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Traditionsklubs setzen ihre Existenz aufs Spiel

Verfasst: Mittwoch 9. Januar 2008, 17:25
von micha h.
Fussball-Regionalliga
Traditionsklubs setzen ihre Existenz aufs Spiel

Nach dieser Saison wird die dritte Profiliga im deutschen Fußball eingeführt und die Vereine investieren mit extrem hohem Risiko. "Wenn wir uns nicht für die Dritte Liga qualifizieren, wird es den Verein in seiner jetzigen Form nicht mehr geben", sagt Joachim Cast, Manager der Stuttgarter Kickers.

Augen zu und durch: Das gilt auch für den 1. FC Magedburg und Dynamo Dresden. Die Weltmeisterschaft 2006 ist längst Fußballgeschichte, doch unvermindert werden in Deutschland weiter Stadien gebaut. Nachdem die meisten großen Klubs ihre Projekte abgeschlossen haben, entstehen jetzt vor allem an den Regionalliga-Standorten neue Arenen: In Düsseldorf und Magdeburg stehen bereits moderne Stadien, in Dresden, Braunschweig, Wuppertal und Essen wird derzeit gebaut oder geplant.

Mit der Infrastruktur schaffen die Vereine die Voraussetzungen für eine langfristige Existenz im Profifußball – auch wenn viele Klubs mit gemischten Gefühlen in die Zukunft blicken. Der Grund dafür ist die Regionalligareform des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), nach der in der kommenden Saison eine eingleisige Dritte Liga eingeführt wird.

Für die derzeit 37 Regionalligisten – 19 Vereine im Norden, 18 im Süden – bedeutet dies mit dem Rückrundenstart ab 16. Februar einen harten Konkurrenzkampf um die jeweils ersten zehn Plätze, die die Qualifikation zum Profifußball sichern. Denn wer nicht zu den 16 glücklichen Drittligisten gehört (vier steigen direkt in die Zweite Liga auf), die laut Magdeburgs Manager Bernd Hoffmann Teil einer „neuen Marke“ und eines „werthaltigen Produkts“ werden, muss den Gang in die Viertklassigkeit antreten.

Für manch einen Verein könnte dieses Szenario existenzbedrohlich sein. Der erste, der den Mut hatte, diese Wahrheit offen auszusprechen, war Joachim Cast. Der Manager der Stuttgarter Kickers sagte: „Wenn wir uns für die Dritte Liga nicht qualifizieren, wird es den Verein in seiner jetzigen Form nicht mehr geben.“
Nicht nur der für den Regionalliga-Spielbetrieb zuständige DFB-Direktor Willi Hink geht deshalb davon aus, dass fast jeder Klub noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv werden wird. Bereits vor dem Saisonstart stieg der Gesamtetat aller Klubs um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein Eintracht Braunschweig und Dynamo Dresden kalkulieren jeweils mit rund sechs Millionen Euro. Auch wenn Hink hofft, „dass die Vereine durch die Lizenzierungsverfahren gelernt haben“, könne niemand verhindern, wenn sich einige „in den Ruin stürzen“.
Den guten Ratschlägen zum Trotz wird weiter investiert. Selbst Negativbeispiele wie der VfB Lübeck, dem nach einer sportlich katastrophalen Hinrunde bereits jetzt die Insolvenz und der Gang in die fünfte Liga drohen, scheinen niemanden abzuschrecken. Abgesehen von Rot-Weiß Ahlen und einigen Regionalligateams der Bundesligaklubs haben bislang alle Vereine der Nord-Gruppe noch einmal nachgerüstet oder sondieren den Markt.

„Nottransfers“ nennt das Spielerberater Manfred Schulte von der Agentur „Pro Soccer“. Für seine Zunft seien es zwar „gute Zeiten“, viele Manager und Trainer handelten aber derzeit nach dem Motto: nach mir die Sintflut. „Diesen Leuten ist es gleich, was sie dem Verein damit langfristig antun.“ Sie wollten unbedingt dazu gehören. Geht das risikoreiche Spiel aber nicht auf, wechselten sie den Verein und hätten mit den Folgeschäden nichts mehr zu tun.
Die Panik, den Anschluss zu verlieren, bringt bisweilen kuriose Reaktionen hervor. So verspricht Rot-Weiß Erfurt seinen Dauerkartenbesitzern eine Geld-zurück-Garantie, sollte die Qualifikation für die neue Liga nicht gelingen. Union Berlin entließ vor Saisonstart fünf Mitarbeiter der Geschäftsstelle, um mehr Geld in das spielende Personal investieren zu können. Kritik an diesem Vorgehen weist Manager Christian Beeck zurück. Sein Klub habe lediglich die Infrastruktur angepasst: „Wir hatten eine Geschäftsstelle auf Zweitliganiveau und damit jährlich Minus gemacht. Das haben wir angeglichen.“
Mittel und Wege fand auch Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin, dessen volle Konzentration nach der Beendigung des American Football-Projekts „NFL Europe“ und der Auflösung von „Rhein Fire“ nun der Fortuna gilt, um das ansonsten leer stehende 52.000 Zuschauer fassende Stadion zumindest teilweise zu füllen.

Obwohl auch bei den Fortunen das Geld knapp ist, reagiert der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende gereizt auf lästige Fragen nach der Liquidität des Klubs. „Der Trainer ist finanziert, damit ist das Thema durch“, sagt Erwin. Statt in die klamme Klubkasse schaut er lieber nach vorn – und hat schon mal den Düsseldorfer Rathausplatz für eine Aufstiegsfeier reserviert.

Quelle: http://www.welt.de/sport/article1534770 ... Spiel.html