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Deutschland mit weltweit niedrigster Kinderzahl

Verfasst: Mittwoch 15. März 2006, 16:05
von Tacheles
Deutschland mit weltweit niedrigster Kinderzahl


Studie: Hohe Kinderlosigkeit in Deutschland weltweit einmalig

Berlin - Deutschland hat weltweit die niedrigste Kinderzahl je 1000 Einwohner. Das hat eine Erhebung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ergeben.

Statistisch gesehen bringt hierzulande jede Frau nur noch 1,36 Kinder zur Welt.

Damit hat die Geburtenrate den Tiefstand des letzten Kriegsjahres 1945 erreicht. Das sagte der Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Stiftung Berlin-Institut am Mittwoch bei der Vorstellung der Untersuchung "Die demographische Lage der Nation". Die negative Entwicklung nehme an Geschwindigkeit noch zu. Bis 2050 werde die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder schätzungsweise nur noch halb so groß sein wie heute.



web.de

Verfasst: Mittwoch 15. März 2006, 16:25
von Tacheles
Ein Bericht, der in eine ähnliche Richtung geht und die nahen Folgen beleuchtet, auch von Spiegel-Online:


Keine Zukunft für die Kuhzunft

Von Jochen Bölsche

Bauerndörfer ohne Bauern, Landgemeinden ohne Gemeinderat, ohne Kneipe, ohne Arzt - das Dorfsterben hat begonnen. Nicht einmal die Kirche ist heilig. Kritiker befürchten eine "soziale und politische Erosion größten Ausmaßes". Doch das Land ohne Volk hat keine Lobby in Berlin.
Soll man Reisende aufhalten? Ja, findet Gerd Goebel, Bürgermeister im niedersächsischen Tiftlingerode, einem Dorf nahe dem ehemaligen Todesstreifen, einem dieser von Abwanderung und Geburtenrückgang geplagten Orte, von denen es Abertausende gibt - Dörfer ohne Laden und ohne Bank, ohne Bäcker und ohne Kneipe.

Bürgermeister Goebel stemmt sich gegen den Abwärtstrend. Er möchte verhindern, dass weiterhin die Jüngeren abwandern und Tiftlingerode "zum Altersheim wird". Statt dessen will er erreichen, dass die Einwohnerschaft wieder wächst.

Um die Zahl der Bürger von seinerzeit 984 auf mindestens 1000 zu erhöhen, ließ Goebel von 2003 an die Kinderspielplätze renovieren und eine zusätzliche Grundschulklasse einrichten. Medienwirksam offerierte er allen jungen Paaren im Dorf als Babyprämie einen kostenlosen Leihwagen für drei Monate, dazu Lottoscheine, Zoobesuche und allmorgendlich knackfrische Brötchen. Zweimal pro Monat, versprach der Bürgermeister, werde er persönlich den Babysitter spielen.

Wegzugsprämien für Bewohner sterbender Dörfer?

Goebels Kalkül, mit dem Image des familienfreundlichen Dorfs Zuwanderer anzulocken, ging auf. Im April vorigen Jahres begrüßte er den sechsjährigen Till, der mit seinen Eltern zugezogen war, als 1000. Bürger, pflanzte ihm zu Ehren eine "Tilly-Eiche" auf dem Schulhof - und ergatterte allerhöchstes Lob: Beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Städtetages in Berlin rühmte Bundespräsident Horst Köhler den kreativen Kommunalpolitiker aus Niedersachsen als strahlendes Beispiel.

Kann man Reisende aufhalten? Nein, fürchtet Jochen Ragnitz, Wirtschaftsexperte in Halle. Selbst wenn sich einzelne Gemeinden noch gegen den Trend stemmen können - unweigerlich würden binnen 15 Jahren ganze Regionen im Innern und an den Rändern der Republik bis zu zwei Drittel ihrer Bewohner verlieren. Geldverschwendung, meint der Wissenschaftler, wäre es daher, jetzt noch Unsummen in die Infrastruktur solcher Landstriche zu investieren, sinnvoll dagegen, "Anreize" zu schaffen, um auch noch die dörfliche Restbevölkerung zum Fortzug in die Ballungsräume zu bewegen.
Bleibebonus oder Wegzugsprämie, Dauersubventionierung oder Tabula rasa in den Abwanderungszonen - um nicht weniger geht es in einer Diskussion, die oft noch hinter vorgehaltener Hand geführt wird: Wie soll das Land umgehen mit all dem Raum ohne Volk, den die demografische Wende voraussichtlich in jedem zweiten Landkreis und in jeder zweiten Stadt hinterlassen wird?

Vom Ausgang der Debatte wird die Zukunft weiter Teile der Republik abhängen - und nicht zuletzt das Überleben einer Kultur- und Siedlungsform mit jahrtausendealter Tradition: des Dorfs in seiner überkommenen Gestalt mit Kirche, Krug und Kramladen, mit Landarzt, Landwirt und Landgendarm.

Fackelmärsche für die Rettung der Dorfschule

Eine Schlüsselfunktion für die Lebensfähigkeit von Landgemeinden kommt der Dorfschule zu, deren Sterben längst begonnen hat, nicht nur im Osten. Im Saarland beispielsweise, wo die Landflucht überall ihre Spuren hinterlassen hat, will Kultusminister Jürgen Schreier in den nächsten vier Jahren jede dritte Grundschule schließen. Schon protestieren Dörfler mit Fackelmärschen und Unterschriftensammlungen. Erstmals, sagt der Minister, werde nun für die Saarländer "fassbar, was es konkret bedeutet, wenn eine Gesellschaft zu wenig Kinder hat".
Im Osten lässt sich schon seit Jahren beobachten, was auf den Westen, und dort vor allem auf die Schrumpfzonen, zukommen wird. Schon jetzt haben sich fast überall in den neuen Bundesländern die Grundschülerzahlen gegenüber der Wendezeit halbiert, nahezu 2000 Schulen sind bereits dichtgemacht worden. Und mittlerweile hat der "historisch einmalige Rückgang" (Sachsens Kultusminister Steffen Flath) auf dem Boden der einstigen DDR bereits die weiterführenden Lehranstalten erreicht; erste Sekundarstufe-I-Schulen sind geschlossen worden. Bis 2008 werden im Osten auch die Oberschülerzahlen auf 40 Prozent des einstigen Standes abgesackt sein.

