Stz: Die neue Aalener Bescheidenheit

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Blau&Weiß
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Stz: Die neue Aalener Bescheidenheit

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Die neue Aalener Bescheidenheit

Obwohl der VfR in der Regionalliga ganz vorne mitspielt, ist der Aufstieg kein Thema

AALEN. Morgen (14.30 Uhr) ist der VfR Aalen bei den Stuttgarter Kickers zu Gast. Der Fußball-Regionalligist von der Ostalb setzt wie die Kickers nicht mehr auf teure Altstars, sondern auf Talente aus der Region - und feiert mit dem neuen Konzept erstaunliche Erfolge.


Von Marko Schumacher

Die entscheidende Frage erklang im VIP-Zelt des Aalener Waldstadions nur hinter vorgehaltener Hand. "Wäre nicht vielleicht sogar der Aufstieg drin?" flüsterte ein Edelfan des VfR beim Wildragout, Spätzle und Pils seinem Tischnachbarn zu, nachdem der Regioalligist am Dienstag mit 3:1 gegen den 1. SC Feucht gewonnen hatte. Der Gesprächspartner nickte vorsichtig - und später wagte trotzdem niemand, die Frage an den VfR-Trainer Peter Zeidler zu richten.
Die Zeiten haben sich geändert auf der Ostalb. Vom sofortigen Aufstieg spricht offiziell keiner mehr, auch jetzt nicht, obwohl den Klub nach sieben Punkten aus den drei Spielen im neuen Jahr nur drei Zähler von einem Aufstiegsplatz trennen. "Wir schauen nach unten und wollen rasch den Klassenverbleib sicherstellen", sagt Zeidler und drückt damit jene neue Bescheidenheit aus, die sich seit einiger Zeit breit gemacht hat rund ums umgebaute Waldstadion. "Wir werden uns sicher keinen Druck mehr auferlegen, unbedingt aufsteigen zu müssen."
Es ist in der Vergangenheit zu viel passiert beim VfR, als dass jetzt noch einer große Töne spucken wollte. Jahrelang hatten die Verantwortlichen von der zweiten Liga schwadroniert, hatten Scheine wedelnd eine Schar von Exprofis wie Martin Braun oder Uwe Schneider nach Aalen gelockt und waren jedes Jahr kläglich gescheitert. Am Ende stand ein Haufen Schulden, zwei Trainer - Willi Entenmann und Helmut Dietterle - waren entlassen worden, und nur weil die Stadt einsprang und das Vereinsheim erwarb, konnte der Spielbetrieb in der Regionalliga aufrechterhalten werden.
Die teuren Altstars haben den Klub längst verlassen und sind weitergezogen. "Wir befinden uns mitten in der Aufbauphase", sagt Zeidler, ein wohltuend zurückhaltender Gymnasiallehrer mit den Fächern Französisch und Sport, der das Team vor einem Jahr übernommen hat und mit einem ganz neuen Konzept den Erfolg zurückbringen will auf die Ostalb. Jungen Leuten gibt der 41-jährige Fußballlehrer eine Chance - etwas anderes bliebe ihm auch gar nicht übrig, nachdem der Etat von einst 2,6 Millionen auf mittlerweile 1,8 Millionen Euro eingedampft wurde.
"Wir schauen ganz geziehlt nach Talenten, die hier aus der Gegend kommen", sagt der Manager Thorsten Bichler, auch er erst 26 Jahre alt und einst von Dietterle als Verstärkung für die Geschäftsstelle geholt worden. Nur 25 Jahre beträgt der Altersschnitt des Kaders, und tatsächlich finden sich in Michael Stickel (22), Marcel Busch (22) oder Andreas Mayer (23) eine ganze Reihe junger Spieler in der Stammformation, die rund um Aalen das Fußballspielen gelernt haben.
Andere wie Markus Gabriel (27) oder Emil Noll (25) sind für wenig Geld aus unteren Ligen zum VfR gekommen und haben sich unter Peter Zeidler zu gestandenen Regionalligaspielern entwickelt. Die Mischung scheint zu stimmen - nicht nur wegen des beachtlichen fünften Tabellenplatzes: "Früher gab es hier viele Grüppchen, jetzt sind wir ein eingeschworener Haufen", sagt der Angreifer und Routinier Christian Seeber (31), einer derjenigen, die schon für Aalen gespielt haben, als es dort noch viel mehr Geld zu verdienen gab.
Mit einer Neuverpflichtung haben Zeidler und Bichler ein besonders glückliches Händchen gehabt: mit Ünal Demirkiran, der vom SSV Ulm kam und mit zwölf Saisontreffern der erfolgreichste Mittelfeldspieler der Liga ist. Längst sind einige Bundesligisten auf den kleinen Türken aufmerksam geworden: Borussia Mönchengladbach etwa oder der 1. FC Köln, und neulich wurde auch der Hertha-Manager Dieter Hoeneß in seiner alten Heimat gesehen. Demirkiran ist der Kopf der Mannschaft. "Er ist eine Persönlichkeit, ein absoluter Mannschaftsspieler, einer, der sich nie aus der Ruhe bringen läßt", sagt Zeidler.
Der Vertrag des 24-Jährigen, den vor der Saison auch die Amateure des VfB Stuttgart wollten, läuft bis 2005 - er wird aber kaum zu halten sein, wenn ein konkretes Angebot kommt. Dann freilich soll ordentlich Geld in die Aalener Kassen fließen. "Es gibt eine Schmerzgrenze", so Bichler, "und die wird von Spiel zu Spiel höher." Am liebsten aber, sagt der Manager, würden sie ihn noch ein paar Jahre in Aalen behalten, denn: "Dann könnte er uns beim Unternehmen Aufstieg helfen." Da war es dann also doch noch gefallen, das ominöse Wörtchen Aufstieg. Neue Bescheidenheit hin oder her - nächstes Jahr wollen sie angreifen. "Dann möchten wir in die zweite Liga", sagt auch der Präsident Berndt-Ulrich Scholz.
Es steht zu vermuten, dass die Edelfans im VIP-Zelt des VfR diese Worte viel lieber hören als der Trainer Peter Zeidler.

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 19. März 2004
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