Die peinliche Debatte um das Derby TSG gegen VfB
Die peinliche Debatte um das Derby TSG gegen VfB
Die peinliche Debatte um das Derby TSG gegen VfB
Die TSG 1899 Hoffenheim rangiert in der ewigen Bundesligatabelle auf Platz 50, direkt hinter Tasmania Berlin. Tasmania beendete 1965/66 ihre einzige Erstligasaison nach zwei Siegen und vier Unentschieden mit 15:108 Toren und 8:60 Zählern (zehn nach der Drei-PunkteRegel). Ein Rekord, den im bezahlten deutschen Fußball die Stuttgarter Kickers brechen können, wenn sie in dieser Spielzeit nicht mehr als neun Zähler holen.
Die TSG 1899 Hoffenheim wiederum liegt auf Rang 50, weil sie noch keine Saison zu Ende gespielt hat. Dies veranlasste den VfB-Trainer Veh, den Begriff Derby für das Spiel gegen die Badener Landeskonkurrenz abzulehnen. Dafür, sagte er, "fehlt die Tradition". Abgesehen davon, dass auch das erste als Derby bezeichnete Fußballspiel 1866 zwischen den Clubs von Nottingham Forest (gegründet 1865) und Notts County (1862) keine große Vergangenheit aufwies, verrät Vehs Sichtweise eine Haltung: Die Bedeutung eines Fußballvereins definiert sich hierzulande nicht nur über den Tabellenstand, sondern auch über die Tradition.
Der Begriff Tradition bedeutet Überlieferung alter Werte und Sitten - und dürfte im zeitgenössischen Fußball großen Respekt auslösen, wenn russische Energie-Tycoons den FC Chelsea und arabische Ölscheichs Manchester City im Vorbeigehen mit Millionen vollpumpen.
In Hoffenheim baut der Software-Krösus Dietmar Hopp kontinuierlich seit 20 Jahren die Turn- und Sportgemeinschaft zu einem modernen Fußballunternehmen um. Davor hat er die Weltfirma SAP durchgeboxt, und stellen Sie sich vor: ganz ohne Tradition. SAP wurde 1972 gegründet.
Wenn Veh sich auf Tradition beruft, trifft er im Gegensatz zu seinen Stürmern ins Schwarze: Verglichen mit Hoffenheim stellt sich der VfB als Bewahrer spießiger Werte dar. Dabei sollte man nicht vergessen, dass der Club noch vor nicht allzu langer Zeit von einem Polit-Patriarchen mit den hierarchischen Mitteln eines Hasenzüchtervereins geführt wurde. Ein Proficlub, dachte der Herr, zeichnet sich dadurch aus, dass er, auf welche Weise auch immer, zwei Weltkriege überlebt hat.
Die Traditionsverehrung hat dem deutschen Fußball oft genug geschadet. Jahrzehntelang hielt sich das Gerücht, der Teutone werde schon immer wieder Kicker-Genies vom Schlage eines Fritz Walter oder Franz Beckenbauer zeugen, um vorne mitzugeigen. Die international verbreitete Erkenntnis, das A und O seien fortschrittliche Trainingsmethoden, wurde dumm belächelt.
Wenn der VfB-Trainer sagt, dem "Nachbarschaftsduell" Hoffenheim vs. Stuttgart fehle die Tradition, hat er noch nicht mal vordergründig recht: Seine Spieler traten auf wie Altherrenkicker traditioneller Schule. Passend konservativ saß der Landeschef Oettinger auf der Tribüne.
Nun mögen Traditionstrainer arrogant wegschauen, wenn Hoffenheims Coach Rangnick seine Profis zur Steigerung der Berufsfreude auf die Planche zum Fechten schickt. Der Schmiss aber, um meinen traditionsbewussten Turnlehrer zu zitieren, fehlte am siebten Spieltag nicht dem Hoffenheimer Landeierclub, sondern dem Großstadtmeister VfB. Das erinnert an eine Geschichte, die sich nach der WM 06 abspielte: Als der VfB-Profi Hitzlsperger nach Trainingserfahrungen im DFB-Team einen Privatcoach engagierte, um individuelle sportliche Mängel abzustellen, wurde er von den VfB-Oberen zurückgepfiffen. Hitzlspergers Absicht, sich außerhalb des VfB-Lehrplans fortzubilden, verstieß gegen die deutsche Tradition vereinstypischer Ehrenkäsigkeit.
