WM 2006
Stuttgart nimmt sich viel vor
Stuttgart - Wenn der erste Bürger der Stadt an die Geschichte denkt, wundert er sich über die Entwicklung. "Stuttgart wurde eigentlich von Menschen gegründet, die nicht laufen und Ball spielen wollten", sagt Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU). Denn Baden-Württembergs Landeshauptstadt sei aus dem "Stuotgarten" entstanden, dem Gestüt der Schwaben-Herzöge. Die "Pferdestärken" spielen bis heute eine Rolle: Vor mehr als hundert Jahren erfanden schwäbische Tüftler in Stuttgart das Motorrad und das Automobil. Und Mercedes-Benz und Porsche fertigen immer noch Autos von Weltruf.
Auch das "Rößle" ist den Stuttgartern erhalten geblieben. Von tausenden Stadtfahnen aus wird das Wappentier auch die Gäste der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 grüßen. Unter dem Motto "Zu Gast bei Freunden" will die Schwaben-Metropole "ein guter Gastgeber sein", wie Schuster sagt. Und zwar unabhängig davon, welche Länder bei den sechs Spielen im Daimler-Stadion letztendlich antreten werden: Denn ein Drittel der annähernd 591.000 Einwohner Stuttgarts haben einen Migrantenhintergrund, vielleicht der Grund dafür, dass so wenig Hochdeutsch gesprochen wird. "Wir sind auch im Alltag weltoffen und werden uns während der WM sehr positiv präsentieren", prophezeit der OB.
Eigentlich hatten die Stuttgarter auf ein anderes Pferd gesetzt. Doch die Kandidatur für die Olympischen Spielen 2012 scheiterte schon auf nationaler Ebene kläglich. Dieser Imageschaden, nicht zuletzt entstanden durch eine fehlerhafte Bewerbung, soll durch die Fußball-WM mehr als behoben werden. 21 Millionen Euro lässt sich die Stadt das Spektakel kosten, davon 6,3 Millionen Euro für das Rahmenprogramm. Das Stadion wird für 53 Millionen Euro ausgebaut.
"Es wäre fatal, wenn wir dieses Großereignis nicht nutzen würden. Die WM als Werbemultiplikator ist unbezahlbar", sagt Klaus Lindemann, Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing und touristischer Sprecher der zwölf deutschen WM-Städte. Bereits bei der WM 1974 und EM 1988 im Fußball sowie der EM 1986 und der WM 1993 der Leichtathleten hat Stuttgart von sportlichen Großereignissen profitiert und sich weltweit einen Namen gemacht. Und auch diesmal soll die "kostenlose Stadtwerbung" genutzt werden. Stuttgart werde sich von "seiner besten Seite" präsentieren, verspricht Lindemann.
Das größte Medienereignis der Welt soll helfen, dass Stuttgart sein Image vom größten Dorf Deutschlands endlich los wird. Noch immer hält sich am Neckar das Gerücht, kurz nach Feierabend würden die Kneipentüren verrammelt, um die Kehrwoche nicht zu gefährden. Deshalb hören die Verantwortlichen im Zusammenhang mit der WM 2006 den schwäbischen Diminutiv nicht gerne: Ländle, Mädle und Häusle sind passé. Feste in der Stadt sollen gefeiert werden und "koine Festle em Städtle".
"Manchmal fehlen uns Lockerheit, Offenheit und die internationale Denkweise", sagt Fußball-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Stuttgart habe viel zu bieten, aber niemand wisse es, sagte Willi Weber, Manager von Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher: "Mich wundert es, dass der ICE überhaupt hier hält." Weber findet es toll, dass die Stadt endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, "auch wenn sie 20 Jahre zu spät dran ist." Auch IHK-Geschäftsführer Andreas Richter fordert: "Wir müssen aufhören, uns pausenlos selbst zu erniedrigen."
Der Gemeinderat nahm sich die Kritik zu Herzen. Die Flaniermeile Königstraße, Deutschlands längste Fußgängerzone, wird zur WM neu gestaltet, auf dem Schlossplatz sollen sich zigtausende zu den "Festivals der Nationen" treffen, rund um die Jubiläumssäule werden auf vier Großleinwänden alle 64 Spiele der WM übertragen. "Es wird ein Festival der kurzen Wege mitten in der City geben", kündigte Lindemann an. Auf einem Weindorf sollen Trollinger und Riesling die Besucher in Stimmung bringen, in die Fan-Arena auf dem Marktplatz laden Fifa-Sponsoren ein. Rechtzeitig vor der WM wird auch noch das neue Mercedes-Benz-Museum fertig.
Doch aus Stuttgarter Sicht ist nicht nur 2006 ein Superjahr - im Kessel der Landeshauptstadt wird weiter ordentlich geheizt: 2007 finden hier die Straßenrad- und Turn-WM sowie vermutlich die Handball-WM statt. Außerdem werden die neue Landesmesse auf den Fildern und das Porsche-Museum eröffnet. Dies alles hält die Schwaben auf Trab im früheren "Stuotgarten".
Von Wolf Günthner, dpa
Stuttgart nimmt sich viel vor
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We are blue, we are white, we are Kickers dynamite...