Die Binde ist kein bloßes Statussymbol
Eine völlig neue Erfahrung macht Erhan Polat heute Nachmittag: Kurz vor halb Vier führt der 25-Jährige zum ersten Mal in seiner fußballerischen Laufbahn ein Team als Kapitän auf das Spielfeld. "Es ist für mich eine ganz neue Rolle, die Binde zu tragen", betont Polat.
Mit dem Statussymbol am linken Oberarm und dem nicht arg anspruchsvollen Job, Oberligist SG Sonnenhof Großaspach in den bevorstehenden 34 Spielen bei der Seitenwahl zu vertreten, ist es aber nicht getan: "Er muss den Mitspielern verbal helfen", fordert Trainer Alexander Malchow vor dem Auftaktspiel in Freiburg.
Eine Umstellung für einen Fußballer, der nicht unbedingt als Lautsprecher gilt. Und eine Entwicklung, die sich erst seit wenigen Monaten abzeichnet. Genau gesagt: Seit Malchow im Januar des laufenden Jahres das Traineramt übernommen hat. "Das war eine Befreiung für mich", gewährt Polat einen Einblick in sein Seelenleben. In den eineinhalb Jahren, die der Defensivspieler zu diesem Zeitpunkt bereits bei der SG Sonnenhof unter Vertrag gestanden hatte, war Polat mit seinem Status nämlich gar nicht zufrieden.
Herbert Bentz also der Trainer, der ihn im Sommer 2004 von Regionalligist Stuttgarter Kickers zum damaligen Verbandsligisten gelotst hatte "hat mir die Rückendeckung nicht gegeben", klagt Polat. Ihm. Dem Mann mit immerhin 50 Regionalligaspielen (zwei Tore) für die Stuttgarter Kickers auf dem Buckel. Diese Geringschätzung nagte am Selbstvertrauen des 1,73 Meter kleinen Kickers: "Ich konnte damals nicht zeigen, was ich kann", ärgert sich Polat. Nur 17 Mal kam der zweikampfstarke Spieler in der Meistersaison 2004/2005 zum Einsatz zu selten, um mit seiner Situation zufrieden zu sein. Daher trug sich der gebürtige NeuUlmer vor gut zwölf Monaten mit ernsten Abwanderungsgedanken. "Ich wäre damals gerne gegangen", gibt er rückblickend zu. Das Problem: Sein Vertrag lief noch ein Jahr. Und die geforderte Ablösesumme war dem Verein, mit dem sich der Spieler bereits einig war, zu happig. "Der Wechsel hat sich zerschlagen", schildert Polat das Ende der Episode.
Er musste im Fautenhau bleiben. Unfreiwillig. Und an seiner Situation änderte sich zunächst einmal herzlich wenig. In der Hinrunde der ersten Oberliga-Saison der SG Sonnenhof Großaspach kam Polat nur neunmal zum Einsatz. Ein paar Mal musste der regionalligaerfahrene Kicker sogar im Bezirksliga-Team aushelfen. Was der Spieler selbst aber positiv sah. Immerhin Spielpraxis so lässt sich die Haltung Polats zu dem Vorgang zusammenfassen. Er wahrte den Rythmus und erntete nach der Winterpause den Lohn für diese professionelle Reaktion: Als Malchow die Nachfolge von Bentz antrat, schlug im Abstiegskampf seine Stunde. Er kehrte plötzlich ins Rampenlicht zurück. Der neue Coach setzte auf Polat, "weil er mich kannte". Aus gemeinsamen Zeiten bei den Kickers.
"Ich weiß nicht, was vor meiner Amtszeit abgelaufen ist", erklärt Malchow. Es konnte ihm ja auch herzlich egal sein. Er schätzte die Zweikampfstärke seines Ex-Mitspielers und dessen Art, sich auf dem Platz zu zerreißen: "Er lebt Willenstärke und Siegeswillen vor", lobt Malchow. Er ergänzt: "Ich weiß, dass Erhan auf hohem Niveau spielen kann." Das unterstrich Polat im Verlauf des vergangenen Halbjahres und hatte damit großen Anteil am Klassenverbleib der SG Sonnenhof Großaspach.
Wohl in erster Linie deshalb schenkten ihm die Mitspieler bei der jüngsten Wahl des Kapitäns mehrheitlich ihr Vertrauen. "Es zeigt mir, dass die Mannschaft etwas von mir hält", sagt Polat. Er weiß: "Als Kapitän ist die Verantwortung noch größer." Den Wunsch des Trainers, die Kollegen in seiner neuen Rolle verbal noch mehr zu unterstützen, kann der 25-Jährige nachvollziehen. Er will es langsam lernen, denn: "Ich habe das noch nicht intus." Wie lange Polat die Kapitänsbinde trägt, hängt auch von seiner Zukunft ab. Verlängert er seinen Vertrag bei der SG im Sommer 2007 noch einmal? "Das ist schon vorstellbar", sagt Polat. Falls es mit seinen beruflichen Verpflichtungen in Einklang zu bringen ist. Das ist wichtig, denn den Traum von einer Profi-Karriere hat er zu den Akten gelegt. "Das war erst nicht so einfach", gibt Polat zu: "Ich hatte versucht, meinen Traum zu leben." Mittlerweile ist die Sache abgehakt. "Na ja, wenn der FC Bayern anruft . . .", sagt Polat lachend. Okay, das wird kaum passieren. So gut kann Polat die Kapitänsrolle gar nicht interpretieren
Quelle: Backnanger Kreiszeitung