"Kooperation ist im Moment sinnlos"
Die Manager der Lokalrivalen VfB und Kickers sprechen über die unterschiedlichen Zielsetzungen
Am Sonntag kommt es im Gazistadion zum Regionalligaderby zwischen den Stuttgarter Kickers und den VfB-Amateuren, die beide noch im Abstiegskampf stecken. Vorab hat sich der VfB-Manager Herbert Briem nach Degerloch aufgemacht, um sich mit seinem Kickers-Kollegen Joachim Cast an einen Tisch zu setzen. Tenor im Gespräch mit Joachim Klumpp: bei den Kickers zählt der Aufstieg, beim VfB die Ausbildung.
Herr Briem, Sie haben vergangene Woche in der StZ sinngemäß gesagt: Ein Abstieg wäre kein Beinbruch. Also könnten Sie die drei Punkte am Sonntag im Derby doch freiwillig in Degerloch lassen.
Da sind ein paar Worte aus dem Zusammenhang gerissen worden. Fakt ist: ein Abstieg wäre für uns ärgerlich, weil die Regionalliga der ideale Unterbau ist. Was die Kickers angeht, bin ich überzeugt, dass sie mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben - und die Sache deshalb am Wochenende etwas lockerer angehen können.
Herr Cast, für die Kickers wäre ein Abstieg nicht nur ein Beinbruch, sondern fast schon der Todesstoß.
Gott sei Dank müssen wir uns nach zuletzt fünf Spielen ohne Niederlage nicht mehr ganz so intensiv mit dem Gedanken beschäftigen. Auf der anderen Seite kamen uns die Äußerungen als Argumentationshilfe gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund durchaus entgegen, was unser oder das Ansinnen aller Vereine bezüglich einer Lösung des Problems mit den Amateurteams von Bundesligisten in der Regionalliga angeht.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Cast: Es gibt verschiedene Ansätze. Das Hauptaugenmerk wären die Fernsehgelder, deren Erhöhung für die Realisierung unserer Ziele immens wichtig wäre. Wenn die Bundesligisten auf ihren Anteil (375 000 Euro pro Saison, d. Red.) zu Gunsten der "normalen" Regionalligisten verzichten würden, wäre schon etwas geholfen. Denn diese Vereine kassieren über den Bundesligatopf quasi doppelt. Weiterführend wäre natürlich eine eigene Nachwuchsrunde...
Briem: ...die Kickers sollten sich nicht mit der Verteilung der TV-Gelder in der Regionalliga befassen, sondern schauen, dass sie wieder aufsteigen. Und wir müssen schauen, dass wir nicht absteigen - das schaffen wir.
Aber hoffentlich nicht nur, weil nach der Insolvenz von Feucht und möglicherweise noch Regensburg am Ende gar kein Verein mehr sportlich absteigt. Lebt die dritte Liga über ihre Verhältnisse?
Briem: Grundsätzlich nicht. Aber die Beispiele zeigen, wie notwendig es ist, dass die Vereine nicht so viel Risiko eingehen und sagen: Wenn's nicht läuft, haben wir eben ein Problem. Sie müssen einfach wieder vernünftig wirtschaften - so wie das die Kickers vorbildlich tun.
Ihr Kollege hat leicht reden, wenn man einen Profiklub im Rücken hat. Und für die Komplimente können Sie sich bei den Kickers letztendlich nichts kaufen.
Cast: Natürlich ist es für uns immer ein Balanceakt, wirtschaftlich vernünftig und sportlich erfolgreich zu sein. Aber wir haben die letzten zwei Jahre konsequent Spieler aus der Jugend und Oberliga in die Regionalliga integriert. Den Weg werden wir weitergehen. Wobei man natürlich nicht nur auf Eigengewächse setzen kann, sondern auch gestandene Spieler braucht, um eine Stufe nach oben zu kommen. Aber das ist dann mit einem finanziellen Mehraufwand verbunden, den man nur schwer stemmen kann.
Ein Großteil der Stammspieler bei den Kickers kommt aus den eigenen Reihen, die inzwischen so etwas wie die "jungen Wilden" verkörpern; ein Image, das ja der VfB gerne für sich in Anspruch genommen hat. Doch da hat im vergangenen Jahr keiner den Sprung nach oben geschafft.
Briem: Natürlich ist es einfacher, Spieler für die Regionalliga herauszubringen als für die Bundesliga. Das funktioniert nicht jedes Jahr. Und es sind ja durchaus Leute wie Gomez, Caligiuri, der Verletzungspech gehabt hat, genau wie Gentner, dazugekommen. Der Zeitpunkt, als sich ein Kuranyi oder Hinkel durchgesetzt haben, war ein ganz anderer - da haben wir gegen den Abstieg gespielt. Jetzt hat die Mannschaft ein anderes Niveau, da braucht man etwas Geduld. Die meisten Spieler haben die notwendige Erfahrung erst ab 22, 23 Jahren.
