Kult im Keller - aus spiegel-online
Verfasst: Samstag 30. August 2003, 08:39
FUSSBALL-NIEDERUNGEN
Kult im Keller
Von Thorsten Stegemann
Sie spielten einst im großen Fußball mit. Doch vom Ruhm ist vielen Clubs nichts geblieben außer Erinnerung. In einer Serie stellt SPIEGEL ONLINE Vereine vor, die es mit den Jahren in die Katakomben des Kickergewerbes verschlagen hat - wie SpVgg Erkenschwick oder Borussia Neunkirchen, das am Samstag im DFB-Pokal Titelverteidiger Bayern München empfängt.
Berühmtestes Neunkirchner Gewächs: Der spätere Europameister Stefan Kuntz
Neunkirchen - Mit drei Siegen, neun Unentschieden und 24 Niederlagen hat man in der Regionalliga Süd keine realistische Chance auf den Klassenerhalt. Die ruhmreiche Borussia aus Neunkirchen musste deshalb in der vergangenen Saison den bitteren Rückweg in die Oberliga antreten. Im Laufe ihrer fast 100-jährigen Geschichte hat sie fast zwei Dutzend Meistertitel auf regionaler Ebene gesammelt und neben drei Spielzeiten in der zweiten Liga während der siebziger Jahre zwischen 1964 und 1968 auch drei Jahre in der Beletage des Deutschen Fußballs verbracht. Ob der große Geburtstag im Jahr 2005 ausreichend Anlass zum Feiern bietet, darf aus aktuellem Anlass bezweifelt werden. Anfang Juni wurde gegen die Borussia ein Insolvenzverfahren eröffnet.
"Ungereimtheiten in der Vergangenheit" hatten nach Ansicht von Insolvenzverwalter Günter Staab dazu beigetragen, dass Verbindlichkeiten von deutlich über einer Million Euro zusammenkamen. Die 93 Gläubiger werden vermutlich nur einen Bruchteil ihres Geldes wiedersehen. Der Verein muss in dieser Oberliga-Saison mit einem Gesamtetat von 280.000 Euro auskommen. Immerhin bescherte die Auslosung der ersten DFB-Pokalrunde den Borussen ein absolutes Traumlos. So erwartet der amtierende Saarlandpokal-Sieger am Samstag (17.45 Uhr) den deutschen Fußball-Rekordmeister und Pokal-Titelverteidiger Bayern München zum Pokalhit.
Immerhin kann sich die Borussia bei diesem Gegner auf ein Glanzlicht ihrer Vergangenheit berufen. Im Jahr 1964 vermasselten die Saarländer in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga den Bayern den Sprung in die Eliteklasse mit einem 2:0-Auswärtssieg in München. Keeper Willi Ertz, der heutige Co-Trainer der Borussia, hielt damals jeden Ball, der auf seinen Kasten kam. Doch dieser Triumph ist der einzige, den die Neunkirchner über die Münchner feiern durften. Im DFB-Pokal trafen beide Mannschaften vor elf Jahren aufeinander. Damals gewannen die Münchner problemlos mit 6:0.
Fußballgeschichte schrieb die Borussia unter anderem mit dem legendären "Phantomtor", das in der Saison 1978/79 für Aufregung sorgte. Auf der Internetseite des Clubs wird der Zwischenfall wie folgt beschreiben: "Das erste Spiel, das in Deutschland aufgrund von Fernsehbildern wiederholt wurde, war das Zweitligaligaspiel zwischen Borussia Neunkirchen und den
Stuttgarter Kickers. Es war der 21. Oktober 1978 und Ex-Nationalspieler "Ferdi" Keller gab sein Debüt für die Borussia. In der 63. Minute donnerte "Dixie" Kobel den Ball aus etwa 16 Metern an die Haltestange des Tornetzes. Der Schiedsrichter gab das vermeintliche "Tor", auch wenn es gar keines war. Stuttgart legte Protest ein, das Sportgericht der 2. Liga Süd und das DFB-Sportgericht annullierten die Wertung des Spiels. Das Wiederholungsspiel verlor Borussia Neunkirchen mit 0:1."
