Ist zwar etwas lang, aber ich finde den Bericht sehr interessant
ATHENER KRAWALL
Demis, der Denunziant
Keinen Spieler haben die Fans von AEK Athen so geliebt wie Demis Nikolaidis. Weil der Europameister einer von ihnen war. Inzwischen wurden Freunde zu Feinden. Der Grund: Als neuer Präsident des griechischen Traditionsclubs ging Nikolaidis konsequent gegen Hooligans vor.
Die Randale beginnt schon 90 Minuten vor dem Anpfiff. Rund 150 Fans des elfmaligen griechischen Meisters AEK Athen sind am 29. August in den dicht besiedelten Athener Vorort Peristeri gekommen, um ihre Mannschaft beim Ligaauftakt im Spiel bei Atromitos anzufeuern. Doch bevor in der baufälligen Arena der Ball rollt, liefern sich rivalisierende Fangruppen unweit des Stadions Straßenschlachten. Feuerwerkskörper, Molotow-Cocktails, Steine und Flaschen fliegen durch die Luft. Erst durch den massiven Einsatz von Tränengas schafft es die Polizei, die Hooligans in die Flucht zu schlagen. Dennoch geht später die Randale weiter. Die Polizei hatte die AEK-Anhänger fatalerweise in einen Block neben gewaltbereiten Atromitos-Fans geführt. Erneut fliegen Gegenstände, Schalensitze werden aus der Verankerung gerissen. "Das war richtiger Krieg", urteilen die Athener Medien.
Während der Krawalle sitzt Themistoklis "Demis" Nikolaidis auf der Ehrentribüne. Fassungslos muss der Europameister beobachten, wie ein mit Helm, Schutzschild und Schlagstock ausgerüstetes Mitglied der Sondereinheit der griechischen Polizei (MAT) ein kleines Mädchen auf dem Arm trägt, um die ängstliche Stadionbesucherin vor den wilden Horden zu retten. Im Frühjahr 2004 hatte der griechische Superstar an der Spitze einer Investorengruppe die Aktienmehrheit an seinem Ex-Club AEK Athen übernommen. "Entweder ich oder der Bankrott", lautet die Begründung des schmächtigen Stürmers für den spektakulären Schritt.
Tatsächlich steckt AEK zu diesem Zeitpunkt in der schwersten Krise seiner 80-jährigen Geschichte. Griechenlands Nummer drei mit landesweit 1,5 Millionen Fans - nur die Serienmeister Olympiakos Piräus und Panathinaikos Athen haben mehr -, steht mit etwa 165 Millionen Euro in der Kreide. Nikolaidis, vor 32 Jahren im hessischen Gießen geboren, ist einer der größten Volkshelden, die AEK je hervorgebracht hat. Der bisweilen geniale Kicker, von 1996 bis 2003 bei AEK, war zeitweise die schillerndste Sportlerpersönlichkeit Griechenlands. Nikolaidis, vormals in der ostgriechischen Provinzstadt Alexandroupolis Kassenwart des lokalen AEK-Fanclubs "Original21", lässt sich am linken Oberarm das Clubwappentier, den schwarzen Doppelkopfadler, und darüber das Wort "Original" tätowieren.
Im Herbst 2002 verlost Nikolaidis über seine eigene Website 300 Tickets für das Champions-League-Spiel zwischen AEK und Real Madrid. Er wolle den Fußball allen zugänglich machen, sagt er: "Es kann nicht sein, dass jemand ein halbes Monatsgehalt ausgeben muss, um sich mit seiner Frau oder seinem Kind ein Fußballspiel anzusehen." Im Juni 2003 verlässt Nikolaidis, angewidert von Querelen und Finanzchaos, AEK in Richtung Atletico Madrid. Kurz darauf bekommt seine Frau, das hellenische Pop-Idol Despina Vandi, ein Mädchen.
Problemlos könnte der Jungvater noch drei oder vier Jahre in der Primera División oder anderswo spielen und sich ansonsten dem Familienleben widmen. Reich ist er ohnehin schon in Griechenland geworden. In seiner Villa im Athener Nobelviertel Filothei beschäftigt das Promipaar zig Dienstboten, in der Garage stehen Porsches und Ferraris. Doch Nikolaidis ist Visionär. Der Trotzkopf nimmt sich vor, AEK zu retten. Im Sommer 2004 beendet er mit 31 Jahren seine aktive Laufbahn, um sich ganz der neuen Aufgabe als AEK-Präsident zu widmen.
Nikolaidis wird sofort aktiv: Hoch dotierte Akteure werden ausgemustert, der Saisonetat wird radikal auf 13 Millionen Euro reduziert. Wichtiger jedoch: Es gelingt AEK, 147,5 Millionen Euro Schulden auf einen Schlag los zu werden. Im November 2004 gibt das Athener Berufungsgericht einem Antrag des der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia angehörenden AEK-Aktionärs Petros Stathis statt. Demnach sind laut Artikel 44 des Gesetzes zur Modernisierung von Aktiengesellschaften 95 Prozent der AEK-Schulden zu streichen, wenn 60 Prozent der Gläubiger damit einverstanden sind.
Was in Deutschland vermutlich ein Skandal wäre, wird im Lande des Europameisters als triumphale Sanierung gefeiert. Dank einer klugen Personalpolitik unter dem portugiesischen Coach Fernando Santos kämpft AEK bis zum letzten Spieltag der Saison 2004/05 um die Meisterschaft und zieht erst in einem dramatischen Finale gegen die Erzrivalen Piräus und Panathinaikos den Kürzeren. Es sieht so aus, als würde der Verein allmählich wieder Boden unter den Füßen gewinnen - verständlich also, dass das Bild mit dem MAT-Polizisten und dem kleinen Mädchen Nikolaidis einen Schock versetzt.
