Warum Fußball-Profi Ariel Ortega, 29, seine Karriere beendet
Verfasst: Dienstag 11. November 2003, 18:46
Seelische Hölle
Womöglich ist er schon wieder in Jujuy, einer Provinz im Nordwesten Argentiniens, sie grenzt an Bolivien und Chile, ist Lima näher denn Buenos Aires. Vierzehn Jahre ist es her, dass er von dort fortzog, um bei River Plate vorzuspielen, 15 Jahre alt, und er wurde einer der besten Fußballer, die der Klub aus Buenos Aires in den vergangenen zehn Jahren hervorbrachte, Nationalspieler. Bei der WM 2002, seiner dritten, wurde er auserkoren, die Nummer 10 zu tragen, die Nummer Maradonas. Am Wochenende sagte Ariel Arnaldo Ortega, 29, dass er dorthin zurückkehre, nach Ledesma in Jujuy, im Wendekreises des Steinbocks: „Ich höre auf. Ich werde nie wieder Fußball spielen. Ich gehe nach Hause. Chau.“
Basta de todo hieß die Radiosendung, in der er sich offenbarte: Genug. Genug von allem. „Was soll ich denn machen?“, fragte er in den Äther. Sieben Monate ist es her, dass er letztmals an einem offiziellen Spiel teilnahm, mit der argentinischen Nationalmannschaft in Amsterdam gegen die Niederlande. Er kam aus Istanbul angereist, mit der festen Absicht, nie in die Türkei, wohl aber nach Argentinien zurückzukehren. Ungeachtet eines Kontrakts, den er im Juni des vergangenen Jahres unterschrieben hatte, der ihn bis 2006 an Fenerbahçe band – und der ihm ein Salär von angeblich acht Millionen Dollar garantierte.
Nun soll er Fenerbahçe elf Millionen Dollar (9,5 Millionen Euro) zahlen, als Sühne für seinen Vertragsbruch; andernfalls darf er nie wieder spielen. Der Fußball-Weltverband Fifa hat das so entschieden, das Internationale Sportgericht CAS in Lausanne verwarf vergangene Woche seinen Einspruch. „Woher soll ich das Geld nehmen, loco? Ich hab’s nicht, loco. Elf Millionen Dollar, das ist doch Wahnsinn!“
„Sie wollen dir Böses“
Ortega war schon früher einmal in Europa gewesen, in Valencia, bei Sampdoria Genua, in Parma. Nirgends länger als ein Jahr. Obwohl er so manches Mal zeigte, dass es kein Zufall war, dass er in seinem ersten WM-Spiel, 1994 in den USA, Diego Maradona ersetzen durfte, beim 4:0 gegen Griechenland. Er war schon damals einer dieser schrägen Vögel, die den Ball oft genug verlieren, aber „ohne Scham“, wie der argentinische Karikaturist und Autor Roberto Fontanarrosa schrieb. Einer von denen, die es immer wieder versuchen, mit Tunneln, Lupfern, undechiffrierbaren Finten. Daheim kosen sie ihn dafür, nennen ihn burrito: Eselchen. Im Exil traf er schon mal auf einen Werner Lorant, einst Trainer bei 1860 München. Der wollte ihn bei Fenerbahçe auf die Bank setzen; Ortega bockte. Eine Strafe von 25 000 Dollar sollte er deshalb zahlen, gehen musste schließlich Lorant. Auch in der Türkei wurde Ortega geliebt.
Er hielt es dort dennoch nicht aus, gemartert von der Erinnerung an das Estadio Monumental am Rio de la Plata und getrieben von der Liebe zu River Plate, wohin er auch jetzt zurückkehren wollte. Als Haim Revivo, der früher mal bei Celta de Vigo gespielt und dort Spanisch gelernt hatte, Anfang des Jahres seinen Vertrag bei Fenerbahçe kündigte, hatte Ortega niemanden mehr, mit dem er reden konnte. Die Türkei war „ökonomischer Himmel und seelische Hölle“, schrieb La Nación. „Nur meine Familie weiß, wie ich gelitten habe“, sagt Ortega. „Pass auf, sie wollen dir Böses“, soll ihm eine Person zugeraunt haben, die dem Präsidium Fenerbahçes nahe stand: Wenig später, in einem Trainingslager, aß er dasselbe wie die Kameraden – und lag als Einziger drei Tage mit Durchfall flach.
