Interessantes Interview mit Sebastian Deisler
Verfasst: Donnerstag 11. Dezember 2003, 09:01
Wer hat das Recht, mein Leben auseinander zu
nehmen?“
Sebastian Deisler redet über Depressionen, widerspricht
Sekten-Gerüchten und erwartet vom FC Bayern eine
Entschuldigung
Herr Deisler, es heißt, Sie leiden an einer Depression. Können Sie
das annehmen?
Depression ist ein hässliches Wort. Ich möchte das nicht mehr
verdrängen. Ich weiß, dass ich Depressionen habe. Ich leide unter
einer Krankheit.
Diese Erkenntnis kann auch etwas Beruhigendes haben. Es ist
nichts vom Himmel gefallen, Sie sind nicht verhext worden. Eine
Krankheit kann man heilen.
Ja, aber dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen, und das ist
zurzeit überhaupt nicht der Fall. Ich bin vor vier Wochen in die Klinik
gekommen, um mich auszuruhen. Wie soll ich mich erholen bei dem
ganzen Theater, das da in den letzten Tagen veranstaltet wird? Ich
kriege ja nicht alles mit, was da draußen los ist, ich lese ja auch nicht
alle Zeitungen. Aber das, was ich mitbekomme, das reicht mir schon.
Seit Sie im Münchner Max-Planck-Institut behandelt werden, gibt es
die wildesten Spekulationen. Angeblich werden Sie von vier
geheimnisvollen Freunden von der Außenwelt abgeschirmt. Der
Verein, die Familie, die Presse, keiner kommt an Sie heran.
Ich kenne meine Freunde, manche länger, manche kürzer. Ich bin mit
ihnen durch dick und dünn gegangen, sie haben mir bei allen Sachen
geholfen, ohne sie hätte ich nicht mehr Fußball spielen können. Sie
waren diejenigen, die mir richtig Kraft gegeben haben. Dass sie jetzt so
in der Presse durch den Schmutz gezogen werden, das kann ich nicht
zulassen. Und das werde ich auch nicht zulassen. Wie alle Menschen
haben meine Freunde und ich ein Recht auf Privatsphäre. Wer hat das
Recht, mir nachzuspionieren, wer meine Freunde sind? Wer hat das
Recht, in aller Öffentlichkeit mein Privatleben auseinander zu nehmen?
Sie sprechen viel vom Leid Ihrer Freunde und wenig von Ihrem
eigenen.
Es geht ihnen ja auch nicht gut. Es sind Leute, die nichts mit dem
Fußball zu tun haben, was mir sehr wichtig war, nach der Scheckaffäre
in Berlin…
… als das Faksimile eines Überweisungsträgers über 20 Millionen
Mark auf der Titelseite der Bild-Zeitung abgebildet war und damit Ihr
Wechsel zum FC Bayern bekannt wurde…
…habe ich mich von allen zurückgezogen. Ich habe niemandem mehr
vertrauen können. Das hat mir den Boden unter den Füßen
weggezogen. Man hat mich nackt ausgezogen. Ich war drei Tage
hintereinander auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Ich war ganz unten. In
dieser Phase habe ich meine jetzigen Freunde kennen gelernt. Ich
habe diese Leute nicht in die Öffentlichkeit gebracht, um sie zu
schützen. Sie haben mir die Kraft gegeben, die ich gebraucht habe.
Das war das einzige Stückchen Privatsphäre, das ich noch hatte. Das
versucht man mir jetzt wegzunehmen, und das kann ich nicht zulassen.
In all den Berichten über Sie in den vergangenen Tagen schwingt
immer die Befürchtung mit, Ihre Freunde hätten Sie unter Kontrolle
und nutzen Sie aus, es herrsche ein Abhängigkeitsverhältnis wie in
einer Sekte.
Und welche Beweise gibt es dafür? Dass ich mich für Buddhismus
interessiere und mich mit dem Dalai-Lama auseinander setze? Der
Buddhismus ist eine Weltreligion, und der Dalai-Lama ist als
Oberhaupt immerhin Friedensnobelpreisträger. Oder dass ich Yoga
mache? Das stimmt, ich mache Yoga, wie übrigens auch meine
Münchner Kollegen Oliver Kahn oder Bixente Lizarazu und viele andere
berühmte Persönlichkeiten. Sind die deswegen gleich in einer Sekte?