Zur richtigen Einschätzung des zeitgenössischen Unterhaltungsgeschäfts Fußball müssen wir dennoch die Tradition im Auge behalten Die TSG Hoffenheim wurde 1899, im selben Jahr wie die Stuttgarter Kickers, gegründet. Und traditionsverblendete Vereinsmeier werden immer dort enden, wo Hopp in Hoffenheim eingegriffen hat. In der Kreisklasse.
Joe Bauer
15.09.2008 - aktualisiert: 16.09.2008 10:38 Uhr
Die TSG 1899 Hoffenheim rangiert in der ewigen Bundesligatabelle auf Platz 50, direkt hinter Tasmania Berlin. Tasmania beendete 1965/66 ihre einzige Erstligasaison nach zwei Siegen und vier Unentschieden mit 15:108 Toren und 8:60 Zählern (zehn nach der Drei-PunkteRegel). Ein Rekord, den im bezahlten deutschen Fußball die Stuttgarter Kickers brechen können, wenn sie in dieser Spielzeit nicht mehr als neun Zähler holen.
Die TSG 1899 Hoffenheim wiederum liegt auf Rang 50, weil sie noch keine Saison zu Ende gespielt hat. Dies veranlasste den VfB-Trainer Veh, den Begriff Derby für das Spiel gegen die Badener Landeskonkurrenz abzulehnen. Dafür, sagte er, "fehlt die Tradition". Abgesehen davon, dass auch das erste als Derby bezeichnete Fußballspiel 1866 zwischen den Clubs von Nottingham Forest (gegründet 1865) und Notts County (1862) keine große Vergangenheit aufwies, verrät Vehs Sichtweise eine Haltung: Die Bedeutung eines Fußballvereins definiert sich hierzulande nicht nur über den Tabellenstand, sondern auch über die Tradition.
Der Begriff Tradition bedeutet Überlieferung alter Werte und Sitten - und dürfte im zeitgenössischen Fußball großen Respekt auslösen, wenn russische Energie-Tycoons den FC Chelsea und arabische Ölscheichs Manchester City im Vorbeigehen mit Millionen vollpumpen.
In Hoffenheim baut der Software-Krösus Dietmar Hopp kontinuierlich seit 20 Jahren die Turn- und Sportgemeinschaft zu einem modernen Fußballunternehmen um. Davor hat er die Weltfirma SAP durchgeboxt, und stellen Sie sich vor: ganz ohne Tradition. SAP wurde 1972 gegründet.
Wenn Veh sich auf Tradition beruft, trifft er im Gegensatz zu seinen Stürmern ins Schwarze: Verglichen mit Hoffenheim stellt sich der VfB als Bewahrer spießiger Werte dar. Dabei sollte man nicht vergessen, dass der Club noch vor nicht allzu langer Zeit von einem Polit-Patriarchen mit den hierarchischen Mitteln eines Hasenzüchtervereins geführt wurde. Ein Proficlub, dachte der Herr, zeichnet sich dadurch aus, dass er, auf welche Weise auch immer, zwei Weltkriege überlebt hat.
Die Traditionsverehrung hat dem deutschen Fußball oft genug geschadet. Jahrzehntelang hielt sich das Gerücht, der Teutone werde schon immer wieder Kicker-Genies vom Schlage eines Fritz Walter oder Franz Beckenbauer zeugen, um vorne mitzugeigen. Die international verbreitete Erkenntnis, das A und O seien fortschrittliche Trainingsmethoden, wurde dumm belächelt.
Wenn der VfB-Trainer sagt, dem "Nachbarschaftsduell" Hoffenheim vs. Stuttgart fehle die Tradition, hat er noch nicht mal vordergründig recht: Seine Spieler traten auf wie Altherrenkicker traditioneller Schule. Passend konservativ saß der Landeschef Oettinger auf der Tribüne.
Nun mögen Traditionstrainer arrogant wegschauen, wenn Hoffenheims Coach Rangnick seine Profis zur Steigerung der Berufsfreude auf die Planche zum Fechten schickt. Der Schmiss aber, um meinen traditionsbewussten Turnlehrer zu zitieren, fehlte am siebten Spieltag nicht dem Hoffenheimer Landeierclub, sondern dem Großstadtmeister VfB. Das erinnert an eine Geschichte, die sich nach der WM 06 abspielte: Als der VfB-Profi Hitzlsperger nach Trainingserfahrungen im DFB-Team einen Privatcoach engagierte, um individuelle sportliche Mängel abzustellen, wurde er von den VfB-Oberen zurückgepfiffen. Hitzlspergers Absicht, sich außerhalb des VfB-Lehrplans fortzubilden, verstieß gegen die deutsche Tradition vereinstypischer Ehrenkäsigkeit.
