Äußerst lesenswert: Interview mit Peter Neururer in der Zeit
Verfasst: Freitag 12. Dezember 2003, 14:23
Fussball war mal der Proletensport - Sehr lesenswert! Zeit-Interview mit
Peter Neururer
Zeit: Ist es schoen, wieder ein gefragter Mann zu sein?
PN: Wieso wieder? Ich war seit 1986 immer gefragt.
Zeit: Na ja, Sie waren waehrend Ihrer Trainerkarriere insgesamt drei
Jahre lang arbeitslos.
PN: Aber auch, als ich zu Hause gesessen habe, war ich gefragt. Nur habe
ich da – aus Ueberheblichkeit – zu lange meine Situation verkannt. Als
der erste, zweite, dritte in arger Not befindliche Erstligist anrief,
war das nicht mein Ding. Da war Peter Neururer zu Hoeherem berufen! Als
dann nur noch Zweitligisten anriefen, war ich erst recht zu Hoeherem
berufen. Irgendwann rief leider keiner mehr an. Da bin ich in ein
verdammtes Loch gefallen.
Zeit: Und was war in diesem Loch?
PN: Stille. Das Telefon klingelt nicht mehr. Es klingelt einfach nicht
mehr. Ich dachte: ‘Was ist hier los? Jetzt muss was passieren!’ Wenn es
dann doch mal klingelt, hofft man natuerlich, dass Berlusconi vom AC
Mailand dran ist – aber es ist nur die eigene Mutter.
Zeit: Auch ein Grund zur Freude.
PN: Aber nicht in diesem Moment! Und dann fragt sich die Mutter: ‘Was
ist bloss mit dem Jungen los? Ich habe dem doch nichts getan!’ Da war
ich oft ungerecht.
Zeit: Kaum ein anderer Trainer hat eine solche Achterbahnkarriere hinter
sich wie Sie: Ihre Mannschaften scheinen immer entweder einen ‘Lauf’
oder eine ‘Krise’ zu haben – wie schmal ist der Grat dazwischen?
PN: Superschmal. Das ist manchmal ein Lattenschuss, ein Eigentor, eine
Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Ereignisse, die ich als Trainer
teilweise nicht beeinflussen oder sogar nicht beurteilen kann.
Zeit: Kann man eigentlich sehr bloed sein und trotzdem ein ueberragender
Fussballer werden?
PN: Man kann vom Intelligenzquotienten her recht eingeschraenkt sein,
wenn man eine spezifische Fussballintelligenz besitzt.
Zeit: Also haben Intelligenz und Spielintelligenz nichts miteinander zu
tun?
PN: Die fussballerische Intelligenz ist die Grundlage, um einen
sportartspezifischen Intellekt aufzubauen.
Zeit: AEhm, das haben wir jetzt intellektuell nicht ganz durchdrungen.
PN: Je intelligenter ich bin, desto mehr Moeglichkeiten habe ich, um mir
Kapazitaeten aufzubauen, an Intellekt dazuzugewinnen. Ist doch klar.
Zeit: Gibt es Spieler, die zu klug fuer den Fussball sind?
PN: Einen hatte ich mal. Ein ganz wunderbarer Typ! Aber er hat sich
ueber seine eigene Situation, ueber die Situation seines Gegenspielers,
ueber die Sozialstrukturen in seiner Mannschaft so viele Gedanken
gemacht, er hat mitten im Spiel alles so bilateral und multilateral
behandelt – da war immer der Ball weg.
Zeit: Sollte der Intellektuellste in der Mannschaft stets Kapitaen sein?
PN: Um Gottes willen! Ich habe mal einen Spieler gehabt, einen Kapitaen,
der war so was von dumm, der war dumm wie…dumm wie…
Zeit: …Brot?
PN: Ach, der hatte einen IQ, der so einzuordnen war wie die
Temperaturen, die wir im Moment draussen haben, der war fast schon
debil. Aber ein ue-ber-ra-gen-der Fussballer! Dem musste ich nichts
erklaeren, der hat alles immer richtig gemacht. Intuitiv. Seine
Fussballintelligenz war sensationell. Aber vom normalen Intellekt:
katastrophal. Der hat gehupt, wenn er gegen einen Baum gefahren ist.
Zeit: Das gibt es in keinem anderen hoch bezahlten Job.
PN: Wir reden hier aber von einem Einzelnen. Die Gesamtheit hat sich ja
viel weiter entwickelt. Fussball war mal der Proletensport. Was das
Bildungsniveau angeht, sind die Spieler von heute denen aus den
sechziger und siebziger Jahren klar ueberlegen.
Zeit: Ist es die Tragoedie Ihrer Karriere, dass ein Verein immer tief
sinken musste, um sich fuer Peter Neururer zu interessieren?
PN: Das trifft doch auf fast alle Trainer zu.
Zeit: Was war in Imagefragen Ihr groesster Fehler?
PN: Dass ich zu ehrlich bin, nach wie vor. Dass ich mich fuer den
diplomatischen Dienst ueberhaupt nicht eigne. Einmal habe ich die
Mitglieder eines Vereinspraesidiums vor Hunderten Zuschauern als
‘Vollidioten’ bezeichnet. Das war nicht so schlau.
