ENGLANDS EM-AUS
"Retter gesucht - auch wenn er Deutscher ist"
Von Dirk Brichzi
England unter Schock: Die Europameisterschaft verpasst, der Coach gefeuert, die Fans wütend. Nun wird händeringend nach einem Nachfolger gesucht, der Englands Fußball wieder nach vorne bringt oder zumindest für bessere Stimmung sorgt -
zum Beispiel Jürgen Klinsmann .
Es war ein Detail, das dem "Daily Mirror" auffiel, aber ein entscheidendes. "Bitte sehr, was ist das für ein Mann, der den ganzen Abend Schutz unter einem Schirm sucht?", fragte die Zeitung, "einem Schirm! Was für eine Körpersprache ist das?"
Ob mit oder ohne Schirm: Das Schicksal von Englands Trainer Steve McClaren war nach dem 2:3 gegen Kroatien (mehr...) und dem Aus in der EM-Qualifikation besiegelt. Zum ersten Mal seit 1994 verpasst der Weltmeister von 1966 ein großes Turnier. "Der EM-Traum ist gestorben", titelte der "Mirror", "er flutschte durch die Finger von Torwart Scott Carson". Zwei einfache Worte fand die "Times": "Goodnight Vienna!" Drastischer wurde natürlich das Boulevardblatt "Sun": England ist der Witz des europäischen Fußballs."
Der "Independent" spricht von einer "epischen Demütigung", einem "Albtraum gescheiterter Technik und Organisation und - am schlimmsten, weil Wembley der Ungläubigkeit ebenso wie der Wut erlag - Stimmung". Die Leichtigkeit, mit der Kroatien England vor eigenem Publikum besiegte, sei eine absolute Bankrotterklärung gewesen - aber verdient. "Die Wahrheit ist, dass für England ein Platz unter Europas Elite im kommenden Sommer in Österreich und der Schweiz sehr schmeichelhaft gewesen wäre."
Der Tag nach der Nacht, die England nicht so schnell vergessen wird, begann mit der Entlassung von Coach Steve McClaren (mehr...). Der 46-Jährige war schon bei seinem Amtsantritt als Nachfolger von Sven-Göran Eriksson nach der WM 2006 von Kritikern nur als Notlösung gesehen worden. Nun endete seine Karriere als Nationalcoach nach nur 15 Monaten, so kurz war kein anderer englischer Coach zuvor im Amt. Er hatte einen Vertrag bis 2010 unterschrieben. Nun bleibt ihm eine Abfindung von 3,5 Millionen Euro als Trost. In einer Umfrage unter Fans beim "Mirror" hatten 90 Prozent für eine Entlassung McClarens gestimmt.
Schon während der Qualifikation hatte es viel Kritik an McClaren gegeben. Er zog selten eine klare Linie durch, warf erst Altstar David Beckham aus dem Team, um ihn dann wieder zurückzuholen. In der entscheidenden Partie saß der 32-Jährige dann zunächst auf der Bank. Dennoch schien nach der überraschenden Niederlage Russlands in Israel am vergangenen Wochenende alles wieder möglich. Ein Punkt gegen Kroatien hätte gereicht, um zur EM zu fahren. Nun muss das Turnier auf die Engländer verzichten.
Die Wut entlud sich an McClaren
Die Wut und der Frust entlud sich nicht an den Spielern, sondern an McClaren. "Was hat er sich dabei gedacht, im entscheidenden Spiel einen Debütanten ins Tor zu stellen und Paul Robinson den Rücken zuzukehren, den er vorher immer als Nummer eins unterstützt hat", fragte der "Mirror". Scott Carson absolvierte gegen Kroatien sein zweites Länderspiel, verschuldete das erste Gegentor und sah auch beim dritten unglücklich aus.
"McClarens Grenzen auf internationalem Parkett wurden ihm wieder einmal aufgezeigt", schrieb die "Times" und fordert: "Nun muss ein neuer Mann her, der für ein wenig Sonnenschein sorgt". Die Furcht ist da, dass der Neue an der Seitenlinie ein ähnlicher Fehlgriff wie McClaren sein könnte. "Es gehen dieselben Leute auf die Suche wie die, die McClaren eingestellt haben. Das sind keine guten Nachrichten", fürchtet die "Times". Favorit auf die Nachfolge ist Martin O'Neill, derzeit Coach bei Aston Villa. Auch Alan Shearer steht in der Diskussion.
Doch den Landsleuten wird das Amt des Coaches der Nationalauswahl kaum zugetraut. Warum also nicht wieder einen Ausländer verpflichten? Einige Top-Trainer sind derzeit auf dem Markt. José Mourinho hat durch seine drei Jahre beim FC Chelsea genug England-Erfahrung, auch Jürgen Klinsmann wäre ein Kandidat. Nicht zu vergessen Marcello Lippi oder Fabio Capello, die beide derzeit ebenfalls ohne Job sind. "Retter des englischen Fußballs gesucht - auch wenn er Deutscher ist", so die "Times". Bei den Buchmachern liegt Mourinho vorn - knapp vor O'Neill.
Sogar über Eriksson wird nachgedacht
Sogar über eine Rückkehr des Schweden Sven-Göran Eriksson wird spekuliert. Er hatte das Team 2002 und 2006 immerhin jeweils ins WM-Viertelfinale geführt - davon können die Engländer jetzt nur träumen. Derzeit arbeitet er erfolgreich bei Manchester City. Auf die Idee, wie bei Eriksson den Assistenten (McClaren) zum Chef zu machen, kam der Verband diesmal nicht - auch Terry Venables wurde gefeuert.
Wahrscheinlich wäre Jürgen Klinsmann der beste Kandidat. Derzeit ist nicht ein Mann gefragt, der Englands Fußball wieder zu großen Erfolgen führt, sondern einer, der einfach die Stimmung verbessert. Dann wäre kaum jemand geeigneter als der ehemalige Spieler der Tottenham Hotspurs, der derzeit in Kalifornien auf Angebote wartet.
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0, ... 77,00.html