Zur richtigen Einschätzung des zeitgenössischen Unterhaltungsgeschäfts Fußball müssen wir dennoch die Tradition im Auge behalten Die TSG Hoffenheim wurde 1899, im selben Jahr wie die Stuttgarter Kickers, gegründet. Und traditionsverblendete Vereinsmeier werden immer dort enden, wo Hopp in Hoffenheim eingegriffen hat. In der Kreisklasse.
Joe Bauer
15.09.2008 - aktualisiert: 16.09.2008 10:38 Uhr
- pipes
- Kickers-Fan
- Beiträge: 2567
- Registriert: Montag 10. April 2006, 20:05
- Wohnort: 73760 Ostfildern
wird hier schon unter 1. Mannschaft diskutiert, auch wenn es nach Fussball allgemein besser passt.
http://forum.stuttgarter-kickers.de/vie ... php?t=9011
http://forum.stuttgarter-kickers.de/vie ... php?t=9011
Ich mag keine Leute, die einfach mitten im Satz
-
Überlinger
- bookerty
- Kickers-Fan
- Beiträge: 2722
- Registriert: Donnerstag 4. November 2004, 21:43
- Wohnort: My home is my castle!
Buddy hat geschrieben:Der Artikel wurde dort nicht diskutiert, sondern irgendein anderer "Schwachsinn"![]()
Das was ich reingesetzt hatte, hat wunderbar zur ersten Mannschaft gepasst.
Eigentlich hätte ich die Überschrift ändern sollen in "NatureBoyRicFlair"
"Wenn der Wahnsinn epidemisch wird, heißt er Vernunft" Oskar Panizza, Psychiater (1853 - 1921)
-
NatureBoyRicFlair
-
NickTheButcher
- TEUTONEN WILLY ON TOUR
- Kickers-Fan
- Beiträge: 775
- Registriert: Dienstag 19. August 2003, 15:01
- Wohnort: http://schurwald-richy-on-tour.beep.de jetzt mit groundpunkttauschbörse
- Kontaktdaten:
- Basti
- Kickers-Fan
- Beiträge: 5298
- Registriert: Dienstag 19. August 2003, 12:41
- Wohnort: Schwäbisch Hall
- Kontaktdaten:
Und Joe Bauer legt nochmal nach:
Ein kurzer Ausflug nach Dortmund
Ein erregendes Gefühl, wenn sie rotieren. Ich lausche mit Respekt. Sie erzählen mir von der Weite des Landes und der Zukunft des Lebens. Wenn man die Kopfhörer eines iPods aufgesetzt hat und die richtige Musik hört, mischt sich der Sound rotierender Eisenbahnräder perfekt in den rollenden Rhythmus der Songs.
So ist das, als wir am Abend im ICE von Dortmund zurück nach Stuttgart fahren. Immer wenn ein Fremder durchs Abteil kommt - das kann ich trotz Kopfhörers verstehen -, ruft einer meiner Nachbarn: "Der isch au it räacht." Das soll heißen, der Fremde sei nicht ganz richtig im Kopf, so wenig wie alle andern. Der Mann, der für alle spricht, ist Fußballfan.
Click here to find out more!
Wir sind auf der Rückreise vom Spiel zwischen Dortmund und dem VfB (3:0). Ich habe mich mit der Ausrede, ich sei privat auf außerdienstlicher Fortbildung, des Hochverrats schuldig gemacht. Um 14:47:45 Uhr, eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff in Dortmund, traf die präzise formulierte SMS meines Kollegen und Notfallagenten George der Grieche ein: "0:0 Halbzeit. Sturmlauf".
Aus Gründen der Ehre hätte ich an diesem Nachmittag dem Rollen der Straßenbahnräder folgen und die Stuttgarter Waldau aufsuchen müssen. Dort wäre die Rotationskunst des neuen Kickers-Trainers Edgar Schmitt zu untersuchen gewesen.
