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Fußballmythen und ihr Wahrheitsgehalt

Verfasst: Montag 26. Juni 2006, 12:06
von McVillager
„Die Flanke ist das Allersinnloseste“

Zweikämpfe gewinnen! Über die Flügel spielen! Roland Loy sagt über solche Sprüche: Kompletter Schwachsinn. Der Fußball-Analytiker zerstört alle Weisheiten.

Interview: Till Hein und Norbert Thomma

Roland Loy, 44, ist Deutschlands großer Fußballforscher. Er baute für Sat 1 die „ran“-Datenbank auf und berät momentan das ZDF. Der Sportwissenschaftler promovierte bei Werner Schmidt und Roland Naul an der Uni Essen. In diesen Tagen erscheint sein Buch „Taktik und Analyse im Fußball“.


Herr Loy, Weltmeister wird nur, wer auch Tore schießt. Und schon Herbert Grönemeyer hat den besten Weg dahin besungen: „Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass.“

Großartig.

Sie sagen das so ironisch.

Weil es nicht stimmt. Die Mär vom Doppelpass, ich will ja nicht gleich von Lüge reden, gehört zu den unausrottbarsten Irrtümern im Fußballsport. Schauen Sie doch mal, wie viele Doppelpässe eine Mannschaft pro Spiel ausführt: Nicht einmal zwei. Völlig marginal.

Zwei genügen, wenn danach Tore fallen.

Das Gegenteil ist der Fall! Ich habe jedes Tor der vergangenen 18 Jahre in der Bundesliga analysiert, wirklich jedes. Pro Saison fallen rund 900 Tore. Und bei genau zehn davon geht ein Doppelpass voraus. Ein Prozent! Trotzdem fordern die Trainer ständig: „Spielt mehr Doppelpässe!“ Selbst wenn sie die Zahl um 100 Prozent erhöhen, sind es gerade mal vier Doppelpässe pro Mannschaft und Spiel. Und die sollen einen großen Einfluss haben?

Otto Rehhagel, der 2004 mit Griechenland Europameister wurde, kennt einen anderen Königsweg zum Erfolg: „Tore fallen nach effektivem Flügelspiel.“

Ich habe das anhand von Tausenden Angriffen untersucht: Das Spiel durch die Mitte ist genauso erfolgreich wie das Spiel über Außen. Die Tore fallen exakt fifty-fifty. Beobachten Sie mal südamerikanische Mannschaften, Mexiko etwa, oder Argentinien: Die versuchen es fast immer durch die Mitte – und haben Erfolg. Dennoch habe ich schon hunderttausend Mal die Forderung gehört: „Spielt über die Flügel!“

Weil es einfach logisch ist. Außen ist Platz, in der Mitte klumpen sich die Spieler.

Richtig. Leider gibt es im Fußball meist ein überzeugendes Argument für etwas – und ein ebenso überzeugendes dagegen. In der Mitte haben wir eine hohe Spielerdichte, doch der Weg zum Tor ist kurz. Nahe der Außenlinie hält sich meist wenig Personal auf, dafür ist eine weite Flanke aber lange unterwegs, der Torhüter kann sie locker runterpflücken, oder ein Abwehrspieler köpft den Ball weg. Ich warne Sie! Vielleicht ist die Flanke überhaupt das Allersinnloseste im Fußball? Niemand weiß es! Es gibt dazu bisher keine verlässlichen Erkenntnisse. Trotzdem stellen sich ständig irgendwelche Schlauberger hin und fordern etwas mit totaler Vehemenz. Das ist unseriös und ärgerlich!

Der Österreicher Toni Polster wusste zumindest: „Wir müssen jeden Zweikampf so führen, als sei es der letzte.“ Denn der Sieg sei die Addition gewonnener Zweikämpfe.

So steht es in fast jedem Lehrbuch. Nur, ich habe mehrere 100 000 Zweikämpfe untersucht, und das Resultat ist verblüffend. Schätzen Sie mal: Wie viele Spiele werden von der Mannschaft gewonnen, die auch die Mehrzahl der Zweikämpfe für sich entscheidet?

80 bis 90 Prozent?

Knapp über 40 Prozent.

