„Unser Aufstieg war kein Selbstläufer“
Verfasst: Freitag 11. Mai 2007, 20:56
„Unser Aufstieg war kein Selbstläufer“
Trainer Ralf Rangnick über seine Hoffenheimer Mission, Schalke04 und seinen Ex-Klub SSV Reutlingen
HOFFENHEIM. Im Dezember 2005 beim Fußball-Bundesligisten FC Schalke04 entlassen, hat Trainer Ralf Rangnick vor dieser Saison den Regionalligisten TSG Hoffenheim übernommen – mit klarer Mission: Er soll die ehrgeizigen Pläne von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp umsetzen, Hoffenheim in die Erste Liga zu führen. Schritt eins ist geschafft: Die TSG, die am Samstag bei Rangnicks Ex-Klub SSV Reutlingen antritt, hat den Aufstieg in Liga zwei geschafft. Ihn habe dabei vor allem die Leistungssteigerung seines Teams beeindruckt, sagt Rangnick (48) im TAGBLATT-Interview.
Nach sattem Fehlstart frühzeitig doch in der Zweiten Fußball-Bundesliga angekommen: Trainer Ralf Rangnick, der die TSG Hoffenheim noch eine Klasse höher führen soll.
Bild: Ulmer
TAGBLATT: Herr Rangnick, was war das für ein Gefühl, als Sie am Samstag den Aufstieg perfekt gemacht haben – ein Erfolg, den viele als Selbstläufer abqualifiziert haben?
Ralf Rangnick: Intern wussten wir alle, dass es kein Selbstläufer werden würde. Erst neulich habe ich mir noch einmal die Tabelle nach vier Spielen angeschaut – da hatten wir nur zwei Punkte. Jetzt haben wir nach 30 Spieltagen 14 Punkte Vorsprung. Gegen Mannschaften wie die Stuttgarter Kickers haben wir in 26 Spielen 26 Punkte gut gemacht. Das zeigt, was wir geleistet haben. Für mich war das nun keine Befreiung, aber wie jeder Aufstieg ist es ein tolles Gefühl. Das Besondere jetzt war allerdings die Leistungsentwicklung in den vergangenen neun Monaten, das habe ich früher bei den Meisterschaften mit SSV Ulm und Hannover96 so nicht erlebt. Aber ich hatte auch noch nie so einen professionellen Stab zur Verfügung.
Hat es sie geärgert, dass Ingolstadts Trainer Jürgen Press gespottet hat, mit einer Mannschaft wie Hoffenheim hätte jeder Verbandsliga-Trainer besser abgeschnitten?
Nein. Wenn ein Trainer so destruktiv spielen lässt wie Press, darf er sich kein Urteil über andere erlauben. Wer außerdem so viel Geld wie Ingolstadt investieren kann, sollte sich eher zurückhaltend äußern.
Der SSV Reutlingen hat Interesse, Denis Lapaczinski aus Hoffenheim zurückzuholen. Planen Sie noch mit ihm für nächste Saison?
Sein Vertrag für die Erste Mannschaft wird nicht verlängert. Wir würden ihn aber gerne als Führungsspieler für unsere Zweite halten – mit der Perspektive Erste Mannschaft, wenn er wieder fit ist.
Wie sieht die weitere Planung bei der TSG Hoffenheim aus?
Wir würden gerne in zwei, drei Jahren an der Ersten Liga anklopfen. In zwei Jahren ist unser neues Stadion mit 30000 Zuschauern fertig. In zwei Wochen ist der Spatenstich für unser neues Trainingsgelände, das führend in Deutschland sein wird. Wir werden für nächste Saison Veränderungen vornehmen und suchen vorzugsweise junge deutsche Spieler zwischen 18 und 22 Jahren - große Talente, die sich mit dem Verein Richtung Erste Liga entwickeln können.
Dietmar Hopp hat für sein außergewöhnliches Projekt Sie als Projektleiter ausgewählt. Sind Sie froh, dass Sie nun mit dem Aufstieg dieses Vertrauen schon mal gerechtfertig haben?
Die Entwicklung der letzten Monate zeigt, dass wir dieses Vertrauen gerechtfertigt haben, ja. Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht – aber auch nicht viel falsch. Hopps Konzept hat mich überzeugt, deshalb bin ich nach Champions League mit Schalke noch mal zu den Wurzeln zurück.
Das war nicht immer einfach, vor allem bei Auswärtsspielen sind wir in der Regionalliga oft angefeindet worden. Der Druck, uns in der Zweiten Liga zu halten, wird zwar auch groß, aber wir sind nicht mehr ständig der klare Favorit. Wenn wir in den nächsten drei Jahren in die Erste Liga aufsteigen würden, wäre das fantastisch.