Während das Schulsterben im Osten anschließend langsam abebben wird, steht es dem Westen noch bevor: In den alten Ländern erreicht die Schülerzahl derzeit mit knapp 10,2 Millionen ihr Maximum. Von nun an aber bis 2020 wird sie auf weniger als 8,3 Millionen sinken, überdurchschnittlich stark auf dem Lande.

"Praxis zu verschenken mit Wohnung im ersten Stock"

Lässt sich vom Osten lernen? In den neuen Ländern haben einzelne Dörfer ihre eigene Schule retten können, indem sie Zwergschulunterricht in jahrgangsübergreifenden Klassen eingeführt haben. Wo aber, wie so häufig, Schulbus-Wartehäuschen die alte Dorfschule ersetzt haben, ist für viele Kinder die Nacht schon um fünf Uhr früh zu Ende.

Und oft bewahrheitet sich der Erfahrungssatz: Stirbt die Schule, stirbt das Dorf. "In Orten ohne Schule gibt es keinen Familienzuzug, wohl aber massiven Wegzug," berichtet das Schweriner Bildungsministerium. Auch eine Ansiedlung neuer Betriebe, ohnehin schwierig genug, kann dann am Fehlen qualifizierter Nachwuchskräfte scheitern.

Mit der Schule verlässt oft die letzte staatliche Institution den Ort. Dorfpolizisten etwa gibt es vielerorts seit langem nicht mehr. Selbst im reichen Baden-Württemberg sind 208 der noch verbliebenen 578 Polizeistationen gestrichen worden.

Und immer weiter werden auf dem Land auch die Wege zur nächsten Klinik und zum nächsten Arzt. Jedes siebte Krankenhaus wird nach Expertenschätzungen binnen zehn Jahren aufgeben müssen. Vor allem in den neuen Bundesländern stehen bereits jetzt Hunderte Landarztpraxen leer, obwohl an manchen Häusern Schilder hängen wie "Praxis zu verschenken mit Wohnung im ersten Stock".

"Tante Emma liegt auf der Intensivstation"

Das ist erst der Anfang. Im Osten wird jeder dritte Landarzt in den kommenden fünf Jahren in Rente gehen. Für die Nachfolge sind selbst arbeitslose Hippokratesjünger aus Berlin schwer zu begeistern. Viele lassen sich eher von einem norwegischen Krankenhaus oder einer properen Pharmafirma anwerben, als für vergleichsweise geringes Honorar ein medizinisches Notstandsrevier im kulturellen Ödland zu betreuen.

Der akute Ärztemangel hat dazu geführt, dass Patienten im ausgedünnten Brandenburg 20 Kilometer bis zur nächsten Praxis fahren müssen, in der Uckermark sogar bis zu 60 Kilometer. Und wenn dort ein Landarzt in Urlaub geht, kann es schon mal vorkommen, dass er eine Vertretung aus dem Iran einfliegen lassen muss, weil Berliner Kollegen sich in der Hauptstadt privat zu sehr vernetzt fühlen, um ins Brandenburgische auszurücken.

Weite Wege sind viele Dörfler auch vom Einkaufen gewohnt. Ursache für den Exitus von immer mehr Läden ist, neben dem Bevölkerungsschwund, oft der Discounter auf der grünen Wiese vor der nächsten Stadt, zu dem manch einem kein Weg zu weit scheint. "Jeder achtet nur auf den Cent, nicht auf die Benzinkosten", klagt Helmut Stein, ehemals Betreiber eines inzwischen geschlossenen hessischen Dorfladens.

Auch hier liegt der Osten in der Rückentwicklung ganz vorn. In Brandenburg müssen Kunden, wie Christine Minkley vom dortigen Einzelhandelsverband berichtet, "bis zu 30 Kilometer fahren, um den nächsten Laden zu besuchen". Aber auch im Musterländle Baden-Württemberg wird es schon bald keine Gemeinde unter 3500 Einwohnern mit einem Lebensmittelladen mehr geben. "Tante Emma liegt auf der Intensivstation", schreibt das Fachblatt "Der Handel".

Keine Möglichkeit, eine Rolle Bindfaden zu kaufen

Weniger mobilen Menschen bleibt der Weg in den Nachbarort auf Grund mieser Verkehrsverbindungen immer häufiger versperrt. "Der Fortschritt, wenn man darunter auch eine funktionierende Nahversorgung und die Teilhabe von Frauen und Kindern, Senioren und Jugendlichen am öffentlichen Leben versteht, flieht Dörfer und Gemeinden", schildert die "Stuttgarter Zeitung" den "Irrwitz unserer Moderne". Zwar könne sich längst auch das Landvolk an TV-Decodern für hundert Kanäle delektieren - "aber es gibt für jene, die krank oder ohne Auto sind, keine Möglichkeit mehr, eine Rolle Bindfaden vor Ort zu kaufen".

Auch wenn wieder mal ein Dorfgasthaus dichtmacht, hat vor allem diese Gruppe der weniger Mobilen das Nachsehen. Doch je schlechter die wirtschaftliche Lage einer Region ist, desto mächtiger wird der Trend zum Billigbier auf der heimischen Couch. Gegen die Preise im Supermarkt komme kein Kollege an, sinniert ein mecklenburgischer Gastwirt: "22 Cent für einen halben Liter - das geht doch gar nicht."