Zeit: Und die Sache mit Maradona?
PN: Ach, das: Vor Jahren hat mich ein Journalist gefragt, was fuer ein
Spielertyp ich in meiner aktiven Zeit gewesen sei. Da habe ich
geantwortet: ‘Warm gemacht hab ich mich wie Maradona, aber gespielt hab
ich wie Katsche Schwarzenbeck.’ Eigentlich sollte das bescheiden sein –
aber dass der Fussballer Neururer, der ueber die Amateuroberliga nie
hinausgekommen ist, sich mit dem Weltmeister Schwarzenbeck vergleicht,
war nicht so ganz angebracht.
Zeit: Als Sie noch Spieler waren, nannte man Sie ‘Blutgraetsche’.
PN: Nach den heutigen Regeln haette ich damals schon beim Aufwaermen
eine Gelbe Karte gekriegt.
Zeit: Seit Sie die juengsten Trainerentlassungen in der Bundesliga
oeffentlich kritisiert haben, gelten Sie als Sprachrohr Ihrer Zunft.
PN: Das macht man ganz gerne aus mir, weil viele meiner Kollegen
ueberhaupt kein Rueckgrat haben. Die denken zwar so wie ich, aber die
trauen sich nicht, etwas laut zu sagen. Wenn ich, wie neulich, den
Rausschmiss des Trainers Ewald Lienen in Moenchengladbach kritisiere,
rufen acht Kollegen bei mir zu Hause an und gratulieren mir. Aber nur
einer hat sich oeffentlich dazu bekannt: Berti Vogts, zu dem ich das
schlechteste Verhaeltnis von allen habe.
Zeit: Berti Vogts hat einmal in einem ‘Tatort’ einen freundlichen
Hobbygaertner gespielt. Waere das auch etwas fuer Sie?
PN: Tatort? Ich habe schon als Schueler in einem Film mitgespielt! Der
hiess Die Hupe und lief im WDR. Ich war Statist, mit einem Ball auf dem
Arm, und musste ‘Guten Morgen, Herr Direktor’ sagen.
Zeit: Genau wie heute auch…
PN: …und dann hatte ich mal eine Dreiminutenrolle in dem legendaeren
Monumentalfilm Gib mich die Kirsche. Nee, das ist nie mein Ding gewesen.
Zeit: Danke, das war ein aufschlussreicher Nachmittag, Herr Neururer.
PN: Okay, und wenn ich erwachsen werde, lese ich auch mal Ihre Zeitung.
http://www.zeit.de/2003/51/Sport_2fNeururer_51
Peter Neururer
Zeit: Ist es schoen, wieder ein gefragter Mann zu sein?
PN: Wieso wieder? Ich war seit 1986 immer gefragt.
Zeit: Na ja, Sie waren waehrend Ihrer Trainerkarriere insgesamt drei
Jahre lang arbeitslos.
PN: Aber auch, als ich zu Hause gesessen habe, war ich gefragt. Nur habe
ich da – aus Ueberheblichkeit – zu lange meine Situation verkannt. Als
der erste, zweite, dritte in arger Not befindliche Erstligist anrief,
war das nicht mein Ding. Da war Peter Neururer zu Hoeherem berufen! Als
dann nur noch Zweitligisten anriefen, war ich erst recht zu Hoeherem
berufen. Irgendwann rief leider keiner mehr an. Da bin ich in ein
verdammtes Loch gefallen.
Zeit: Und was war in diesem Loch?
PN: Stille. Das Telefon klingelt nicht mehr. Es klingelt einfach nicht
mehr. Ich dachte: ‘Was ist hier los? Jetzt muss was passieren!’ Wenn es
dann doch mal klingelt, hofft man natuerlich, dass Berlusconi vom AC
Mailand dran ist – aber es ist nur die eigene Mutter.
Zeit: Auch ein Grund zur Freude.
PN: Aber nicht in diesem Moment! Und dann fragt sich die Mutter: ‘Was
ist bloss mit dem Jungen los? Ich habe dem doch nichts getan!’ Da war
ich oft ungerecht.
Zeit: Kaum ein anderer Trainer hat eine solche Achterbahnkarriere hinter
sich wie Sie: Ihre Mannschaften scheinen immer entweder einen ‘Lauf’
oder eine ‘Krise’ zu haben – wie schmal ist der Grat dazwischen?
PN: Superschmal. Das ist manchmal ein Lattenschuss, ein Eigentor, eine
Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Ereignisse, die ich als Trainer
teilweise nicht beeinflussen oder sogar nicht beurteilen kann.
Zeit: Kann man eigentlich sehr bloed sein und trotzdem ein ueberragender
Fussballer werden?
PN: Man kann vom Intelligenzquotienten her recht eingeschraenkt sein,
wenn man eine spezifische Fussballintelligenz besitzt.
Zeit: Also haben Intelligenz und Spielintelligenz nichts miteinander zu
tun?
PN: Die fussballerische Intelligenz ist die Grundlage, um einen
sportartspezifischen Intellekt aufzubauen.