Jürgen Klinsmann müsste also sagen: „Jungs, verliert möglichst viele Zweikämpfe, dann gewinnen wir!“

Dieser Umkehrschluss ist nicht zulässig. Aber der Zweikampf hat bei weitem nicht die überragende Bedeutung, die ihm zugesprochen wird. Pro Spiel gibt es etwa 220 Zweikämpfe, und jeder dauert rund eine Sekunde. Ein Fußballspiel besteht aus 5400 Sekunden oder mehr, wie sollen da 220 Sekunden eine entscheidende Rolle spielen?

Weil ich mit einem gewonnenen Zweikampf Selbstbewusstsein tanke. Oder weil ich den Ball erobere und das entscheidende Tor schieße.

Meinen Studien zu Folge enden etwa 90 Prozent aller Spiele mit einer Zweikampfbilanz von 110 zu 110. Selbst wenn Sie also überlegen sind und 115 Mal Selbstbewusstsein tanken, hat Ihr Gegner noch 105 Erfolgserlebnisse, die ihn stark machen.

Wie arbeitet ein Ballforscher? Setzen Sie sich mit einem Bierchen vor die Glotze und führen Strichlisten?

Nicht ganz. Das Bier können Sie streichen, und ich kritzle auch nicht in einen Notizblock, sondern gebe die Daten direkt in den Computer ein. Oft analysiere ich Videoaufzeichnungen. Ich unterscheide dabei zwischen Individualtaktik und Kollektivtaktik. Zur Individualtaktik gehören unter anderem Dribblings, Pässe, Flanken, Torschüsse. Bei der Kollektivtaktik sind es etwa Spielverlagerungen oder Doppelpässe. Ich untersuche auch: Zu welchem Zeitpunkt ist die Aktion aufgetreten? Waren Gegenspieler in der Nähe? Wo auf dem Spielfeld war die Aktion? Welchen Erfolg hatte sie? Erst so bekommt man aussagekräftige Daten.

Ein Spiel dauert 90 Minuten. Wie lange brauchen Sie für Ihre Analysen?

Bis zu 14 Stunden.

José Mourinho, der Trainer des FC Chelsea, gilt als einer der klügsten Analytiker der Branche. Er sagt: „Wer den Ball kontrolliert, kontrolliert den Gegner.“

Der vermeintliche Guru Mourinho ist da völlig auf dem Holzweg. Von der Häufigkeit des Ballbesitzes kann nicht auf den Erfolg geschlossen werden. Tatsache ist: Die Mannschaft mit mehr Ballbesitz gewinnt nur 34 Prozent aller Spiele.

Herr Loy, bitte! Nur wer den Ball hat, kann ihn auch ins Tor schießen. Das sagt die Logik.

Und wie wurde dann Giovanni Trappatoni zu einem der erfolgreichsten Trainer der Welt? Er ließ seine Mannschaft das eigene Tor verbarrikadieren und überließ dem Gegner den Ball. Einzelne Ausflüge in die gegnerische Hälfte, gezielte Nadelstiche mit dem Ball genügten zum Sieg. Mit dieser Taktik wurde übrigens vor zwei Jahren auch Griechenland Europameister.

Trappatoni erklärt das Geheimnis des Spiels so: „Fußball ist Ding-dang-dong. Es gibt nicht nur Ding.“ Klingt philosophisch. Können Sie das übersetzen?

Möglicherweise will er auf etwas hinaus, das auch ich immer wieder betone: Fußball lässt sich nicht aus einem einzigen Parameter heraus verstehen, es wirken dabei Tausende Faktoren zusammen.

So kompliziert ist die Sache doch auch wieder nicht. Jeder weiß etwa: Gegen eine massive Abwehr helfen Schüsse aus der Distanz; und wenn der Rasen nass ist, sind Aufsetzer die beste Methode.

Wer weiß? Es könnte durchaus sein, dass der Weitschuss von Haus aus so sinnlos ist, dass auch die Frage trocken oder feucht vollkommen egal wird.

Wie bitte?

Mit Sicherheit lässt sich sagen: Aus einer Entfernung von mehr als 27 Metern müssen Sie 70 Mal draufballern, um ein Tor zu erzielen. Innerhalb des Strafraums jedoch benötigt man nur sieben Schüsse für ein Tor. Ist es also intelligenter, den Ball erst in den Strafraum zu spielen? Nicht unbedingt. Weil niemand weiß, ob er auf dem Weg dorthin nicht Hunderte Male verloren geht. Dann könnte der Weitschuss am Ende doch klüger sein. Sie sehen, Fußball ist sehr komplex.