Berühmtester Spieler, der aus den Reihen der "Neijkeier" hervorgegangen war, ist der ehemalige Nationalstürmer Stefan Kuntz, der 1983 von Borussia Neunkirchen zum VfL Bochum wechselte. Stefans Vater Günther spielte in der Bundesligamannschaft der Neunkirchener, für die er 80 Spiele machte und dabei 22 Tore erzielte. Auch der spätere Starspieler von Eintracht Frankfurt, Augustine "Jay-Jay" Okocha, startete seine Fußballkarriere in Neunkirchen, als er mit 17 Jahren dort seinen ersten Vertrag unterschrieb.
Ein Filmregisseur im Mittelfeld
Ernst Kuzorra saß hier auf der Trainerbank, Torwart Georg Koch sammelte erste Erfahrungen zwischen den Pfosten. Vor über 20 Jahren huschte kein Geringerer als Filmregisseur Sönke Wortmann ("Der bewegte Mann", "Das Wunder von Bern") durchs defensive Mittelfeld. Doch der 1916 in einer Gaststätte gegründeten SpVgg Erkenschwick konnten auch die klangsvollsten Namen auf Dauer nicht helfen.
Als Zweitligist verpassten die Erkenschwicker 1981 die Qualifikation für die eingleisige Spielklasse, hielten sich dann aber 18 Jahre lang in der höchsten deutschen Amateurliga. Nach Querelen mit dem DFB um die Auszahlung von TV-Geldern wurde die SpVgg 1999 in die Oberliga strafversetzt, um ein Jahr später gleich noch einmal - diesmal aus sportlichen Gründen - abzusteigen. Die Zeit der großen Namen dürfte für den Club der Verbandsliga Westfalen 2 also erst einmal vorbei sein.
Zweitliga-Gründungsmitglied im Keller
Der Weg des 1. FC Mülheim-Styrum führte in den vergangenen drei Jahrzehnten ebenfalls kontinuierlich bergab. "Die Löwen", die sich in kürzester Zeit vom Landesligisten zum Niederrheinmeister gemausert hatten, stiegen 1974 in die zweite Liga auf, gehören somit also zu den Gründungsmitgliedern dieser Spielklasse. Nach einem achtbaren 11. Platz reichte es in der Folgesaison nur für Rang 17.
Der Abstieg von Amateurklasse zu Amateurklasse endete in der Kreisliga, wo sich der 1. FC zu allem Überfluss auch noch mit mehreren Stadtrivalen herumschlagen muss. Das Vereinslied der Mülheimer klingt vielleicht deshalb vergleichsweise bescheiden: "Und schlägt der Gegner heut uns noch/Die Zukunft, die gehört uns doch./Drum auf zum neuen Streit,/Es kommt auch unsere Zeit."
Tristesse im Emsland
DPA
Glorreiche Zweitliga-Zeit: Der Meppener Michael Prus (r.) im Duell mit dem Frankfurter Thomas Zampach
Auch der emsländische Kultverein SV Meppen steckt in argen Finanznöten und ist daran - wie der 1. Vorsitzende Frank Jehn freimütig zugibt - nicht ganz unschuldig. Die Zuschauerkalkulation war deutlich zu hoch, und so drohte das Defizit nach einer im vergangenen Jahr durchwachsenen Oberligasaison (Platz
auf weit über 200.000 Euro anzuwachsen. Da nur knapp die Hälfte dieses Betrages durch einen Bankkredit gedeckt war, sah sich der Verein zu außergewöhnlichen Maßnahmen gezwungen und empfing die Fans auf der offiziellen Homepage gleich mit einem eindringlichen Spendenaufruf.
Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt. Doch dass der einst von Nationalkeeper Toni Schumacher geschmähte SVM ("Bitte nicht nach Meppen"), der von 1987 bis 1998 zum Inbegriff der zweiten Liga wurde und mehrfach an die Tür zum Oberhaus klopfte, an alte Erfolge anknüpfen kann, ist vorerst eher unwahrscheinlich. Erste Unruhen gab es schon zu Saisonbeginn, als Spielertrainer Andreas Helmer bereits nach zwei Spieltagen gefeuert wurde. Interimscoach ist derzeit A-Jungend-Coach Jens Friedemann.