Dabei gehören Fankrawalle in- und außerhalb der Stadien schon seit langem zu Griechenlands Alltag. Im Oktober 2003 lauern AEK-Rowdys nach einem 0:1 in der Champions League gegen Eindhoven dem damaligen Co-Trainer Takis Persias auf, als dieser auf dem Heimweg an einer Ampel hält. Persias, der Gesichtsverletzungen davonträgt, hält den Vorfall zunächst geheim. Auch Erfolgscoach Dusan Bajevic sieht sich dem Hass der AEK-Anhänger ausgesetzt, die ihm noch immer sein Gastspiel bei Olympiakos Piräus verübeln. Bajevic beklagt Morddrohungen gegen sich und seine Familie und wirft nicht zuletzt deshalb Anfang 2004 das Handtuch bei AEK.
Im Februar desselben Jahres verletzen AEK-Hooligans den griechischen Fifa-Schiedsrichter Makis Efthimiadis beim Athener Stadtderby gegen Panionios mit einem Feuerwerkskörper an der Hand, ein Vergehen, das auf der offiziellen Clubhomepage sogar noch gerechtfertigt wird. "Zum dritten Mal in dieser Saison hat Efthimiadis mit seinen Entscheidungen unsere Fans provoziert. Wir fordern den Schiedsrichterausschuss auf, ihn zu bestrafen und von allen Spielen auszuschließen."
Die Peristeri-Krawalle in diesem Spätsommer nimmt Nikolaidis zum Anlass, um gegen die Randalierer aus seinem eigenen Verein rigoros vorzugehen. 24 Stunden nach der Randale sucht er eine Athener Polizeiwache auf und übergibt den Beamten Bilder und ein Video. Nikolaidis, das Ex-Mitglied von "Original21", tut etwas, was nie zuvor ein AEK-Chef gewagt hat: Er erstattet Anzeige gegen "Original21"-Mitglieder - Ajisilaou Kidonis und Leonidas Restis sind auf dem Material über die Ausschreitungen zu sehen.
Der Aufschrei bei "Original21" ist groß. Demis, der Denunziant. Kidonis und Restis droht nach einem neuen Gesetz eine zweijährige Haftstrafe ohne Bewährung. Als die Polizei sie festnehmen will, sind ihre Wohnungen leer. Offenbar hat "Original21" über Vertrauensleute im Club Wind von der Aktion bekommen und die beiden rechtzeitig gewarnt. Tags darauf veröffentlicht AEK die Fotos und das Video auf seiner offiziellen Homepage und nennt Kidonis und Restis als Täter. Das Vorgehen von Nikolaidis trifft seine ehemaligen Weggefährten bis ins Mark.
Für "Original21" ist AEK mehr als ein Club, es ist eine Idee. Das "K" im Vereinsnahmen steht für Konstantinopel, wie die Griechen das heutige Istanbul noch immer nennen. 1924 gründeten von den Türken aus Istanbul vertriebene Griechen AEK im Athener Flüchtlingsviertel Nea Philadelphia. Für viele ist der Verein nach wie vor ein Sinnbild für das verlorene Vaterland. Traditionell findet AEK in den ehemaligen Flüchtlingsvierteln sowie dem in der Nähe der türkischen Grenze liegenden Gebiet im Norden des Landes den größten Zuspruch. "Original21" wurde 1982 gegründet. Allein in Griechenland gibt es heute 59 Sektionen, weitere in London, New York oder Hamburg. Der Schlachtruf: "AEK, denk daran, Original ist da und ist hier mit dir!".
Doch der Interessenkonflikt ist unausweichlich. Schon vor den Peristeri-Krawallen bringt der dank der Unterstützung von "Original21" zum AEK-Chef aufgestiegene Nikolaidis die Fanclubs gegen sich auf, als er ihnen den Ticketverkauf verbietet und sie damit einer bedeutenden Einnahmequelle beraubt. "Das Märchen vom einwandfreien Charakter und Verfechter der Treuherzigkeit gilt nicht mehr. Du hast uns enttäuscht. Lösch die Tätowierung auf deinem Oberarm. Du bist nicht der Demis, den wir geliebt haben", schimpft "Original21". Das gestürzte Idol kontert: "Ich würde immer wieder so handeln. Wer Krawall macht und kleine Mädchen schlägt, den zeige ich an." Inzwischen sorgt sich auch Nikolaidis um sein Wohl und das seiner Familie. Sein Anwesen in Filothei wird permanent polizeilich bewacht.
In der Bevölkerung erfährt Nikolaidis für seine konsequente Politik zur Bekämpfung der Fangewalt breite Unterstützung. Nach einer Umfrage der griechischen Sportnachrichtenagentur "Sportline" befürworten 92,5 Prozent der Griechen das Vorgehen, unter den AEK-Fans ist die Zustimmung mit 96 Prozent noch deutlicher. Das Verhältnis zu "Original21" hat sich trotz eines Krisentreffens nicht gebessert. "Unsere Positionen sind schwach. Stark aber ist Gott, der uns beschützt. Wer Original bekämpft, bekämpft AEK. Das Feuer der Hölle für die Bösen, der Glanz des Paradieses für die Guten."
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