Lassen Sie uns ein paar weitere ewige Fußballweisheiten durchgehen. Eine lautet: „Flach spielen, hoch gewinnen.“

Ein schöner Ansatz für die Forschung. Ich habe hierzu keine Erkenntnisse.

Eine andere: „Ein frühes Gegentor ist Gift ...“

... ist empirisch, meines Wissens, unbewiesen.

Oder: Es gibt keine kleinen Gegner mehr.

Ja, ja. Deshalb steht San Marino nach der WM-Qualifikation mit 0 Punkten und 2 : 40 Toren da.

Noch eine Weisheit: „Gegen zehn Mann spielt sich’s schwerer als gegen elf.“

Nach einer roten Karte wird das in der Tat immer wieder behauptet. Systematisch untersucht hat es aber niemand. Subjektiv sage ich: Wir erinnern uns einfach eher an Partien, die von zehn Spielern gewonnen werden, als an die unzähligen, die sie sang- und klanglos verlieren.

Gilt denn zumindest die alte Faustregel des Straßenfußballs: „drei Ecken, ein Elfer“?

Ich bitte Sie! Man braucht 47 Eckbälle, um ein einziges Tor zu erzielen – und eine Mannschaft holt lediglich etwa sechs pro Spiel heraus. Von den Elfmetern werden hingegen immerhin 76 Prozent verwandelt.

Es gilt: „Deutschland ist eine Turniermannschaft.“

Unsere Nationalelf konnte sich da in der Tat oft auszeichnen, jüngst bei der WM 2002. Und sie hat oft einen Rückstand umgebogen, beim „Wunder von Bern“ lagen wir mit 0:2 zurück, im Finale 1974 mit 0:1, das Halbfinale 1982 gegen Frankreich wurde nach einem 1:3 gewonnen, 1996 bei der EM lagen wir im Halbfinale gegen England zurück wie im Finale gegen Tschechien. Die Gegenbeispiele lasse ich weg, um den Mythos nicht zu zerstören.

Herr Loy, der Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan hat errechnet: Deutschland wird Weltmeister. Mit 66 Prozent Sicherheit.

Ja? Angenommen, Deutschland übersteht die Vorrunde. Dann könnten wir schon im Achtelfinale auf England treffen. Im Viertelfinale auf Holland, im Halbfinale auf Brasilien und im Finale auf Frankreich. Die deutsche Mannschaft müsste also vier große Gegner schlagen. Ich gebe zu bedenken: Deutschland hat am 7. Oktober 2000 gegen England zum letzten Mal eine große Mannschaft geschlagen. Seither konnten fast 20 Spiele gegen starke Fußballnationen nicht mehr gewonnen werden. Zuletzt setzte es ein 1:4 gegen Italien. Das ist ein deutliches Indiz.

Der Heimvorteil wird's schon richten!

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Schiedsrichter tatsächlich mehr umstrittene Elfmeter und Tore zu Gunsten der Heimmannschaft geben. Und dass die Gastgeber im Schnitt eine Minute länger nachspielen dürfen, wenn sie ein Tor aufholen müssen, als wenn sie führen. Allerdings nur, wenn die Fans nahe genug am Spielfeld sitzen, wie etwa in München. Der Effekt lässt sich nicht nachweisen, wenn – wie etwa im Berliner Olympiastadion – eine Tartanbahn den Rasen vom Zuschauerraum trennt. Falls Deutschland ins Finale kommt, greift der Heimvorteil in Berlin also nicht optimal.

1990 wurde das WM-Finale durch einen Elfmeter von Andi Brehme entschieden. Sie haben damals den Teamchef Beckenbauer beraten. Kam von Ihnen der Tipp, der Gefoulte solle nicht selber schießen?

Sicher nicht. Das ist kompletter Schwachsinn. Nach meinen Studien verwandelt der Gefoulte exakt 76 Prozent der Strafstöße – genau wie jeder andere Spieler. Es ist also völlig egal, wer antritt.

Brehme schoss den Ball flach in die – von ihm aus gesehen – linke Ecke. War das klug?

Nur weil er getroffen hat. Ich habe zu dieser Thematik eine wirklich überraschende Entdeckung gemacht. Moment, ich male Ihnen das eben auf: Ein Fußballtor ist 2 Meter 44 hoch. Wenn ich also auf halber Höhe, bei 1 Meter 22, eine waagerechte Linie ziehe, dann haben wir zwei Hälften. Eine oben, eine unten. Und jetzt kommt das Irre: 99 Prozent aller Bälle, die auf die obere Torhälfte zufliegen, gehen rein. Fast 100 Prozent!

