Der Herr der Gerüchte
Matthias Seidels transfermarkt.de ist für die Fußballbranche längst unverzichtbar
"Entscheidend", hat Adi Preißler gesagt, "is' aufm Platz". Stimmt schon. Aber ohne unzählige Helfer und Beobachter wäre die Bundesliga kein "Theater der Träume". Sie wirken meist im Hintergrund und sind für den Fußball-Zirkus doch unverzichtbar. Wie funktioniert die Bundesliga "backstage" Die FR blickt hinter die Kulissen.
VON JAN CHRISTIAN MÜLLER
Auf der Höhe des Geschehens (Screenshot)
In einer Seitenstraße in Hamburg Altona, dritter Stock, sitzt Matthias Seidel an einem runden Tisch. Der 35-Jährige ist der Macher von transfermarkt.de, der seinen Angaben zufolge nach kicker.de am besten besuchten deutschen Fußball-Internetseite. 25 000 Besuche pro Tag hat Seidel im Januar gezählt. Im Sommer, wenn der Transfermarkt brodelt, rechnet er mit mehr als einer Millionen "visits" pro Monat.
Damit hätte der gebürtige Bremer und Werder-Fan ("Wenn ich mich morgens beim Rasieren schneide, kommt grün-weißes Blut") nie gerechnet, damals, im Mai 2000. Seidel hatte im Internet ein Forum gegründet, um Gerüchte um Spielertransfers zu diskutieren. Eine Handvoll User haben schnell mitgemacht. Schon im Juni besuchten 50 Fußballverrückte regelmäßig das zur Homepage mutierte Forum. "Ich bin vor Freude durchs Büro gehüpft und habe mich gefragt: Welche Spinner interessieren sich nur für sowas? Denn unsere Seite war ja nur ein Rohbau." Davon kann längst keine Rede mehr sein.
Transfermarkt.de ist Seidels Hobby. Mit einem Partner betreibt der Kommunikationswirt die Internetagentur Online-Pro, die unter anderem Homepages für Unternehmen baut. Damit verdient er Geld, mit transfermarkt.de (noch) nicht. Trotz der vielen Zugriffe und des hohen Nutzwerts. Mit zwei Sponsoren steht Seidel in "sehr guten" Verhandlungen". Er hofft, sein Hobby Fußball in nicht allzu ferner Zukunft zum Beruf machen zu können. Denn transfermarkt.de ist für eine ganze Menge Journalisten, Spielerberater und Clubs längst zur regelmäßigen Informationsquelle geworden.
Auf einen Blick lassen sich Daten über Clubs, deren (aktuelle und ehemalige) Trainer, jeden einzelnen Profi, dessen Karriere, Berater (mit sämtlichen Klienten) und geschätzten Transferwert abrufen - inklusive der wichtigsten europäischen Ligen. Ein Klick, und der Besucher findet eine Übersicht über sämtliche Bundesligaspieler, deren Verträge zum Saisonende auslaufen. Ruckzuck lässt sich der von transfermarkt.de ermittelte Transferwert des Gesamtkaders jedes Bundesligisten abrufen.
Gute Kontakte hält Seidel inzwischen zu einer ganzen Reihe von Spielerberatern, die ihn mitunter versuchen zu beeinflussen. "Am Anfang wollten mich sogar welche verklagen, weil es ihnen nicht recht war, dass die Vertragsdauer und eventuelle Optionsvereinbarungen auf unserer Seite veröffentlicht waren." Seidel stellte klar, dass er die Informationen aus Pressemitteilungen der Clubs, Zeitungsartikeln oder Berichten der Deutschen Presseagentur (dpa) zusammenträgt. Klage zwecklos.
Auch nörgelnde Berater, die den Marktwert ihres Klienten nicht fair eingeschätzt finden ("Der ist doch mindestens vier Mal so viel wert"), haben bei Seidel keine Chance. Denn er kann auf fachkundige Unterstützung bauen. Unter der Rubrik "Marktwertanalyse" diskutieren Fans und Fachleute, ob der von transfermarkt.de geschätzte Wert eines Spielers realistisch eingeschätzt ist. Beispiel Torsten Frings: Seidel schätzt den Wert des Dortmunders auf zehn Millionen Euro, im Diskussionsforum wird er höher gehandelt. Bis zu 18 Millionen Euro könnte er den Borussen bei Verkauf einbringen, finden die User. Seidel könnte nach oben anpassen, tut dies aber nicht, im Gegenteil: "Wir diskutieren gerade intern, den Gesamtwert des Kaders wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage bei Borussia Dortmund pauschal um 30 Prozent runterzusetzen."
Noch mehr als in der Marktwertanalyse surfen die Fußballfans in der "Gerüchteküche". Dort tragen eifrige Nutzer sämtliche Transfer-Gerüchte zusammen, die ihnen aus verlässlicher Quelle zu Ohren gekommen sind. "Wenn irgendeine brasilianische Zeitung meldet, dass Jancker dort im Gespräch ist, liest das irgend jemand, und dann steht das zuerst bei mir", sagt Seidel im Brustton der Überzeugung. Wer Blödsinn verzapft, wird rausgeworfen. Die Verpflichtung von Jupp Henyckes als neuen Trainer von Schalke 04 habe, so Seidel stolz, zuerst transfermarkt.de vermeldet. "Ein Spielerberater hat mich angerufen, der hatte mit Heynckes gesprochen, und Heynckes hatte sich irgendwie verplappert."
Das ist jedoch die Ausnahme: Von dpa hat Seidel den so Bundesliga-Account gebucht und wird von der Agentur über sämtliche relevanten Themen per e-Mail informiert. Von überall auf der Welt kann er die Nachricht auf seine Homepage stellen. Oder auch von zu Hause aus. Ein Beispiel: Vergangenen Montag um 23 Uhr lief über dpa, dass Ewald Lienen neuer Trainer von Hannover 96 würde. Seidel war gerade dabei, mit seiner künftigen Ehefrau die Hochzeitskarten zu schreiben. So gegen 2 Uhr nachts hat er die Meldung dann schnell noch auf die Homepage gestellt.
Die Hochzeit steigt übrigens am 8. Mai auf Sylt - derweil Werder Bremen bei Bayern München spielt. Seidel ist darüber nicht glücklich, doch es ist das kleinere Übel. Seine Frau hatte ursprünglich eine Woche später heiraten wollen. Der Zukünftige musste allerdings vehement ablehnen. "Da spielt Werder zu Hause gegen Leverkusen, und dann wird sicher die Meisterschale übergeben." Das, gar keine Frage, ist natürlich wichtiger.
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