Albert Sing, Ex-Nationalspieler der Kickers: Anekdoten v.'54
Verfasst: Samstag 10. Januar 2004, 10:17
Aus der StZ:
Albert Sing: Das Wunder ist erklärbar
Ein Besuch bei Herbergers Helfer
Der Schwabe Albert Sing war der Trainer der Young Boys Bern und hat 1954 für Sepp Herberger das "Hotel Belvedere" als WM-Quartier ausgesucht. Beseelt vom "Geist von Spiez" wurden die Deutschen Fußball-Weltmeister. 50 Jahre später ist der 86-jährige Sing deshalb ein gefragter Mann.
Von Heiko Hinrichsen, Cureglia
Ist es ein Wunder, dass Albert Sing gerade diese Ecke der Schweiz ausgesucht hat? Der Mann kennt sich aus zwischen all den Bergen; er hat in Bern gelebt, in Zürich, in Luzern und in St. Gallen. Hängen geblieben ist der Schwabe im Tessin, weil "die Schweiz hier am schönsten ist", wie er sagt. Wo Albert Sing wohnt, da tragen die Orte Namen wie Oroglio, Mezzovico-Vira oder Cureglia und schmiegen sich an die sanften Berghänge. In den Vorgärten der Häuser ist der Rasen akkurat geschnitten, auf den Straßen knattern die Vespas - und der Luganer See und der Lago Maggiore sind mit dem Fahrrad zu erreichen. Hier lässt sich"s aushalten.
Auf dem Parkplatz vor dem "Grotto Ticinese" in Cureglia, einem kleinen Landgasthof mit grauem Putz und roten Fensterläden, übernimmt der Mann mit der Schiebermütze gleich das Kommando. "Fahret Se do die zwoite lenks nei, do wohn i", sagt Albert Sing, ehe er wenig später auf das Erdgeschoss eines Einfamilienhauses deutet.
Mit 86 Jahren muss Albert Sing seit ein paar Wochen wieder verstärkt den Reiseführer spielen - und er muss erzählen. Das Schweizer Fernsehen war im Oktober da, es folgten die ARD, das ZDF ("die wollten alles ganz genau wissen"), zuletzt haben sich auch zwei Reporter des Hamburger Magazins "Stern" in der Via Possesione 3 angesagt. Albert Sing empfängt alle Journalisten gerne an dem runden Mahagonitisch in seinem Wohnzimmer. Weil er voller Leidenschaft über Fußball spricht, und weil "eben nicht mehr allzu viele leben von damals".
Mit damals meint er die Fußball-Weltmeisterschaft von 1954. Sie jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Wie die Spieler Ottmar Walter, Horst Eckel und Hans Schäfer ist Albert Sing einer der wenigen Zeitzeugen. Also erzählt er, wie das war mit dem "Wunder von Bern", das unter der Regie von Sönke Wortmann bereits 2003 ein Kinohit wurde. Den Film hat Albert Sing noch nicht gesehen. Er wohnt eben im Tessin - will das Versäumte aber schnellstens nachholen.
"Das Wunder ist erklärbar", sagt Albert Sing über den verregneten Nachmittag des 4. Juli 1954, als die deutschen Fußballer mit ihrem 3:2-Sieg gegen Ungarn im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft einer ganzen Nation neues Selbstwertgefühl und frischen Lebensmut gaben. "Die Ungarn waren damals die beste Mannschaft der Welt. Vielleicht waren sie die beste Mannschaft, die je gespielt hat", sagt Albert Sing, "sie konnten sich nicht vorstellen, gegen uns zu verlieren."
