Tagesspiegel: Das Zittern des Trainers
Verfasst: Freitag 24. Oktober 2003, 07:10
Ach ja, das waren noch Zeiten als die Kickers für Trainerentlassungen bei den Gegner sorgten. Heute ist es eher so, dass sich die ganzen Mannschaften gegen uns aus der Krise schießen
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Das Zittern des Trainers
Jeder Fall ist anders, jede Trainer-entlassung im Fußballgeschäft hat andere Ursachen. Nach den Folgen fragt kaum jemand. Wie weh tut ein Rausschmiss? Jupp Heynckes weiß es.
Berlin (Der Tagesspiegel, 24.10.2003) - Am Samstag hatte die Mannschaft wieder einmal verloren, diesmal 1:4 gegen die Stuttgarter Kickers. Sie hatte dabei haarsträubende Fehler gemacht, solche, wie sie nicht mal Kindern verziehen werden. Schon seit Wochen spielte die Mannschaft weit unter ihrem selbst verkündeten Niveau. Ein Teil der Fans gab dem Trainer die Schuld, ein anderer Teil verteidigte ihn, weil er nicht für die Verletzungsmisere verantwortlich gemacht werden könne. Es war zwischen beiden Lagern schon zu Schlägereien gekommen. Irgendetwas musste passieren.
Am späten Nachmittag des Dienstags kam Jupp Heynckes, der Trainer, aus dem Zimmer des Vereinsvorstandes. Ein paar Journalisten hatten davor ausgeharrt, und als Heynckes sie sah, ging er auf einen zu. „Ich sage nichts“, sagte er. Dann sagte er: „Es ist vorbei.“ Dabei lächelte er. Heute, fast auf den Tag genau zwölf Jahre nach seiner Entlassung beim FC Bayern München, sagt er, dass in dem Moment die Erleichterung die Enttäuschung überwogen habe. „Über Wochen war der Druck gewachsen, jedes Spiel stellte ein Ultimatum dar. Verlieren wir, fliege ich. Verlieren wir nicht, wird mir ein neues Ultimatum gestellt.“
Jeder Fall ist anders, jede Trainerentlassung im Fußballgeschäft hat im Detail andere Ursachen, immer gleich ist die allerletzte Frage: Gewinnst du oder verlierst du? Am kommenden Sonnabend muss Huub Stevens, der Trainer von Hertha BSC, diese Frage beantworten. Hertha hat in dieser Saison noch kein Spiel gewonnen, liegt auf dem letzten Tabellenplatz und nach der letzten Heimniederlage, kurioserweise war sie auch eine 1:4-Pleite, wurde Stevens vom Verein das Ultimatum gestellt: Das nächste Bundesligaspiel muss gewonnen werden und das Pokalspiel am kommenden Dienstag auch, beide Male geht es gegen Hansa Rostock. Vordergründig ist es ein Novum, dass einem Trainer so deutlich und öffentlich die Abmahnung überreicht wurde, aber ob die Entlassung angekündigt wird oder nur gedacht, ist eh schon egal, „man weiß doch, dass die Trainerfrage gestellt wird, man stellt sie sich doch selber“, sagt Heynckes, „es dreht sich doch alles nur noch darum.“
Er habe seinerzeit die Lage zu analysieren versucht, „es war klar, warum wir so schlecht waren, aber es war auch klar, dass keine noch so stichhaltige Erklärung die Emotionen besiegen konnte“. Und in so einem Fall könne man der Entlassung zwar nicht entspannt oder resignativ begegnen, aber sehr fatalistisch, „weil man ohnehin nichts mehr beeinflussen kann, das Ultimatum beantworten ja die Spieler, die eigenen und die des Gegners“. Kein schönes Gefühl, sagt er, besonders weil die Fallhöhe so hoch ist vom gefeierten Mann zum bald geschassten. Auch wenn man sich immer wieder klarzumachen versuche, dass so eine Entlassung kein endgültiges Zeugnis über die grundsätzliche Qualifikation ist.
Und vor allen Dingen kein Gefühl, das vergleichbar wäre mit allgemeinen Ängsten vor einer Entlassung. „Arbeitslosigkeit“, sagt Heynckes, „das Wort ist mir nie in den Sinn gekommen.“ Faktisch stimme ja schon, dass man den Arbeitsplatz verliert, „aber so ein Bundesligatrainer steht doch nicht vor einem Scherbenhaufen, nicht vor existenziellen Nöten. Arbeitslosigkeit umfasst mehr. Wir wissen, dass wir die Miete bezahlen können, und das Gehalt vor der Entlassung und die Abfindung danach garantieren, dass wir uns darum nicht sorgen müssen.“
Und der Verlust des Selbstwertgefühls, die Wut über die Hilflosigkeit, wenn Stürmer nicht treffen, Zukunftsängste? „Ich als Trainer habe die Verantwortung auch für die Fehler meiner Leute, das muss ich in dem Beruf wissen. Und das weiß ich auch bei der nächsten Anstellung. Der Arbeitsmarkt der Trainer ist so offen und schnelllebig, meistens kommt mittelfristig ein neues Angebot.“
Am Dienstag nach seiner Entlassung vor zwölf Jahren, fuhr Jupp Heynckes mit Vereinsmanager Uli Hoeneß in ein Hotel nach Rottach-Egern, wo die Spieler schon warteten. Man fertigte den Auflösungsvertrag an, setzte sich mit den Spielern zum Abschied zusammen, „und dann haben wir Schafkopf gespielt“. Gewinnst du oder verlierst du – die letzte Frage vor der Entlassung ist bei Fußballtrainern wahrscheinlich doch nicht so dramatisch. (Von Helmut Schümann)
http://www.tagesspiegel.de/pubs/aktuell ... xtID=31992
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Das Zittern des Trainers
Jeder Fall ist anders, jede Trainer-entlassung im Fußballgeschäft hat andere Ursachen. Nach den Folgen fragt kaum jemand. Wie weh tut ein Rausschmiss? Jupp Heynckes weiß es.