Stattdessen stand ich eine halbe Stunde vor Spielbeginn in Dortmund im roten Fanblock des VfB und beobachtete mein Mobiltelefon. Um 15:05:48 Uhr hielt ich meinem Reiseführer, einem blutroten, dennoch liberalen Gastwirt, mein Telefon mit der SMS unter die Nase: "1:0 Schürg". Dies interessierte ihn so viel wie die Frage, ob Dortmunder Pfefferpotthast mieser schmeckt als zu Hause Metzgergulasch.
Die Fahrt nach Dortmund war emotional notwendig geworden, nachdem ich beim Besuch des VfB-Stadions ein Problem festgestellt hatte: Was sich hier, weit hinter den grün gestrichenen Laufbahnen für antike Leibesübungen, abspielt, ist nicht mehr als Fußball wahrzunehmen. Und das liegt nicht nur am VfB.
Noch nicht alt genug, um vor dem Fernseher zu sterben, wollte ich wieder mal das Kribbeln der Arena spüren. Das Gefühl, aus angemessener Fallhöhe steil nach unten direkt in den Abgrund zu schauen, auf guten Rasen. Mir war nach Fußball in einem richtigen Fußballstadion.
Dortmund. Um 15:36:13 Uhr meldet George der Grieche von der Waldau: "1:1 Elfer". Geht niemanden etwas an. Mein Reiseführer zeigt gerade mit dem Finger auf den Block der Schwarzgelben in Deutschlands größtem, intimsten Fußballbauwerk. Dortmunds Fans haben ein Transparent entrollt mit der Aufschrift "Säuberung der Fanszene!?" und der Bitte, Herr Hopp, der Mäzen des Liga-Neulings Hoffenheim, möge sich verpissen.
Jetzt ist er auch in Abwesenheit ein Thema. Der reiche Mann aus dem Kraichgau hat sich alle Anfeindungen zu Herzen genommen, als sei der gesamte Wortschatz der Straße und des Gangsta-Rap allein für ihn erfunden worden. Zu viel Hektik. Im heutigen Sprachgebrauch sind die "Hurensohn"- und "Bastard"-Gesänge in den Stadien kaum böser gemeint als in den Kindergärten.
Der Ruf nach dem Staatsanwalt hilft da so viel wie die demonstrative Moral-Allianz zwischen Dietmar Hopp und dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger: Die Fans wissen nur zu gut, dass Zwanzigers Sohn Ralf als Hopps Angestellter die Frauenfußball-Teams von Hoffenheim managt.
Und dann war da noch Dortmund. Kurz vor Spielende ruft mir einer im Block zu, ich sei im falschen Stadion. Ist er nicht richtig im Kopf? Es ist der unbelehrbare, aus Stuttgart stammende VfB-Fan Peter Rommel, 52, wie stets zum Spiel aus seiner Wahlheimat Berlin angereist. Vor kurzem hat er in seinem Produzentenjob "Wolke 9", den Spielfilm über Sex und Würde im Alter, in die Kinos gebracht. "Das 2:0 war Beschiss", sagt er, "Lehmann wurde gefoult." Ach was, denke ich, auf Filme über Alterssex kommst du nur, weil du zu lange dem Spieltrieb des VfB vertraut hast. Aber ich halte den Mund. Heute sind wir Freunde, ich bin Gast in der Arena, und bist du in Rom, sei wie die Römer.
Um 17:07 Uhr erreicht mich die letzte SMS: "Butch Cassidy ist tot." Die Welt trauert um Paul Newman. Wir haben einen guten Mann verloren, und bald rollen wieder die Eisenbahnräder.
So läuft der Film, wenn man in ein richtiges Stadion geht.
Joe Bauer liest am Dienstag, 14. Oktober, um 20.15 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus. Gäste seiner Leseshow "Flaneursalon" sind die Musiker Stefan Hiss & Ralf Groher, Michael Gaedt und Dacia Bridges. Karten (17 Euro) gibt es unter der Telefonnummer: 07 11 / 4 02 07 20
www.flaneursalon.de
Joe Bauer
29.09.2008 - aktualisiert: 29.09.2008 13:06 Uhr
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/s ... hp/1831466
Ein kurzer Ausflug nach Dortmund
Ein erregendes Gefühl, wenn sie rotieren. Ich lausche mit Respekt. Sie erzählen mir von der Weite des Landes und der Zukunft des Lebens. Wenn man die Kopfhörer eines iPods aufgesetzt hat und die richtige Musik hört, mischt sich der Sound rotierender Eisenbahnräder perfekt in den rollenden Rhythmus der Songs.