Cast: Für unsere Eigengewächse, egal ob aus der Jugend oder Oberliga, ist es in der Tat einfacher, in die erste Mannschaft zu kommen, was die Vergangenheit ja gezeigt hat. Wobei man nicht vergessen darf, dass die Spieler in der Regel einige Jahre benötigen um dies zu erreichen. Es gibt aber auch Ausnahmen wie Patrick Milchraum, der bereits mit 19 Jahren den Sprung zu 1860 München in die zweite Liga geschafft hat.
Bei VfB zeichnet sich nach dieser Saison wieder mal ein Umbruch ab.
Briem: Das ist ein traditionelles Problem bei de VfB-Amateuren. Die Kickers haben allein von der Struktur her mehr Möglichkeiten, weil es sich um die erste Mannschaft handelt. Da zählt ein gutes Ergebnis und nicht die Ausbildung, um einen Spieler weiter nach oben zu entwickeln, was bei uns absolut im Vordergrund steht. Es spielt ja keine Rolle, ob wir Dritter oder 13. sind. Da ist eine ganz andere Zielsetzung. Deshalb wird bei uns auch mal ein Spieler aufgestellt, der vielleicht nicht in Bestform ist, aber die bessere Perspektive in Richtung Bundesliga hat.
Und deshalb braucht der Trainer auch keine Angst vor der Entlassung zu haben.
Briem: Bei den Kickers war der Trainer in einer ähnlichen Situation auch kein Thema. Entweder man ist überzeugt von dem Mann oder nicht. Und wenn man es ist, dann darf man auch in schwierigen Zeiten keine Gedanken verschwenden. Rainer Adrion steht 0,0 Prozent zur Diskussion. Er ist ein super Trainer und hervorragender Ausbilder - genau der richtige Mann für uns.
Cast: Wenn ein Verein von einem Trainer voll überzeugt ist, so wie das auch bei uns der Fall ist, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und dem Trainer den Rücken zu stärken.
Warum findet die schon so oft angedachte Kooperation nicht statt. Marvin Braun war vor drei Jahren der letzte, der vom VfB zu den Kickers ging.
Briem: Grundsätzlich ist es doch so: Solange beide Mannschaften in der gleichen Liga spielen, ist das absolut sinnlos, denn wir wollen zunächst ja mal unsere Mannschaft stärken - und nicht den Gegner. Wenn die Kickers in der zweiten Liga wären, könnte man sich da wieder Gedanken machen.
Cast: Es ist nicht unsere Zielsetzung, einen älteren Profi zu holen, der beim VfB nicht mehr zum Einsatz kommt. Allerdings sind die jüngsten Spieler prinzipiell alle interessant, weil sie eine sehr gute Jugendausbildung durchlaufen haben. Aber das gilt nur für Leute, deren Vertrag ausläuft. Da könnte eine Luftveränderung durchaus gut tun.
Wie etwa Stürmer Felix Luz?
Zum Beispiel.
Herr Briem, vielleicht können Sie den Kickers am Sonntag noch einen Gefallen tun und ein paar namhafte Profis einsetzen, damit noch mehr Zuschauer kommen.
Briem: Das werden wir kurzfristig entscheiden, wobei der Einsatz von Profis bei uns eher die Ausnahme ist. Wenn aber, wie letzten Sonntag, das gesamte Mittelfeld ausfällt, dann hilft das schon mal.
Wobei das nicht so funktioniert hat.
Briem: Das kann man sehen, wie man will. Horst Held hat in der ersten halben Stunde einige hervorragende Pässe gespielt, wenn die nicht verwertet werden, dann kann der beste Spieler nichts machen.
Cast: Wir nehmen es, wie's kommt. Ob ein, zwei oder vier Profis mitspielen, darum machen wir uns keine Sorgen.
Zumal Herbert Briem letzte Woche gesagt hat: Was nützt es einem Talent, bei den Kickers in der Regionalliga zu spielen?
Briem: Gut, da hätte ich vielleicht besser Feucht oder Hoffenheim nennen sollen. Es ging mir darum, klar zu machen, dass bei uns ein Spieler vielleicht in Sandhausen spielt, aber einen Tag später die Chance hat, in der AOL-Arena aufzulaufen.
Cast: Wobei ich das so nicht bestätigen kann. Die Spieler, die wir in der Vergangenheit angesprochen haben, haben zunächst alle ihr Interesse bekundet.
Briems: Dann sind wir uns ja einig. Ich habe früher als Berater ja selbst schon Spieler nach Degerloch gebracht und zu denen gesagt: die Stuttgarter Kickers sind ein hervorragendes Schaufenster.
Am Mittwoch ging das A-Junioren-Derby 2:2 aus, könnten Sie mit dem Ergebnis auch am Sonntag leben?
Cast: Wir wollen unsere Serie ausbauen.
Briem: Wie eingangs gesagt, wir brauchen die Punkte dringender als die Kickers. Deshalb wollen wir schon gewinnen.
Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 29. April 2005