Nein, der Stress, dem wir jeden Tag in der Öffentlichkeit ausgesetzt
sind, den kann sich ein Normalmensch doch gar nicht vorstellen.
Meine gesundheitliche Situation ist ja nicht zufällig entstanden.
Solange ich in Behandlung bin, helfen mir meine Freunde. Sie wissen
ja, dass ich mich vor ein paar Monaten von Jörg Neubauer getrennt
habe. Ich wollte einfach keinen Spielerberater mehr an meiner Seite
haben. Seitdem habe ich einige Sachen offen. Jetzt, da es mir schlecht
geht, kann ich mich darum nicht kümmern, und deswegen habe ich
meine Freunde gerufen, damit sie mir helfen. Sobald es mir besser
geht und andere Leute gefunden sind, werden sie wieder gehen. Sie
haben ihr Privatleben zurückgestellt, um mir zu helfen. Und jetzt werden
sie dargestellt wie Verbrecher.
Einer Ihrer Freunde soll Vollmacht über Ihre Konten besitzen.
Noch mal, zum mitschreiben: Das ist mein P-r-i-v-a-t-l-e-b-e-n. Wem
ich meine Sachen anvertraue, geht niemanden etwas an. Aber wenn
Sie wirtschaftliche Dinge ansprechen: Ich habe tausendprozentiges
Vertrauen zu der benannten Person. Es kommt doch immer darauf an,
was in der Zeit der Freundschaft passiert ist und wie sich was
entwickelt hat. Meine Freunde haben zu mir gestanden, als alles den
Bach runterging. Das habe ich auch Uli Hoeneß erzählt…
… dem Manager vom FC Bayern München…
… wir hatten ein sehr gutes Gespräch, und er hat mir zugesichert, dass
alle Sachen in der Öffentlichkeit klargestellt werden. Ich lasse mir
meine Freunde nicht schlecht machen. Angeblich haben die Bayern
behauptet, ich lasse mich von falschen Freunden leiten. Ich kann im
Augenblick nicht zuordnen, von wem diese Behauptung stammt. Aber
sie muss auf jeden Fall zurückgenommen werden.
Uli Hoeneß wird in den Münchner Zeitungen mit der Bemerkung
zitiert, er werde alles tun, um Ihre falschen Freunde auszusortieren.
Ich tue mich noch immer schwer damit zu glauben, dass er das
wirklich gesagt hat.
Ihr Verhältnis zum FC Bayern scheint gespannt zu sein.
Das liegt an der Behandlung meiner Freunde. Sie sind völlig fertig nach
all dem, was sie in den Zeitungen über sich lesen mussten. Dafür
müssen sie in der Öffentlichkeit rehabilitiert werden, mit einer
Entschuldigung.
Von wem soll diese Entschuldigung kommen?
Vom FC Bayern.
Sie vermuten Ihren Arbeitgeber hinter all dem Ärger?
Es ist zumindest bekannt, dass auch Privatdetektive eingesetzt wurden.
Das ist bekannt?
Meine Schwester hat mir erzählt, dass der Trainer…
…Ottmar Hitzfeld…
…meinem Vater am Telefon erzählt haben soll, der Verein hätte
Privatdetektive auf meine Freunde angesetzt.
Im Auftrage des FC Bayern?
So ist es rübergekommen. Ich bitte darum, dass das zurückgenommen
wird. Das haben meine Freunde nicht verdient. Nur weil sie mir in der
Not geholfen haben? Nur weil sie nichts mit der Welt des Fußballs zu
tun haben? Nur weil ich mir ein kleines Stück Privatsphäre erhalten
wollte? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte das
Vertrauensverhältnis zum FC Bayern unbedingt wiederherstellen. Aber
das geht nur, wenn alles geklärt ist. Ich verstehe Uli Hoeneß. Denn der
Verein hat eine Fürsorgepflicht für die Spieler, also auch für mich. Aber
meine Freunde hatten sich ihm von Anfang an vorgestellt, warum hat er
nicht mit ihnen dann weiter gesprochen? Das verstehe ich nicht.