Zeit: AEhm, das haben wir jetzt intellektuell nicht ganz durchdrungen.
PN: Je intelligenter ich bin, desto mehr Moeglichkeiten habe ich, um mir
Kapazitaeten aufzubauen, an Intellekt dazuzugewinnen. Ist doch klar.
Zeit: Gibt es Spieler, die zu klug fuer den Fussball sind?
PN: Einen hatte ich mal. Ein ganz wunderbarer Typ! Aber er hat sich
ueber seine eigene Situation, ueber die Situation seines Gegenspielers,
ueber die Sozialstrukturen in seiner Mannschaft so viele Gedanken
gemacht, er hat mitten im Spiel alles so bilateral und multilateral
behandelt – da war immer der Ball weg.
Zeit: Sollte der Intellektuellste in der Mannschaft stets Kapitaen sein?
PN: Um Gottes willen! Ich habe mal einen Spieler gehabt, einen Kapitaen,
der war so was von dumm, der war dumm wie…dumm wie…
Zeit: …Brot?
PN: Ach, der hatte einen IQ, der so einzuordnen war wie die
Temperaturen, die wir im Moment draussen haben, der war fast schon
debil. Aber ein ue-ber-ra-gen-der Fussballer! Dem musste ich nichts
erklaeren, der hat alles immer richtig gemacht. Intuitiv. Seine
Fussballintelligenz war sensationell. Aber vom normalen Intellekt:
katastrophal. Der hat gehupt, wenn er gegen einen Baum gefahren ist.
Zeit: Das gibt es in keinem anderen hoch bezahlten Job.
PN: Wir reden hier aber von einem Einzelnen. Die Gesamtheit hat sich ja
viel weiter entwickelt. Fussball war mal der Proletensport. Was das
Bildungsniveau angeht, sind die Spieler von heute denen aus den
sechziger und siebziger Jahren klar ueberlegen.
Zeit: Ist es die Tragoedie Ihrer Karriere, dass ein Verein immer tief
sinken musste, um sich fuer Peter Neururer zu interessieren?
PN: Das trifft doch auf fast alle Trainer zu.
Zeit: Was war in Imagefragen Ihr groesster Fehler?
PN: Dass ich zu ehrlich bin, nach wie vor. Dass ich mich fuer den
diplomatischen Dienst ueberhaupt nicht eigne. Einmal habe ich die
Mitglieder eines Vereinspraesidiums vor Hunderten Zuschauern als
‘Vollidioten’ bezeichnet. Das war nicht so schlau.
Zeit: Und die Sache mit Maradona?
PN: Ach, das: Vor Jahren hat mich ein Journalist gefragt, was fuer ein
Spielertyp ich in meiner aktiven Zeit gewesen sei. Da habe ich
geantwortet: ‘Warm gemacht hab ich mich wie Maradona, aber gespielt hab
ich wie Katsche Schwarzenbeck.’ Eigentlich sollte das bescheiden sein –
aber dass der Fussballer Neururer, der ueber die Amateuroberliga nie
hinausgekommen ist, sich mit dem Weltmeister Schwarzenbeck vergleicht,
war nicht so ganz angebracht.
Zeit: Als Sie noch Spieler waren, nannte man Sie ‘Blutgraetsche’.
PN: Nach den heutigen Regeln haette ich damals schon beim Aufwaermen
eine Gelbe Karte gekriegt.
Zeit: Seit Sie die juengsten Trainerentlassungen in der Bundesliga
oeffentlich kritisiert haben, gelten Sie als Sprachrohr Ihrer Zunft.
PN: Das macht man ganz gerne aus mir, weil viele meiner Kollegen
ueberhaupt kein Rueckgrat haben. Die denken zwar so wie ich, aber die
trauen sich nicht, etwas laut zu sagen. Wenn ich, wie neulich, den
Rausschmiss des Trainers Ewald Lienen in Moenchengladbach kritisiere,
rufen acht Kollegen bei mir zu Hause an und gratulieren mir. Aber nur
einer hat sich oeffentlich dazu bekannt: Berti Vogts, zu dem ich das
schlechteste Verhaeltnis von allen habe.
Zeit: Berti Vogts hat einmal in einem ‘Tatort’ einen freundlichen
Hobbygaertner gespielt. Waere das auch etwas fuer Sie?
PN: Tatort? Ich habe schon als Schueler in einem Film mitgespielt! Der
hiess Die Hupe und lief im WDR. Ich war Statist, mit einem Ball auf dem
Arm, und musste ‘Guten Morgen, Herr Direktor’ sagen.
Zeit: Genau wie heute auch…
PN: …und dann hatte ich mal eine Dreiminutenrolle in dem legendaeren
Monumentalfilm Gib mich die Kirsche. Nee, das ist nie mein Ding gewesen.
Zeit: Danke, das war ein aufschlussreicher Nachmittag, Herr Neururer.
PN: Okay, und wenn ich erwachsen werde, lese ich auch mal Ihre Zeitung.
http://www.zeit.de/2003/51/Sport_2fNeururer_51