Berlin (Der Tagesspiegel, 24.10.2003) - Am Samstag hatte die Mannschaft wieder einmal verloren, diesmal 1:4 gegen die Stuttgarter Kickers. Sie hatte dabei haarsträubende Fehler gemacht, solche, wie sie nicht mal Kindern verziehen werden. Schon seit Wochen spielte die Mannschaft weit unter ihrem selbst verkündeten Niveau. Ein Teil der Fans gab dem Trainer die Schuld, ein anderer Teil verteidigte ihn, weil er nicht für die Verletzungsmisere verantwortlich gemacht werden könne. Es war zwischen beiden Lagern schon zu Schlägereien gekommen. Irgendetwas musste passieren.
Am späten Nachmittag des Dienstags kam Jupp Heynckes, der Trainer, aus dem Zimmer des Vereinsvorstandes. Ein paar Journalisten hatten davor ausgeharrt, und als Heynckes sie sah, ging er auf einen zu. „Ich sage nichts“, sagte er. Dann sagte er: „Es ist vorbei.“ Dabei lächelte er. Heute, fast auf den Tag genau zwölf Jahre nach seiner Entlassung beim FC Bayern München, sagt er, dass in dem Moment die Erleichterung die Enttäuschung überwogen habe. „Über Wochen war der Druck gewachsen, jedes Spiel stellte ein Ultimatum dar. Verlieren wir, fliege ich. Verlieren wir nicht, wird mir ein neues Ultimatum gestellt.“
Jeder Fall ist anders, jede Trainerentlassung im Fußballgeschäft hat im Detail andere Ursachen, immer gleich ist die allerletzte Frage: Gewinnst du oder verlierst du? Am kommenden Sonnabend muss Huub Stevens, der Trainer von Hertha BSC, diese Frage beantworten. Hertha hat in dieser Saison noch kein Spiel gewonnen, liegt auf dem letzten Tabellenplatz und nach der letzten Heimniederlage, kurioserweise war sie auch eine 1:4-Pleite, wurde Stevens vom Verein das Ultimatum gestellt: Das nächste Bundesligaspiel muss gewonnen werden und das Pokalspiel am kommenden Dienstag auch, beide Male geht es gegen Hansa Rostock. Vordergründig ist es ein Novum, dass einem Trainer so deutlich und öffentlich die Abmahnung überreicht wurde, aber ob die Entlassung angekündigt wird oder nur gedacht, ist eh schon egal, „man weiß doch, dass die Trainerfrage gestellt wird, man stellt sie sich doch selber“, sagt Heynckes, „es dreht sich doch alles nur noch darum.“
Er habe seinerzeit die Lage zu analysieren versucht, „es war klar, warum wir so schlecht waren, aber es war auch klar, dass keine noch so stichhaltige Erklärung die Emotionen besiegen konnte“. Und in so einem Fall könne man der Entlassung zwar nicht entspannt oder resignativ begegnen, aber sehr fatalistisch, „weil man ohnehin nichts mehr beeinflussen kann, das Ultimatum beantworten ja die Spieler, die eigenen und die des Gegners“. Kein schönes Gefühl, sagt er, besonders weil die Fallhöhe so hoch ist vom gefeierten Mann zum bald geschassten. Auch wenn man sich immer wieder klarzumachen versuche, dass so eine Entlassung kein endgültiges Zeugnis über die grundsätzliche Qualifikation ist.
Und vor allen Dingen kein Gefühl, das vergleichbar wäre mit allgemeinen Ängsten vor einer Entlassung. „Arbeitslosigkeit“, sagt Heynckes, „das Wort ist mir nie in den Sinn gekommen.“ Faktisch stimme ja schon, dass man den Arbeitsplatz verliert, „aber so ein Bundesligatrainer steht doch nicht vor einem Scherbenhaufen, nicht vor existenziellen Nöten. Arbeitslosigkeit umfasst mehr. Wir wissen, dass wir die Miete bezahlen können, und das Gehalt vor der Entlassung und die Abfindung danach garantieren, dass wir uns darum nicht sorgen müssen.“
Und der Verlust des Selbstwertgefühls, die Wut über die Hilflosigkeit, wenn Stürmer nicht treffen, Zukunftsängste? „Ich als Trainer habe die Verantwortung auch für die Fehler meiner Leute, das muss ich in dem Beruf wissen. Und das weiß ich auch bei der nächsten Anstellung. Der Arbeitsmarkt der Trainer ist so offen und schnelllebig, meistens kommt mittelfristig ein neues Angebot.“
Am Dienstag nach seiner Entlassung vor zwölf Jahren, fuhr Jupp Heynckes mit Vereinsmanager Uli Hoeneß in ein Hotel nach Rottach-Egern, wo die Spieler schon warteten. Man fertigte den Auflösungsvertrag an, setzte sich mit den Spielern zum Abschied zusammen, „und dann haben wir Schafkopf gespielt“. Gewinnst du oder verlierst du – die letzte Frage vor der Entlassung ist bei Fußballtrainern wahrscheinlich doch nicht so dramatisch. (Von Helmut Schümann)
http://www.tagesspiegel.de/pubs/aktuell ... xtID=31992