Glauben Sie wirklich, dass der FC Bayern dazu bereit ist? Immerhin
sollen Ihre Freunde versucht haben, Sie zur Therapie aus München
nach Berlin zu holen. Der FC Bayern, heißt es, habe das verhindert.
Das stimmt nicht. Das Gegenteil ist richtig. Meine Freunde waren
diejenigen, die mich in die Klinik gebracht haben. Ich wollte nach
Berlin, und sie haben mich davon abgehalten.
Warum darf zurzeit außer Ihren Freunden niemand zu Ihnen?
Diese Reaktion gehört zum Krankheitsbild. Ich will jetzt nicht groß über
meine Depressionen reden, das sollen die Ärzte tun. Aber es ist nun
mal so, dass ich einen gewissen Abstand zu allem brauche.
Ist die Begrenzung Ihrer Kontaktpersonen eine Empfehlung der
Ärzte?
Nein, das ist allein meine Entscheidung. Ich brauche einfach Zeit und
Abstand zum Fußball. Und zu den Personen, die mit dem Fußball zu
tun haben.
So defensiv Sie mit der Öffentlichkeit umgehen, so offensiv tut das
Ihr Verein. Der FC Bayern hat Ihre Krankheit als großes
Medienereignis inszeniert, mit einer Pressekonferenz, die live im
Fernsehen übertragen wurde.
Das war hundertprozentig in meinem Sinne. Und es trifft auch zu, dass
ich Uli Hoeneß angerufen und um Hilfe gebeten habe. Ich konnte nicht
mehr.
Erst hieß es ja, Sie hätten eine Grippe.
Dieses Versteckspiel hatte ich irgendwann satt. Ich wollte die Wahrheit
sagen. Ich bin zufrieden mit dieser Entscheidung, so schwierig die
Situation zurzeit auch ist.
In welchem Zeitrahmen denken Sie über Ihre Zukunft nach?
Es gibt keine Termine, ich setze mich nicht mehr unter Druck. Das
habe ich in den letzten Wochen gelernt. Ich war immer unter Druck, erst
in den Jugendnationalmannschaften, da musste ich sogar in höheren
Jahrgängen spielen. Dann der frühe Wechsel nach
Mönchengladbach…
…mit 15 Jahren ganz allein von zu Hause weg…
…da habe ich den Sprung in die Bundesligamannschaft geschafft und
war auf einmal der Mann, auf den alle in Mönchengladbach gehofft
haben. Mit 18 Jahren! Dann kam der Wechsel nach Berlin, und ich
dachte, es würde ein wenig ruhiger werden, dass ich mich in der
großen Stadt hinter jemandem verstecken kann. Aber es wurde noch
viel schlimmer. Auf einmal habe ich in der Nationalmannschaft
gespielt, auf der zentralen Position, noch früher als im Verein. Plötzlich
war ich der Hoffnungsträger eines ganzen Landes. Dann kam die
Sache mit dem Scheck, der Wechsel zu den Bayern – der Druck wurde
mit jedem Tag größer. So sah mein Leben aus: Ich habe immer wieder
Sachen verdrängt, ich hatte immer das Gefühl, man braucht mich, da
habe ich alles andere beiseite geschoben. So konnte es nicht
weitergehen, und so darf es in Zukunft nicht mehr sein.
Aber der Druck wird wiederkommen, wenn Sie wieder spielen.
Nein, das glaube ich nicht. Es ist auch unerheblich, denn dieser
Zeitpunkt ist noch weit weg. Erst einmal muss ich gesund werden. Aber
alles, was zurzeit passiert, trägt eher zum Gegenteil bei. Meine Frau
und ich, wir bekommen in ein paar Wochen ein Baby. Können Sie sich
vorstellen, was das für eine Situation ist? Es geht hier um Menschen!
Geht es Ihnen schlechter als zum Beginn der Therapie?