Der SSV Reutlingen zittert noch um den Verbleib in der Regionalliga. Haben Sie für ihren ehemaligen Klub nicht ein paar Punkte übrig?
(lacht) Wer uns und unsere Einstellung kennt, weiß, dass so was nicht in Frage kommt. Bei uns ist der große Druck jetzt weg. Aber Schützenhilfe kann niemand ernsthaft von uns erwarten. Wir haben die Möglichkeit, frei aufzuspielen, das ist sehr komfortabel.
Gut, gehen wir also von einem Hoffenheimer Sieg aus. Hält sich der SSV dann trotzdem in der Regionalliga?
Ja, da bin ich mir sicher! Die Mannschaft hat einen zu hohen Zusammenhalt und ist zu gut ausgebildet, um abzusteigen. Aber gerettet ist Reutlingen noch nicht – das gilt aber auch für die Stuttgarter Kickers und vor allem für die beiden Zweitliga-Absteiger SF Siegen und Saarbrücken.
Während Sie mit Hoffenheim in die Zweite Liga aufsteigen, spielt Schalke04 um die Deutsche Meisterschaft. Tut das weh?
Die Trauerphase habe ich längst abgeschlossen, sonst hätte ich nicht in Hoffenheim angefangen. Die Trauer hat aber schon mehrere Wochen gedauert. Meine Entlassung hatte ja nichts mit sportlichen Gründen zu tun, sondern mit der Unruhe aus dem Umfeld. Das hatte schon vorher immer ein besseres Abschneiden verhindert. Diese Probleme gibt es jetzt nicht mehr.
Was möglich ist, wenn sich Trainer und Manager gut verstehen und den Rückhalt des Vorstands haben, zeigt ja derzeit auch der VfB Stuttgart. Die grundsätzliche Arbeit in Schalke, die jetzt mein langjähriger Co-Trainer Mirko Slomka fortführt, hat sich ja nicht verändert. Ich würde mich freuen, wenn Schalke den Titel holt. Schließlich habe ich Spieler wie Kevin Kuranyi, Halil Altintop, Rafinha, Sören Larsen oder Manuel Neuer in diese Mannschaft geholt.
Fragen von Thomas de Marco
Trainer Ralf Rangnick über seine Hoffenheimer Mission, Schalke04 und seinen Ex-Klub SSV Reutlingen
HOFFENHEIM. Im Dezember 2005 beim Fußball-Bundesligisten FC Schalke04 entlassen, hat Trainer Ralf Rangnick vor dieser Saison den Regionalligisten TSG Hoffenheim übernommen – mit klarer Mission: Er soll die ehrgeizigen Pläne von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp umsetzen, Hoffenheim in die Erste Liga zu führen. Schritt eins ist geschafft: Die TSG, die am Samstag bei Rangnicks Ex-Klub SSV Reutlingen antritt, hat den Aufstieg in Liga zwei geschafft. Ihn habe dabei vor allem die Leistungssteigerung seines Teams beeindruckt, sagt Rangnick (48) im TAGBLATT-Interview.
Nach sattem Fehlstart frühzeitig doch in der Zweiten Fußball-Bundesliga angekommen: Trainer Ralf Rangnick, der die TSG Hoffenheim noch eine Klasse höher führen soll.
Bild: Ulmer
TAGBLATT: Herr Rangnick, was war das für ein Gefühl, als Sie am Samstag den Aufstieg perfekt gemacht haben – ein Erfolg, den viele als Selbstläufer abqualifiziert haben?
Ralf Rangnick: Intern wussten wir alle, dass es kein Selbstläufer werden würde. Erst neulich habe ich mir noch einmal die Tabelle nach vier Spielen angeschaut – da hatten wir nur zwei Punkte. Jetzt haben wir nach 30 Spieltagen 14 Punkte Vorsprung. Gegen Mannschaften wie die Stuttgarter Kickers haben wir in 26 Spielen 26 Punkte gut gemacht. Das zeigt, was wir geleistet haben. Für mich war das nun keine Befreiung, aber wie jeder Aufstieg ist es ein tolles Gefühl. Das Besondere jetzt war allerdings die Leistungsentwicklung in den vergangenen neun Monaten, das habe ich früher bei den Meisterschaften mit SSV Ulm und Hannover96 so nicht erlebt. Aber ich hatte auch noch nie so einen professionellen Stab zur Verfügung.
