Psychologie zum Derby (in München speziell)
Verfasst: Mittwoch 19. November 2003, 17:39
„Der Selbstwert steigt“
Ein Derby ergibt viele Wahrheiten – Psychologe Frey erläutert
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität München. Nebenbei ist er auch Fußballfan und wendet wissenschaftliche Erkenntnisse gerne auf das Derby am Samstag an. Ein Gespräch über die verzerrte Wahrnehmung eines Fußballspiels auf den Zuschauerrängen.
SZ: Folgende Szene: Makaay stürmt in den Strafraum des TSV 1860. Es ist Derby, ausverkauft. Die Ränge sind klar strukturiert: hier die Roten, da die Blauen. Plötzlich kommt Makaay zu Fall …
Frey: Die einen schreien „Elfmeter“, die anderen „Schwalbe“. Eine interessante Konstellation, auch unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten.
SZ: Sie werden nicht nur schreien. Sie werden sich auch ganz sicher sein, selbst wenn die Szene gar nicht strittig ist.
Frey: Wahrnehmung ist immer gefiltert. Gesteuert durch Erwartungen und Interessen, aber auch durch Emotionen. In diesem Fall halten natürlich die Bayern-Anhänger einen Elfmeter für gerechtfertigt, während die Interessenlage der 1860-Fans eine andere Wahrnehmung bewirkt. Sie werden eine Mitschuld des Stürmers erkennen. Wahrheit ist immer abhängig von der Perspektive, aus der man etwas betrachtet. Wahrnehmung ist zudem ein mehrstufiger Prozess. Informationen werden selektiv aufgenommen, selektiv gespeichert und verarbeitet. Deshalb sind sich die Bayern-Fans hinterher sehr sicher, dass eine Situation elfmeterreif war – und die Sechziger, dass sie es nicht war.
SZ: Was passiert mit Zweifeln? Sind sie unterbewusst angelegt, auch in einem Fußball-Fan? Oder existieren sie in einem solchen Moment nicht?
Frey: Interessengeleitete Wahrnehmung – und darum handelt es sich beim Betrachten von Fußball – drängt Zweifel immer in den Hintergrund.
SZ: Der Fan ist mit seinem Urteil nicht alleine. Um ihn herum denken meist alle das Gleiche.
Frey: Es kommt zu einer kollektiven Interpretation. Die Gruppe wirkt verstärkend, bestätigend. Das ist natürlich angenehm. Häufig ist man ja deshalb Mitglied einer Fan-Gruppe: aus Sehnsucht nach Orientierung und Geborgenheit.
SZ: Das Urteil über Makaays Sturz entscheidet also auch über einen selbst?
Frey: Jeder Mensch hat eine private und eine soziale Identität. Beide sind wichtig für seinen Selbstwert. Ein extremer Fan kompensiert häufig Defizite in seiner privaten Identität, indem er seine soziale Identität ganz in den Mittelpunkt rückt. Er fragt sich: Wer bin ich? Und er antwortet: Ich bin 1860-Fan. Der eigene Selbstwert steigt, wenn 1860 gewinnt, er sinkt, wenn der Klub verliert.
SZ: Selbstwert, Orientierung, Geborgenheit, das alles kann man als 1860-Fan genau so finden wie als Bayern-Fan.
Frey: Die Art der Gruppierung ist sekundär. Die Zuwendung zu einem Objekt hängt maßgeblich davon ab, was die Umgebung gerade anbietet. Wenn es den FC Bayern nicht gäbe – wer weiß, vielleicht wären ja alle 1860-Fans.
SZ: Das werden jetzt einige heftig abstreiten.
