Wembley-Stadion: Tempel des Unheils

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Blauer Bub
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Wembley-Stadion: Tempel des Unheils

Beitrag von Blauer Bub »

Aus der heutigen Frankfurter Rundschau:

Tempel des Unheils

VON WOLFGANG HETTFLEISCH
Zuletzt schaltete sich auch Robbie Williams in die Debatte ein. Während eines Konzerts in der vorigen Woche brüllte er unvermittelt eine verspätete Begrüßung ins verblüffte Publikum: "Willkommen im neuen Wembley-Stadion!" Der Popstar und Fußballnarr besitzt nicht nur Anteile an seinem Heimatklub, dem Drittligisten Port Vale FC, sondern auch einen giftigen Humor. Denn der Auftritt hatte den 32-Jährigen nicht ins neue Weltwunder im Nordwesten der Metropole sondern ins schmucklose Provinzstädtchen Milton Keynes zwischen Oxford und Cambridge geführt.

Notgedrungen. Denn die Wembley-Arena, wo Williams dieser Tage fünf Konzerte hätte geben sollen, bleibt bis auf weiteres eine Baustelle - wenn auch eine weit fortgeschrittene. Die in ganz England heiß diskutierte Frage lautet: Bis wann? Eigentlich ist die 90 000 Zuschauer fassende, von Stararchitekt Norman Forster entworfene Arena der Superlative so gut wie fertig. Und doch berichtete der Daily Telegraph jüngst unwidersprochen, die eigentlich schon für das diesjährige Pokalfinale im vergangenen Mai vorgesehene Eröffnung des stolzen Baus, der von einem gewaltigen, von innen beleuchteten Bogen aus Stahl überspannt wird, könne sich bis ins Jahr 2010 verschieben. Es wäre eine Katastrophe für den wichtigsten Geldgeber und Hauptnutzer - den englischen Fußballverband (FA).


Heillos zerstritten

Der Grund für den möglichen weiteren Aufschub: Die mit dem Bau beauftragte Multiplex Group und der künftige Stadionbetreiber Wembley National Stadium Ltd. (WNSL), eine Tochterfirma der FA, haben sich heillos zerstritten und verkehren miteinander inzwischen bevorzugt über Anwälte. Den letzten Schwinger im öffentlichen Schlagabtausch landete der australische Generalunternehmer Multiplex, der gegenüber WNSL Einnahmeverluste in Höhe von mehr als 518 Millionen Euro geltend macht - oder auch nicht. So genau weiß das derzeit niemand. Die Baufirma hat ein 150 Seiten fassendes Papier vorbereitet, das ihre Ansprüche stützen soll. Geht die Sache tatsächlich vor Gericht, könnten leicht noch ein paar weitere Jahre ins Land gehen, bis an traditionsreicher Stätte endlich ein englisches Pokalfinale angepfiffen wird.

Das will selbstredend niemand. Genauer gesagt: Dafür will niemand verantwortlich sein. Ohnehin geht es den Beteiligten am Neubauprojekt angesichts einer beachtlichen Serie von Pleiten, Pech und Pannen schon seit geraumer Zeit bevorzugt darum, den Schwarzen Peter möglichst weit weg von der eigenen Adresse zu deponieren. Die angedrohte Millionenklage ist auch eine Retourkutsche. Denn die WNSL macht ihrerseits Multiplex für die Bauverzögerung verantwortlich, die dafür sorgte, dass schon mehrere in Aussicht gestellte Eröffnungstermine platzten. "Multiplex ließ bis zum heutigen Tag alle gesetzten Fristen verstreichen", lautet die offizielle Version der WNSL. Deren Geschäftsführer Michael Cunnan widersprach denn auch vor einigen Wochen vehement der Darstellung der Australier, man sei eigentlich mehr oder weniger fertig. Multiplex müsse unter anderem noch das Dach fertig stellen und umfangreiche Nachbesserungen an der Drainage vornehmen, ließ Cunnan wissen. Auch 10 000 der 90 000 Sitze müssen noch angeschraubt werden.

