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So leidet Fußball-Rebell Marc Bosman

Verfasst: Sonntag 7. September 2008, 19:32
von Blue Chris
Alkohol, Steuer-Schulden und künstliche Hüfte
Von ALEXANDRA GELHAUSEN, JAN LACROIX

BILD am SONNTAG

„Ich war die kleine Ameise, die auf den Mount Everest kletterte. Aber oben auf dem Gipfel war kein Hubschrauber, der mich abholte. Sondern ich musste den ganzen Weg mühsam zurückgehen – allein.“

Mit nur drei bitteren Sätzen beschreibt Jean-Marc Bosman (43) im Gespräch mit BILD am SONNTAG sein Leben. Der Belgier spielt heute beim „Tag der Legenden“ in Hamburg. Auch er ist längst eine Legende. Nicht als Fußball-Profi (135 Ligaspiele für Standard und FC Lüttich), sondern als Fußball-Rebell.Bosman veränderte den Fußball radikal. Er prozessierte gegen die Uefa, weil ihm sein Klub Lüttich einen Wechsel nach Dünkirchen durch eine zu hohe Ablösesumme vermasselte. Am 15. Dezember 1995 bestätigte ihm der Europäische Gerichtshof: Transfer- und Ablöseregelungen im Profisport sind bei auslaufenden Verträgen ebenso unzulässig wie die Beschränkung von Ausländern in den Teams.

Die Folge: Die Gehälter sprengten alle Grenzen. Was früher an Ablöse an den abgehenden Verein gezahlt wurde, wandert nun oft als Handgeld in die Tasche der Spieler und ihrer Berater.

Bosman: „Ich habe nur auf mein Recht gepocht, Fußball zu spielen. Aber dann ist das alles eskaliert. Ich fühlte mich wie ein kleiner Floh, den alle zerdrücken wollten. Die Uefa, der belgische Verband, Europas Klubs. Da sagte ich mir: Ich ziehe das jetzt bis zu Ende durch – auch für alle anderen Spieler.“

Er selbst hatte nichts von seinem juristischen Sieg. Im Gegenteil: Dieses Urteil hätte ihn sogar fast umgebracht!

Der belgische Fußball-Verband zahlte ihm zwar rund 400000 Euro Entschädigung. Mit dem Geld konnte er die Anwaltskosten begleichen und sich ein Haus in der Nähe von Lüttich kaufen. Und aus der elterlichen Garage, in der er zwischenzeitlich hauste, ausziehen.

Aber die von vielen Spielern groß angekündigte finanzielle Solidarität mit ihm blieb aus. Nur gelegentlich trudelten sehr überschaubare Spendensummen ein. Die Weltspielergewerkschaft FIFPro ließ ihn im Stich. Sie sagte ihm 1997 eine jährliche Unterstützung von rund 25000 Euro über zehn Jahre zu. Das ist bis heute nicht passiert.Bosman: „Ich frage regelmäßig bei denen nach. Und mache mir da schon einen Spaß daraus.“ Doch es ist kein Spaß, eher bitterer Sarkasmus. Aus Enttäuschung, dass man ihn vergessen hat.

„Eigentlich war ich für alle Fußballer doch eine Art Arbeitsminister. Heute dürfen elf Ausländer spielen, sieben sitzen auf der Bank, elf auf der Tribüne – und dank mir werden sie alle gut bezahlt“, sagt Bosman. Obwohl er seine Geschichte oft erzählt hat, kommt alles in ihm wieder hoch. Der Prozess, der Sieg und die Enttäuschung.

„Ich will nichts anderes als Anerkennung“, sagt Bosman. Anerkennung – dieses Wort wiederholt er mehrmals. Weil er diese bis heute nicht bekam. Auch mit Frauen hatte er kein Glück – zwei Scheidungen. Er war allein, ohne Freunde. Irgendwann fing Bosman an, den Kummer und das Gefühl der Einsamkeit mit Alkohol zu betäuben.

In BamS gibt er zu: „Ja, ich war Alkoholiker!“ Es hat lange gedauert, bis er sich das eingestehen konnte. „Ohne Alkohol zitterten meine Hände“, sagt Bosman und demonstriert es. „Erst nach zwei Gläsern Alkohol war das weg.“

Auch die großen Sorgen, wie er die monatlichen Steuerschulden zahlen sollte. Denn der belgische Fiskus verdonnerte ihn zu einer Nachzahlung von 155000 Franken (rund 100000 Euro), weil er Einkünfte als Spenden deklarierte und so geringer versteuerte. Nun stottert er monatlich 2000 Euro ab.

Freundin Carine (31) wusste nichts vom Alkohol-Problem, als sie sich vor zwei Jahren kennenlernten. Sie erzählt: „Dann merkte ich es. Und mir war klar: Wenn er so weitermacht, stirbt er.“Bosmans Leberwerte waren dramatisch schlecht, bis er sich endlich ärztliche Hilfe holte. Im Oktober 2007 bekam er zudem ein neues Hüftgelenk.

Heute weiß er: „Alkoholismus ist eine Krankheit.“ Die er vorerst besiegt hat. Nicht ohne Stolz sagt er: „Seit dem 27. Dezember 2007 trinke ich keinen Alkohol mehr.“

Ein großer persönlicher Sieg für Bosman. Er hat nun ein Mode-Label gegründet, das seinen Namen trägt. Er hofft, dass möglichst viele Spieler ein T-Shirt seiner Kollektion kaufen und ihm so finanziell helfen. „Was sind schon 80 Euro für sie“, fragt er sich.

Man wünscht dem armen Fußball-Rebellen, dass die Spieler endlich an ihn denken.

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