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0, ... 37,00.html
Kult im Keller
Von Thorsten Stegemann
Sie spielten einst im großen Fußball mit. Doch vom Ruhm ist vielen Clubs nichts geblieben außer Erinnerung. In einer Serie stellt SPIEGEL ONLINE Vereine vor, die es mit den Jahren in die Katakomben des Kickergewerbes verschlagen hat - wie SpVgg Erkenschwick oder Borussia Neunkirchen, das am Samstag im DFB-Pokal Titelverteidiger Bayern München empfängt.
Berühmtestes Neunkirchner Gewächs: Der spätere Europameister Stefan Kuntz
Neunkirchen - Mit drei Siegen, neun Unentschieden und 24 Niederlagen hat man in der Regionalliga Süd keine realistische Chance auf den Klassenerhalt. Die ruhmreiche Borussia aus Neunkirchen musste deshalb in der vergangenen Saison den bitteren Rückweg in die Oberliga antreten. Im Laufe ihrer fast 100-jährigen Geschichte hat sie fast zwei Dutzend Meistertitel auf regionaler Ebene gesammelt und neben drei Spielzeiten in der zweiten Liga während der siebziger Jahre zwischen 1964 und 1968 auch drei Jahre in der Beletage des Deutschen Fußballs verbracht. Ob der große Geburtstag im Jahr 2005 ausreichend Anlass zum Feiern bietet, darf aus aktuellem Anlass bezweifelt werden. Anfang Juni wurde gegen die Borussia ein Insolvenzverfahren eröffnet.
"Ungereimtheiten in der Vergangenheit" hatten nach Ansicht von Insolvenzverwalter Günter Staab dazu beigetragen, dass Verbindlichkeiten von deutlich über einer Million Euro zusammenkamen. Die 93 Gläubiger werden vermutlich nur einen Bruchteil ihres Geldes wiedersehen. Der Verein muss in dieser Oberliga-Saison mit einem Gesamtetat von 280.000 Euro auskommen. Immerhin bescherte die Auslosung der ersten DFB-Pokalrunde den Borussen ein absolutes Traumlos. So erwartet der amtierende Saarlandpokal-Sieger am Samstag (17.45 Uhr) den deutschen Fußball-Rekordmeister und Pokal-Titelverteidiger Bayern München zum Pokalhit.
Immerhin kann sich die Borussia bei diesem Gegner auf ein Glanzlicht ihrer Vergangenheit berufen. Im Jahr 1964 vermasselten die Saarländer in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga den Bayern den Sprung in die Eliteklasse mit einem 2:0-Auswärtssieg in München. Keeper Willi Ertz, der heutige Co-Trainer der Borussia, hielt damals jeden Ball, der auf seinen Kasten kam. Doch dieser Triumph ist der einzige, den die Neunkirchner über die Münchner feiern durften. Im DFB-Pokal trafen beide Mannschaften vor elf Jahren aufeinander. Damals gewannen die Münchner problemlos mit 6:0.
Fußballgeschichte schrieb die Borussia unter anderem mit dem legendären "Phantomtor", das in der Saison 1978/79 für Aufregung sorgte. Auf der Internetseite des Clubs wird der Zwischenfall wie folgt beschreiben: "Das erste Spiel, das in Deutschland aufgrund von Fernsehbildern wiederholt wurde, war das Zweitligaligaspiel zwischen Borussia Neunkirchen und den
Stuttgarter Kickers. Es war der 21. Oktober 1978 und Ex-Nationalspieler "Ferdi" Keller gab sein Debüt für die Borussia. In der 63. Minute donnerte "Dixie" Kobel den Ball aus etwa 16 Metern an die Haltestange des Tornetzes. Der Schiedsrichter gab das vermeintliche "Tor", auch wenn es gar keines war. Stuttgart legte Protest ein, das Sportgericht der 2. Liga Süd und das DFB-Sportgericht annullierten die Wertung des Spiels. Das Wiederholungsspiel verlor Borussia Neunkirchen mit 0:1."