Hitze der Erregung
Was davon stimmt und was Legende ist – schwer zu sagen. Sicher ist nur: „Es war ein Fehler, in die Türkei zu gehen.“ Das aber war absehbar genug, als dass man den Fehler hätte begehen müssen. Einerseits. Denn andererseits: Trägt nur Ortega Schuld an seinem Karriereende? Oder haben nicht andere eifrig mitgewerkelt? Seine Berater beispielsweise, die ihn millionenschwerer Provisionen wegen weitervermitteln wollten? River Plate und AC Parma, die 4,5 und 2,5 Millionen Dollar Ablöse verbuchten? Misst die Fifa mit zweierlei Maß – denn hat sie jemals einen Club, einen Präsidenten zur Rechenschaft gezogen, weil Gehälter ausblieben? Und wäre es nicht auch für Fenerbahçe ein Leichtes gewesen, in Erfahrung zu bringen, dass Ortega nicht dazu ausersehen ist, fern der Heimat Fuß zu fassen?
15,5 Millionen Dollar habe man in Ortega investiert, argumentierte Fenerbahçe, es sei nur billig, den Argentinier in den Regress zu nehmen. Es habe ja niemand Ortega gezwungen, den Kontrakt zu unterzeichnen. Drei Millionen habe man ihm und seinen Beratern ausgehändigt, „ich habe nur Geld für die acht Monate gesehen, nicht eine Münze mehr“, beteuert Ortega. Mit einem Berater hat er sich überworfen; als er gefragt wurde, ob er sich bestohlen fühle, sagte Ortega: „Ich will niemanden in den Knast schicken.“ Der andere Manager sagt, dass Ortega in der Hitze der Erregung geredet habe, dass sein Entschluss vielleicht nicht endgültig sei. Doch Ortega beharrt darauf, dass er durchdacht und es ihm nicht leicht gefallen sei: „Fußball ist das einzige, was ich kann.“ Man riet ihm, vor ein Zivilgericht zu ziehen, doch er entgegnete, es leid zu sein, Anwälten Honorare zu zahlen. Nur dass er den Fußball satt hat, will niemand glauben. Und vielleicht ist er tatsächlich schon zurückgekehrt, auf die lehmigen Plätze von Jujuy, wo er lernte, Fußball zu spielen wie kaum ein Zweiter.
Javier Cáceres
http://www.sueddeutsche.de/sz/sport/red-artikel1477/
Womöglich ist er schon wieder in Jujuy, einer Provinz im Nordwesten Argentiniens, sie grenzt an Bolivien und Chile, ist Lima näher denn Buenos Aires. Vierzehn Jahre ist es her, dass er von dort fortzog, um bei River Plate vorzuspielen, 15 Jahre alt, und er wurde einer der besten Fußballer, die der Klub aus Buenos Aires in den vergangenen zehn Jahren hervorbrachte, Nationalspieler. Bei der WM 2002, seiner dritten, wurde er auserkoren, die Nummer 10 zu tragen, die Nummer Maradonas. Am Wochenende sagte Ariel Arnaldo Ortega, 29, dass er dorthin zurückkehre, nach Ledesma in Jujuy, im Wendekreises des Steinbocks: „Ich höre auf. Ich werde nie wieder Fußball spielen. Ich gehe nach Hause. Chau.“
Basta de todo hieß die Radiosendung, in der er sich offenbarte: Genug. Genug von allem. „Was soll ich denn machen?“, fragte er in den Äther. Sieben Monate ist es her, dass er letztmals an einem offiziellen Spiel teilnahm, mit der argentinischen Nationalmannschaft in Amsterdam gegen die Niederlande. Er kam aus Istanbul angereist, mit der festen Absicht, nie in die Türkei, wohl aber nach Argentinien zurückzukehren. Ungeachtet eines Kontrakts, den er im Juni des vergangenen Jahres unterschrieben hatte, der ihn bis 2006 an Fenerbahçe band – und der ihm ein Salär von angeblich acht Millionen Dollar garantierte.