Hat es sie geärgert, dass Ingolstadts Trainer Jürgen Press gespottet hat, mit einer Mannschaft wie Hoffenheim hätte jeder Verbandsliga-Trainer besser abgeschnitten?
Nein. Wenn ein Trainer so destruktiv spielen lässt wie Press, darf er sich kein Urteil über andere erlauben. Wer außerdem so viel Geld wie Ingolstadt investieren kann, sollte sich eher zurückhaltend äußern.
Der SSV Reutlingen hat Interesse, Denis Lapaczinski aus Hoffenheim zurückzuholen. Planen Sie noch mit ihm für nächste Saison?
Sein Vertrag für die Erste Mannschaft wird nicht verlängert. Wir würden ihn aber gerne als Führungsspieler für unsere Zweite halten – mit der Perspektive Erste Mannschaft, wenn er wieder fit ist.
Wie sieht die weitere Planung bei der TSG Hoffenheim aus?
Wir würden gerne in zwei, drei Jahren an der Ersten Liga anklopfen. In zwei Jahren ist unser neues Stadion mit 30000 Zuschauern fertig. In zwei Wochen ist der Spatenstich für unser neues Trainingsgelände, das führend in Deutschland sein wird. Wir werden für nächste Saison Veränderungen vornehmen und suchen vorzugsweise junge deutsche Spieler zwischen 18 und 22 Jahren - große Talente, die sich mit dem Verein Richtung Erste Liga entwickeln können.
Dietmar Hopp hat für sein außergewöhnliches Projekt Sie als Projektleiter ausgewählt. Sind Sie froh, dass Sie nun mit dem Aufstieg dieses Vertrauen schon mal gerechtfertig haben?
Die Entwicklung der letzten Monate zeigt, dass wir dieses Vertrauen gerechtfertigt haben, ja. Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht – aber auch nicht viel falsch. Hopps Konzept hat mich überzeugt, deshalb bin ich nach Champions League mit Schalke noch mal zu den Wurzeln zurück.
Das war nicht immer einfach, vor allem bei Auswärtsspielen sind wir in der Regionalliga oft angefeindet worden. Der Druck, uns in der Zweiten Liga zu halten, wird zwar auch groß, aber wir sind nicht mehr ständig der klare Favorit. Wenn wir in den nächsten drei Jahren in die Erste Liga aufsteigen würden, wäre das fantastisch.
Der SSV Reutlingen zittert noch um den Verbleib in der Regionalliga. Haben Sie für ihren ehemaligen Klub nicht ein paar Punkte übrig?
(lacht) Wer uns und unsere Einstellung kennt, weiß, dass so was nicht in Frage kommt. Bei uns ist der große Druck jetzt weg. Aber Schützenhilfe kann niemand ernsthaft von uns erwarten. Wir haben die Möglichkeit, frei aufzuspielen, das ist sehr komfortabel.
Gut, gehen wir also von einem Hoffenheimer Sieg aus. Hält sich der SSV dann trotzdem in der Regionalliga?
Ja, da bin ich mir sicher! Die Mannschaft hat einen zu hohen Zusammenhalt und ist zu gut ausgebildet, um abzusteigen. Aber gerettet ist Reutlingen noch nicht – das gilt aber auch für die Stuttgarter Kickers und vor allem für die beiden Zweitliga-Absteiger SF Siegen und Saarbrücken.
Während Sie mit Hoffenheim in die Zweite Liga aufsteigen, spielt Schalke04 um die Deutsche Meisterschaft. Tut das weh?
Die Trauerphase habe ich längst abgeschlossen, sonst hätte ich nicht in Hoffenheim angefangen. Die Trauer hat aber schon mehrere Wochen gedauert. Meine Entlassung hatte ja nichts mit sportlichen Gründen zu tun, sondern mit der Unruhe aus dem Umfeld. Das hatte schon vorher immer ein besseres Abschneiden verhindert. Diese Probleme gibt es jetzt nicht mehr.
Was möglich ist, wenn sich Trainer und Manager gut verstehen und den Rückhalt des Vorstands haben, zeigt ja derzeit auch der VfB Stuttgart. Die grundsätzliche Arbeit in Schalke, die jetzt mein langjähriger Co-Trainer Mirko Slomka fortführt, hat sich ja nicht verändert. Ich würde mich freuen, wenn Schalke den Titel holt. Schließlich habe ich Spieler wie Kevin Kuranyi, Halil Altintop, Rafinha, Sören Larsen oder Manuel Neuer in diese Mannschaft geholt.
Fragen von Thomas de Marco