Berühmtester Spieler, der aus den Reihen der "Neijkeier" hervorgegangen war, ist der ehemalige Nationalstürmer Stefan Kuntz, der 1983 von Borussia Neunkirchen zum VfL Bochum wechselte. Stefans Vater Günther spielte in der Bundesligamannschaft der Neunkirchener, für die er 80 Spiele machte und dabei 22 Tore erzielte. Auch der spätere Starspieler von Eintracht Frankfurt, Augustine "Jay-Jay" Okocha, startete seine Fußballkarriere in Neunkirchen, als er mit 17 Jahren dort seinen ersten Vertrag unterschrieb.
Ein Filmregisseur im Mittelfeld
Ernst Kuzorra saß hier auf der Trainerbank, Torwart Georg Koch sammelte erste Erfahrungen zwischen den Pfosten. Vor über 20 Jahren huschte kein Geringerer als Filmregisseur Sönke Wortmann ("Der bewegte Mann", "Das Wunder von Bern") durchs defensive Mittelfeld. Doch der 1916 in einer Gaststätte gegründeten SpVgg Erkenschwick konnten auch die klangsvollsten Namen auf Dauer nicht helfen.
Als Zweitligist verpassten die Erkenschwicker 1981 die Qualifikation für die eingleisige Spielklasse, hielten sich dann aber 18 Jahre lang in der höchsten deutschen Amateurliga. Nach Querelen mit dem DFB um die Auszahlung von TV-Geldern wurde die SpVgg 1999 in die Oberliga strafversetzt, um ein Jahr später gleich noch einmal - diesmal aus sportlichen Gründen - abzusteigen. Die Zeit der großen Namen dürfte für den Club der Verbandsliga Westfalen 2 also erst einmal vorbei sein.
Zweitliga-Gründungsmitglied im Keller
Der Weg des 1. FC Mülheim-Styrum führte in den vergangenen drei Jahrzehnten ebenfalls kontinuierlich bergab. "Die Löwen", die sich in kürzester Zeit vom Landesligisten zum Niederrheinmeister gemausert hatten, stiegen 1974 in die zweite Liga auf, gehören somit also zu den Gründungsmitgliedern dieser Spielklasse. Nach einem achtbaren 11. Platz reichte es in der Folgesaison nur für Rang 17.
Der Abstieg von Amateurklasse zu Amateurklasse endete in der Kreisliga, wo sich der 1. FC zu allem Überfluss auch noch mit mehreren Stadtrivalen herumschlagen muss. Das Vereinslied der Mülheimer klingt vielleicht deshalb vergleichsweise bescheiden: "Und schlägt der Gegner heut uns noch/Die Zukunft, die gehört uns doch./Drum auf zum neuen Streit,/Es kommt auch unsere Zeit."
Tristesse im Emsland
DPA
Glorreiche Zweitliga-Zeit: Der Meppener Michael Prus (r.) im Duell mit dem Frankfurter Thomas Zampach
Auch der emsländische Kultverein SV Meppen steckt in argen Finanznöten und ist daran - wie der 1. Vorsitzende Frank Jehn freimütig zugibt - nicht ganz unschuldig. Die Zuschauerkalkulation war deutlich zu hoch, und so drohte das Defizit nach einer im vergangenen Jahr durchwachsenen Oberligasaison (Platz
Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt. Doch dass der einst von Nationalkeeper Toni Schumacher geschmähte SVM ("Bitte nicht nach Meppen"), der von 1987 bis 1998 zum Inbegriff der zweiten Liga wurde und mehrfach an die Tür zum Oberhaus klopfte, an alte Erfolge anknüpfen kann, ist vorerst eher unwahrscheinlich. Erste Unruhen gab es schon zu Saisonbeginn, als Spielertrainer Andreas Helmer bereits nach zwei Spieltagen gefeuert wurde. Interimscoach ist derzeit A-Jungend-Coach Jens Friedemann.
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0, ... 37,00.html