Gerland-Interview

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Blauer Bayer
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Gerland-Interview

Beitrag von Blauer Bayer »

Anbei ein wirklich amüsantes Interview mit Hermann Gerland aus der Süddeutschen Zeitung. Man kann sagen, was man will: Aber der Mann ist absolut Kult!

„Das ist wie eine wunderbare Bratwurst essen“

Trainer Hermann Gerland über seinen Lieblingsschüler Philipp Lahm, die Nachwuchsarbeit beim FC Bayern und verbotene Saunagänge  


Fußballlehrer Hermann Gerland, 49, gilt in Deutschland als einer der renommiertesten Ausbilder. Der gebürtige Bochumer war während seiner aktiven Zeit (204 Bundesligaspiele als Verteidiger für den VfL Bochum) als unermüdlicher Kämpfer bekannt und behielt diese Eigenschaft als Trainer bei. In der ersten Liga trainierte er Bochum, den 1. FC Nürnberg und in Bielefeld, ehe er im Sommer 2001 nach München zurückkehrte. Bereits von 1992 bis ’95 hatte er als Amateurcoach beim FC Bayern Spieler wie Nerlinger, Babbel, Hamann, Zickler oder Kuffour an die Bundesliga herangeführt. Jetzt verantwortet der Westfale wieder das Regionalligateam der Bayern, das mit deutlichem Vorsprung die Tabelle anführt und am Freitag gegen den 1. FC Schweinfurt 05 (19 Uhr, Grünwalder Stadion) in die Rückserie startet.

SZ: Herr Gerland, Sie haben für die Rückrunde nicht in Kitzbühel oder auf Mauritius Kräfte gesammelt, sondern im Stall ihres Bauernhofs in Westfalen. Das ist in Ihrer Branche eher unüblich.

Gerland: Wir haben allerdings auch dort oben zwischen Gütersloh und Bielefeld, wo ich wohne, mit der Mannschaft einige Hallenturniere gespielt und trainiert. Natürlich bin ich aber auch im Stall gewesen, zwischen dem Training morgens und nachmittags, da konnte ich dann misten. Und das ist nicht falsch. Da sammel’ ich ja dann auch keine Kräfte, sondern verausgabe mich. Ich fühle mich momentan wieder als Athlet, ich bin relativ fit, ich fahre entweder daheim eine Stunde Rad oder laufe von daheim zum Training. Wenn ich dann im Winter da oben bin und sitze nur, das ist dann nicht gut. Also geh’ ich in den Stall.

SZ: Wäre das nicht etwas für junge, verwöhnte Spieler – Drecksarbeit?

Gerland: Gut, das mit dem Mist würden sie wahrscheinlich noch hinkriegen. Aber Heu und Stroh stapeln, das wär’ wohl zu schwierig für die. Das ist ja auch ein bisschen Überwindung, der eine hat Angst vor Pferden, der andere kann den Mist nicht riechen. Ich weiß ja nicht, was meine Jungs so für Hobbys haben.

SZ: Wenn man Sie beim Training beobachtet, wundert man sich: Sie schreien nicht mehr – sind Sie zahm geworden?

Gerland: Wenn man älter wird, wird man eben ruhiger. Es reicht doch, wenn ich durch eine Mauer renne – früher bin ich durch zwei gerannt. Aber ich schimpfe schon noch sehr häufig, bin sehr oft unzufrieden und tu’ das sofort kund. Das ist auch besser so, denn wenn ich zehn Minuten warte, hat der Spieler die Situation vergessen. So kann ich ihn direkt packen. Ich habe kein Interesse, jedem Spieler zu sagen: ,Du bist gut!’ Denn alle Spieler beim FC Bayern haben ein gewisses Niveau, aber um dahin zu kommen, wo sie wirklich hin wollen – da müssen sie besser werden, sie müssen mehr arbeiten und sich auch außerhalb des Platzes mit Fußball beschäftigen.

SZ: Das ist nicht immer der Fall?

Gerland: Ich bin zumindest ab und zu schon überrascht, wenn ich einen frage: ,Hast du am Wochenende das Tor gesehen?’ Dann hör’ ich: ,Nee, hab’ ich nicht.’ Da fehlt mir das Verständnis, denn man muss ja auch visuell lernen. Und im Stadion sehe ich einige Spieler, andere seh’ ich eben nicht. Dabei spielt bei Bayern die Crème de la Crème. Da kann ich sehen: Wie löst rechts der Willy Sagnol die Situation oder links der Bixente Lizarazu? Oder einer kommt zu mir und sagt: ,Komm’ Trainer, lass’ uns mal ein Spiel zusammen angucken.’ Macht aber keiner, und darüber wundere ich mich.