So ist das, als wir am Abend im ICE von Dortmund zurück nach Stuttgart fahren. Immer wenn ein Fremder durchs Abteil kommt - das kann ich trotz Kopfhörers verstehen -, ruft einer meiner Nachbarn: "Der isch au it räacht." Das soll heißen, der Fremde sei nicht ganz richtig im Kopf, so wenig wie alle andern. Der Mann, der für alle spricht, ist Fußballfan.
Click here to find out more!
Wir sind auf der Rückreise vom Spiel zwischen Dortmund und dem VfB (3:0). Ich habe mich mit der Ausrede, ich sei privat auf außerdienstlicher Fortbildung, des Hochverrats schuldig gemacht. Um 14:47:45 Uhr, eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff in Dortmund, traf die präzise formulierte SMS meines Kollegen und Notfallagenten George der Grieche ein: "0:0 Halbzeit. Sturmlauf".
Aus Gründen der Ehre hätte ich an diesem Nachmittag dem Rollen der Straßenbahnräder folgen und die Stuttgarter Waldau aufsuchen müssen. Dort wäre die Rotationskunst des neuen Kickers-Trainers Edgar Schmitt zu untersuchen gewesen.
Stattdessen stand ich eine halbe Stunde vor Spielbeginn in Dortmund im roten Fanblock des VfB und beobachtete mein Mobiltelefon. Um 15:05:48 Uhr hielt ich meinem Reiseführer, einem blutroten, dennoch liberalen Gastwirt, mein Telefon mit der SMS unter die Nase: "1:0 Schürg". Dies interessierte ihn so viel wie die Frage, ob Dortmunder Pfefferpotthast mieser schmeckt als zu Hause Metzgergulasch.
Die Fahrt nach Dortmund war emotional notwendig geworden, nachdem ich beim Besuch des VfB-Stadions ein Problem festgestellt hatte: Was sich hier, weit hinter den grün gestrichenen Laufbahnen für antike Leibesübungen, abspielt, ist nicht mehr als Fußball wahrzunehmen. Und das liegt nicht nur am VfB.
Noch nicht alt genug, um vor dem Fernseher zu sterben, wollte ich wieder mal das Kribbeln der Arena spüren. Das Gefühl, aus angemessener Fallhöhe steil nach unten direkt in den Abgrund zu schauen, auf guten Rasen. Mir war nach Fußball in einem richtigen Fußballstadion.
Dortmund. Um 15:36:13 Uhr meldet George der Grieche von der Waldau: "1:1 Elfer". Geht niemanden etwas an. Mein Reiseführer zeigt gerade mit dem Finger auf den Block der Schwarzgelben in Deutschlands größtem, intimsten Fußballbauwerk. Dortmunds Fans haben ein Transparent entrollt mit der Aufschrift "Säuberung der Fanszene!?" und der Bitte, Herr Hopp, der Mäzen des Liga-Neulings Hoffenheim, möge sich verpissen.
Jetzt ist er auch in Abwesenheit ein Thema. Der reiche Mann aus dem Kraichgau hat sich alle Anfeindungen zu Herzen genommen, als sei der gesamte Wortschatz der Straße und des Gangsta-Rap allein für ihn erfunden worden. Zu viel Hektik. Im heutigen Sprachgebrauch sind die "Hurensohn"- und "Bastard"-Gesänge in den Stadien kaum böser gemeint als in den Kindergärten.
Der Ruf nach dem Staatsanwalt hilft da so viel wie die demonstrative Moral-Allianz zwischen Dietmar Hopp und dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger: Die Fans wissen nur zu gut, dass Zwanzigers Sohn Ralf als Hopps Angestellter die Frauenfußball-Teams von Hoffenheim managt.
Und dann war da noch Dortmund. Kurz vor Spielende ruft mir einer im Block zu, ich sei im falschen Stadion. Ist er nicht richtig im Kopf? Es ist der unbelehrbare, aus Stuttgart stammende VfB-Fan Peter Rommel, 52, wie stets zum Spiel aus seiner Wahlheimat Berlin angereist. Vor kurzem hat er in seinem Produzentenjob "Wolke 9", den Spielfilm über Sex und Würde im Alter, in die Kinos gebracht. "Das 2:0 war Beschiss", sagt er, "Lehmann wurde gefoult." Ach was, denke ich, auf Filme über Alterssex kommst du nur, weil du zu lange dem Spieltrieb des VfB vertraut hast. Aber ich halte den Mund. Heute sind wir Freunde, ich bin Gast in der Arena, und bist du in Rom, sei wie die Römer.
