den 500 Euro wollte ich eigentlich nur die Mitglieder wachrütteln, damit sie meinem Beispiel folgen." Dass es mit der finanziellen Unterstützung nicht immer weit her ist, musste Kullen in seinem neuen Amt schneller erfahren, als ihm lieb war. Denn nachdem er die Akten genauer durchforstet hatten, kamen sukzessive die Altlasten zu Tage. Viel mehr jedenfalls, als die 41 000 Euro, die genannt worden waren. Am Ende stand etwa die zwanzigfache Summe zu Buche - und der Verein endgültig vor dem Aus. Einige Mitglieder von Aufsichtsrat und Präsidium drängten auf die Insolvenz, doch da hatten sie die Rechnung ohne Kullen gemacht. Wie sagte ein Funktionär damals so schön. "Der kommt von der Alb. Das ist ein sturer Kopf."

Das bekamen Mitstreiter und Mitglieder in der Folge noch des Öfteren zu spüren, was Kullen nicht nur Freunde einbrachte. Denn von seinem rigorosen Sparkurs ließ er sich von nichts und niemanden abbringen. Man mag das neudeutsch auch beratungsresistent nennen. Zumindest hat er den Verein am Leben erhalten - und bei der Zwischenbilanz zum 31. Dezember 2005 soll es sogar erstmals schwarze Zahlen gegeben haben. Dem gebührt Respekt.

Den bekommt er sogar von seinen Kritikern. Von Hans-Jürgen Wetzel etwa, dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, der bei seinem Rücktritt recht treffend bemerkt hat: "Bei Hans Kullen ist das Geld sicherer als in Fort Knox." Dennoch gerieten die beiden auf ihrem gemeinsamen Weg häufig aneinander, in erster Linie, weil dem eloquenten ehemaligen Versicherungsdirektor Wetzel der Stil des Präsidenten zu hemdsärmlig, der (allzu schwäbische) Umgangston mitunter zu rau war. Wetzel propagierte gerne die Werte der Kickers- Familie, ohne möglicherweise zu erkennen, dass diese Hans Kullen durchaus ebenfalls am Herzen liegen, verbunden allerdings stets mit der Gretchenfrage: "Wer soll das bezahlen?"

Anstatt zwischen VIP-Raum und Haupttribüne zu antichambrieren, lebt der Präsident das "K" in seiner Brust auf andere Weise vor. Zum Beispiel indem er sich regelmäßig bei Trainern und Spielern zeigt, bis hinunter zur zweiten Mannschaft oder speziell dem Nachwuchs. Wenn A-Jugendliche per Handschlag zu ihm kommen und ihn oft sogar namentlich begrüßen, ist das Kullen mehr wert als irgendwelche Lobeshymnen in Champagnerlaune. Und wenn er den Weg des am Anfang von den Zuschauern nur milde belächelten Verteidigers Jens Härter zum Stammspieler verfolgt, dann fühlt er sich bestätigt, was den Kurs und das Konzept der Kickers betrifft.

Das wird intern durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen. So zieht das neue Aufsichtsratsmitglied Gerhard Kluge einen Vergleich zur Politik: "Gerhard Schröder hat Reformen eingeleitet, die erforderlich sind. Und genau das hat Herr Kullen bei den Kickers auch getan." Viel zu lange sonnten sich die Mitglieder im Dunstkreis von ADM, der immer wieder die Privatschatulle öffnete und einen zweistelligen Millionenbetrag in den Klub gesteckt haben soll. So hoch sind die Zuwendungen Kullens nicht. Doch zu seiner bekannten Bürgschaft von 450 000 Euro kommt sicher noch ein sechsstelliger Betrag aus eigener Tasche, damit die gröbsten Engpässe gemeistert werden konnten. Und ein Spieler wie Bashiru Gambo langfristig bei den Kickers unterschrieben hat.

