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Die Auslagerung der Kartoffeln
Nancy Krahlisch
Es ist nicht lange her, da waren wir eine ganz normale Familie. Meine Eltern, mein Bruder und ich, wohnhaft in Falkenberg/Elster. An den Wochenenden machten wir gemeinsame Ausflüge, aßen gemeinsam zu Mittag und sahen abends gemeinsam fern. Seit einiger Zeit ist das anders.
Es muss das Jahr mit dem Aufstieg gewesen sein, oder das mit dem Pokalfinale, vielleicht war es auch ein ganz anderes, auf jeden Fall war ich kaum zu Hause ausgezogen, da begannen mein Vater, mein Bruder und sogar meine Mutter, sich für einen Fußballverein in der Nähe von Falkenberg/Elster zu begeistern. Energie Cottbus hieß die Truppe, Männer mit lustigen Namen wie Pipi oder Reghe spielten da. Plötzlich fing meine Familie an, sich am Sonntagmittag der Deutschen Bahn anzuvertrauen und die hundert Kilometer nach Cottbus zu fahren. Zunächst nur hin und wieder, dann besorgten sie sich Dauerkarten. Und irgendwann reisten sie auch nach Frankfurt, Nürnberg und Osnabrück. Nach Osnabrück!
Mir war meine Familie abhanden gekommen, sie war einfach nicht mehr da, und wenn ich sie sehen wollte, musste ich mich nach dem Spielplan richten. Dann fing mein Vater an, den Keller auszubauen. Er durchbrach Decken und tragende Wände, er zog Strippen und Kabel, er tapezierte und rollte Teppiche aus. Nun hängen in unserem Keller rote Schals und Fahnen, und da, wo früher die Kartoffeln lagerten, lümmeln mir wildfremde Menschen in Sofas und Sesseln und starren auf den Fernseher mit Premiere-Empfang. Seit meine Familie ihr neues Hobby hat, hat sie nämlich auch viele neue Freunde. Ich dagegen wurde zunehmend ignoriert, ich konnte nicht mitreden, ich kannte die Spieler nicht und wusste nicht, wer für wie viel an wen verkauft werden sollte. Um nicht gänzlich ausgeschlossen zu werden, habe ich begonnen, mir Wissen anzueignen. Wenn ich zu Hause anrufe, informiere ich mich vorher über den Tabellenplatz. Bevor ich nach Falkenberg/Elster fahre, lese ich die Spielberichte der letzten drei Partien. Ab und zu sehe ich mir sogar ein Spiel an.
Alles, was ich möchte, ist, dass es meiner Familie gut geht. Wenn Cottbus gewinnt, geht es ihr gut. Und mir auch. Dabei bin ich gar kein richtiger Fan, zu Spielen gehe ich ganz selten und auch nur, wenn die Sonne scheint. Und selbst, als ein gewisser Geyer entlassen wurde, ist nichts in mir zusammengebrochen.
Sorry, Mama.
Die Autorin ist 25 Jahre alt und Volontärin der Berliner Zeitung.