Um 17:07 Uhr erreicht mich die letzte SMS: "Butch Cassidy ist tot." Die Welt trauert um Paul Newman. Wir haben einen guten Mann verloren, und bald rollen wieder die Eisenbahnräder.
So läuft der Film, wenn man in ein richtiges Stadion geht.
Joe Bauer liest am Dienstag, 14. Oktober, um 20.15 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus. Gäste seiner Leseshow "Flaneursalon" sind die Musiker Stefan Hiss & Ralf Groher, Michael Gaedt und Dacia Bridges. Karten (17 Euro) gibt es unter der Telefonnummer: 07 11 / 4 02 07 20
www.flaneursalon.de
Joe Bauer
29.09.2008 - aktualisiert: 29.09.2008 13:06 Uhr
-
NatureBoyRicFlair
Soll das in irgendeiner Art und Weise lustig sein? Falls ja, Thema verfehlt, 6, setzen!Basti hat geschrieben:Und Joe Bauer legt nochmal nach:
Ein kurzer Ausflug nach Dortmund
Ein erregendes Gefühl, wenn sie rotieren. Ich lausche mit Respekt. Sie erzählen mir von der Weite des Landes und der Zukunft des Lebens. Wenn man die Kopfhörer eines iPods aufgesetzt hat und die richtige Musik hört, mischt sich der Sound rotierender Eisenbahnräder perfekt in den rollenden Rhythmus der Songs.
So ist das, als wir am Abend im ICE von Dortmund zurück nach Stuttgart fahren. Immer wenn ein Fremder durchs Abteil kommt - das kann ich trotz Kopfhörers verstehen -, ruft einer meiner Nachbarn: "Der isch au it räacht." Das soll heißen, der Fremde sei nicht ganz richtig im Kopf, so wenig wie alle andern. Der Mann, der für alle spricht, ist Fußballfan.
Click here to find out more!
Wir sind auf der Rückreise vom Spiel zwischen Dortmund und dem VfB (3:0). Ich habe mich mit der Ausrede, ich sei privat auf außerdienstlicher Fortbildung, des Hochverrats schuldig gemacht. Um 14:47:45 Uhr, eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff in Dortmund, traf die präzise formulierte SMS meines Kollegen und Notfallagenten George der Grieche ein: "0:0 Halbzeit. Sturmlauf".
Aus Gründen der Ehre hätte ich an diesem Nachmittag dem Rollen der Straßenbahnräder folgen und die Stuttgarter Waldau aufsuchen müssen. Dort wäre die Rotationskunst des neuen Kickers-Trainers Edgar Schmitt zu untersuchen gewesen.
Stattdessen stand ich eine halbe Stunde vor Spielbeginn in Dortmund im roten Fanblock des VfB und beobachtete mein Mobiltelefon. Um 15:05:48 Uhr hielt ich meinem Reiseführer, einem blutroten, dennoch liberalen Gastwirt, mein Telefon mit der SMS unter die Nase: "1:0 Schürg". Dies interessierte ihn so viel wie die Frage, ob Dortmunder Pfefferpotthast mieser schmeckt als zu Hause Metzgergulasch.
Die Fahrt nach Dortmund war emotional notwendig geworden, nachdem ich beim Besuch des VfB-Stadions ein Problem festgestellt hatte: Was sich hier, weit hinter den grün gestrichenen Laufbahnen für antike Leibesübungen, abspielt, ist nicht mehr als Fußball wahrzunehmen. Und das liegt nicht nur am VfB.
Noch nicht alt genug, um vor dem Fernseher zu sterben, wollte ich wieder mal das Kribbeln der Arena spüren. Das Gefühl, aus angemessener Fallhöhe steil nach unten direkt in den Abgrund zu schauen, auf guten Rasen. Mir war nach Fußball in einem richtigen Fußballstadion.