Nein, so würde ich es nicht sagen. Es ist schon besser geworden. Ich
spreche oft mit Professor Holsboer…
…dem Leiter des Max-Planck-Instituts…
…und ich fühle mich bei den Ärzten sehr gut aufgehoben. Zu den
anderen Patienten habe ich keinen Kontakt. In der Klinik habe ich ein
Einzelzimmer und durchaus meine Freiheiten, ich bin da nicht
eingesperrt. Ich kann auch mal, wie jetzt für dieses Gespräch, nach
Hause in meine Wohnung fahren.
Wie schlägt die Therapie an?
Das kann nur der Professor beurteilen. Aber Sie können davon
ausgehen, dass die Fortschritte, die ich in der ersten, unbehelligten
Zeit erzielt habe, sehr gelitten haben unter den Ereignissen der letzten
Tage.
Sie sind nicht der einzige Fußballer, der an Depressionen leidet.
Haben Sie mal daran gedacht, sich einem Mitspieler zu öffnen?
Nein, dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin nun mal etwas verschlossener.
Ein anderer hätte bei der Scheck-Affäre vielleicht gesagt: na und? Für
mich ist die Welt untergegangen. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür
entschuldigen muss.
Die Bayern haben vor dieser Saison den Druck auf Sie erhöht.
Manager Hoeneß hat gesagt: Die Schonzeit ist abgelaufen.
Das verstehe ich. In dieser Hinsicht mache ich den Bayern keine
Vorwürfe. Das war einfach mein Schicksal.
Der Zusammenbruch kam ausgerechnet zwei Wochen nach dem
Bundesligaspiel gegen Kaiserslautern, Ihrem vielleicht besten für die
Bayern. Sie haben zwei Tore geschossen, und ganz Deutschland
glaubte, Sebastian Deisler habe wieder seine Topform erreicht.
Auch darüber habe ich mit dem Professor gesprochen. Er sagt, es ist
ganz typisch, dass der Zusammenbruch kommt, wenn man denkt,
dass man über den Berg ist.
War das der Augenblick, an dem Sie wussten: Es geht nicht mehr!
Einen konkreten Augenblick gab es nicht. Es hatte sich einfach so viel
aufgestaut, mit den vielen Verletzungen und der Scheckaffäre, ich hatte
so viel zu verarbeiten. Es ging einfach nicht mehr.
Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.
http://www.tagesspiegel.de/sport/index. ... 12.asp#art
nehmen?“
Sebastian Deisler redet über Depressionen, widerspricht
Sekten-Gerüchten und erwartet vom FC Bayern eine
Entschuldigung
Herr Deisler, es heißt, Sie leiden an einer Depression. Können Sie
das annehmen?
Depression ist ein hässliches Wort. Ich möchte das nicht mehr
verdrängen. Ich weiß, dass ich Depressionen habe. Ich leide unter
einer Krankheit.
Diese Erkenntnis kann auch etwas Beruhigendes haben. Es ist
nichts vom Himmel gefallen, Sie sind nicht verhext worden. Eine
Krankheit kann man heilen.
Ja, aber dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen, und das ist
zurzeit überhaupt nicht der Fall. Ich bin vor vier Wochen in die Klinik
gekommen, um mich auszuruhen. Wie soll ich mich erholen bei dem
ganzen Theater, das da in den letzten Tagen veranstaltet wird? Ich
kriege ja nicht alles mit, was da draußen los ist, ich lese ja auch nicht
alle Zeitungen. Aber das, was ich mitbekomme, das reicht mir schon.
Seit Sie im Münchner Max-Planck-Institut behandelt werden, gibt es
die wildesten Spekulationen. Angeblich werden Sie von vier
geheimnisvollen Freunden von der Außenwelt abgeschirmt. Der
Verein, die Familie, die Presse, keiner kommt an Sie heran.
Ich kenne meine Freunde, manche länger, manche kürzer. Ich bin mit
ihnen durch dick und dünn gegangen, sie haben mir bei allen Sachen
geholfen, ohne sie hätte ich nicht mehr Fußball spielen können. Sie
waren diejenigen, die mir richtig Kraft gegeben haben. Dass sie jetzt so
in der Presse durch den Schmutz gezogen werden, das kann ich nicht
zulassen. Und das werde ich auch nicht zulassen. Wie alle Menschen
haben meine Freunde und ich ein Recht auf Privatsphäre. Wer hat das
Recht, mir nachzuspionieren, wer meine Freunde sind? Wer hat das
Recht, in aller Öffentlichkeit mein Privatleben auseinander zu nehmen?