Frey: Natürlich gibt es Rivalität. Irgendwann entscheiden Sie sich: für Sechzig oder für Bayern. Dann müssen Sie als erstes Ihr Umfeld strukturieren. Wer gehört zu mir und wer nicht? Wer ist Binnen- und wer ist Außengruppe? Die eigene Gruppe wird mit positiven Eigenschaften belegt, die gegnerische negativ gesehen. Wenn ich jetzt aber als Blauer feststelle, dass eigentlich immer die Roten gewinnen, dann komme ich in einen Gewissenskonflikt. Wie löse ich den? Indem ich sage: Die sind zwar besser – aber arrogant. Die eigenen Vorzüge werden herausgekehrt, auch wenn man in entscheidenden Dimensionen schlechter ist.
SZ: Dann sind die Attribute der Münchner Klubs gar keine Entscheidungsgründe, sich anfangs festzulegen, sondern Rechtfertigungen, nachdem man sich entschieden hat?
Frey: Natürlich werde ich nicht zufällig 1860- oder Bayern-Fan. Aber ist es eine bewusste intellektuelle Entscheidung? Vor allem ist es doch abhängig vom Umfeld. Zu wem halten Freunde, Arbeitskollegen, Familie? Aber wenn ich mich entschieden habe, werde ich mich ständig rechtfertigen müssen. Ein Arbeiterkind etwa weiß, dass es eigentlich nicht Bayernfan sein dürfte, wo doch 1860 der Arbeiterklub ist. Diese Dissonanz versucht es auszugleichen. Es wird sagen: Die Bayern sind gar nicht mehr arrogant, das war früher, außerdem spielen sie den schöneren Fußball.
SZ: Es gibt nur ein Dafür und ein Dagegen. Fördert das die Gewaltbereitschaft?
Frey: Ja. Die Außengruppe ist nicht nur anders, sondern auch schlechter. Bei Konflikten kann eine latente Diskriminierung in aktive Gewalt umschlagen. Bei zwei Vereinen in einer Stadt kann sich das verschärfen – wenn sich die Fans ständig begegnen. Dann ist es wie mit dem alltäglichen Neid. Was interessiert mich der Sportwagen, der mich auf der Autobahn überholt. Aber wehe, er steht beim Nachbarn vor der Tür.
Interview: Claudio Catuogno
http://www.sueddeutsche.de/sz/lokalspor ... rtikel511/
Ein Derby ergibt viele Wahrheiten – Psychologe Frey erläutert
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität München. Nebenbei ist er auch Fußballfan und wendet wissenschaftliche Erkenntnisse gerne auf das Derby am Samstag an. Ein Gespräch über die verzerrte Wahrnehmung eines Fußballspiels auf den Zuschauerrängen.
SZ: Folgende Szene: Makaay stürmt in den Strafraum des TSV 1860. Es ist Derby, ausverkauft. Die Ränge sind klar strukturiert: hier die Roten, da die Blauen. Plötzlich kommt Makaay zu Fall …
Frey: Die einen schreien „Elfmeter“, die anderen „Schwalbe“. Eine interessante Konstellation, auch unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten.
SZ: Sie werden nicht nur schreien. Sie werden sich auch ganz sicher sein, selbst wenn die Szene gar nicht strittig ist.
Frey: Wahrnehmung ist immer gefiltert. Gesteuert durch Erwartungen und Interessen, aber auch durch Emotionen. In diesem Fall halten natürlich die Bayern-Anhänger einen Elfmeter für gerechtfertigt, während die Interessenlage der 1860-Fans eine andere Wahrnehmung bewirkt. Sie werden eine Mitschuld des Stürmers erkennen. Wahrheit ist immer abhängig von der Perspektive, aus der man etwas betrachtet. Wahrnehmung ist zudem ein mehrstufiger Prozess. Informationen werden selektiv aufgenommen, selektiv gespeichert und verarbeitet. Deshalb sind sich die Bayern-Fans hinterher sehr sicher, dass eine Situation elfmeterreif war – und die Sechziger, dass sie es nicht war.
SZ: Was passiert mit Zweifeln? Sind sie unterbewusst angelegt, auch in einem Fußball-Fan? Oder existieren sie in einem solchen Moment nicht?
Frey: Interessengeleitete Wahrnehmung – und darum handelt es sich beim Betrachten von Fußball – drängt Zweifel immer in den Hintergrund.
SZ: Der Fan ist mit seinem Urteil nicht alleine. Um ihn herum denken meist alle das Gleiche.
Frey: Es kommt zu einer kollektiven Interpretation. Die Gruppe wirkt verstärkend, bestätigend. Das ist natürlich angenehm. Häufig ist man ja deshalb Mitglied einer Fan-Gruppe: aus Sehnsucht nach Orientierung und Geborgenheit.
SZ: Das Urteil über Makaays Sturz entscheidet also auch über einen selbst?
Frey: Jeder Mensch hat eine private und eine soziale Identität. Beide sind wichtig für seinen Selbstwert. Ein extremer Fan kompensiert häufig Defizite in seiner privaten Identität, indem er seine soziale Identität ganz in den Mittelpunkt rückt. Er fragt sich: Wer bin ich? Und er antwortet: Ich bin 1860-Fan. Der eigene Selbstwert steigt, wenn 1860 gewinnt, er sinkt, wenn der Klub verliert.
SZ: Selbstwert, Orientierung, Geborgenheit, das alles kann man als 1860-Fan genau so finden wie als Bayern-Fan.
Frey: Die Art der Gruppierung ist sekundär. Die Zuwendung zu einem Objekt hängt maßgeblich davon ab, was die Umgebung gerade anbietet. Wenn es den FC Bayern nicht gäbe – wer weiß, vielleicht wären ja alle 1860-Fans.
SZ: Das werden jetzt einige heftig abstreiten.
Frey: Natürlich gibt es Rivalität. Irgendwann entscheiden Sie sich: für Sechzig oder für Bayern. Dann müssen Sie als erstes Ihr Umfeld strukturieren. Wer gehört zu mir und wer nicht? Wer ist Binnen- und wer ist Außengruppe? Die eigene Gruppe wird mit positiven Eigenschaften belegt, die gegnerische negativ gesehen. Wenn ich jetzt aber als Blauer feststelle, dass eigentlich immer die Roten gewinnen, dann komme ich in einen Gewissenskonflikt. Wie löse ich den? Indem ich sage: Die sind zwar besser – aber arrogant. Die eigenen Vorzüge werden herausgekehrt, auch wenn man in entscheidenden Dimensionen schlechter ist.
SZ: Dann sind die Attribute der Münchner Klubs gar keine Entscheidungsgründe, sich anfangs festzulegen, sondern Rechtfertigungen, nachdem man sich entschieden hat?
Frey: Natürlich werde ich nicht zufällig 1860- oder Bayern-Fan. Aber ist es eine bewusste intellektuelle Entscheidung? Vor allem ist es doch abhängig vom Umfeld. Zu wem halten Freunde, Arbeitskollegen, Familie? Aber wenn ich mich entschieden habe, werde ich mich ständig rechtfertigen müssen. Ein Arbeiterkind etwa weiß, dass es eigentlich nicht Bayernfan sein dürfte, wo doch 1860 der Arbeiterklub ist. Diese Dissonanz versucht es auszugleichen. Es wird sagen: Die Bayern sind gar nicht mehr arrogant, das war früher, außerdem spielen sie den schöneren Fußball.
SZ: Es gibt nur ein Dafür und ein Dagegen. Fördert das die Gewaltbereitschaft?
Frey: Ja. Die Außengruppe ist nicht nur anders, sondern auch schlechter. Bei Konflikten kann eine latente Diskriminierung in aktive Gewalt umschlagen. Bei zwei Vereinen in einer Stadt kann sich das verschärfen – wenn sich die Fans ständig begegnen. Dann ist es wie mit dem alltäglichen Neid. Was interessiert mich der Sportwagen, der mich auf der Autobahn überholt. Aber wehe, er steht beim Nachbarn vor der Tür.
Interview: Claudio Catuogno
http://www.sueddeutsche.de/sz/lokalspor ... rtikel511/