In Gegenden wie in Mittelhessen sitzt schon jedes fünfte Dorf auf dem Trockenen. Viele Wirte müssen den Zapfhahn abdrehen, weil die Schwarzgastronomie überhand genommen hat. "Das Land birst von Stadelfesten, Beachpartys und Kiesgrubentreffs, wo mit dem Alkohol so großzügig umgegangen wird, dass jeder Wirt, der es damit ähnlich hielte, für seine Konzession fürchten müsste", meldet die "Süddeutsche Zeitung" aus der bayerischen Provinz.

Ohne Kirche verliert ein Ort sein Gesicht und seine Mitte

Wo es bereits an Wirten, Ärzten, Krämern mangelt, ist oft nicht einmal sicher, ob wenigstens die Kirche im Dorfe bleibt, zumal auch die Christengemeinden weiter schrumpfen. In Kirchenkreisen, berichtet der christlich orientierte "Rheinische Merkur", kursierten Zahlen, nach denen jedes dritte der 24.000 deutschen Gotteshäuser langfristig "zur Disposition" stehe.

Natürlich ist Experten wie Professor Thomas Sternberg vom Zentralkomitees der deutschen Katholiken sehr wohl bewusst, dass Kirchen "Kristallisationspunkte" sind und "wesentlich Heimat" ausmachen: "Ohne sie verliert ein Ort sein Gesicht und seine Mitte."

Doch die sakralen Bauten bilden zugleich eine schwere Last, vor allem im Osten, wo nur ein Bruchteil der Bevölkerung Kirchensteuer zahlt. Gerade im Gebiet der Ex-DDR wird ein Heidengeld schon für die Notsicherung jahrzehntelang vernachlässigter, einsturzgefährdeter Kirchen benötigt - in Mecklenburg allein binnen zehn Jahren rund eine Viertelmilliarde Euro.

"Stopp, es reicht, wir können nicht mehr"

Ausweglos mutet die Lage von Orten an, die zusätzlich unter einer Reihe misslicher Entscheidungen auf höchster Ebene zu leiden haben: Entwicklungen in Berlin oder Brüssel gehen seit langem überproportional oft zu Lasten der Schrumpfregionen in Ost und West.

Wenn die Bundeswehr die Zahl ihrer Standorte binnen fünf Jahren, wie beschlossen, von 572 auf 392 reduziert, sind vielfach abgelegene Gemeinden betroffen wie zum Beispiel der erzgebirgische Ort Schneeberg. Dort, wo bereits vier von acht Schulen geschlossen werden mussten, lässt der Abzug von 1400 Mann samt Partnern und Kindern den Bürgermeister Frieder Stimpel nahezu verzweifeln: "Stopp, es reicht, wir können nicht mehr."

Mit der Schließung der ländlichen Standorte habe der Bund "zum wiederholten Mal seinen gesetzlichen Auftrag zum Schutz strukturschwacher Gebiete verletzt," moniert der Städte- und Gemeindebund. Doch solche Klagen stoßen im Verteidigungsministerium auf taube Ohren: Das Haus, heißt es dort, entscheide nach betriebswirtschaftlichen Kriterien, basta.
Erst recht lehnen die Bahn und die Post es ab, verantwortlich gemacht zu werden für die Auswirkungen ihrer unternehmerischen Entscheidungen auf die Lebensfähigkeit der Orte im Hinterland und im Hinterwald. Die Post, kritisiert der Gemeindebund, habe seit ihrer Privatisierung "jegliches Augenmaß für ihren öffentlichen Auftrag verloren". Während der gelbe Riese in China und in den USA "Milliarden in den Aufbau der dortigen Infrastruktur" investiere, habe der Monopolist in seinem "Schließungsrausch" weite Teile der deutschen Provinz "praktisch zur postfreien Zone" erklärt.

Zum Geldabheben muss Oma in die Nachbarstadt

Erst wurden massenhaft Briefkästen abgeschraubt und Postämter durch Postagenturen ersetzt, nun werden mehr und mehr Postagenturen dichtgemacht. Briefmarken gibt's dann nur noch beim Zusteller, wenn man ihn denn abpassen kann. Und zum Geldabheben muss sich die Oma mit ihrem Postsparbuch auf die Reise in die Nachbarstadt begeben.

Und längst hat auch die Bahn in ihrem Drang an die Börse den Service in der unrentablen Fläche reduziert und Fahrpläne zusammengestrichen, Zug um Zug. Mancher Triebwagen ruckelt nur noch so lange über Land, wie die Politiker genügend Geld für die Bezuschussung des Regionalverkehrs zusammenkratzen können.

Beschleunigt wird der Trend noch durch die jüngste Kürzung der Zuschüsse zum Nahverkehr um 2,1 Milliarden Euro bis 2009, die das Bundeskabinett im Februar beschlossen hat. "Der Bund," protestierte der Lüneburger Oberbürgermeister Ulrich Mädge, "vernachlässigt damit vor allem die Fläche" - deren Bewohner, die ohnehin betroffen sind vom Abbau der Pendlerpauschale, nun auch noch mit Fahrpreiserhöhungen und Streckenausdünnungen im öffentlichen Nahverkehr rechnen müssen. Die Fahrgast-"Allianz pro Schiene" fürchtet für die nahe Zukunft: "Es drohen massive Verschlechterungen."

Den Bauerndörfern gehen die Bauern aus

Verlass ist in der Ära der Landflucht nicht mal mehr darauf, dass wenigstens der Landwirt auf dem Land bleibt und sich dort redlich ernähren kann. Die Agrarpolitik trägt seit Jahrzehnten dazu bei, dass einstigen Bauerndörfern mehr und mehr die Bauern ausgehen, dass sich die Dörfer als soziale Einheit auflösen.

Viele Landwirte - früher Stützen und Wortführer der ländlichen Gesellschaft - scheinen angesichts provinzfeindlicher Entscheidungen in Berlin oder Brüssel zu resignieren. Manch einer mag schlicht nicht mehr. Nahezu 50.000 Landwirte würden laut Bauernverband sofort den Beruf wechseln, wenn die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nicht so schlecht wären.

So ziehen immer mal wieder protestierende Milchbauern wegen ruinöser Erträge mit ihrem Vieh etwa vors Brandenburger Tor, um die Politiker aufzufordern: "Melkt die Kühe selber." Manche halten Transparente mit dem Klageruf empor: "Keine Zukunft für die Kuhzunft."

Tatsächlich wird allein in Bayern die Zahl der Milchbetriebe binnen zehn Jahren von 60 000 auf 30 000 schrumpfen, wie das Münchner Institut für Agrarökonomie meldet. Denn das Brüsseler Subventionssystem bevorzugt große Einheiten, fördert die Agrarindustrie und bestraft den Familienbetrieb.

"Soziale und politische Erosion größten Ausmaßes"

Beim Kuhhandel um Subventionen, derzeit 40 Prozent des EU-Etats, seien "kleine Landwirte nur Statisten", analysiert das Wirtschaftsmagazin "Capital" die Misere der Betriebe, von denen jeder dritte - von Außenstehenden oft unbemerkt - bereits am Rande der Existenzfähigkeit wirtschaftet: "Bauernhöfe sterben langsam. Sie zehren jahrelang von der Substanz, bis der Generationenwechsel den Schlusspunkt setzt."

Schon seit Jahrzehnten beobachten Fachleute wie der emeritierte Kasseler Agrarkultur-Professor Sigmar Groeneveld das "Verschwinden des Landes als Lebensraum" - eine "soziale und politische Erosion größten Ausmaßes", die "längst zum lauten und öffentlichen Skandal geworden sein müsste".

Groeneveld beklagt den Untergang der traditionellen bäuerlichen Lebenswelten samt ihrer Familienbetriebe, der alten Nutztier- und Pflanzenarten, der Blumen und Bäume an den wegrationalisierten Feldwegen. Das Sterben dieser Höfe gehe einher mit dem von Brüssel geforderten und geförderten Aufstieg einer Agrarindustrie, die letztlich zur Arbeitslosigkeit auf dem Lande beitrage.

"Wenn", so argumentiert der Agrarkundler, "die landwirtschaftlich genutzten Flächen aus den Händen der Dorfbewohner entschwinden und so genannte Tieflader-Bauern als Fremde die Dorfgemarkungen übernehmen, dann verschwinden die letzten Beziehungen der Menschen zu ihrem Land. Dann verschwinden die Kleinbetriebe und ihre Bauerngärten... Mit großer maschineller Schlagkraft und mit Fruchtfolgen, die diesen Namen nicht mehr verdienen, können dann leicht 800 oder auch 1000 Hektar Fläche von zwei so genannten 'Vollbeschäftigten' bewirtschaftet werden. Das ist die Flächengröße ganzer Dorfgemarkungen. Man braucht dann keine Dorfbevölkerung mehr. Aber man darf sich dann auch nicht über wachsende Arbeitslosigkeit wundern. Man braucht in einer solchen Agrarindustrie keine Menschen mehr, die Schafe scheren oder Kühe melken können."

"Auf dem Land ist es menschenwürdiger"

Der Niedergang der Provinz vollzieht sich, je nach Region, in unterschiedlichem Tempo. Im Osten sind neben den Landgemeinden auch die meisten Städte schon vom Abwärtssog erfasst. Im Westen wiederum existieren selbst in den Randlagen noch Dörfer, in denen allenfalls erste Krisensymptome erkennbar sind.

Dort, in Aberhunderten von Gemeinden, überwiegen noch immer jene Vorzüge, die Christine Brandmeir, Generalsekretärin bei der katholischen Landjugend, dem Dorfleben attestiert: "Auf dem Land ist es menschenwürdiger", sagt sie - nicht nur dank der Naturnähe und der guten Nachbarschaft, sondern auch wegen der Möglichkeit, in örtlichen Angelegenheiten leichter mitreden und mitwirken zu können, als das in der Anonymität der großen Städte möglich ist.

Doch auch die bürgernahe Verwaltung auf dem Lande ist längst in die Zange aus Finanznot und Landflucht geraten. Geldknappheit und Abwanderung führen dazu, dass sich immer mehr Gemeinden genötigt sehen, ihre Bürgervertretungen zu verkleinern oder ihre Eigenständigkeit gänzlich aufzugeben und ihr Gemeindebüro oder Dorfrathaus zu schließen.

Zehntausende von Feierabendpolitikern sind überflüssig

Beispiel Brandenburg: In dem Bundesland ist die Zahl der selbständigen Gemeinden seit der Wende von fast 2000 auf 727 zusammengeschnurrt. Wer nicht freiwillig mit dem Nachbardorf fusionieren wollte, wurde vom Land zwangsvereinigt. Ein Volksbegehren gegen den weiträumigen Demokratieabbau scheiterte, wie der Berliner "Tagesspiegel" kommentierte, an der "inzwischen großen Lethargie" in der entkräfteten, erschöpften Provinz.

Wenn solche Sparmaßnahmen Schule machen, werden bundesweit Zigtausende von idealistischen Feierabendpolitikern überflüssig - was allerdings manch ein Parteifunktionär insgeheim mit Erleichterung quittieren würde. Denn in den ausgedünnten Regionen ist nicht nur die Bereitschaft gesunken, Posten in der Feuerwehr oder im Sportverein zu übernehmen, auch den Parteien fällt es immer schwerer, geeignete Bewerber für Ratsmandate zu finden. Selbst in größeren Kommunen wie Schwerin, klagte das grüne Stadtpräsidiumsmitglied Edmund Haferbeck, fehle mittlerweile "die intellektuelle Basis, um die Stadt voranzubringen".

Dass der finanzielle Spielraum der Gemeinden gerade im ländlichen Raum gen Null tendiert, dass es in den Gemeinderäten mehr denn je gilt, Gelder zu streichen statt Zuschüsse zu gewähren - all das trägt nicht dazu bei, Ehrenamtliche für ein Engagement für die kommunale Selbstverwaltung zu gewinnen. Und der Fortzug jedes einzelnen Steuerzahlers, ob in West- oder Ostdeutschland, vermindert das Finanzaufkommen gerade auf dem Land - einer Region, die bei der Verteilung von Steuereinnahmen ohnehin traditionell benachteiligt ist.

Für Stadtbewohner ein "Lackschuh-Privileg"

Während etwa in Niedersachsen einer Landgemeinde pro Einwohner ein Euro zugewiesen wird, fließen in die Kassen einer Großstadt jeweils 1,80 Euro. Kommunalexperten sprechen von einem historisch begründeten "Lackschuh-Privileg" der Städte: Beim Aufbau des Steuersystems vor siebzig Jahren galt noch die Ansicht, dass das Landvolk im Gegensatz zu den Lackschuhträgern keine Kanalisation braucht, sondern mit seinen Holzschuhen über unbefestigte Straßen laufen kann.

Zum Lachen finden die Finanzverwalter in den Entvölkerungsregionen die Laien-Ansicht, Gemeinden könnten sich dank des massenhaften Fortzugs gesundschrumpfen. In Wahrheit bedeutet der demografische Wandel eine massive Belastung für die Kassen der betroffenen Kommunen:

Unverhältnismäßig viel Geld verschlingt, wegen hoher Fixkosten, die Unterhaltung überdimensionierter Verkehrsnetze, Schwimmbäder oder Kläranlagen, die für die zwei- oder dreifache Einwohnerzahl konzipiert worden waren. Weil bei abnehmender Bevölkerung pro Kopf immer mehr Siedlungsfläche samt Infrastruktur bereitgehalten wird, werde das Leben für die Zurückgebliebenen immer "ressourcenaufwendiger und teurer", sagt der Dresdner Siedlungsforscher Stefan Siedentop.

Mezzogiorno zwischen Elbe und Weser

So stecken die klammen Kommunen in einer Zwickmühle - was immer sie auch tun, sie stoßen an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Jede Schließung eines Freibades, eines Sportplatzes oder eines Jugendzentrums, zu der sie sich gezwungen sehen, mindert weiter ihre Attraktivität - und verstärkt aufs neue den Fortzugsdrang vor allem der Jüngeren und der Gebildeten.

Um den Osten sei es schon heute in vielerlei Hinsicht schlechter bestellt als um Italiens Süden, den Mezzogiorno, urteilt der Münchner Wirtschaftforscher Hans-Werner Sinn. Für die neuen Länder haben Ökonomen bereits den sarkastischen Begriff "Ossogiorno" geprägt.

Ein anderer Kalauer bietet sich an: Der "Wessigiorno" ist näher, als manch einer ahnt. Zur Jahreswende kam aus Brüssel die Nachricht, als erste westdeutsche Region könne auch das strukturschwache Elbe-Weser-Dreieck jene Finanzhilfen beanspruchen, die bislang Süditalien, Griechenland und ähnlichen Armutszonen vorbehalten waren, in denen die Wirtschaftskraft 75 Prozent des Durchschnitts der alten 15er-EU unterschreitet.

Verfasst: Mittwoch 15. März 2006, 18:31
von SAUNASARKAST
Tacheles [reloaded] hat geschrieben:Ein Bericht, der in eine ähnliche Richtung geht und die nahen Folgen beleuchtet, auch von Spiegel-Online:
leute!
bitte weniger spiegel lesen, das macht dumm!
ausserdem ist das problem ja nicht neu, hab mich doch schwer gewundert, was für ein aufhebens das heute-journal gestern darüber gemacht hat.

Verfasst: Donnerstag 16. März 2006, 16:00
von Jean-Luc Girard
SAUNASARKAST hat geschrieben: bitte weniger spiegel lesen, das macht dumm!
aber, wie der Volksmund sagt: "dumm fxxxt gut!"

Verfasst: Sonntag 19. März 2006, 20:58
von PvK
[/quote]

leute!
bitte weniger spiegel lesen, das macht dumm!
ausserdem ist das problem ja nicht neu, hab mich doch schwer gewundert, was für ein aufhebens das heute-journal gestern darüber gemacht hat.[/quote]

willst du später mal eine vernünftige rente? willst du mal eine familie gründen? (gibt wohl nur teilweise finanzielle nachteile wie ich finde).

damit du, ich, und alle anderen mal beispielsweise eine vernünftige rente beziehen können (im alter hoffentlich....), oder andere dinge die mit dem generationenvertrag geregelt sind muss es kinder geben. und arbeit.

tust du nichts dafür, jedoch trotzdem meckerst wiewenig du doch beispielsweise als rentner bekommst, und keine kinder in die welt gesetzt hast, solltest du kein recht auf diese leistungen haben!!
schliesslich zahlst du heute nicht für dich ein, sondern für den aktuellen rentner. genauso zahlst du und dein arbetgeber beispielsweise in die krankenkasse ein, hast sie aber selten bis garnicht in anspruch genommen... genau das gleiche spiel, du zahlst nicht für dich, sondern für den patient ein. bist du jedoch krank, zahlt ein anderer für dich die behandlungskosten, ob die behandlung auch richtig ist, ist wieder ein anderes thema....
ein grosses problem sehe ich allerdings darin, dass es ja leute gibt, die unfruchtbar, nicht zeugungsfähig etc. sind. selbstverständlich sollten diese Leute keinen nachteil diesbezüglich haben. sicherlich würde es auch ausnahmen etc. geben. was maht man mit denen?

nur auf diese basis kann das jetzige system funktionieren.

also braucht man kinder!
kannst du es jetzt vielleicht verstehen?

wenn du privat vorsorgst ok, schön und gut. dein vorteil. hat dein nachbar, oder du ein vorteil, wenn du keine kinder hast? spätestens wenn du leistungen aus dem generationenvertrag in anspruch nimmst, ist der nachteil da.... da du dieses system nicht unterstützt.

Verfasst: Sonntag 19. März 2006, 21:47
von SAUNASARKAST
freudenstaedtler hat geschrieben:
damit du, ich, und alle anderen mal beispielsweise eine vernünftige rente beziehen können (im alter hoffentlich....), oder andere dinge die mit dem generationenvertrag geregelt sind muss es kinder geben. und arbeit.

(...)

nur auf diese basis kann das jetzige system funktionieren.
das problem ist, dass das system bereits jetzt tot ist.

wir (wenn du auch nach ca. 1965 geboren wurdest) werden mit sicherheit keine annäherend so auskömmlichen renten aus dem jetzigen system beziehen wie jetzt unsere eltern und großeltern. dennoch zahlen wir fast 20% unseres bruttogehalts (so wir eins haben) in dieses system ein.

diese erkenntnisse sind allerdings nicht neu. (kleiner hinweis: schau dir mal die ausgabenseite des bundeshaushalts an...) am rande sei erwähnt, dass ich es schon erstanulich fand, mit welcher souveränität die öffentlichkeit jüngst den bruch der bundesregierung mit blüms "die rente ist sicher"-dogma hinnahm.

darum mein hinweis auf die berichterstattung des spiegel, der sich angewöhnt hat, olle kamellen als "breaking news" zu verkaufen versucht.

Verfasst: Sonntag 19. März 2006, 22:10
von PvK
Sicherlich zahlen wir prozentuall gesehen vom bruttogehalt eine menge geld ein, jedocj müssten wir nicht soviel wenn es mehr kinder geben geben würde, und vorallem erwerbstätige die auch da reinzahlen ...

das dumme war, dass die politiker sich jahrelang profilieren wollten, und immer nur kurzfristig sehen wollten, obwohl es abzusehen war das das system nicht mehr funktioniert, bzw. abzusehen ist, dass es kaum zu fnanzieren ist.

die öffentlichkeit denkt nunmal nur so, wie es in den medien gezeigt wird, und denken nichts bis kaum darüber nach. dumm?!

zu dem was der spiegel schreibt, möchte ich nichts sagen, da ich ihn zu selten lese. zuselten?

eine idee wäre es, eine deadline zu ziehen, und beispilesweise sage, alle die jetzt ins berufsleben eintreten, müssen privat vorsorgen, da sie aus der staatlichen rente nichts mehr bekommen werden. und nicht mehr einzahlen. oder so ähnlich, das wäre eine möglichkeit wie ich finde, der rest, der beretits berufstätig ist, (ob neu oder seit jahrzenten) sollte prozentual rente bekommen. naja, weiss der kuckuck wie, dafür gibt es ochbezahlte menschen die diese aufgaben mitsicherheit beantwotn können, bzw. lösungen finden würden.

eines ist sicher, ändern muss sich was!

Verfasst: Montag 20. März 2006, 08:08
von SAUNASARKAST
tja, nur dumm, dass die demografische entwicklung auf lange zeit hinaus nicht reversibel ist... es gibt nur die möglichkeit der zuwanderung. und da wären größenordnungen notwendig, die illusorisch sind (ca. 10 mio).

fazit: auswandern oder sparen...

Verfasst: Montag 20. März 2006, 17:27
von SAUNASARKAST
falls es jemanden interessiert, ist noch druckfrisch...

http://dip.bundestag.de/btd/16/007/1600751.pdf

besonders interessant wird es ab seite 11

Verfasst: Montag 20. März 2006, 23:06
von barneygumble
Interessant ist es schon ab S. 6!
Und irgendwie süß ist S. 15!
.
.
.
Das habe ich vor Kurzem, sogar hier im Forum gelesen.
Irgendetwas mit Haar ausreißen und mit Tränen in den Augen.
Einige Dinge laufen da schief, die ineinander greifen und die Lage etwas schwierig machen.
Man spricht da gerne von Rahmenbedingungen, aber die stimmen insgesamt nicht wirklich.

Verfasst: Mittwoch 29. März 2006, 07:17
von SAUNASARKAST
gestern war ein sehr guter, wenngleich auch etwas polemischer artikel zu dem thema in der FAZ.
da sehr lesenswert, stelle ich den mal hier rein.
Die Dreißigjährigen
„Sandwich-Generation” klingt netter als „Reformverlierer”
Von Sandra Kegel

28. März 2006 Wer heute um die Dreißig ist, gehörte einst einer glücklichen Generation an, deren größte Probleme darin bestanden, ob man mit Geha oder Pelikan schreibt und ob man zur Schule Ranzen trug oder Koffer. Wer in den achtziger Jahren in Westdeutschland groß wurde, konnte kaum anders, als sorglos in die Zukunft zu blicken.