SZ: Trotzdem ist Ihr Team zurzeit die Attraktion der Regionalliga. Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Profikollege Ottmar Hitzfeld das angemessen verfolgt?

Gerland: Natürlich sehen wir uns, aber den Kontakt hält ja meistens der Michael Henke (Hitzfelds Assistent; Anm. d. Red.), dann unterhalten wir uns über meine Spieler. Die Nachwuchsabteilung kann stolz sein auf das, was in den letzten Monaten hier passiert ist. Ein Verein hat mich letztens angerufen, der wollte Spieler von mir, auf einen Schlag fünf!

SZ: Ein Erstligist?

Gerland: Ja, erste Liga. Aber dann sag’ ich denen natürlich: Den kriegste nicht und den auch nicht.

SZ: Momentan wird das Stuttgarter Nachwuchsmodell der „Jungen Wilden“ gepriesen. Dazu gehört Ihr Spieler Philipp Lahm, der ausgeliehen ist und sich nun zum Nationalspieler entwickelt hat. Hat das Modell des FC Bayern versagt?

Gerland: Zunächst einmal wurde das Modell Stuttgart ja aus der Not heraus geboren. Und jetzt nehmen Sie doch einmal den Philipp Lahm – wo hätte der bei den Profis des FC Bayern spielen sollen?

SZ: Er könnte derzeit für Bixente Lizarazu spielen, der ein Formtief hat.

Gerland: Ja, im Moment vielleicht. Aber wenn sie Cheftrainer der Profis sind, interessiert sie das doch ansonsten herzlich wenig. Auf links habe ich den Lizarazu und ich habe den Jung-Nationalspieler Tobias Rau. Rechts habe ich Sagnol, habe Salihamidzic, und Owen Hargreaves kann das auch spielen. Und vor der Abwehr, wo ein Philipp Lahm auch exzellent spielen könnte, hab’ ich Jens Jeremies und Hargreaves . . .

SZ: . . . und eben nicht die Alternative Lahm. Ist das das Problem: dass ihm das außer Ihnen niemand zutraut? Wieso kommt Rau, wieso bleibt nicht Lahm?

Gerland: Wissen Sie, das sind Probleme, die an anderer Stelle gelöst werden.

SZ: Aber Sie haben sich doch für Lahm vor dessen Wechsel nach Stuttgart stark gemacht. Werden Sie als sehr erfolgreicher Ausbilder nicht angehört?

Gerland: Wenn ich dem Uli (Bayern-Manager Hoeneß; d. Red.) das da oben im Büro erzähle, sag’ ich ihm das, was ich denke. Wir haben einen guten Draht. Aber das muss ich ja nicht öffentlich tun. Ich habe Philipp Lahm Woche für Woche bei mir spielen sehen. Nur: Der Philipp hat auch mal bei den Profis mittrainiert, und das ist ein bescheidener Junge. Das ist keiner, der ’ne große Klappe hat und mit dem Handy rumläuft. Ich hab’ den Robert Kovac, den ich damals von Hertha Zehlendorf nach Nürnberg geholt hatte, auch mal gefragt: ,Du, was ist denn mit dem Philipp?’ Der hat mir gesagt: ,Der hält sich so zurück, der muss auch mal einen umtreten.’ Das hat er eben nicht gemacht, aber ich wollte nicht, dass er noch ein drittes Jahr bei mir spielt, weil ich das gesehen habe . . .

SZ: . . . dass er das Zeug hat.

Gerland: Ja, für mich ist das doch wie Kaviar gewesen, ach was, ich ess’ ja lieber Bratwurst – das ist wie eine wunderbare Bratwurst essen, wie der Fußball spielt, wie der eine Situation lösen kann! Mir tat das doch weh, als ich dem Uli Hoeneß sagen musste: ,Uli, der kann nicht mehr bei mir spielen!’ Das wär’ doch Perlen vor die Säue gewesen. Denn wichtig ist doch, dass die jungen Spieler so früh wie möglich permanent in der ersten Liga spielen. Ein Philipp Lahm hätte hier spielen können, wie er wollte, und dann wird der eine gesund und der andere auch – und dann sitzt er auf der Bank! Jetzt hat sich mit Riesenschritten entwickelt und hat sich Bonus erspielt.

SZ: Lahm ist nicht der einzige, der geht oder gegangen ist. Misimovic ist Schützenkönig, er geht bald nach Bochum, Feulner ist in Köln. Welchen Wert hat Ihre Arbeit, wenn alle weggehen?

Gerland: Das ist ja auch alles nicht so einfach, wenn sie einen Makaay haben, einen Roque Santa Cruz und einen Pizarro. Und dann sagt der Ottmar Hitzfeld, der hier viel Erfolg hatte, jetzt stellen wir den Zwetschge Misimovic auf? Nein, das kann man nicht erwarten. Natürlich sehe ich meine Spieler in einem etwas anderen Licht als andere im Verein. Aber bei anderen Vereinen haben die Jungs eben auch Zeit, da können sie auch mal ein schlechtes Spiel machen und werden trotzdem wieder aufgestellt – das geht hier nicht, bei dieser Konkurrenz.

SZ: Weil der FC Bayern immer Erfolg haben muss, hat es seine herausragende Jugend so schwer – dann wären Ihre Supertalente hier ja falsch aufgehoben?

Gerland: Es ist doch so: Wenn man hier mit zehn Punkten Vorsprung Meister wird, ist es ruhig. Doch so bald man nicht an erster Stelle steht, ist eine gewisse Unruhe da. Es wird immer so sein, dass wir in die erste Mannschaft direkt sehr wenige bringen werden. Vielleicht ist es über einen Umweg wie jetzt bei Lahm oder wie vor zehn, zwölf Jahren bei Markus Babbel einfacher. Und im Grunde ist die Lösung mit Lahm doch genial. Was mich das gefreut hat, dass ich den Felix (Stuttgarts Trainer Magath; d.Red.) am vorletzten Spieltag angesprochen habe und ihm sagte: ,Du, ich habe da ein außergewöhnliches Talent’. Und dann hat der Felix gesagt, ohne ihn zu sehen: ,Gut, dann nehm’ ich ihn.’ Ich hatte ja auch andere Vereine angesprochen.

SZ: Das VfB-Modell hatte Erfolg, neuerdings versucht es auch der TSV 1860 mit Nachwuchs. Verpasst der FC Bayern wegen seines Anspruchs einen Trend?

Gerland: Das sehe ich anders. Ich war von 1990 bis ’95 erstmals hier. Da nenne ich Ihnen: Gospodarek, Münch, Babbel, Hamann, Kuffour, Nerlinger. Und für die letzten zwei, drei Jahre sage ich: Bönig beim VfL Bochum, Bönig bei LR Ahlen, Hofmann bei Rapid Wien, Kling beim HSV, Feulner, Lahm und bei uns Schweinsteiger, Rensing, Trochowski, Lell – wie viele wollen ’se noch haben? Die sind alle hier rausgekommen, ohne dass Bayern München das groß darstellt hat. Hier wird hervorragend gearbeitet.

SZ: Wo Sie arbeiten, reifen Talente. Was machen Sie anders?

Gerland: Wir lassen die Jugendlichen häufiger bei uns reinschnuppern, Jugend und Amateure, das geht jetzt fließend ineinander über. Und vielleicht merken die Jungen, dass bei mir unter der rauen Schale doch ein weicherer Kern ist. Ich will mich nicht über die Ausbildung der Leute profilieren – ich will, dass die Jungen einen Schritt nach vorne machen. Und erkennen, dass sie sich eine solide Basis fürs spätere Leben schaffen. Im Fußball kann ich ja nicht so lange Geld verdienen, also muss ich das nutzen. Wer Talent hat und besessen ist, wer arbeitet – der kommt nach oben! Man muss natürlich gesund bleiben . . .

SZ: . . . und anständig sein, anders als der Jungprofi Bastian Schweinsteiger, der einmal nachts seiner Cousine das Entmüdungsbecken des FC Bayern gezeigt hat, was ja auch prompt aufgeflogen ist.

Gerland (lacht laut und überlegt): Erstmal sach’ ich: Der Schweinsteiger ist in Ordnung! Den hab’ ich mal aus Flachs angerufen und ihm gesagt: ,Du Basti, ich hab’ da ein paar schöne Mädchen aus Gütersloh, die wollen deine Nummer haben.’ Da sagt er: ,Trainer, ich sitz’ gerade mit Ihrer Frau zusammen’ – da saß dieser Bastian Schweinsteiger, der hier im Internat gewohnt hat und jetzt drüben spielt, zum Geburtstag von Christa Schweinberger (Internatsleiterin; d.Red) und gratuliert! Das ist ein junger Mann, der auch schon viel Mist gebaut hat, keine Frage. Aber der hat das Herz am richtigen Fleck. Manche wollen ja Typen, die mit dem Gebetbuch durchs Leben gehen: rasiert, schön die Haare gekämmt, Schuhe geputzt, danke und bitte und so weiter. Aber auf dem Platz liegen diese Typen immer im Dreck und fangen an zu weinen. Solche wollen wir nicht haben. Wir wollen die Listigen haben, die mal die Ellenbogen ausfahren und beißen und dem Gegner sagen: ,Pass’ auf, ich fress’ dich gleich auf!’ Solche wollen wir.

SZ: Also schafft es Schweinsteiger?

Gerland: Sicher, der kann’s schaffen. Wichtig ist nur: Wie wird er beraten, wie oft kann er spielen? Ich freue mich jedes Mal, wenn ich auf der Tribüne sitze und einen der Jungs spielen sehe, das ist für alle Mitarbeiter hier wunderbar. Aber der Uli und der Kalle (Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge; d.Red.), die sehen das doch auch so, garantiert, das sind alles Fußballer. Der Bastian ist ein guter Junge, auch wenn er . . .

SZ: . . . mal Mist baut?

Gerland: Ja, und die Situation der Jungs ist doch sowieso nicht so ganz einfach. Die haben einen Trainer – mich –, der sagt ihnen: ,Pass auf, dat und dat kannste, das musste verbessern.’ Dann haben sie aber auch einen Berater, und der sagt ihnen: ,Weißte wat: Du bist der Größte! Wat der da spielt, dat kannst du schon lange spielen.’ So geht das los. Wir sollten uns mal daran erinnern, dass wir doch früher auch nicht anders waren. Bei uns, als ich noch gespielt habe – das war kurz nach dem Krieg –, da war einer in der Kiste. Wir mussten Strandlauf machen, und einer fehlte. Aber das ist nicht rausgekommen, nichts! Und heute? Kommt alles raus. Aber wenn du mit drei Mädchen in die Sauna gehst, dann muss ich eben das Licht ausmachen, dass mich keiner erwischt! Oder ich muss den, der mich erwischt, schmieren.

SZ: Sind Sie inzwischen so weit wie Ihr Trainerkollege Bernard Dietz, der sagt: Jugend ja, aber nicht mehr mit verzogenen Jungprofis?

Gerland: Das wird mir unterstellt. Aber so lange der FC Bayern mit meiner Arbeit zufrieden ist, habe ich Spaß an dieser Arbeit. Ich sehe hier internationalen Fußball, ich sehe nationalen Fußball und habe keine Angst, dass am Ende des Monats kein Geld auf dem Konto ist. Ich habe einen Handschlagvertrag mit Uli Hoeneß, der gilt so lange, bis meine Tochter Abitur hat. Aber weiß ich, was in zwei Jahren ist? Andererseits fahr’ ich jeden Morgen gerne zur Arbeit – gibt’s was Schöneres?

SZ: Mist schippen im Pferdestall?

Gerland: Mal sehn’n, meine Frau möchte hier in München bleiben, und sie hat viel mitgemacht mit mir. Da muss ich auch mal Rücksicht nehmen.

SZ: Also doch hier bleiben und Golf spielen, wie die meisten beim FC Bayern?

Gerland: Ich hab’ mal ’nen Schläger in der Hand gehabt, denn gegenüber meinem Bauernhof, den ich da habe, ist ein Golfplatz. Ich könnte vom Golfplatz bis zu meinen Wiesen schießen! Aber wenn man ein Hobby hat, das reicht. Mit der Mistgabel kann ich besser umgehen als mit dem Golfschläger.

Interview: Gerald Kleffmann

und Andreas Burkert
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svk4ever
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Re: Gerland-Interview

Beitrag von svk4ever »

Gerland hat geschrieben: ... und tu’ das sofort kund. Das ist auch besser so, denn wenn ich zehn Minuten warte, hat der Spieler die Situation vergessen. So kann ich ihn direkt packen.
Ein winziger Nebensatz, der unheimlich viel über den Trainer aussagt. Gerland kennt sich mit Hundeerziehung und Verhaltensweisen im Rudel aus. Das hilft jedem Trainer mehr als ein Extra-Semester Sportpsychologie!
Gerland hat geschrieben:Manche wollen ja Typen, die mit dem Gebetbuch durchs Leben gehen: rasiert, schön die Haare gekämmt, Schuhe geputzt, danke und bitte und so weiter. Aber auf dem Platz liegen diese Typen immer im Dreck und fangen an zu weinen.
...und stehen in der Liga am Tabellenende :)
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Felix B.
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Beitrag von Felix B. »

Cooles Interview, ich mag den Gerland echt.
Überlinger

Beitrag von Überlinger »

Schon ein kultiger Typ!
Wenn da nur nicht die überflüssigen Ausraster wären... :?
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