Den Ghanaer kennt er noch aus seiner Zeit beim SSV Reutlingen, wo Kullen nur ein kurzes Intermezzo von rund zwei Monaten als Präsident gegeben hat. Die etwas unglücklichen Umstände des Rückzugs beim Klub an der Kreuzeiche, bei dem er heute noch (wie auch beim VfB) Mitglied ist, bestärkten ihn wohl letztlich bei den Kickers in seiner Standfestigkeit. Edgar Kurz aus dem Aufsichtsrat betont: "Wenn man Stärken und Schwächen unseres Präsidenten abwägt, überwiegen eindeutig die positiven Seiten."

Das sehen nach wie vor nicht alle Beteiligten so, speziell zum Förderkreis und dessen Vorsitzenden Uwe Rieger besteht ein distanziertes Verhältnis, nachdem Kullen dieses Gremium als "Verein im Verein" bezeichnet hat, weil es nicht gelang, dessen Gelder gemeinsam zu verteilen. Und die immer noch einflussreiche Merz-Familie streitet dem Präsidenten mit seinen Ecken und Kanten gar jegliche Menschenkenntnis ab.

Formulieren wir es so: Kullen wird sicher kein Meister der Diplomatie mehr, aber er krempelt wenigstens die Ärmel hoch. Was das Kickers-Urgestein Fritz Seeger in seiner Auffassung bestätigt: "Wir haben einen Präsidenten, der was tut." Es dürfte keinen Schriftverkehr geben, der von Kullen ungelesen gegengezeichnet wird, und die Telefonate mit Kunden und Sponsoren schreibt er sich akribisch auf, samt Uhrzeit versehen. Für manche mag das pedantisch wirken, doch da färben eben rund vierzig Jahre Erfahrung in der Versicherungsbranche ab.

Seine Generalvertretung hat er inzwischen abgegeben, aber noch immer betreut er den einen oder anderen Stammkunden. Und dass er beruflich nicht ganz erfolglos gewesen sein kann, unterstreicht seine Mitgliedschaft im Doktor-Hans- Hess-Klub, die im Hause der Allianz nur verdienten Mitarbeitern zugute kommt. Ob solche Referenzen helfen, ihn bei der nächsten Hauptversammlung im Amt zu bestätigen? Es ist noch nicht mal sicher, dass sich der Präsident für eine zweite Wahlperiode stellen wird, wenngleich dem Hobbyradler und -skifahrer ein ruhiges Rentnerdasein im Kreise der beiden Kinder und fünf Enkel in seinem Haus vor den Toren Reutlingens eher ein Gräuel wäre.

Manches Kickers-Mitglied würde ihn dennoch gerne ins zweite Glied wegloben. Damit keine Missverständnisse auftreten: mit einem 500-Euro-Schein wird sich Hans Kullen in diesem Fall aber nicht abspeisen lassen.

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 11:37
von Felix B.
Sehr, sehr guter Artikel. Respekt!

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 13:18
von Steffen FFC
Felix B. hat geschrieben:Sehr, sehr guter Artikel. Respekt!
Das habe ich mir heute morgen auch gedacht, als ich ihn in der STZ gelesen habe. Daran kann sich Herr Barner mal ein Beispiel nehmen!

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 14:22
von Tacheles
Doch, wirklich ein sehr gelungener Artikel !!

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 17:43
von Ralphonso
für mich fast schon zu blau gefärbt, am objektivsten finde ich da immer noch den s. paesler (schreibt man den so?)

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 18:43
von hiblaupositiv
sehr guter Artikel, absolut treffend!

Man kann zu unserem Präsidenten stehen wie man will,
er hat die Ärmel hochgekrempelt, während andere ausser Labern
nix drauf hatten!

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 19:02
von Martin
Ralphonso hat geschrieben:für mich fast schon zu blau gefärbt, am objektivsten finde ich da immer noch den s. paesler (schreibt man den so?)
also den Gaylord Barner find ich noch besser :lol:

Verfasst: Donnerstag 23. Februar 2006, 22:58
von hobbesblau
Stimme Ralphonso zu freue mich aber trotzdem sehr über den Artikel.

Verfasst: Freitag 24. Februar 2006, 00:27
von Tüten-Tim
...aber für den Artikel scheint Kullen ja mindestens 500 Euro ausgegeben zu haben :lol:

Es geht doch nichts über Objektivität :lol: