Yvans Eltern
"Unser Leben ist kaputt"
Wie die Schneiders mit dem Tod ihres Sohns Yvan umgehen
Stuttgart - In diesem Monat wäre Yvan Schneider 21 Jahre alt geworden. Seine Mörder sitzen im Gefängnis, seine Klassenkameraden studieren, seine Handballfreunde feiern Siege. Und seine Eltern sagen: "Unser Leben ist kaputt."
Von Michael Ohnewald
Frau Schneider sagt, dass sie ihr altes Sofa nicht mehr sehen konnte. Es hatte zu viel von ihrem Sohn. Es ist schwer, ihm nicht zu begegnen. Yvan ist in den Schränken, in den Schubladen, in den Tassen. Sie haben das Sofa rausgeschmissen, und umgezogen sind sie auch. Seitdem ist es ein bisschen besser.
Yvans Eltern haben lebenslänglich
Herr Schneider sagt, dass ihn das ewige Wegtrösten fertig macht. "Wird schon wieder." Solche Sprüche hört er öfter. Sie mögen gut gemeint sein, aber sie verstärken seine Albträume. Manchmal sieht er nachts zu, wie Yvan stirbt. Wenn er Glück hat, dauert es nur fünf Minuten. Wenn er Pech hat dauert es mehr als eine Stunde. "Die Mörder kommen vielleicht bald aus dem Gefängnis, wenn sie sich gut benehmen", sagt Herr Schneider. "Und wir haben lebenslänglich."
Am 14. Oktober 2008 wäre der Gymnasiast Yvan Schneider 21 Jahre alt geworden. Für seine Eltern hat das Zählen am 21. August 2007 aufgehört. An diesem Tag ist ihr Sohn im Remstal hinterrücks erschlagen worden. Ein junges Mädchen, dass ihren eifersüchtigen Freund mit einer Lüge halten wollte, hatte Yvan aus dem Haus gelockt. Die Mörder haben die Leiche zersägt, sie danach in Blumenkübel und Mülleimer einbetoniert und im Neckar versenkt. Für diesen Akt monströser Brutalität sind vier junge Menschen, die Yvan nicht einmal kannten, zu Haftstrafen zwischen drei und zehn Jahren verurteilt worden.
Es ist ein Nachmittag wie es viele gegeben hat seit dem brutalen Bruch in ihrem Lebenslauf. Pierre und Fabienne Schneider, er 53, sie ein Jahr älter, sitzen in Stuttgart bei der Traumatherapeutin Gaby Breitenbach. Seit einem Jahr gehen sie jede Woche in die Praxis, um über den Tod zu reden, der plötzlich in ihre Wohnstube kam, über das verlorene Familienglück, und über die Abgründe, die sich in stillen Momenten vor ihnen auftun.
Erste Hilfe für die Seele. Yvans Eltern haben sie nötig. Der Phantomschmerz, den sie spüren, wenn sie an Yvan denken, ist noch immer gewaltig. Frau Schneider sagt: "Unser Leben ist kaputt." Nach dem Tod ihres Sohns war sie mit ihrem Mann über Monate Teil einer öffentlichen Tragödie. Im März kam das Urteil. Seitdem ist es ruhig geworden um sie, aber nicht ruhig geworden in ihnen.
Nach Außen hin stark - im Inneren gebrochen
Es ist ein langer Weg. Ein kleines Stück haben sie geschafft. Am Anfang wollten sie dem Bösen die Stirn bieten. Sie standen da und wurden für ihre Würde bewundert. Sie wollten keinen Hass empfinden, nicht schreien, nicht anklagen. Sie wollten aufrecht bleiben für Yvan. Damals sagte Herr Schneider: "Wir müssen die Kraft haben zu zeigen, dass wir Werte haben, die wir uns nicht nehmen lassen." Was er nicht sagte: er fühlte sich nach dem Tod seines Sohns uferlos allein, er fand kaum noch Schlaf, er bekam Schweißausbrüche beim Anblick von Mülleimern, er konnte nicht mehr essen.
Yvans Eltern wollten sich nicht versteckten und öffneten den Schutzraum des Privaten. Die Mörder sollten sehen, dass Gewalt nicht das letzte Wort hat. Damals sagte Frau Schneider: "Wir müssen uns diesem Prozess stellen. Für Yvan." Was sie nicht sagte: Sie sah junge Männer auf der Straße und hielt sie für ihren Sohn. Sie kochte fast jeden Tag zu viel. Sie spürte seine Nähe und konnte es kaum aushalten. Sie weinte und fühlte sich danach kein bisschen erleichtert.
Am Schlimmsten war der Trost. Weil ihre Fotos in der Zeitung waren und sie fast jeder kannte, verschoben sich Grenzen und einige um sie herum fühlten sich eingeladen, Dinge zu tun und zu sagen, die sie sonst bei Fremden nicht tun und sagen würden. "Sie sind doch der Mann, dessen Sohn so schrecklich getötet worden ist." Ein Satz wie ein Keulenschlag. Einige kümmerten sich - und ließen sie danach allein im Sturm zurück. Manche haben kleine Geschenke gebracht. Eine Frau besuchte sie und sagte, dass ihre Freundin an Krebs gestorben sei. Von ihr habe sie ein Andenken, das sie jetzt der geplagten Familie schenken wolle. Einmal begegnete Herrn Schneider am Ahornbaum, den sie dort gepflanzt haben, wo Yvan starb, ein älterer Herr. Plötzlich übermannten den Fremden die Gefühle. Er warf sich dem trauernden Vater an den Hals und weinte hemmungslos.
Die Menschen laden ihre Angst bei den Schneiders ab
Gesprächsstoff für die Traumatherapeutin, die für das Ehepaar längst zu einer Vertrauten geworden ist. Frau Breitenbach sagt: "Die traumatischen Bilder sind durch diese Enge bei den Schneiders noch stärker geworden." Es sei in jener Zeit zu mancher Begegnung gekommen, die das Verarbeiten erschwerte. "Die Leute haben ihre Hilflosigkeit und ihre Angst davor, dass auch ihnen so was Schreckliches passieren könnte, unbewusst bei den Schneiders abgeladen."
Im Februar kam der Prozess und mit ihm die Angst der Eltern, dass es schlimmer gewesen sein könnte, als sie es sich vorgestellt haben. Es war schlimmer. Frau Schneider sagt: "Als ich die Täter gesehen habe, dachte ich: Das kann doch nicht möglich sein! So junge Kerle und eine so grausame Tat." Die Mutter hörte zu, als der Richter die Mörder ihres Sohns fragte, warum sie getan haben, was man nicht erklären kann, nur rekonstruieren. Nach außen hin blieb sie ruhig. Wie es drinnen ausgesehen hat, kann man nur ahnen. Frau Schneider stürzte am zweiten Prozesstag vor dem Gericht schwer. Sie wollte ihren Brüdern den Anwalt des Haupttäters zeigen und übersah in der Aufregung eine kleine Treppe. Sie brach sich das Sprunggelenk und musste mit dem Krankenwagen ins Hospital gefahren werden. Dort blieb sie die Wochen bis zur Urteilsverkündung.
Ihr Mann saß während der folgenden Prozesstage ohne seine Frau im Gericht. Er blieb, so lange es ging. Als einer der Täter erzählte, wie er mit dem Baseballschläger die Knochen des Opfers zerschlagen hat, bis es krachte, konnte es der Vater nicht mehr im Saal aushalten. Herr Schneider sagt: "Das war der Abgrund des Menschlichen. Die Mörder haben nicht aus Not getötet und nicht aus Hunger. Sie haben einfach so getötet."
Das Urteil haben die Schneiders hingenommen, aber nicht angenommen. Sie fühlten sich nach dem Richterspruch, als wäre die Zeit weggezogen und hätte sie zurückgelassen. Der Saal leerte sich, und die Leute gingen nach Hause zu ihren Kindern. Herr Schneider sagt: "Der Wert des Lebens spiegelt sich nicht im Urteil wieder." Die Täter sind nach dem Jugendstrafrecht verurteilt worden, das höchstens zehn Jahre vorsieht, wie schrecklich die Tat auch gewesen sein mag.
Die Schneiders tun sich schwer damit. Sie hoffen auf Politiker wie den Landesjustizminister Ulrich Goll, der sich dafür einsetzt, dass junge Erwachsene nur noch in begründeten Ausnahmen nach dem milderen Jugendstrafrecht abgeurteilt werden. Frau Schneider sagt: "Das Gericht hat normale Maßstäbe angelegt, die nicht zu diesem außergewöhnlichen Fall passen." Sie stammt wie ihr Mann aus Frankreich. Dort kennt die Justiz kein Sonderrecht für junge Erwachsene. Herr Schneider sagt: "In Frankreich hätten Yvans Mörder lebenslänglich bekommen."
Nach dem Urteil legte sich der Schatten über sie
Nach dem Urteil gingen die Scheinwerfer der Medien aus, um bald danach wieder anderswo zu leuchten. Die Schneiders blieben im Schatten, der sich auch über Freunde und Verwandte legte. Pierres Vater in Frankreich baute körperlich ab, Fabiennes Vater starb vor wenigen Monaten. Die einstige Bilderbuchfamilie im Remstal musste sich zu viert erst wieder finden. Neuer Blick auf Tochter Camille. Neuer Blick auf Sohn Pierre-Emmanuel. Neuer Blick auf sich selbst.
Es hat sich einiges verändert. Nicht nur äußerlich durch den Umzug in eine neue Stadt und durch die neuen Möbel. Sie haben auch eine andere Sicht auf Dinge bekommen, über die sie früher kaum nachgedacht haben, weil sie keinen Platz in ihrem Leben hatten. So wie Gewalt. Herr Schneider sagt: "Wir konsumieren sie, als wäre sie nichts."
Das fällt ihm auf, wenn er den Fernseher anschaltet und Spielfilme kommen, in denen gemetzelt wird. Herr Schneider ist sensibler geworden. Neulich hat der Musikpädagoge in einem Boulevardblatt einen halbseitigen Bericht über einen Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart entdeckt, der mit Horror-Videos zu Sozialkritik anregen will. Neben dem Artikel war ein großes Bild von einem blutverschmierten Koch, der grinsend eine Leiche zerhackte. Frau Schneider sagt: "So was kann doch keine Kunst sein." Sie möchte schreien, wenn sie solche Bilder sieht. Herr Schneider sagt: "Es wird immer schriller mit der Gewalt, und die Reaktion darauf ist bescheiden."
Die Nummer 10 trägt keiner mehr
Die Schneiders haben neue Freunde gefunden. Einen Pater, der sie spontan ins Kloster eingeladen hat, einen Kommissar, der sich noch immer um sie kümmert, und vor allem die Handballer vom TV Stetten. Yvan hat dort früher gespielt. Frau Schneider sagt: "Das sind echte Freunde geworden." Sie haben Yvans Trikot mit der Nummer 10 in eine Vitrine gehängt. Die 10 trägt seitdem keiner mehr in der Mannschaft. Die Eltern verstehen nicht viel vom Handball, aber sie gehen zu jedem Heimspiel. Die Handballer sammeln nebenbei Unterschriften für härtere Sanktionen gegen junge Straftäter. Die Sportfreunde aus Stetten tun noch mehr. Am 14. Oktober haben sie einen Fackellauf organisiert, um an Yvans Geburtstag zu erinnern. Herr Schneider sagt: "Ich sterbe an jedem Geburtstag mit."
Yvans Eltern wollen die Traumatherapie fortsetzen. Das bringt sie weiter und gibt ihnen Kraft. Die Schneiders achten jetzt mehr auf sich und weniger auf das, was andere von ihnen erwarten. Sie reden gegen die Stille an und sagen offen ihre Meinung. Die Schneiders finden, dass in dieser Gesellschaft viel über schwierige Biografien geredet wird und noch mehr über Täter. Über die Opfer werde nicht so viel gesprochen. Herr Schneider sagt: "Wir hoffen, dass Yvans Mördern eines Tages bewusst wird, was sie getan haben."
Die Angst, den Tätern eines Tages zu begegnen
Es ist kein Brief von den Tätern gekommen und auch keiner von deren Familien. Yvans Eltern glauben, dass die Mörder ihres Sohns bei guter Führung in sechs Jahren wieder freikommen. Frau Schneider sagt: "Dann leben wir nicht mehr in diesem Land." Sie fürchtet, dass sie den Tätern begegnen könnte, sie fürchtet, dass die Opfer nicht ausreichend beschützt werden, sie fürchtet, dass sich die Mörder vielleicht rächen für die Zeit im Gefängnis. Sie hält das für möglich.
Wieder ein Tag ohne Yvan. Die Traumatherapie geht zu Ende. Draußen hängen die Herbstwolken trüb über der Stadt. Frau Schneider sagt: "Ich sehe viel mehr zum Himmel als früher. Da siehst du alles."
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