Sie sprechen viel vom Leid Ihrer Freunde und wenig von Ihrem
eigenen.
Es geht ihnen ja auch nicht gut. Es sind Leute, die nichts mit dem
Fußball zu tun haben, was mir sehr wichtig war, nach der Scheckaffäre
in Berlin…
… als das Faksimile eines Überweisungsträgers über 20 Millionen
Mark auf der Titelseite der Bild-Zeitung abgebildet war und damit Ihr
Wechsel zum FC Bayern bekannt wurde…
…habe ich mich von allen zurückgezogen. Ich habe niemandem mehr
vertrauen können. Das hat mir den Boden unter den Füßen
weggezogen. Man hat mich nackt ausgezogen. Ich war drei Tage
hintereinander auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Ich war ganz unten. In
dieser Phase habe ich meine jetzigen Freunde kennen gelernt. Ich
habe diese Leute nicht in die Öffentlichkeit gebracht, um sie zu
schützen. Sie haben mir die Kraft gegeben, die ich gebraucht habe.
Das war das einzige Stückchen Privatsphäre, das ich noch hatte. Das
versucht man mir jetzt wegzunehmen, und das kann ich nicht zulassen.
In all den Berichten über Sie in den vergangenen Tagen schwingt
immer die Befürchtung mit, Ihre Freunde hätten Sie unter Kontrolle
und nutzen Sie aus, es herrsche ein Abhängigkeitsverhältnis wie in
einer Sekte.
Und welche Beweise gibt es dafür? Dass ich mich für Buddhismus
interessiere und mich mit dem Dalai-Lama auseinander setze? Der
Buddhismus ist eine Weltreligion, und der Dalai-Lama ist als
Oberhaupt immerhin Friedensnobelpreisträger. Oder dass ich Yoga
mache? Das stimmt, ich mache Yoga, wie übrigens auch meine
Münchner Kollegen Oliver Kahn oder Bixente Lizarazu und viele andere
berühmte Persönlichkeiten. Sind die deswegen gleich in einer Sekte?
Nein, der Stress, dem wir jeden Tag in der Öffentlichkeit ausgesetzt
sind, den kann sich ein Normalmensch doch gar nicht vorstellen.
Meine gesundheitliche Situation ist ja nicht zufällig entstanden.
Solange ich in Behandlung bin, helfen mir meine Freunde. Sie wissen
ja, dass ich mich vor ein paar Monaten von Jörg Neubauer getrennt
habe. Ich wollte einfach keinen Spielerberater mehr an meiner Seite
haben. Seitdem habe ich einige Sachen offen. Jetzt, da es mir schlecht
geht, kann ich mich darum nicht kümmern, und deswegen habe ich
meine Freunde gerufen, damit sie mir helfen. Sobald es mir besser
geht und andere Leute gefunden sind, werden sie wieder gehen. Sie
haben ihr Privatleben zurückgestellt, um mir zu helfen. Und jetzt werden
sie dargestellt wie Verbrecher.
Einer Ihrer Freunde soll Vollmacht über Ihre Konten besitzen.
Noch mal, zum mitschreiben: Das ist mein P-r-i-v-a-t-l-e-b-e-n. Wem
ich meine Sachen anvertraue, geht niemanden etwas an. Aber wenn
Sie wirtschaftliche Dinge ansprechen: Ich habe tausendprozentiges
Vertrauen zu der benannten Person. Es kommt doch immer darauf an,
was in der Zeit der Freundschaft passiert ist und wie sich was
entwickelt hat. Meine Freunde haben zu mir gestanden, als alles den
Bach runterging. Das habe ich auch Uli Hoeneß erzählt…
… dem Manager vom FC Bayern München…
… wir hatten ein sehr gutes Gespräch, und er hat mir zugesichert, dass
alle Sachen in der Öffentlichkeit klargestellt werden. Ich lasse mir
meine Freunde nicht schlecht machen. Angeblich haben die Bayern
behauptet, ich lasse mich von falschen Freunden leiten. Ich kann im
Augenblick nicht zuordnen, von wem diese Behauptung stammt. Aber
sie muss auf jeden Fall zurückgenommen werden.
