Passend dazu aus dem Münchner Merkur:
Weltauswahl in der Regionalliga
Ärger nicht nur um Bayern: Wenn Profi-Stars für Amateur-Teams spielen
München - Amateurfußball muss keine Sache der Namenlosen sein. Man kann in Regional- und Oberliga auch Weltmeister, Olympiasieger, Nationalspieler antreffen. Bei den Amateuren des FC Bayern waren diese Saison schon zu besichtigen: Mehmet Scholl, Willy Sagnol, Tobias Rau, Alexander Zickler, morgen soll gegen die Offenbacher Kickers Sebastian Deisler im Team von Trainer Hermann Gerland mitwirken. Profi-Prominenz auch bei anderen Mannschaften: Kaiserslauterns Amateurtruppe wehrt sich mit dem polnischen Nationalspieler Kamil Kosowski gegen den Abstieg aus der Regionalliga Süd (nachdem zuvor schon Kaliber wie Freund, Malz oder der Brasilianer Lincoln eingesetzt worden waren), die Reserve des VfB Stuttgart stützt sich auf Serge Branco, mit Kamerun Gewinner des Olympiaturniers 2000 in Sydney.
In der Regionalliga Nord laufen Schalkes Amateure mit dem nigerianischen Stürmerstar Victor Agali und dem polnischen WM-Teilnehmer Thomas Hajto auf, Borussia Dortmund bietet die deutsche Torwart-Hoffnung Roman Weidenfeller, Champions-League-Sieger Lars Ricken und Heiko Herrlich auf, und das noch eine Klasse tiefer, in der Oberliga Nordrhein beheimatete Bayer Leverkusen Amateure überraschte seine Gegner mit Koryphäen wie Weltmeister Lucio und Jens Nowotny.
Personalien, die bei weitem nicht alle glücklich machen. "Wir werden zur Operettenliga", schimpft Dag Heydecker, Geschäftsführer des ambitionierten Süd-Regionalligisten TSG Hoffenheim. Wobei sein Vorwurf klar definiert ist: "Es liegt nicht an den Vereinen, sondern an der Regel." Die gestattet es, dass Profi-Klubs ihre rekonvaleszenten Spieler in den Amateurabteilungen unbürokratisch zum Einsatz bringen. Einzige Einschränkung: An den letzten vier Spieltagen ist der Einsatz von Lizenzspielern über 24 Jahren in Regional- und Oberliga verboten.
Kostet Scholls Lust Arbeitsplätze in Siegen?
Es könne zu Auswüchsen von Wettbewerbsverzerrungen kommen, sagt Kritiker Heydecker. Sein Beispiel: "Mehmet Scholl hatte mal Lust, bei den Bayern-Amateuren zu spielen und gegen die Sportfreunde Siegen einige Tore vorbereitet." Der Hoffenheimer Manager rechnet: "Scholl verdient 1,2 Millionen Euro pro Jahr, das sind 75 Prozent des gesamten Siegener Etats." Was, wenn den Sportfreunden die gegen die Scholl-Bayern verlorenen Punkte am Ende fehlen, sie absteigen müssen? "Dann gehen deswegen in Siegen Arbeitsplätze verloren."
Willi Hink kennt die Bedenken, die es nicht nur bei der TSG Hoffenheim gibt. Er ist beim DFB in Frankfurt Direktor für Amateurfußball. "Die Regionalliga", doziert er, "hat zwei Funktionen: Sie ist unsere dritte Spielklasse, und sie ist die Talentförderliga. Die Balance zu finden, ist nicht immer einfach." Was bisher ablief, sieht er "im Rahmen des Regulariums und der informellen Vereinbarungen". Deislers Mitwirken bei den Bayern-Amateuren sei kein Verstoß: "Er ist ein Spieler, der nach langer Pause wieder an den Leistungsfußball herangeführt werden soll. Offenbach wird sich darüber natürlich nicht freuen, wenn er gut spielen sollte."
Werner Kern, Amateurfußballchef beim FC Bayern, wehrt sich gegen den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung: "Es ist nicht so, dass wir von den Profis Spieler anfordern, um uns gezielt zu verstärken. Der Vorschlag, Deisler bei uns einzusetzen, kommt von Ottmar Hitzfeld. Und unsere besten Spiele haben wir gemacht, wenn unsere Mannschaft nicht so namhaft besetzt war." Dass die Gegnerschaft auf sehr unterschiedlich besetzte Bayern-Amateure trifft, räumt Kern ein, er denkt aber: "Über die Saison gleicht sich das aus."
Eine Nachwuchsrunde ausschließlich der Bundesligisten lehnt Werner Kern ab: "Es interessiert kein Schwein, wenn wir gegen Rostock spielen. Und ein Wettbewerb, der keinen Wettbewerbscharakter hat, ergibt keinen Sinn." Der Hoffenheimer Heydecker schlägt vor, wenigstens eine Altersgrenze für Lizenzspieler im Amateurbereich ("21 oder 23 und spielberechtigt für die deutsche Nationalmannschaft") einzuführen, auch Kern ist für eine Modifizierung aufgeschlossen: "Der Profi sollte die letzten drei Spiele in der Bundesliga nicht gemacht haben."
Die Bundesligisten verdienen übrigens auch an der Regionalliga: Wie die reinen Amateurklubs bekommen auch sie 460 000 Euro (nächste Saison 385 000) Fernsehgeld. Doch auch dagegen dormiert sich eine Front.
Quelle:
http://www.merkur-online.de/nachrichten ... 63381.html