Blaues Stuttgart hat geschrieben:Oeffinger hat geschrieben:Blue Chris hat geschrieben:Ärzte statt Böller
Ich hab gerne geböllert

Pfff, trink mal lieber :wink:
„Böller statt Brot“ – oder die Kunst der Verschwendung
von Thorsten Schillinger
Es gibt Rituale, meine Damen und Herren, die sind so beständig wie die
Sesamstraße. Zu einem dieser Rituale gehört die Forderung „Brot statt Böller“.
So möge man doch am Jahresende auf sein Sylvesterfeuerwerk verzichten, und statt
dessen das ersparte Geld spenden.
Geht es Ihnen nicht auch so ?
Wenn Sie an Sylvester einen Böller gezündet, und damit einem afrikanischen Kind
sein Mittagessen für den nächsten Tag genommen haben. Denken Sie nicht auch
immerzu an die Familie, die jetzt eine Woche kein Brot zu essen hat, während Ihre
Rakete mit einem Feuerschweif im nächtlichen Firmament entschwindet. Unerträglich
die langen Minuten in der eine Feuerwerkssonne ihre funkelnde Pracht entfaltet, und
doch mit diesem Geld notleidenden Menschen geholfen werden könnte.
So oder ähnlich sollte es Ihnen aber gehen. Jedenfalls dann, wenn es nach den
Initiatoren von Organisationen wie „Brot für die Welt“ geht.
Jahr für Jahr rufen verschiedene deutsche Hilfsorganisationen dazu auf, daß
Feuerwerk an Sylvester zu unterlassen, um für „Brot für die Welt“ zu spenden.
Gerade so als gäbe es nicht genug Nahrungsmittel auf der Welt. „Brot statt Böller“
nennen Sie ihre spendenträchtige Kampagne. Ich lehne den Aufruf „Brot statt Böller“
ab, weil mit diesem Appell der unterstellte Zusammenhang zwischen
Sylvesterfeuerwerk sowie Hunger frei gewählt ist und nicht existiert. Die Existenz von
Hunger hat vielfältige Ursachen. Häufig wird in Ländern der sogenannten 3. Welt auf
besten Boden Lebensmittel für den Export in die Industrieländer angebaut.
Umgekehrt sorgen die subventionierten Agrarexporte, vor allen Fleisch, aus Europa
und den USA dafür, daß die einheimischen Märkte in der 3. Welt zusammenbrechen.
Ich denke heute werden weltweit genug Nahrungsmittel produziert, so daß niemand
verhungern müßte. Das Menschen verhungern, liegt letztlich an der
unausgeglichenen Verteilung der Nahrungsmittel sowie deren Verschwendung wie
zum Beispiel beim Einsatz als Viehfutter.
Feuerwerk bildet heute einen wichtigen Teil unseres Kulturverständnisses.
Die Verschwendung des Feuers als Ausdruck der Freude ist uralt. Seine älteste
Form kennen wir als das Freudenfeuer. Es bestand gewöhnlich aus einem
Scheiterhaufen, der unter großer Anteilnahme der Anwesenden nieder brannte.
Dabei war es nicht nur die hell leuchtende Flamme, von der die Wirkung ausging,
sondern das komplexe Gesamterlebnis von Brand, Zerstörung und Beleuchtung das
die Menschen in seinen Bann zog.
Im Mittelalter wurde dieses Ritual an deutschen Fürstenhöfen zur pyrotechnischen
Festkultur ausgebaut. Hölzerne Aufbauten und Kulissen erzählten dem Volk mit
farbenfrohen Feuern von geschichtsträchtige Ereignissen. Im Anschluß dieser
Illustrationen gingen dann die von Malern, Bildhauern, und Architekten kunstvoll
entworfenen Kulissen in Flammen auf. Auch Komponisten fühlten sich durch die
Feuerkunstwerke inspiriert.
Denken Sie hierbei nur an die Feuerwerksmusik von Händel.
Die Pyrotechniker entwickelten im Laufe der Jahrhunderte aus den höfischen
Riesenfeuerwerken die Kleinfeuerwerksartikel, die heute – für jedermann
erschwinglich – als gesellschaftlicher Bestandteil nicht mehr wegzudenken sind.
Während man in Deutschland das Feuerwerk einsetzt um Sylvester zu feiern, können
es in anderen Kulturen die Osterfeste, Nationalfeiertage, Unabhängigkeitstage wie in
den USA oder in Frankreich revolutionäre Anlässe sein.
Feuerwerk bietet die Möglichkeit Menschen auf eine einzigartige Art zu Illusionieren.
Mit Ihm gelingt die Verzauberung der Nacht wie kein zweites. Als Pyrotechniker kann
ich Ihnen versichern, was es heißt wenn auf einer Geburtstagfeier oder einer
Hochzeit zur Überraschung der Gäste ein Feuerwerk gezündet wird. Wenn für ein
Brautpaar eigens ein Feuerwerk abgebrannt wird, dann ist das Ausdruck einer ganz
besonderen Wertschätzung. Dieses Erlebnis ist keineswegs eine kurzfristige schnell
verpuffende Angelegenheit. Nein, Feuerwerk bleibt. Es bleibt in der Erinnerung
derjenigen welche es gesehen, gehört und erlebt haben.
Feuerwerk verbindet Menschen. Zu großen Feuerwerken wie Rhein in Flammen oder
dem Feuerwerks Festival an der Hamburger Alster kommen Menschen zusammen
und stehen dicht gedrängt um gemeinsam mit begleitenden Ohh´s und Ahh´s das
Spektakel zu erleben. Da feiern Millionen von Menschen den Jahreswechsel die
Verabschiedung dessen was sich im vergehenden Jahr ereignet hat und der
Begrüßung dessen, was vor ihnen steht. Und was wird von Ihnen erwartet ?
Sie sollen dieses Fest unter dem Eindruck von der Armut auf dieser Welt begehen.
Meine Damen und Herren, mit dem Aufruf „Brot statt Böller“ wird lediglich versucht
ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, welches für einen Zuwachs in den
Spendenkassen der Hilfsorganisationen sorgen soll.
Fallen Sie nicht auf diese Rhetorik herein. „Brot statt Böller“ ist ein klassischer
Slogan, also der Versuch etwas in knappster Form in Ihr Gedächtnis zuprägen.
Slogans sind keinesfalls ein Mittel der Argumentation, vielmehr verkürzen oder
ersetzen sie gar diese. Hierzu wird das rhetorische Mittel der Alliteration benutzt. Sie
sollten wissen, daß die Alliteration ein unverzichtbares Stilmittel deutscher
Werbeagenturen geworden ist. Und was der Werbung recht ist, scheint für
Organisationen wie „Brot statt Böller“ nur geradezu billig zu sein.
Erfolgreich ist der Aufruf vor allem, weil er auf das von der katholischen und
evangelischen Kirche verbreitete schlechte Gewissen zielt.
Ein schlechtes Gewissen ist aber etwas anderes als eine solidarische Grundhaltung
und die Bereitschaft, die Menschen in der 3. Welt als etwas anderes zu sehen als
reine Hilfsempfänger. Einige Organisationen gehen sogar noch weiter, indem Sie
behaupten Sylvesterfeuerwerk sei unterlassende Hilfeleistung oder es handelt sich
hierbei sogar um die private Aufrüstung des Bürgers. Es muß schon jedem selber
überlassen werden wo und wann er spart. Nein, meine Damen und Herren bei „Brot
statt Böller“ sieht man mal wieder den erhobenen Zeigefinger der Kirche.
Ich würde daher vorschlagen: „Brot statt Christbäume“ oder „Brot statt Papstreisen“
Natürlich kann man auch „Brot“ durch eine ganze Anzahl von anderen Sachen
ersetzen.
Zumindest seit Enschede nicht durch welche die ganze Stadtteile verwüsten oder
Schwermetalle freisetzen. Ich weiß auch nur zu gut, was in der Sylvesternacht bei
Feuerwehr und Rettungsdienst für Einsätze gefahren werden.
Es muß aber dennoch damit aufhören, daß selbstbestimmte Bürger die an Sylvester
Ihren Spaß am Feuerwerk haben wollen bevormundet werden. Beim
Sylvesterfeuerwerk werden Sie meine Damen und Herren genauso souveräne
Kaufentscheidungen treffen wie das ganze Jahr über hinweg. Es steht ja wohl jeden
einzelnen von Ihnen frei zu entscheiden wann uns wie er ausgelassen feiern möchte
und gleichermaßen wann und wie er sich Sozial engagieren möchte.
Es kommt ja auch sonst keiner daher will Ihr Geld und begründet dieses mit
„Asyl statt Autobahn“ oder „Caritas statt Champagner“ Hier geht es nicht um die
proklamierte Wahl zwischen Böller oder Brot. Sondern darum, daß Sie selber
entscheiden ob und wenn ja wieviel Geld an Sylvester von Ihnen ausgegeben wird.
Ansonsten wünsche Ich den Initiatoren solcher Kampagnen wie „Brot statt Böller“ am
Sylvesterabend viel Spaß wenn sie versuchen Ihr Brot anzuzünden und es zum
Leuchten bringen wollen.
Für den kommenden Jahreswechsel wünsche Ich Ihnen mit Ihrem
Sylvesterfeuerwerk viel Freude. Achten Sie auf den sicheren Umgang mit den
Feuerwerkskörpern und genießen Sie die einzigste Nacht im Jahr, in der Sie Ihre
pyromanische Ader ausleben können.