Nun soll er Fenerbahçe elf Millionen Dollar (9,5 Millionen Euro) zahlen, als Sühne für seinen Vertragsbruch; andernfalls darf er nie wieder spielen. Der Fußball-Weltverband Fifa hat das so entschieden, das Internationale Sportgericht CAS in Lausanne verwarf vergangene Woche seinen Einspruch. „Woher soll ich das Geld nehmen, loco? Ich hab’s nicht, loco. Elf Millionen Dollar, das ist doch Wahnsinn!“
„Sie wollen dir Böses“
Ortega war schon früher einmal in Europa gewesen, in Valencia, bei Sampdoria Genua, in Parma. Nirgends länger als ein Jahr. Obwohl er so manches Mal zeigte, dass es kein Zufall war, dass er in seinem ersten WM-Spiel, 1994 in den USA, Diego Maradona ersetzen durfte, beim 4:0 gegen Griechenland. Er war schon damals einer dieser schrägen Vögel, die den Ball oft genug verlieren, aber „ohne Scham“, wie der argentinische Karikaturist und Autor Roberto Fontanarrosa schrieb. Einer von denen, die es immer wieder versuchen, mit Tunneln, Lupfern, undechiffrierbaren Finten. Daheim kosen sie ihn dafür, nennen ihn burrito: Eselchen. Im Exil traf er schon mal auf einen Werner Lorant, einst Trainer bei 1860 München. Der wollte ihn bei Fenerbahçe auf die Bank setzen; Ortega bockte. Eine Strafe von 25 000 Dollar sollte er deshalb zahlen, gehen musste schließlich Lorant. Auch in der Türkei wurde Ortega geliebt.
Er hielt es dort dennoch nicht aus, gemartert von der Erinnerung an das Estadio Monumental am Rio de la Plata und getrieben von der Liebe zu River Plate, wohin er auch jetzt zurückkehren wollte. Als Haim Revivo, der früher mal bei Celta de Vigo gespielt und dort Spanisch gelernt hatte, Anfang des Jahres seinen Vertrag bei Fenerbahçe kündigte, hatte Ortega niemanden mehr, mit dem er reden konnte. Die Türkei war „ökonomischer Himmel und seelische Hölle“, schrieb La Nación. „Nur meine Familie weiß, wie ich gelitten habe“, sagt Ortega. „Pass auf, sie wollen dir Böses“, soll ihm eine Person zugeraunt haben, die dem Präsidium Fenerbahçes nahe stand: Wenig später, in einem Trainingslager, aß er dasselbe wie die Kameraden – und lag als Einziger drei Tage mit Durchfall flach.
Hitze der Erregung
Was davon stimmt und was Legende ist – schwer zu sagen. Sicher ist nur: „Es war ein Fehler, in die Türkei zu gehen.“ Das aber war absehbar genug, als dass man den Fehler hätte begehen müssen. Einerseits. Denn andererseits: Trägt nur Ortega Schuld an seinem Karriereende? Oder haben nicht andere eifrig mitgewerkelt? Seine Berater beispielsweise, die ihn millionenschwerer Provisionen wegen weitervermitteln wollten? River Plate und AC Parma, die 4,5 und 2,5 Millionen Dollar Ablöse verbuchten? Misst die Fifa mit zweierlei Maß – denn hat sie jemals einen Club, einen Präsidenten zur Rechenschaft gezogen, weil Gehälter ausblieben? Und wäre es nicht auch für Fenerbahçe ein Leichtes gewesen, in Erfahrung zu bringen, dass Ortega nicht dazu ausersehen ist, fern der Heimat Fuß zu fassen?
15,5 Millionen Dollar habe man in Ortega investiert, argumentierte Fenerbahçe, es sei nur billig, den Argentinier in den Regress zu nehmen. Es habe ja niemand Ortega gezwungen, den Kontrakt zu unterzeichnen. Drei Millionen habe man ihm und seinen Beratern ausgehändigt, „ich habe nur Geld für die acht Monate gesehen, nicht eine Münze mehr“, beteuert Ortega. Mit einem Berater hat er sich überworfen; als er gefragt wurde, ob er sich bestohlen fühle, sagte Ortega: „Ich will niemanden in den Knast schicken.“ Der andere Manager sagt, dass Ortega in der Hitze der Erregung geredet habe, dass sein Entschluss vielleicht nicht endgültig sei. Doch Ortega beharrt darauf, dass er durchdacht und es ihm nicht leicht gefallen sei: „Fußball ist das einzige, was ich kann.“ Man riet ihm, vor ein Zivilgericht zu ziehen, doch er entgegnete, es leid zu sein, Anwälten Honorare zu zahlen. Nur dass er den Fußball satt hat, will niemand glauben. Und vielleicht ist er tatsächlich schon zurückgekehrt, auf die lehmigen Plätze von Jujuy, wo er lernte, Fußball zu spielen wie kaum ein Zweiter.
Javier Cáceres
http://www.sueddeutsche.de/sz/sport/red-artikel1477/