Die Geschichte des Albert Sing beginnt am Fuße der Schwäbischen Alb. Als Sohn einer neunköpfigen Arbeiterfamilie aus Eislingen begeistert sich der Junge schnell für den Fußball, "obwohl der Vater Turner war und den Fußball überhaupt nicht mochte". Über die Stationen FC Eislingen und die Stuttgarter Kickers wird Albert Sing 1940 schließlich Nationalspieler. An der Seite von Fritz Walter erzielt der Defensivspieler unter der Regie von Reichstrainer Sepp Herberger das 500. Länderspieltor in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er steht im November 1942 in der deutschen Auswahl, die die Slowakei mit 5:2 besiegt. Das ist sein neuntes und letztes Länderspiel - "acht Tage später haben wir uns alle an der Front wiedergefunden", sagt Albert Sing. Wenn er von dieser Zeit erzählt, dann wird er noch immer wütend. "Die Nazis haben meine Karriere als Nationalspieler kaputtgemacht."
Im Krieg wird Sing durch Schüsse in Blase und Bauch schwer verletzt, doch er überlebt nach vielen Operationen und fünf Monaten in einem französischen Feldlazarett. Als Trainer von Normannia Gmünd wird er 1950 von Spähern der Sportfreunde Schaffhausen beobachtet und wenig später als Spielertrainer verpflichtet. Es folgt das Engagement bei den Young Boys Bern, denen er 14 Jahre als Trainer die Treue halten sollte. Seine vier Meistertitel in Folge Mitte der fünfziger Jahre sind noch immer Schweizer Rekord.
Es ist der Winter 1952, als sich Albert Sing mit einem Brief an den deutschen Bundestrainer Sepp Herberger wendet. Den "Chef" kennt er aus seiner Zeit in der Nationalelf. "Ich habe Herberger als Lehrmeister vergöttert", sagt Sing, dem als Trainer der Young Boys Bern die Hotelliste in die Hände fällt, die der Schweizer Fußball-Verband für die WM 1954 vorgesehen hat. "Ich habe mir ein paar der Hotels angesehen", erzählt Sing, "die waren alles andere als optimal."
Also schlägt der Wahlschweizer Sing dem Bundestrainer das "Hotel Belvedere" in Spiez am Thuner See vor. Sepp Herberger willigt ein. Mit dem Wirt Jean Urben hat Sing bereits vorher alles klar gemacht, obwohl der Hausherr um seine Zukunft fürchtet: Schließlich ist das "Belvedere" sonst zu 80 Prozent mit holländischen Gästen belegt. "Als Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat der Wirt neun Jahre nach Kriegsende um seinen guten Ruf gefürchtet", erzählt Sing.
Es sollte anders kommen. Nach dem 3:2-Sieg im Regenfinale vom Berner Wankdorfstadion steht das "Belvedere" bei deutschen Touristen heute noch hoch im Kurs. Besonders gefragt ist das Zimmer 303, das sich während der WM 1954 der Kapitän Fritz Walter mit dem "Boss" Helmut Rahn teilte. Hier geht es hinaus auf den Balkon, auf dem Rahn allabendlich die Sprüche der Essener Marktfrauen zum Besten gab.
Der in der Schweiz ortskundige Albert Sing, den Sepp Herbeger zu seinem persönlichen Attaché ernannt hatte, teilte sich während der WM 1954 im "Belvedere" zunächst das Zimmer 313 mit dem Bundestrainer. "Nach acht Tagen bin ich ausgezogen, weil ich Herrn Herberger bei den Einzelgespächen mit den Spielern nicht stören wollte", erzählt Albert Sing, der in der Saison 1966/67 und 1974/75 auch den VfB Stuttgart trainierte. Er zieht auf das Zimmer des Zeugwarts Adolf Dassler, der 1954 den Schraubstollen erfand und später die Firma "Adidas" gründete.
Drei Jahre nach dem Wunder von Bern hatte Albert Sing ein besonderes Erlebnis: Mit den Young Boys spielte er im Europapokal gegen Vasas Budapest. Auf dem Gelände neben dem Budapester Nep-Stadion ragten noch immer leere Betonsockel in den Himmel. Auf ihnen sollten eigentlich die Statuen der ungarischen WM-Helden wie Ferenc Puskas und Gyula Grocics platziert werden. Eigentlich. Denn wie sagt Albert Sing über das 3:2 von Bern: "Man sollte sich seiner Sache nie zu sicher sein."
Aktualisiert: 10.01.2004, 05:06 Uhr
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/p ... php/584153
Albert Sing: Das Wunder ist erklärbar
Ein Besuch bei Herbergers Helfer
Der Schwabe Albert Sing war der Trainer der Young Boys Bern und hat 1954 für Sepp Herberger das "Hotel Belvedere" als WM-Quartier ausgesucht. Beseelt vom "Geist von Spiez" wurden die Deutschen Fußball-Weltmeister. 50 Jahre später ist der 86-jährige Sing deshalb ein gefragter Mann.
Von Heiko Hinrichsen, Cureglia
Ist es ein Wunder, dass Albert Sing gerade diese Ecke der Schweiz ausgesucht hat? Der Mann kennt sich aus zwischen all den Bergen; er hat in Bern gelebt, in Zürich, in Luzern und in St. Gallen. Hängen geblieben ist der Schwabe im Tessin, weil "die Schweiz hier am schönsten ist", wie er sagt. Wo Albert Sing wohnt, da tragen die Orte Namen wie Oroglio, Mezzovico-Vira oder Cureglia und schmiegen sich an die sanften Berghänge. In den Vorgärten der Häuser ist der Rasen akkurat geschnitten, auf den Straßen knattern die Vespas - und der Luganer See und der Lago Maggiore sind mit dem Fahrrad zu erreichen. Hier lässt sich"s aushalten.
Auf dem Parkplatz vor dem "Grotto Ticinese" in Cureglia, einem kleinen Landgasthof mit grauem Putz und roten Fensterläden, übernimmt der Mann mit der Schiebermütze gleich das Kommando. "Fahret Se do die zwoite lenks nei, do wohn i", sagt Albert Sing, ehe er wenig später auf das Erdgeschoss eines Einfamilienhauses deutet.
Mit 86 Jahren muss Albert Sing seit ein paar Wochen wieder verstärkt den Reiseführer spielen - und er muss erzählen. Das Schweizer Fernsehen war im Oktober da, es folgten die ARD, das ZDF ("die wollten alles ganz genau wissen"), zuletzt haben sich auch zwei Reporter des Hamburger Magazins "Stern" in der Via Possesione 3 angesagt. Albert Sing empfängt alle Journalisten gerne an dem runden Mahagonitisch in seinem Wohnzimmer. Weil er voller Leidenschaft über Fußball spricht, und weil "eben nicht mehr allzu viele leben von damals".
Mit damals meint er die Fußball-Weltmeisterschaft von 1954. Sie jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Wie die Spieler Ottmar Walter, Horst Eckel und Hans Schäfer ist Albert Sing einer der wenigen Zeitzeugen. Also erzählt er, wie das war mit dem "Wunder von Bern", das unter der Regie von Sönke Wortmann bereits 2003 ein Kinohit wurde. Den Film hat Albert Sing noch nicht gesehen. Er wohnt eben im Tessin - will das Versäumte aber schnellstens nachholen.
"Das Wunder ist erklärbar", sagt Albert Sing über den verregneten Nachmittag des 4. Juli 1954, als die deutschen Fußballer mit ihrem 3:2-Sieg gegen Ungarn im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft einer ganzen Nation neues Selbstwertgefühl und frischen Lebensmut gaben. "Die Ungarn waren damals die beste Mannschaft der Welt. Vielleicht waren sie die beste Mannschaft, die je gespielt hat", sagt Albert Sing, "sie konnten sich nicht vorstellen, gegen uns zu verlieren."
Die Geschichte des Albert Sing beginnt am Fuße der Schwäbischen Alb. Als Sohn einer neunköpfigen Arbeiterfamilie aus Eislingen begeistert sich der Junge schnell für den Fußball, "obwohl der Vater Turner war und den Fußball überhaupt nicht mochte". Über die Stationen FC Eislingen und die Stuttgarter Kickers wird Albert Sing 1940 schließlich Nationalspieler. An der Seite von Fritz Walter erzielt der Defensivspieler unter der Regie von Reichstrainer Sepp Herberger das 500. Länderspieltor in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er steht im November 1942 in der deutschen Auswahl, die die Slowakei mit 5:2 besiegt. Das ist sein neuntes und letztes Länderspiel - "acht Tage später haben wir uns alle an der Front wiedergefunden", sagt Albert Sing. Wenn er von dieser Zeit erzählt, dann wird er noch immer wütend. "Die Nazis haben meine Karriere als Nationalspieler kaputtgemacht."