Uli Hoeneß wird in den Münchner Zeitungen mit der Bemerkung
zitiert, er werde alles tun, um Ihre falschen Freunde auszusortieren.
Ich tue mich noch immer schwer damit zu glauben, dass er das
wirklich gesagt hat.
Ihr Verhältnis zum FC Bayern scheint gespannt zu sein.
Das liegt an der Behandlung meiner Freunde. Sie sind völlig fertig nach
all dem, was sie in den Zeitungen über sich lesen mussten. Dafür
müssen sie in der Öffentlichkeit rehabilitiert werden, mit einer
Entschuldigung.
Von wem soll diese Entschuldigung kommen?
Vom FC Bayern.
Sie vermuten Ihren Arbeitgeber hinter all dem Ärger?
Es ist zumindest bekannt, dass auch Privatdetektive eingesetzt wurden.
Das ist bekannt?
Meine Schwester hat mir erzählt, dass der Trainer…
…Ottmar Hitzfeld…
…meinem Vater am Telefon erzählt haben soll, der Verein hätte
Privatdetektive auf meine Freunde angesetzt.
Im Auftrage des FC Bayern?
So ist es rübergekommen. Ich bitte darum, dass das zurückgenommen
wird. Das haben meine Freunde nicht verdient. Nur weil sie mir in der
Not geholfen haben? Nur weil sie nichts mit der Welt des Fußballs zu
tun haben? Nur weil ich mir ein kleines Stück Privatsphäre erhalten
wollte? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte das
Vertrauensverhältnis zum FC Bayern unbedingt wiederherstellen. Aber
das geht nur, wenn alles geklärt ist. Ich verstehe Uli Hoeneß. Denn der
Verein hat eine Fürsorgepflicht für die Spieler, also auch für mich. Aber
meine Freunde hatten sich ihm von Anfang an vorgestellt, warum hat er
nicht mit ihnen dann weiter gesprochen? Das verstehe ich nicht.
Glauben Sie wirklich, dass der FC Bayern dazu bereit ist? Immerhin
sollen Ihre Freunde versucht haben, Sie zur Therapie aus München
nach Berlin zu holen. Der FC Bayern, heißt es, habe das verhindert.
Das stimmt nicht. Das Gegenteil ist richtig. Meine Freunde waren
diejenigen, die mich in die Klinik gebracht haben. Ich wollte nach
Berlin, und sie haben mich davon abgehalten.
Warum darf zurzeit außer Ihren Freunden niemand zu Ihnen?
Diese Reaktion gehört zum Krankheitsbild. Ich will jetzt nicht groß über
meine Depressionen reden, das sollen die Ärzte tun. Aber es ist nun
mal so, dass ich einen gewissen Abstand zu allem brauche.
Ist die Begrenzung Ihrer Kontaktpersonen eine Empfehlung der
Ärzte?
Nein, das ist allein meine Entscheidung. Ich brauche einfach Zeit und
Abstand zum Fußball. Und zu den Personen, die mit dem Fußball zu
tun haben.
So defensiv Sie mit der Öffentlichkeit umgehen, so offensiv tut das
Ihr Verein. Der FC Bayern hat Ihre Krankheit als großes
Medienereignis inszeniert, mit einer Pressekonferenz, die live im
Fernsehen übertragen wurde.
Das war hundertprozentig in meinem Sinne. Und es trifft auch zu, dass
ich Uli Hoeneß angerufen und um Hilfe gebeten habe. Ich konnte nicht
mehr.
Erst hieß es ja, Sie hätten eine Grippe.
Dieses Versteckspiel hatte ich irgendwann satt. Ich wollte die Wahrheit
sagen. Ich bin zufrieden mit dieser Entscheidung, so schwierig die
Situation zurzeit auch ist.
In welchem Zeitrahmen denken Sie über Ihre Zukunft nach?
