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Das moralische Oberhaupt stürzt vom Thron ?!?
Verfasst: Mittwoch 16. August 2006, 21:41
von JJ
Die Medienlandschaft diskutiert sehr ausschweifen und kontrovers die Offenbarung von Günther Grass, er sei Mitglied der Waffen SS gewesen.
Dieses Thema wollte ich auch hier aufgreifen, weil es zum einen eine Thematik ist, die äußerst interessant und geradezu ironisch ist.
Was meint Ihr denn so zu diesem Thema?
Anbei ein ganz guter Überblick-Artikel aus der FAZ
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE6496 ... ntent.html
Verfasst: Mittwoch 16. August 2006, 21:58
von Oeffinger
Ich find die Tatsache das er in der Waffen SS war nicht wirklich skandalös, da waren (vorallem am Ende des Krieges) viele drin, nicht nur überzeugt Nationalsozialisten. Aber ausgerechnet der "Erhobene Zeigefinger der Nation" (wie du so passend schreibst), gibt seine Mitgliedschaft in dieser Kampfgruppe erst über 60 (!!!) Jahre nach Kriegsende zu, muß schon sagen starkes Stück!!!!
Wenn ich nen Linker Grass-Fan wäre, wäre ich jetzt sehr enttäuscht. Da ich das aber nicht bin (

) find ich das Ganze irgenwie amüssant, was fürn verlogener Moralapostel

Verfasst: Mittwoch 16. August 2006, 22:12
von barneygumble
Oeffinger hat geschrieben:Ich find die Tatsache das er in der Waffen SS war nicht wirklich skandalös,..
...was fürn verlogener Moralapostel
Naja, dass er diesen Teil seiner eigenen Historie ausgeblendet hat, ist nicht unbedingt überraschend. Dass er nur für eine kurze Zeit in diesem Haufen gewesen ist und das noch in den jungen Jahren, mag als Entschuldigung dienen.
Verlogen ist er wohl nicht, er hat ja nie die Unwahrheit gesagt, oder?
Jedoch nun seine Ehrenbürgertümer und -schleifen, sowie seinen Nobelpreis zurückzufordern, ist wohl sehr stark übertrieben.
Seine Leistungen um die deutsche Aufklärung nach der NS-Zeit sind wohl unbestritten, und damit hat er sich verdient gemacht.
Am Ende des Krieges war wohl jeder der einigermaßen laufen konnte, oder auch nicht, in irgendeiner Heimatfront, Abteilung, Division, etc.
Er hätte ja ganz einfach eine Verweigerung schreiben können und das ganze zum Kreiswehrersatzamt schicken können. Vielleicht wäre seine Verweigerung ja durchgekommen.
Ich persönlich finde die Diskussion überflüssig, jedoch verstehe ich auch die jetzt aufgetauchten Kritiker. Allerdings müssen diese auch verstehen, dass selbst ein Noch-nicht-Nobelpreisträger seinem Land dienen muss.
Um nun sein Buch zu promoten, ist der Zeitpunkt mit der Tatsache herauszurücken, wohl optimal.
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 00:14
von Ralphonso
<=ruhm & ehre

Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 08:16
von McVillager
Walter Scheel, Karl Carstens und Kurt Georg Kiesinger waren auch Mitglied. Mitglied waren auch viele mehr. Nur trägt keiner automatisch Schuld als Mitglied, nur Täter sind schuldig. Und das ist der Unterschied zu Hans Filbinger. Oder Franz Schönhuber, der noch als alter Mann stolz auf seine "Einsätze" war. Da sind mir die Grass' und Heisigs lieber, die der Nachwelt wenigstens künstlerisch Lehren mit auf dem Weg geben.
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 08:24
von Martin
ist zwar nicht erfreulich, aber es macht kein sinn auf etwas ruckzureiten, was zur der damaligen zeit leider was "normales" war
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 09:50
von JJ
Ich finde es ja den absoluten Wahnsinn, dass Grass nach 60 Jahren (!) zugibt Mitglied der Waffen-SS zu sein.
Grunsätzlich ist es nicht die Tatsache, dass Grass in der SS war, nein es ist die Tatsache, dass ein Mann während seinem gesamten, öffentlichen Leben Menschen gerade wegen ihrer Vergangenheit in der NAZI Zeit auf das schärfse angegriffen und verurteilt hat.
Wie stark hat Grass Adenauer, Kisinger und nicht zuletzt Helmut Schmid angegriffen. Wie unverschämt hat er Helmut Kohl, damals als er mit Ronald Reagan den Kriegsfriedhof Bitburg besuchte, angegriffen weil dort ja deutsche Soldaten begraben lagen. Eine Unverschämtheit von Grass - liegen dort ja auch ehemalige SS Soldaten - sein Kameraden begraben.
Was hat sich Grass in die deutsche Politik eingemischt, auf Kundgebungen der SPD das moralische Korrektiv gespielt und das Verhalten der anderen Parteien aufs schärfste Verurteilt.
Anzumerken ist auch (nicht wertend, sondern einfach der Richtigkeit wegen), dass Grass als Jugendlicher ein begeisterter Nazi war. Schon frühzeitig hat er sich für die HJ gemeldet und wo andere versucht haben der Militärdienst zu entgehen, hat er sich freiwillig gemeldet.
Ich finde es eine Schande und eine regelgerechte Unverschämtheit, dass dieser Mann scheinheilig über Jahrzehnte hinweg Menschen angegriffen und verurteilt hat wegen einer Vergangenheit die er selbst mit gerade diesen teilt.
Wie stark hat er sich in die deutsche Aussenpolitik eingemischt (zumeist ganz klar parteipolitisch geprägt) immer mit dem Anspruch der moralische Richter zu sein.
Wie würde vielleicht sein Leben heute anders aussehen, hätte er in den 60er Jahren angemerkt, dass er in der Waffen-SS war anstatt es bis vor 2 Wochen zu verheimlichen.
Seine literarischen Leistungen sind unangetastet und die "Blechtrommel" bleibt die Blechtrommer ob er mit 18 in der SS war oder nicht, aber ich kritisiere ihn nicht als Literat sondern als Mensch der Politik der den Anspruch auf moralisches Korrektiv immer für sich beanspruchte.
Das Verhalten von Grass ist auf das höchste Maß unanständig und geradezu schandhaft.
Ich habe vor Grass jeglichen Respekt verloren (was bis vor kurzem ganz das Gegenteil war).
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 09:54
von JJ
Ach ja als Ökonom verstehe ich natürlich den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Grass´s SS-Vergangenheit:
Nicht treibt so sehr die Verkaufszahlen nach oben wie ein Skandal.

Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 12:37
von Überlinger
Wenn Grass sich nicht in der Vergangenheit mit Kritik an Politikern bezüglich ihres Umgangs mit der Nazizeit hervorgetan hätte, würde ich für das Ausmaß dieses Aufschreis keinerlei Verständnis.
Ich kann es auch überhaupt nicht nachvollziehen wieso er zu nationalsozialistischen Themen immer seinen kritisierenden Senf dazu geben musste. Sowas macht man doch nicht, wenn man damals selber da drin gesteckt ist.
Diesmal stehe ich ausnahmsweise auf der Seite der notorischen Nazi-Keule-Auspacker. Wenn Grass mit seinem Buch nicht noch ne Top-Quote hätte erreichen wollen, wäre es niemals ans Tageslicht gekommen und die überzogene Kritik z. B. zu Kohls Besuch auf nem Soldatenfriedhof (auf dem auch 49 SS-Männer liegen) wären auch im nachhinein ohne Hohn geblieben!

Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 13:25
von McVillager
Darf man als ehemaliger falsch Verführter denn seine Meinung nicht ändern? Muss dieser ehemaligte falsch Verführte dann sein Leben lang seine Klappe halten und sich nicht mehr äußern?
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 13:43
von Martin
McVillager hat geschrieben:Darf man als ehemaliger falsch Verführter denn seine Meinung nicht ändern? Muss dieser ehemaligte falsch Verführte dann sein Leben lang seine Klappe halten und sich nicht mehr äußern?
nein muss er nicht. aber hat leute in ziemlich forscher weise angegriffen und an den pranger gestellt für dinge, die er klammheimlich selber gemacht hat. ekelhaft sowas
Verfasst: Donnerstag 17. August 2006, 13:52
von JJ
McVillager hat geschrieben:Darf man als ehemaliger falsch Verführter denn seine Meinung nicht ändern? Muss dieser ehemaligte falsch Verführte dann sein Leben lang seine Klappe halten und sich nicht mehr äußern?
Das ist ja nicht das Problem!
Nur wenn ich über Jahrzehnte hinweg andere wegen Ihrer Nazi Vergangenheit kritisiere oder mich in die Politik generell in der Art und Weise einmische wie Grass es getan, immer mit dem Anspruch moralischer Unantastbarkeit und dann kommt auf einmal heraus, dass genau diese Person die mit Kritik anderer nie zurückgehalten hat selbst eine Vergangenheit mit diesen teilt, dann ist das wirklich eine bodenlose Unverschämtheit.
Grass wird nicht seinen Nobelpreis verlieren, sondern etwas viel wichtigeres: Sein Ansehen und den Respekt anderer vor seiner Person(!)
Meinen hat er bereits verloren....
Pfui Herr Grass !
Verfasst: Sonntag 20. August 2006, 14:29
von Heiko K.
Es ist schon eine unschöne Geschichte wenn man selbst als großer Mahner auftritt und dann nach so vielen Jahren plötzlich den Weg zur Wahrheit findet. Das jahrzehntelange Verschleiern ist im Endeffekt vielleicht schlimmer als die Sache selbst.
Die Waffen-SS hatte mehrere hunderttausend Mitglieder, die sich pünktlich zum Kriegsende fast alle in Luft auflösten. Möchte gar nicht wissen, wer da noch alles "beichten" könnte.