Im Krieg wird Sing durch Schüsse in Blase und Bauch schwer verletzt, doch er überlebt nach vielen Operationen und fünf Monaten in einem französischen Feldlazarett. Als Trainer von Normannia Gmünd wird er 1950 von Spähern der Sportfreunde Schaffhausen beobachtet und wenig später als Spielertrainer verpflichtet. Es folgt das Engagement bei den Young Boys Bern, denen er 14 Jahre als Trainer die Treue halten sollte. Seine vier Meistertitel in Folge Mitte der fünfziger Jahre sind noch immer Schweizer Rekord.
Es ist der Winter 1952, als sich Albert Sing mit einem Brief an den deutschen Bundestrainer Sepp Herberger wendet. Den "Chef" kennt er aus seiner Zeit in der Nationalelf. "Ich habe Herberger als Lehrmeister vergöttert", sagt Sing, dem als Trainer der Young Boys Bern die Hotelliste in die Hände fällt, die der Schweizer Fußball-Verband für die WM 1954 vorgesehen hat. "Ich habe mir ein paar der Hotels angesehen", erzählt Sing, "die waren alles andere als optimal."
Also schlägt der Wahlschweizer Sing dem Bundestrainer das "Hotel Belvedere" in Spiez am Thuner See vor. Sepp Herberger willigt ein. Mit dem Wirt Jean Urben hat Sing bereits vorher alles klar gemacht, obwohl der Hausherr um seine Zukunft fürchtet: Schließlich ist das "Belvedere" sonst zu 80 Prozent mit holländischen Gästen belegt. "Als Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat der Wirt neun Jahre nach Kriegsende um seinen guten Ruf gefürchtet", erzählt Sing.
Es sollte anders kommen. Nach dem 3:2-Sieg im Regenfinale vom Berner Wankdorfstadion steht das "Belvedere" bei deutschen Touristen heute noch hoch im Kurs. Besonders gefragt ist das Zimmer 303, das sich während der WM 1954 der Kapitän Fritz Walter mit dem "Boss" Helmut Rahn teilte. Hier geht es hinaus auf den Balkon, auf dem Rahn allabendlich die Sprüche der Essener Marktfrauen zum Besten gab.
Der in der Schweiz ortskundige Albert Sing, den Sepp Herbeger zu seinem persönlichen Attaché ernannt hatte, teilte sich während der WM 1954 im "Belvedere" zunächst das Zimmer 313 mit dem Bundestrainer. "Nach acht Tagen bin ich ausgezogen, weil ich Herrn Herberger bei den Einzelgespächen mit den Spielern nicht stören wollte", erzählt Albert Sing, der in der Saison 1966/67 und 1974/75 auch den VfB Stuttgart trainierte. Er zieht auf das Zimmer des Zeugwarts Adolf Dassler, der 1954 den Schraubstollen erfand und später die Firma "Adidas" gründete.
Drei Jahre nach dem Wunder von Bern hatte Albert Sing ein besonderes Erlebnis: Mit den Young Boys spielte er im Europapokal gegen Vasas Budapest. Auf dem Gelände neben dem Budapester Nep-Stadion ragten noch immer leere Betonsockel in den Himmel. Auf ihnen sollten eigentlich die Statuen der ungarischen WM-Helden wie Ferenc Puskas und Gyula Grocics platziert werden. Eigentlich. Denn wie sagt Albert Sing über das 3:2 von Bern: "Man sollte sich seiner Sache nie zu sicher sein."
Aktualisiert: 10.01.2004, 05:06 Uhr
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/p ... php/584153