Gemessen am Umfang des Großprojekts sind das Kleinigkeiten. Aber die Widersacher haben sich ordentlich ineinander verbissen. Als die ursprünglich geplante Stadion-Einweihung zum diesjährigen FA-Cup-Finale geplatzt war, behielt WNSL Zahlungen an Multiplex in Höhe von mehr als 56 Millionen Euro als Strafe für nicht fristigerechte Fertigstellung ein. Die Baufirma pocht ihrerseits darauf, Änderungswünsche der FA-Tochter hätten zum Verzug geführt - die sei mithin verantwortlich. Schon zuvor war es zu kleineren juristischen Scharmützeln zwischen den heillos zerstrittenen Partnern wie auch zwischen der Multiplex Group und einigen ihrer Subunternehmer gekommen.

Ärger um den Prestigebau gab es von Anfang an. Vom offiziellen Abschied aus dem mythischen alten Stadion im Herbst 2000, den die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den Gastgebern mit einem 1:0-Sieg gründlich verdarb, bis zum Beginn der Abrissarbeiten vergingen zwei Jahre. Die britische Regierung musste knapp 178 Millionen Euro vorstrecken, damit sich die FA überhaupt für das finanzielle Wagnis gewinnen ließ. Der Abriss der berühmten Zwillingstürme des alten Stadions spaltete eine ganze Nation. In diesem Frühjahr dann gab ein Dachträger nach - 3000 Bauarbeiter mussten vorsorglich in Sicherheit gebracht werden. Die Kosten liefen von Anfang an aus dem Ruder. Ursprünglich waren die reinen Bauarbeiten auf 483 Millionen Euro taxiert worden. Inzwischen sollen sie sich auf mehr als 680 Millionen Euro belaufen. Das letzte Wort ist das vermutlich noch immer nicht. Presseberichten zufolge ist das Wembley-Projekt für den Generalunternehmer Multiplex schon jetzt ein gewaltiges Verlustgeschäft. Auch der solvente Fußballverband trägt schwer an der Last der finanziellen Verantwortung.

Die FA müht sich, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Das nächste Pokalfinale soll definitiv im neuen Wembley-Stadion angepfiffen werden. Gerüchten, das als Ersatzspielstätte fungierende Millennium Stadium im walisischen Cardiff sei vorsorglich schon mal gebucht worden, trat der Verband sogleich entgegen. Unkommentiert blieben hingegen die Überlegungen des Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur, ein Kaufangebot für die Riesenarena zu unterbreiten. Die Zuschauerkapazität an der White Hart Lane, der Heimspielstätte des Klubs aus dem Londoner Norden, ist bescheiden, weshalb die "Spurs" liebend gern im neuen Fußballtempel auflaufen würden. Die FA könne das Stadion dann für ihre Zwecke leasen, heißt es. Doch eigentlich übersteigt das Geschäft die finanziellen Möglichkeiten der "Spurs".


Lord Carter soll's richten

Die Hoffnung, dass irgendwie doch noch alles gut wird, ruht nun auf einem Angehörigen des Oberhauses: Lord Carter of Coles. 2001 hatte sich der Sportpolitiker und Labour-Peer im Dauerstreit um den Wembley-Neubau schon einmal als Schlichter verdingt. Noch bis Ende des Monats sitzt der 60-Jährige "Sport England" vor. Die Organisation fördert den englischen Sport mit mehr als 370 Millionen Euro jährlich aus staatlichen Lottoeinnahmen. Lord Carter soll aber nicht weitere Millionen in den unergründlichen Wembley-Schlund leiten. Seine Aufgabe, so er sie annimmt, bestünde darin, die Streithähne an einen Tisch zu bekommen. Der Wembley-Neubau wächst sich allmählich zum nationalen Desaster aus. Und mit der technischen Abnahme ist das neue Stadion keineswegs betriebsfertig. Der Eröffnung ist eine mehrmonatige Testphase vorgeschaltet. Da wird die Zeit bis zum nächsten Pokal-Finale allmählich knapp.
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