Milton Tembo - Fußballprofi und HIV-positiv
Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2004, 14:40
Mit Gott und Ball gegen den unsichtbaren
Gegner
Milton Tembo ist HIV-positiv und soll nach der Winterpause
wieder für Fußball-Oberligist SSV Ulm stürmen / DFB hat
Regelungsbedarf bei ansteckenden Krankheiten
VON UWE ROGOWSKI
Als Milton Tembo im Spätsommer 2003 in Donaustadt Ulm
zurückkehrte, war zunächst alles wie immer. Der Angreifer des
Fußball-Oberligisten SSV 1846 hatte mit seinem Heimatland
Sambia gerade in der Afrika-Cup-Qualifikation gespielt und
war, so machte es den Eindruck, von seinem Nationaltrainer
nicht geschont worden. Die Verantwortlichen beim ehemaligen
Bundesligisten machten sich so einen Reim auf die körperlichen
Defizite, die auch bei anderen afrikanischen Spielern nach
längeren Aufenthalten in der Heimat auftreten: Tembo sei
"übertrainiert". Also entschied man im Club zornig, den Stürmer
aus dem südlichen Afrika so schnell nicht mehr für sein
Heimatland abzustellen, und nahm ihn aus dem Kader.
Tembo wurde angehalten, die folgende Zeit intensiv zu nutzen,
um wieder in die Erste Mannschaft zu gelangen, für die er in
den vergangenen beiden Spielzeiten mit mehr als 30 Toren so
wertvoll gewesen war. Schon damals aber, sagt
SSV-Abteilungsleiter Uwe Spies rückblickend, habe man
"gemerkt, dass mit Milton etwas nicht stimmt". Wenige Wochen
später teilte der Spieler dem Club mit: "Ich bin HIV-positiv."
Tembo hatte sich in der Ulmer Universitätsklinik einer
Untersuchung unterzogen. Die ergab neben der
niederschmetternden Diagnose auch Ermutigendes: Tembo
müsse nicht zwangsläufig an Aids erkranken, ein baldiges
Ausbrechen der Immunschwäche sei unwahrscheinlich. Als
entsprechend gering stuften die Ärzte das Infektionsrisiko ein.
Dass Milton Tembo seine Fußballer-Karriere würde fortsetzen
können, daran dachte in Ulm zunächst aber niemand. "Wir
mussten erst wieder Worte finden", sagt Abteilungsleiter
Spies. Und ein Mannschaftsbetreuer berichtet: "Zuerst einmal
hat man zusammen geweint."
Dem Spieler, der obendrein die Ansteckung seiner Ehefrau
verkraften muss, geht es inzwischen gut. Er hat sich für den
offenen Umgang mit seinem Problem entschieden. "Es hat ihm
gut getan, sich zu äußern", glaubt Spies. Der Stürmer schöpft
Kraft aus seinem Glauben. "Ich glaube ganz fest an Gott. Das
hilft mir", sagt Tembo, der nach ein paar Wochen Auszeit und
Intensivbehandlung inzwischen wieder fest zum Kader der
Donaustädter zählt.
Gegen Ende der Vorrunde hatte er wieder erste Einsätze
bekommen. "Fußball spielen", sagt Tembo, "ist jetzt wichtig."
Die Vorbereitung auf die am 28. Februar beginnende
Rückrunde hat er komplett absolviert. Spies sagt: "Im
Trainingslager hat Milton einen sehr guten Eindruck
hinterlassen. Er ist auf einem guten Weg zurück." Aus
ärztlicher Sicht bestehen keinerlei Einwände am Comeback des
Afrikaners beim SSV, und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat
auf Anfrage der Ulmer grünes Licht für dessen Einsatz
gegeben. "Es besteht keine Gefährdung für Mit- und
Gegenspieler, und es ist zugesagt, dass sich der Spieler
angemessen verhält, also auch alles unternimmt, damit keine
solche Gefährdung auftauchen kann", erklärt Willi Hink,
DFB-Direktor für Amateurfußball "Deshalb war es für den DFB
keine Frage, diesen Spieler weiter Fußball spielen zu lassen."