Es gibt keine Termine, ich setze mich nicht mehr unter Druck. Das
habe ich in den letzten Wochen gelernt. Ich war immer unter Druck, erst
in den Jugendnationalmannschaften, da musste ich sogar in höheren
Jahrgängen spielen. Dann der frühe Wechsel nach
Mönchengladbach…
…mit 15 Jahren ganz allein von zu Hause weg…
…da habe ich den Sprung in die Bundesligamannschaft geschafft und
war auf einmal der Mann, auf den alle in Mönchengladbach gehofft
haben. Mit 18 Jahren! Dann kam der Wechsel nach Berlin, und ich
dachte, es würde ein wenig ruhiger werden, dass ich mich in der
großen Stadt hinter jemandem verstecken kann. Aber es wurde noch
viel schlimmer. Auf einmal habe ich in der Nationalmannschaft
gespielt, auf der zentralen Position, noch früher als im Verein. Plötzlich
war ich der Hoffnungsträger eines ganzen Landes. Dann kam die
Sache mit dem Scheck, der Wechsel zu den Bayern – der Druck wurde
mit jedem Tag größer. So sah mein Leben aus: Ich habe immer wieder
Sachen verdrängt, ich hatte immer das Gefühl, man braucht mich, da
habe ich alles andere beiseite geschoben. So konnte es nicht
weitergehen, und so darf es in Zukunft nicht mehr sein.
Aber der Druck wird wiederkommen, wenn Sie wieder spielen.
Nein, das glaube ich nicht. Es ist auch unerheblich, denn dieser
Zeitpunkt ist noch weit weg. Erst einmal muss ich gesund werden. Aber
alles, was zurzeit passiert, trägt eher zum Gegenteil bei. Meine Frau
und ich, wir bekommen in ein paar Wochen ein Baby. Können Sie sich
vorstellen, was das für eine Situation ist? Es geht hier um Menschen!
Geht es Ihnen schlechter als zum Beginn der Therapie?
Nein, so würde ich es nicht sagen. Es ist schon besser geworden. Ich
spreche oft mit Professor Holsboer…
…dem Leiter des Max-Planck-Instituts…
…und ich fühle mich bei den Ärzten sehr gut aufgehoben. Zu den
anderen Patienten habe ich keinen Kontakt. In der Klinik habe ich ein
Einzelzimmer und durchaus meine Freiheiten, ich bin da nicht
eingesperrt. Ich kann auch mal, wie jetzt für dieses Gespräch, nach
Hause in meine Wohnung fahren.
Wie schlägt die Therapie an?
Das kann nur der Professor beurteilen. Aber Sie können davon
ausgehen, dass die Fortschritte, die ich in der ersten, unbehelligten
Zeit erzielt habe, sehr gelitten haben unter den Ereignissen der letzten
Tage.
Sie sind nicht der einzige Fußballer, der an Depressionen leidet.
Haben Sie mal daran gedacht, sich einem Mitspieler zu öffnen?
Nein, dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin nun mal etwas verschlossener.
Ein anderer hätte bei der Scheck-Affäre vielleicht gesagt: na und? Für
mich ist die Welt untergegangen. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür
entschuldigen muss.
Die Bayern haben vor dieser Saison den Druck auf Sie erhöht.
Manager Hoeneß hat gesagt: Die Schonzeit ist abgelaufen.
Das verstehe ich. In dieser Hinsicht mache ich den Bayern keine
Vorwürfe. Das war einfach mein Schicksal.
Der Zusammenbruch kam ausgerechnet zwei Wochen nach dem
Bundesligaspiel gegen Kaiserslautern, Ihrem vielleicht besten für die
Bayern. Sie haben zwei Tore geschossen, und ganz Deutschland
glaubte, Sebastian Deisler habe wieder seine Topform erreicht.
Auch darüber habe ich mit dem Professor gesprochen. Er sagt, es ist
ganz typisch, dass der Zusammenbruch kommt, wenn man denkt,
dass man über den Berg ist.
War das der Augenblick, an dem Sie wussten: Es geht nicht mehr!
Einen konkreten Augenblick gab es nicht. Es hatte sich einfach so viel
aufgestaut, mit den vielen Verletzungen und der Scheckaffäre, ich hatte
so viel zu verarbeiten. Es ging einfach nicht mehr.
Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.
http://www.tagesspiegel.de/sport/index. ... 12.asp#art