Es ist aber auch ein Kunststück, hoch ins Eck zu schießen.

Sie müssen gar nicht in den Winkel zielen, das ist es ja! Man muss lediglich die obere Hälfte des Tors treffen, ganz egal wo. Und schon zappelt der Ball im Netz.

Verzeihung, in den oberen 1 Meter 22 befindet sich der Rumpf des Torwarts, sein Kopf, seine Hände. Er muss nur stehen bleiben ...

... und genau das tut keiner! Glauben Sie mir, ich habe Recht. Ich verstehe bis heute nicht, warum kein Trainer die Anweisung gibt, Elfmeter schlicht hoch reinzuschießen.

Sie haben in diesem Gespräch viele vermeintliche Gewissheiten zerschmettert. Doch auch Sie werden zugeben: Das schnelle, direkte Spiel nach vorne, das Jürgen Klinsmann fordert, ist der richtige Weg.

Meine Untersuchungen weisen in eine andere Richtung.

Wie bitte? Man sollte möglichst langsam spielen?

Das nun auch wieder nicht. Aber Angriffe über drei oder vier Stationen führen nachweislich seltener zum Torerfolg als solche über zehn, zwölf, 14 Stationen. Und Tempo ist ja kein Wert an sich: Unter Zeitdruck macht man mehr Fehler, als wenn man seine Aufgaben mit Bedacht erledigt. Das ist an jedem Arbeitsplatz so – auch auf dem Fußballfeld.

Wird Weltmeister, wer die Standardsituationen geschickt nutzt?

Das dürfte nicht reichen. Aus Standardsituationen – ich rechne dazu Eckbälle, Freistöße, Einwürfe, Abstöße und Elfmeter – resultieren nur 30 Prozent aller Tore. 20 Prozent fallen nach Flanken und 50 Prozent aus Pässen. Das Gros der Tore fällt also nach Kombinationsspiel.

Man sieht so gut wie keine einstudierten Freistoßtricks mehr. Jedes Team hat einen vermeintlichen Zauberer, der versucht, den Ball direkt über die Mauer zu ...

... weil man diese Traumtore Dutzende Male im Fernsehen sieht, meinen alle, wie um Gottes willen effektiv der direkt geschossene Freistoß ist. Dabei landen nur vier Prozent im Tor. Gut möglich, dass es sinnvoller wäre, eine Kombination einzustudieren.

Und wer wird nun Weltmeister?

Mein Tipp lautet England. Die haben eine phantastische Abwehr. Dazu Gerard, Lampard und Beckham im Mittelfeld – kaum ein anderer Spieler der Welt ist so schwer vom Ball zu trennen wie Beckham. Dazu mit Rooney und Owen zwei absolute Weltklassestürmer. Bei den Engländern gibt es in allen Mannschaftsteilen Stars, die eine Partie entscheiden können.

Im Vertrauen, spielt nicht auch der Zufall eine wichtige Rolle? „Seine heilige Majestät der Zufall besorgt gut drei Viertel dieses miserablen Universums“, schrieb Friedrich der Große 1773 in einem Brief an Voltaire.

Ein wunderschönes Zitat! Für meinen Fachbereich muss ich allerdings präzisieren: Es sind nicht ganz 75 Prozent. Aber circa die Hälfte aller Tore fallen nachweislich aufgrund zufälliger Faktoren: Der Schiedsrichter trifft eine Fehlentscheidung, ein Spieler schlägt über den Ball und dem nächsten hüpft er ans Knie und von dort ins Tor; bei einem Heimspiel des FC Arsenal rannte neulich ein Eichhörnchen über den Platz und irritierte die Spieler ...

Wenn man Andi Brehme glaubt, gilt aber zumindest das Gesetz der Serie: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Eine nicht uninteressante These. Mit dieser Frage habe ich mich bisher nicht beschäftigt.

http://www.tagesspiegel.de/sonntag/arch ... 572401.asp

Verfasst: Montag 26. Juni 2006, 13:44
von peeknockyo
der typ is der absolute vogel... der kennt fußball doch nur vom sehen

Verfasst: Montag 26. Juni 2006, 13:56
von Oeffinger
Joo, Fußball ist ja schließlich mehr als Summe irgendwelcher Statistiken und Berechnungen :!: