Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0, ... 73,00.html
RECHTE FUSSBALLFANS
"Ungeheuerliches Totschweigen"
Von Andreas Kröner
Unter den deutschen Fußballfans wächst eine üble Brut. Immer unverhohlener machen sich Rechtsradikale mit Schlachtrufen und rassistischen Einlagen in den Stadien bemerkbar. Während britische Clubs das Thema offensiv angehen, verdrängen DFB und Vereine das Thema. Experten warnen: "Uns drohen italienische Verhältnisse."
Das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern ist als Stimmungshölle berüchtigt. Kommentatoren sprechen ehrfurchtsvoll vom "Hexenkessel Betzenberg" oder dem "Pfälzer Fußballtempel". Bei Nando Rafael hingegen hält sich die Begeisterung in Grenzen: Als der Angolaner beim Auswärtsspiel in Kaiserlautern zum 1:0 für Hertha BSC Berlin traf, tönt lautes Urwaldgebrüll aus der Westkurve. "Scheiß Nigger", "Bimbo", "Afrika für Affen" bekam der farbige Berliner Stürmer zu hören. Neben vereinzelten "Sieg Heil"-Rufen sangen einge FCK-Fans Lieder wie "Wir hassen die Türkei" oder "Wir bauen eine U-Bahn - von Auschwitz nach Berlin".
Leider sind derartige Geschehnisse keine Einzellfälle, auch bei Hertha besitzt die rechte Fanszene eine traurige Tradition: "Es gibt eine relativ stabile Gruppe von Hardcore-Fans, doch der von den offiziellen Berliner Vertretern allzu gern übersehene rechtsradikale Touch geht seit 1990 bis weit in die sitzplatzzahlende Mitte", sagt Detlev Claussen, Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie. Der Ordinarius von der Universität Hannover mit den Arbeitsschwerpunkten Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus beobachtet, dass "die nach 1990 hinzugekommene ostdeutsche neue Mittelkasse das Publikum keineswegs weltoffener gemacht hat. Auch in der Polemik gegen Ex-Trainer Huub Stevens waren ausländerfeindliche Tendenzen nicht zu überhören."
"Bei jedem Verein der Ersten und Zweiten Liga gibt es eine Gruppe von 10 bis 100 Leuten, die erkennbar rechtsradikal sind", sagt Gerd Dembowski vom Aktionsbündnis Aktiver Fußballfans (Baff). Beunruhigender sei jedoch vor allem das systematische Einsickern rechtsextremer Inhalte in die Alltagskultur der Fanszene, es etwickeln sich Subkulturen. "Die Nazis sind cleverer geworden, haben eigene Modemarken und neue Zeichen entwickelt." Allgemein hat sich die "Signalsprache der meisten Fangruppen nach rechts außen verlagert", stellt Claussen fest. Viele tragen die Zahl 88 als Code für "Heil Hitler", das Hakenkreuz in leicht abgewandelter Form und machen Handzeichen, von denen viele dem Hitler-Gruß auffallend ähnlich sind. "Man braucht sich nicht in die Tasche zu lügen, die Gruppen oder zumindest die 'opinion leaders' wissen genau, was sie da machen", so Claussen.
"Bereits in den Achtzigern haben Nazi-Ideologen wie Kühnen versucht, die Fanclubs zu unterwandern", analysiert der Rassismus-Experte, "leider gibt es viele Beispiele, wo das bestens funktioniert hat. Oft handelt es sich um adoleszente Jugendliche, die labil und deshalb sehr leicht anzusprechen sind." Köder sei meist nicht der Inhalt, sondern zunächst ein einheitsstiftender Gewalt-Thrill. Über Themen wie Frauen- oder Schwulenfeindlichkeit entwickle sich mit der Zeit ein Lokalchauvinismus. "Das funktioniert nach dem Motto: 'Wir sind harte Frankfurter Jungs und ihr seid nur eine zusammengekaufte Söldnertruppe'", erläutert Claussen.
Im Zeitalter des globalisierten Fußballs birgt diese Einstellung enormes Konfliktpotential: Während sich die Bundesligamannschaften zu multikulturellen Arbeitsgemeinschaften entwickeln, rutschen immer mehr Fangruppen an den rechten Rand ab. DFB und Vereinen ist die Dimension des Problems anscheinend nicht bewusst. Aus Angst vor der Beschädigung des Produkts Fußball bekämpft man die gröbsten Auswüchse möglichst unbemerkt. Das leidige Thema soll auf keinen Fall in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden.
Als der DFB einen Anti-Rassismus-Paragraph in die Stadion-Ordnungen der Bundesligisten festschrieb, bekam davon niemand etwas mit. "Anstatt sich in einer Pressekampagne offen gegen rechte Fans auszusprechen, schickte der DFB klammheimlich einen Brief an die Vereine", schimpft Baff-Sprecher Dembowski, "offensichtlich besteht bei den Herren weder Bewusstsein noch ein kontinuierliches Interesse an diesem Thema. Wenn sich nicht manchmal Fangruppen bei den Clubs über rechte Gesänge beschwerten, würde wahrscheinlich gar nicht passieren."
Auch Classen ist empört über das "ungeheuerliche Totschweigen" und verweist auf das Beispiel England. Hier setzte die Regierung eine Kommission ein, die das Thema offensiv anging. Heute hat jeder Verein einen Beauftragen, rassistische Auswüchse werden konsequent bekämpft und in den Stadien kommt es kaum mehr zu Anfeindungen gegenüber ausländischen Spielern. "Von diesem Engagement könnte man sich in Deutschland eine Scheibe abschneiden", fordert Claussen, "aber hier stimmen sie in der Hauptstadt rechte Lieder an, der Innenminister sitzt als Ehrenmitglied auf der Haupttribüne und niemand unternimmt was. Das ist doch bizarr!" Bei jedem Feuerwerkskörper ermahne der Stadionsprecher die Fans, aber bei ausländerfeindlichen Gesängen ergreift nur sehr selten jemand das Wort.
"Es entwickelt sich eine flächendeckende Bewegung, die sich bei weitem nicht auf die Bundesliga beschränkt", warnt Claussen, "in manchen Zwei-Liga-Stadien ist die Situation noch schlimmer, da ist die Reichskriegsflagge noch das seriöseste." Außerdem gebe es Kontakte zu rassistischen Anhängern im Ausland: In Spanien verbreiten Fangruppen wie die Ultras von Real Madrid Angst und Schrecken, in Argentinien trauen sich mittlerweile lediglich kampffähige Jugendliche ins Stadion und in Serbien waren Fans am Bürgerkrieg beteiligt. In Osteuropa sei es völlig normal, berichtete kürzlich Stuart Dykes vom Netzwerk "Football Against Racism in Europe", dass "massenhaft Bananen auf den Platz fliegen, wenn ein farbiger Spieler an den Ball kommt."
"Auch Italien ist ein gutes Beispiel für das, was passieren kann, wenn man rassistische Fans duldet", sagt Claussen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Fanszene dort immer mehr radikalisiert, heute "kauft der Präsident in Verona keine schwarzen Spieler mehr und in Rom randalieren die Fans solange, bis ein Spiel abgebrochen wird und erpressen so die Steueramnestie für ihrer Vereine." Derart extrem wie in Italien sei die Lage in Deutschland zwar noch nicht, sagt Claussen, "aber die Tendenzen sind klar erkennbar. Doch hier tun alle so, als ginge sie das nichts an. Diese Haltung kann noch verheerende Auswirkungen haben."
Rechte Fussballfans-Ungeheueres Totschweigen
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Die Teilzeit-Fundamentalisten
Wie rechtsextreme Fans in Italiens Fußballstadien kontrollieren
Von Paul Kreiner
Nein, sie haben natürlich nichts verbrochen. Im Gegenteil: Sie waren die Opfer einer bedrohlich aggressiven Stimmung im Olympiastadion von Rom am vergangenen Sonntag. Als ihre Anführer aufs Spielfeld vordrangen und den Abbruch des römischen Lokalderbys erzwangen, dann nur, um Schlimmeres zu verhüten, eine Massenpanik zum Beispiel. So erklären es die Ultras, die Extremen unter den Fans des AS Rom. Und auch wenn sie die dreistündige Straßenschlacht mit der Polizei lieber nicht erwähnen, sehen sie dennoch erstmals Bedarf, sich öffentlich zu rechtfertigen: „Niemals war es unsere Absicht und wird es unsere Absicht sein, eine von den Ordnungskräften unkontrollierbare Situation zu provozieren.“
15 Prozent der Stadionbesucher gehören nach Einschätzung des italienischen Verfassungsschutzes zu den Extremen, 60 000 Fans, organisiert in 300 Gruppen. Ein Drittel von ihnen lässt sich auch politisch einordnen: ganz weit rechts. In den Siebzigerjahren, als sich die Ultras zu organisieren begannen und den Schwarzhandel mit Tickets unter ihre Kontrolle brachten, da galten sie, wenn überhaupt, als links. Doch die Szene hat sich gewandelt. So hat sich der römische Zirkel „Montemario“, benannt nach dem gutbürgerlichen Wohnviertel oberhalb des Olympiastadions, umgetauft in „Giovinezza“ – so hieß die Siegerhymne der Faschisten von Benito Mussolini.
Andere Fankreise nennen sich „Viking“, „Tradizione Distinzione“, also etwa „Hochachtung vor der Tradition“, oder „Irriducibili“ – „Unbeugsame“. Zu ihrem Repertoire zählen Spruchbänder gegen „Negermannschaften und Juden-Kurven“, sie schwenken Kelten- und Hakenkreuze und bedienen sich des „römischen Grußes“, wie man in Italien das Hochheben des ausgestreckten rechten Armes nennt. In Interviews legen sie Wert darauf, als „faschistisch“ und nicht als „nazistisch“ eingestuft zu werden.
Eine Ansammlung sozial Unterprivilegierter sind die Ultras allerdings nicht mehr. Ein italienischer Soziologe spricht von „Teilzeit-Fundamentalisten“. Zum Beispiel die Rädelsführer des Spielabbruchs im römischen Olympiastadion, Stefano Sordini und Stefano Corriero, 34 und 29 Jahre alt: Sie arbeiten die Woche über als Anlagenverkäufer und Kameramann. Beim SS Lazio, der zweiten römischen Mannschaft, sind die „Fedelissimi“, die „Allertreuesten“, sogar zu erfolgreichen Unternehmern geworden: Die Ultras haben dem Verein den lukrativen Handel mit Andenken und Devotionalien abgetrotzt – oder besser: den Verein erst gar nicht herangelassen. Ihre Marke „Original Fans“ vertreiben sie über eine Kette von Geschäften.
Eine weitere wichtige Rolle für die Mobilisierung der Fans spielen die Privatradios – wohl auch am vergangenen Sonntag, als im Olympiastadion die Falschmeldung kreiste, ein Roma-Fan sei von der Polizei zu Tode gefahren worden. Das Gerücht, nach dessen Ursprung immer noch gefahndet wird, hatte die Hysterie auf den offenbar überfüllten Rängen ausgelöst. In den viel gehörten Privatradios finden die Fans ihr Forum, dort diskutieren und polemisieren sie. Wer sich über die Szene informieren möchte, kommt um die Sender nicht herum. Geleitet werden die täglich zusammen siebenstündigen Foren von Starmoderatoren wie „Marione“ Corsi oder „Diabolik“ Fabrizio Piscitelli – beide haben eine rechtsradikale Vergangenheit.
Wie man die extremen Fans in den Griff bekommen soll, dafür hat Italien offenbar kein Rezept. Bezeichnend ist der Umgang mit den Rädelsführern vom vergangenen Sonntag: Nach vier Tagen in Haft wurden sie vom Untersuchungsrichter freigelassen. Er konnte ihnen weder Gewalt noch Anstiftung dazu nachweisen, auch keine Bedrohung der Spieler. Die römische Polizei, massiv verärgert über diesen Quasi-Freispruch, sah dies anders: Sie untersagte den Anführern für die nächsten drei Jahre das Betreten des Stadions. Vor, während und nach jedem Spiel des AS Rom müssen sie sich künftig in ihrem Polizeirevier melden.
Ruhe in den Kurven garantiert das nicht. Die Ultras von Lazio wurden am vergangenen Sonntag von einem Anführer koordiniert, der wegen anderer Straftaten unter Hausarrest steht. Ganz offen hat dieser Fabrizio Toffolo danach erzählt, dass er in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen habe. Da habe er „gewisse Dinge“ gesehen „und meine Order gegeben“.
http://www.tagesspiegel.de/sport/index. ... 37.asp#art
Wie rechtsextreme Fans in Italiens Fußballstadien kontrollieren
Von Paul Kreiner
Nein, sie haben natürlich nichts verbrochen. Im Gegenteil: Sie waren die Opfer einer bedrohlich aggressiven Stimmung im Olympiastadion von Rom am vergangenen Sonntag. Als ihre Anführer aufs Spielfeld vordrangen und den Abbruch des römischen Lokalderbys erzwangen, dann nur, um Schlimmeres zu verhüten, eine Massenpanik zum Beispiel. So erklären es die Ultras, die Extremen unter den Fans des AS Rom. Und auch wenn sie die dreistündige Straßenschlacht mit der Polizei lieber nicht erwähnen, sehen sie dennoch erstmals Bedarf, sich öffentlich zu rechtfertigen: „Niemals war es unsere Absicht und wird es unsere Absicht sein, eine von den Ordnungskräften unkontrollierbare Situation zu provozieren.“
15 Prozent der Stadionbesucher gehören nach Einschätzung des italienischen Verfassungsschutzes zu den Extremen, 60 000 Fans, organisiert in 300 Gruppen. Ein Drittel von ihnen lässt sich auch politisch einordnen: ganz weit rechts. In den Siebzigerjahren, als sich die Ultras zu organisieren begannen und den Schwarzhandel mit Tickets unter ihre Kontrolle brachten, da galten sie, wenn überhaupt, als links. Doch die Szene hat sich gewandelt. So hat sich der römische Zirkel „Montemario“, benannt nach dem gutbürgerlichen Wohnviertel oberhalb des Olympiastadions, umgetauft in „Giovinezza“ – so hieß die Siegerhymne der Faschisten von Benito Mussolini.
Andere Fankreise nennen sich „Viking“, „Tradizione Distinzione“, also etwa „Hochachtung vor der Tradition“, oder „Irriducibili“ – „Unbeugsame“. Zu ihrem Repertoire zählen Spruchbänder gegen „Negermannschaften und Juden-Kurven“, sie schwenken Kelten- und Hakenkreuze und bedienen sich des „römischen Grußes“, wie man in Italien das Hochheben des ausgestreckten rechten Armes nennt. In Interviews legen sie Wert darauf, als „faschistisch“ und nicht als „nazistisch“ eingestuft zu werden.
Eine Ansammlung sozial Unterprivilegierter sind die Ultras allerdings nicht mehr. Ein italienischer Soziologe spricht von „Teilzeit-Fundamentalisten“. Zum Beispiel die Rädelsführer des Spielabbruchs im römischen Olympiastadion, Stefano Sordini und Stefano Corriero, 34 und 29 Jahre alt: Sie arbeiten die Woche über als Anlagenverkäufer und Kameramann. Beim SS Lazio, der zweiten römischen Mannschaft, sind die „Fedelissimi“, die „Allertreuesten“, sogar zu erfolgreichen Unternehmern geworden: Die Ultras haben dem Verein den lukrativen Handel mit Andenken und Devotionalien abgetrotzt – oder besser: den Verein erst gar nicht herangelassen. Ihre Marke „Original Fans“ vertreiben sie über eine Kette von Geschäften.
Eine weitere wichtige Rolle für die Mobilisierung der Fans spielen die Privatradios – wohl auch am vergangenen Sonntag, als im Olympiastadion die Falschmeldung kreiste, ein Roma-Fan sei von der Polizei zu Tode gefahren worden. Das Gerücht, nach dessen Ursprung immer noch gefahndet wird, hatte die Hysterie auf den offenbar überfüllten Rängen ausgelöst. In den viel gehörten Privatradios finden die Fans ihr Forum, dort diskutieren und polemisieren sie. Wer sich über die Szene informieren möchte, kommt um die Sender nicht herum. Geleitet werden die täglich zusammen siebenstündigen Foren von Starmoderatoren wie „Marione“ Corsi oder „Diabolik“ Fabrizio Piscitelli – beide haben eine rechtsradikale Vergangenheit.
Wie man die extremen Fans in den Griff bekommen soll, dafür hat Italien offenbar kein Rezept. Bezeichnend ist der Umgang mit den Rädelsführern vom vergangenen Sonntag: Nach vier Tagen in Haft wurden sie vom Untersuchungsrichter freigelassen. Er konnte ihnen weder Gewalt noch Anstiftung dazu nachweisen, auch keine Bedrohung der Spieler. Die römische Polizei, massiv verärgert über diesen Quasi-Freispruch, sah dies anders: Sie untersagte den Anführern für die nächsten drei Jahre das Betreten des Stadions. Vor, während und nach jedem Spiel des AS Rom müssen sie sich künftig in ihrem Polizeirevier melden.
Ruhe in den Kurven garantiert das nicht. Die Ultras von Lazio wurden am vergangenen Sonntag von einem Anführer koordiniert, der wegen anderer Straftaten unter Hausarrest steht. Ganz offen hat dieser Fabrizio Toffolo danach erzählt, dass er in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen habe. Da habe er „gewisse Dinge“ gesehen „und meine Order gegeben“.
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Wem die Scheiße bis zum Hals steht sollte den Kopf nicht hängen lassen!
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