Alle Schichten der Gesellschaft waren umhüllt von einem unsichtbaren Staat, mit dem sich keiner identifizierte und der doch als deus ex machina stets zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. Den Eltern zahlte er die Eigenheimzulage, der Oma die Kur, und die Kinder besuchten staatliche Schulen und kostenlose Universitäten, ohne daß die Eltern deshalb ein schlechtes Gewissen geplagt hätte - denn Pisa war damals eine Stadt in Italien.
In Frankreich ist es anders: am 18. März in Marseille

Niemand hätte gedacht, daß die Glückskinder jener traumverlorenen Republik heute, in ihren besten Jahren, zu Reformverlierern mutieren würden - eine Vokabel, die für die zwischen 1960 und 1980 Geborenen freilich nur ungern verwandt wird. Wohl weil es frecher klingt, nennt man die von Alt und Jung gleichermaßen in die Zange Genommenen lieber „Sandwich-Generation”.

Als hätte es die Vokabel „Pillenknick” nicht gegeben

Verlierer sind wir dennoch, Opfer eines umlagefinanzierten Rentensystems, das Politiker wie Norbert Blüm Anfang der neunziger Jahre ungestraft als „sicher” bezeichnen durften, als hätte es die Vokabel „Pillenknick” damals noch nicht gegeben. Daß die Politiker es schon schaukeln würden, war ja lange Zeit auch das Grundgefühl der meisten von uns, nicht zuletzt, weil die Regierungen, ob links oder rechts, das Rundum-sorglos-Paket stetig wachsen ließen. Daß damit irgendwann Schluß sein würde, hatten sie nicht verraten. Nun ist es soweit.

Die wirtschaftliche, demographische und soziale Lage - schwacher Arbeitsmarkt, sinkende Geburtenrate, steigende Lebenserwartung - haben zu einer Situation geführt, die mit aller Härte ihren Tribut fordert. Das ist jenen Politikern der siebziger bis neunziger Jahre zu verdanken, die um des kurzfristigen Wahlsiegs willen die langfristigen Herausforderungen ausgesessen haben - wissend, daß sie davon nie betroffen sein würden.

Wir haben verloren, was wir noch bezahlen müssen

Aber was wir wissen, ist, daß wir nichts mehr zu verlieren haben. Schlimmer noch: Wir haben schon verloren, was wir erst noch bezahlen müssen. Wir werden im Alter nicht nur deutlich weniger Geld vom Staat bekommen als die heutigen Rentner - in fünfundzwanzig Jahren dürfte jeder zweite Rentner kaum mehr als den heutigen Sozialhilfesatz erhalten, prophezeit der altgediente Mahner Meinhard Miegel. Zugleich werden wir steigende Rentenbeiträge zu bezahlen haben. Darüber hinaus sollen wir uns um die eigenen Kinder, die eigenen Eltern und die eigene private Vorsorge kümmern - wenn es dazu noch reicht. Was diese Generation die längste Zeit so gar nicht interessierte - Wirtschaftspolitik, soziale Sicherungssysteme, demographische Entwicklung -, ist nun gerade für sie existentiell geworden.

Aber damit umzugehen hat uns niemand gelehrt. Wer ein Schüler- und Studentenleben lang erzählt bekommt, alles sei gut und werde es auf immer auch bleiben, erschrickt nicht einmal angesichts geradezu gespenstischer Zahlen; etwa dieser: Während heute hundert Erwerbstätige vierundvierzig Rentner finanzieren, werden im Jahr 2050 auf hundert Arbeitende wohl achtundsiebzig Menschen im Rentenalter kommen. Früher wohnte ja sogar dem Gedanken, eine Zeitlang arbeitslos zu sein, eine gewisse Attraktivität inne, als hätte man bezahlten Langzeiturlaub nehmen dürfen. Denn die Furcht, je beim Sozialamt zu landen, kannten wir nicht. Heute wissen wir: Nichts ist unmöglich. Armut ist kein Exklusivphänomen mehr für bildungsferne Schichten und Schulverweigerer. Dennoch bleiben wir gelassen.

Wir brauchten keine Helden. Es ging uns doch gut

Warum aber bleibt jeglicher Protest in dieser Generation aus - immerhin zwanzig Millionen Betroffene. Nirgends werden Barrikaden aufgebaut. Nicht einmal Mißstimmung macht sich breit. Und es war keineswegs eine Initiative junger Menschen, sondern die „Bild”-Zeitung, die auf die Idee gekommen ist, Norbert Blüm zu verklagen.

Liegt es nur daran, daß wir es früh satt hatten, unseren älteren Geschwistern zu lauschen, wenn sie wie trunken vor Begeisterung von ihren Achtundsiebzigerdemonstrationen erzählten, in Brokdorf oder im Hüttendorf an der Startbahn West? Oder daran, daß wir von den Achtundsechzigern der Lehrerschaft auf eine Weise politisiert werden sollten, die nicht viel anders war als die Erzählungen der Großeltern vom Krieg? Heldentaten allenthalben. Aber wir brauchten keine Helden. Es ging uns doch gut. Viel lieber pflegten wir unsere Vorstadtneurosen im Hier und Jetzt.

Auch ohne an 2037 zu denken: von Drohkulissen umgeben

Daß wir aber keinen Visionen folgten, versperrte uns den Blick in die Zukunft, genauer noch: Es fehlte uns ein Bewußtsein dafür, das eigene Leben als langfristig angelegten Plan zu betrachten. Wie also könnten wir reagieren auf Beschlüsse, die zwanzig Jahre zurückliegen - und wie auf Erkenntnisse, deren Auswirkung uns erst in dreißig Jahren mit angekündigter, aber eben nicht vorstellbarer Wucht treffen werden? Zumal ausgerechnet jetzt, in der Mitte unserer Existenz, das Leben so kompliziert geworden ist - mit neuen Verantwortungen und unerwarteten Verbindlichkeiten -, daß wir froh sind, uns einigermaßen erfolgreich von einem Tag zum nächsten durchzuhangeln.