Um Berührungsängste abzubauen wurden die Ulmer
Mannschaftskollegen von Sportmedizinern über den Umgang
mit HIV-Infizierten unterrichtet. "Die Ansteckungsgefahr ist
minimal", wiederholt Spies und verweist zudem auf seine stets
offene Tür. "Wenn die Sache für jemanden in der Mannschaft
ein Problem ist, weiß er, dass er jederzeit auf uns zukommen
kann." Aufgefallen ist dem Ulmer Abteilungsleiter, "dass der
DFB auf so etwas nicht vorbereitet ist. Die haben auf unsere
Anfrage etwas aus den 80-ern ausgegraben, wo es vor allem
um Aids-Handschuhe ging", moniert Spies "fehlende Statuten"
im Verbandswerk - womit sich der Kontaktsport Fußball
allerdings in guter Gesellschaft befindet. In den
Basketball-Statuten existieren seit dem Fall "Magic Johnson"
spezielle Richtlinien, bei im selben Zusammenhang
gefährlicheren Sportarten wie Ringen oder Boxen reagieren die
Verbände auf Anfrage verwirrt. "In der Literatur gibt es bislang
nur einen Fall, bei dem ein Sportler nach einem Zusammenprall
mit einem HIV-Positiven, der zu Kopfplatzwunden beider
Sportler führte, anschließend positiv auf Aids getestet wurde",
berichtet der Verbandsarzt des Deutschen-Ringer-Bundes, Dr.
Hans-Georg Eisenlauer. "Allerdings", führt der Mediziner weiter
aus, "konnte selbst hierbei eine Ansteckung außerhalb des
Sports nicht vollständig ausgeschlossen werden."
SSV-Abteilungsleiter Spies will im Fußball auch keinen
speziellen "Aids-Paragrafen" verankert wissen. "Es gibt viel
ansteckendere Krankheiten", betont er, die in Westeuropa
überdies weiter verbreitet seien als die Immunschwäche.
Sportärzte verweisen tatsächlich auf relevantere Krankheiten
im Zusammenhang mit Leistungssport. Die so genannte
Durchseuchung bei Hepatitis B etwa sei relativ hoch, eine
Übertragung könne - etwa über Speichel - sehr leicht zustande
kommen. Daher fordert Spies: "Der DFB sollte sich mal klar
äußern, was ansteckende Krankheiten im Fußball angeht." Willi
Hink zufolge will die Ärztekommission des Deutschen
Fußball-Bundes das Thema demnächst aufgreifen.
Gegner
Milton Tembo ist HIV-positiv und soll nach der Winterpause
wieder für Fußball-Oberligist SSV Ulm stürmen / DFB hat
Regelungsbedarf bei ansteckenden Krankheiten
VON UWE ROGOWSKI
Als Milton Tembo im Spätsommer 2003 in Donaustadt Ulm
zurückkehrte, war zunächst alles wie immer. Der Angreifer des
Fußball-Oberligisten SSV 1846 hatte mit seinem Heimatland
Sambia gerade in der Afrika-Cup-Qualifikation gespielt und
war, so machte es den Eindruck, von seinem Nationaltrainer
nicht geschont worden. Die Verantwortlichen beim ehemaligen
Bundesligisten machten sich so einen Reim auf die körperlichen
Defizite, die auch bei anderen afrikanischen Spielern nach
längeren Aufenthalten in der Heimat auftreten: Tembo sei
"übertrainiert". Also entschied man im Club zornig, den Stürmer
aus dem südlichen Afrika so schnell nicht mehr für sein
Heimatland abzustellen, und nahm ihn aus dem Kader.
Tembo wurde angehalten, die folgende Zeit intensiv zu nutzen,
um wieder in die Erste Mannschaft zu gelangen, für die er in
den vergangenen beiden Spielzeiten mit mehr als 30 Toren so
wertvoll gewesen war. Schon damals aber, sagt
SSV-Abteilungsleiter Uwe Spies rückblickend, habe man
"gemerkt, dass mit Milton etwas nicht stimmt". Wenige Wochen
später teilte der Spieler dem Club mit: "Ich bin HIV-positiv."
Tembo hatte sich in der Ulmer Universitätsklinik einer
Untersuchung unterzogen. Die ergab neben der
niederschmetternden Diagnose auch Ermutigendes: Tembo
müsse nicht zwangsläufig an Aids erkranken, ein baldiges
Ausbrechen der Immunschwäche sei unwahrscheinlich. Als
entsprechend gering stuften die Ärzte das Infektionsrisiko ein.