Dortmund. Um 15:36:13 Uhr meldet George der Grieche von der Waldau: "1:1 Elfer". Geht niemanden etwas an. Mein Reiseführer zeigt gerade mit dem Finger auf den Block der Schwarzgelben in Deutschlands größtem, intimsten Fußballbauwerk. Dortmunds Fans haben ein Transparent entrollt mit der Aufschrift "Säuberung der Fanszene!?" und der Bitte, Herr Hopp, der Mäzen des Liga-Neulings Hoffenheim, möge sich verpissen.
Jetzt ist er auch in Abwesenheit ein Thema. Der reiche Mann aus dem Kraichgau hat sich alle Anfeindungen zu Herzen genommen, als sei der gesamte Wortschatz der Straße und des Gangsta-Rap allein für ihn erfunden worden. Zu viel Hektik. Im heutigen Sprachgebrauch sind die "Hurensohn"- und "Bastard"-Gesänge in den Stadien kaum böser gemeint als in den Kindergärten.
Der Ruf nach dem Staatsanwalt hilft da so viel wie die demonstrative Moral-Allianz zwischen Dietmar Hopp und dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger: Die Fans wissen nur zu gut, dass Zwanzigers Sohn Ralf als Hopps Angestellter die Frauenfußball-Teams von Hoffenheim managt.
Und dann war da noch Dortmund. Kurz vor Spielende ruft mir einer im Block zu, ich sei im falschen Stadion. Ist er nicht richtig im Kopf? Es ist der unbelehrbare, aus Stuttgart stammende VfB-Fan Peter Rommel, 52, wie stets zum Spiel aus seiner Wahlheimat Berlin angereist. Vor kurzem hat er in seinem Produzentenjob "Wolke 9", den Spielfilm über Sex und Würde im Alter, in die Kinos gebracht. "Das 2:0 war Beschiss", sagt er, "Lehmann wurde gefoult." Ach was, denke ich, auf Filme über Alterssex kommst du nur, weil du zu lange dem Spieltrieb des VfB vertraut hast. Aber ich halte den Mund. Heute sind wir Freunde, ich bin Gast in der Arena, und bist du in Rom, sei wie die Römer.
Um 17:07 Uhr erreicht mich die letzte SMS: "Butch Cassidy ist tot." Die Welt trauert um Paul Newman. Wir haben einen guten Mann verloren, und bald rollen wieder die Eisenbahnräder.
So läuft der Film, wenn man in ein richtiges Stadion geht.
Joe Bauer liest am Dienstag, 14. Oktober, um 20.15 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus. Gäste seiner Leseshow "Flaneursalon" sind die Musiker Stefan Hiss & Ralf Groher, Michael Gaedt und Dacia Bridges. Karten (17 Euro) gibt es unter der Telefonnummer: 07 11 / 4 02 07 20
www.flaneursalon.de
Joe Bauer
29.09.2008 - aktualisiert: 29.09.2008 13:06 Uhr
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/s ... hp/1831466
- Blaues Stuttgart
- Kickers-Fan
- Beiträge: 7537
- Registriert: Sonntag 11. April 2004, 17:34
- Wohnort: B-Block
- Killerauge
- Kickers-Fan
- Beiträge: 1108
- Registriert: Mittwoch 2. März 2005, 12:00
Killerauge hat geschrieben:Es steht halt nicht jeder auf den subtilen Humor eines Herrn Barner oder gar des Großmeisters der Unterhaltung Phillip Grohm
Was ist eigentlich mit Barner los. Der hat in letzter Zeit gar keinen Artikel über die Kickers geschrieben. Dabei ist doch der immer dran in den STN wenn die Kickers ganz unten sind.
-
Blue Fritz
- Kickers-Fan
- Beiträge: 5465
- Registriert: Dienstag 19. August 2003, 23:06
- Wohnort: Nürtingen
- barneygumble
- Kickers-Fan
- Beiträge: 6171
- Registriert: Dienstag 2. August 2005, 21:02
- Kontaktdaten:
Schon einmal etwas von "Urlaub" gehört? 
Erfolgreich zu sein, setzt zwei Dinge voraus: Klare Ziele und den brennenden Wunsch, sie zu erreichen.
- Johann Wolfgang von Goethe -
Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. Der Staat muß untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
- Friedrich Schiller -
Don't argue with idiots. They'll drag you down to their level and beat you with experience.
- empirische Untersuchungen -
- Johann Wolfgang von Goethe -
Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. Der Staat muß untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
- Friedrich Schiller -
Don't argue with idiots. They'll drag you down to their level and beat you with experience.
- empirische Untersuchungen -