Nun, da das Wort Planungssicherheit zur Utopie geworden ist, wird es unmöglich, einen Zeitraum von dreißig Jahren abzuschätzen. Und man muß weder Historiker sein noch Kenner der Science-fiction, um zu prophezeien, daß die Welt sich in diesem Zeitraum mehrmals neu erfinden wird - vielleicht ja nicht zum Guten, und vielleicht ist unsere Rente dann das geringste Problem. Auch ohne an das Jahr 2037 zu denken, sind wir umgeben von Drohkulissen - ob wir den Arbeitsplatz behalten werden, ob wir zugleich die Kinder vernünftig erziehen, ob wir uns die Vogelgrippe einfangen oder ob uns die Veränderung des Wetters nicht nur einen Strich durch den nächsten Urlaub, sondern vielleicht durch das halbe Leben macht. Und sollen wir nun unser Geld in eine Immobilie investieren, oder stehen schon heute viel zu viele Häuser leer? Ausgerechnet vom demographischen Wandel hingegen bekommen wir nichts mit, im Gegenteil: Mindestens zweimal im Monat sind wir zu einem Kindergeburtstag eingeladen, auf dem stets eine neue Horde Zwei- und Dreijähriger zeigt, was selektive Wahrnehmung bedeutet.

Warum man es sich mit uns verscherzen kann

Wir sind also nicht ohnmächtig vor Wut, sondern wiederum gefangen in der Gegenwart, wenn wir bloß mit den Schultern zucken angesichts der Ungerührtheit, mit der uns - und nur uns - Politiker die Last ihrer eigenen Verfehlungen aufbürden. Die Älteren läßt man in Ruhe, weil man es sich nicht mit zwanzig Millionen aktiven Wählern verderben will. Die Jüngeren hingegen haben Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen: in einem Staat zu wohnen, der immer mehr nimmt - und immer weniger gibt. Mit uns kann man es sich verscherzen, weil die Politik darauf spekuliert, daß kurzfristige Reaktionen auf langfristige Einbußen ausbleiben.

Der Prozeß der Enteignung der mittleren Generation begann schleichend. Und auch das mag Grund dafür sein, daß es nie zu Rebellionen kam, wie man sie jetzt wieder in Frankreich von einer so zornigen wie revolutionserprobten Jugend erlebt. Als bei uns vor ein paar Jahren die Regierung beschloß, die Studienjahre erst zur Hälfte, dann sogar komplett vom Rentenanspruch zu streichen - mit dem Hinweis, Akademiker würden ohnehin viel verdienen -, kam es zu keinerlei Protest. Und auch dann nicht, als die ersten Briefe der BfA, die einem ins Haus flatterten, mit ihren Prognosen unmißverständlich zeigten: Wir werden ziemlich arm sein.

Wen auch sollte man angreifen?

Vielleicht gehört es zu den Eigenarten von Verlierern, schon so weit in die Defensive geraten zu sein, daß man gegen das eigene Schicksal nicht mehr aufbegehrt. Als fügte man sich den Göttern. Aber wen auch sollte man angreifen? Daß die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr halten, hat inzwischen jeder begriffen. Deshalb müssen sie ja angepaßt werden. Den heutigen Rentnern, die Krieg und Nachkriegszeit durchlitten haben, wünscht man einen friedvolleren Lebensabend - schließlich sind es unsere Eltern und Großeltern. Was sie indes nicht davon abhält, sich über ihre Situation zu beschweren, und zwar zu Unrecht, wie soeben eine Studie belegt hat - den Senioren geht es weitaus besser, als sie glauben. Die verantwortlichen Politiker aber, die die notwendigen Entscheidungen jahrelang ausgesessen haben, was nun unser Problem ist, sind nicht mehr zu greifen; sie sind selbst längst im Ruhestand.

Der Freiburger Professor für Finanzwirtschaft Bernd Raffelhüschen sieht es sogar als eine Art Gerechtigkeit, daß wir, die heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen, bei der Rente das traurigste Los gezogen haben: weil wir durch unsere freiwillige Kinderlosigkeit „die Ursache des Problems” seien. Die ältere Generation, argumentiert er, habe ihre Pflicht getan, Kinder in die Welt gesetzt, Wachstum produziert und jahrzehntelang eingezahlt. Die zukünftige Generation hingegen soll entlastet werden. Daß wir bei allen Reformen - beim Nachhaltigkeitsfaktor, der Rente mit siebenundsechzig, bei den Vorschlägen zur Gesundheit oder zur Pflege - die stärksten Lasten aufgebürdet bekommen, findet Raffelhüschen deshalb richtig.

Selbst die Hoffnung, daß wir Reformverlierer all die finanziellen Einbußen eines Tages mit dem Erbe unserer Eltern wettmachen könnten, nimmt uns nicht allein die Aussicht auf ein neues Erbschaftsgesetz, sondern mehr noch die moderne Medizin. Die Rentner sind rüstiger denn je, worüber wir uns natürlich freuen, und wir müßten uns nicht wundern, wenn sie uns am Ende sogar überlebten - und mit ihnen ihre Art von Wertvorstellung. Der ewig frische Norbert Blüm etwa glaubt bis heute an sein Programm. „Ich kenne kein besseres System als die gesetzliche Rente, bei der die Jungen für die Alten zahlen”, sagte er kürzlich in einem Interview. Momentan ist er in China unterwegs und schult dort Regierungsbeamte im Umlagesystem.

Verfasst: Donnerstag 30. März 2006, 09:28
von Jean-Luc Girard
Wer ein Schüler- und Studentenleben lang erzählt bekommt, alles sei gut und werde es auf immer auch bleiben
und das dann auch noch geglaubt hat, sollte vielleicht auch besser keine Kinder in die Welt setzen, sondern für die FAZ schreiben? Mir kommen die Tränen.