Dass Milton Tembo seine Fußballer-Karriere würde fortsetzen
können, daran dachte in Ulm zunächst aber niemand. "Wir
mussten erst wieder Worte finden", sagt Abteilungsleiter
Spies. Und ein Mannschaftsbetreuer berichtet: "Zuerst einmal
hat man zusammen geweint."
Dem Spieler, der obendrein die Ansteckung seiner Ehefrau
verkraften muss, geht es inzwischen gut. Er hat sich für den
offenen Umgang mit seinem Problem entschieden. "Es hat ihm
gut getan, sich zu äußern", glaubt Spies. Der Stürmer schöpft
Kraft aus seinem Glauben. "Ich glaube ganz fest an Gott. Das
hilft mir", sagt Tembo, der nach ein paar Wochen Auszeit und
Intensivbehandlung inzwischen wieder fest zum Kader der
Donaustädter zählt.
Gegen Ende der Vorrunde hatte er wieder erste Einsätze
bekommen. "Fußball spielen", sagt Tembo, "ist jetzt wichtig."
Die Vorbereitung auf die am 28. Februar beginnende
Rückrunde hat er komplett absolviert. Spies sagt: "Im
Trainingslager hat Milton einen sehr guten Eindruck
hinterlassen. Er ist auf einem guten Weg zurück." Aus
ärztlicher Sicht bestehen keinerlei Einwände am Comeback des
Afrikaners beim SSV, und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat
auf Anfrage der Ulmer grünes Licht für dessen Einsatz
gegeben. "Es besteht keine Gefährdung für Mit- und
Gegenspieler, und es ist zugesagt, dass sich der Spieler
angemessen verhält, also auch alles unternimmt, damit keine
solche Gefährdung auftauchen kann", erklärt Willi Hink,
DFB-Direktor für Amateurfußball "Deshalb war es für den DFB
keine Frage, diesen Spieler weiter Fußball spielen zu lassen."
Um Berührungsängste abzubauen wurden die Ulmer
Mannschaftskollegen von Sportmedizinern über den Umgang
mit HIV-Infizierten unterrichtet. "Die Ansteckungsgefahr ist
minimal", wiederholt Spies und verweist zudem auf seine stets
offene Tür. "Wenn die Sache für jemanden in der Mannschaft
ein Problem ist, weiß er, dass er jederzeit auf uns zukommen
kann." Aufgefallen ist dem Ulmer Abteilungsleiter, "dass der
DFB auf so etwas nicht vorbereitet ist. Die haben auf unsere
Anfrage etwas aus den 80-ern ausgegraben, wo es vor allem
um Aids-Handschuhe ging", moniert Spies "fehlende Statuten"
im Verbandswerk - womit sich der Kontaktsport Fußball
allerdings in guter Gesellschaft befindet. In den
Basketball-Statuten existieren seit dem Fall "Magic Johnson"
spezielle Richtlinien, bei im selben Zusammenhang
gefährlicheren Sportarten wie Ringen oder Boxen reagieren die
Verbände auf Anfrage verwirrt. "In der Literatur gibt es bislang
nur einen Fall, bei dem ein Sportler nach einem Zusammenprall
mit einem HIV-Positiven, der zu Kopfplatzwunden beider
Sportler führte, anschließend positiv auf Aids getestet wurde",
berichtet der Verbandsarzt des Deutschen-Ringer-Bundes, Dr.
Hans-Georg Eisenlauer. "Allerdings", führt der Mediziner weiter
aus, "konnte selbst hierbei eine Ansteckung außerhalb des
Sports nicht vollständig ausgeschlossen werden."
SSV-Abteilungsleiter Spies will im Fußball auch keinen
speziellen "Aids-Paragrafen" verankert wissen. "Es gibt viel
ansteckendere Krankheiten", betont er, die in Westeuropa
überdies weiter verbreitet seien als die Immunschwäche.
Sportärzte verweisen tatsächlich auf relevantere Krankheiten
im Zusammenhang mit Leistungssport. Die so genannte
Durchseuchung bei Hepatitis B etwa sei relativ hoch, eine
Übertragung könne - etwa über Speichel - sehr leicht zustande
kommen. Daher fordert Spies: "Der DFB sollte sich mal klar
äußern, was ansteckende Krankheiten im Fußball angeht." Willi
Hink zufolge will die Ärztekommission des Deutschen
Fußball-Bundes das Thema demnächst aufgreifen.