[Bericht] Novara-La Spezia/Piacenza-Cremonese

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Tüten-Tim

[Bericht] Novara-La Spezia/Piacenza-Cremonese

Beitrag von Tüten-Tim »

So, hier gibt's mal wieder was zum Meckern und Drüberherfallen! Eigentlich sollte vor diesem Bericht noch der Bericht vom Spiel Hoffenheim-Kickers stehen, der inhaltlich genau anschließt, aber nachher wird hier wieder was wegen Gewaltverherrlichung gelöscht (Hallo BlauerBayer und GelsenKickers), darum den Bericht einfach davordenken...

Regionalliga Süd am 25.3.2006
TSG Hoffenheim vs. SVK Stuttgarter Kickers
1:1
(Ich bin ein böser Bericht und darf hier nicht stehen. Nur so viel: Direkt nach der Ankunft am Stuttgarter Hbf und etwas Suff zusammen mit dem Muschler, dem Möhringer und der Conny (herzliche Grüße an Euch und das Block-House, hehe) ging es hinein in den Nachtzug)

Italien Serie C1 am 26.3.2006
Novara Calcio vs. AC Spezia 1906
2:1
Jetzt kann ich es ja sagen: den Länderpunkt konnte ich bisher noch nicht mein Eigen nennen. Tatsächlich, schließlich sollte dieser für mich das höchste der Gefühle sein und nicht irgendwie sinnlos mit Plämper-Spielchen eingeheimst werden. Dafür kann ich wirklich behaupten, noch keinen Länderpunkt so gut informiert eingefahren zu haben – und damit ist nicht nur das regelmäßige Lesen von “Supertifo” und “Fan’S Magazine” gemeint, hehe. Also, ab rein in den Nachtzug nach Milano Centrale, Banda Bassotti in den MP3-Player und freuen, dass das komplette Abteil mir ganz alleine gehört. So geht es wie einst Hanibal über die Alpen – naja, ob der damals auch das 29-Euro-Nachtzug-Angebot der Deutschen Bahn benutzt hat, ist wohl fraglich, jedoch geht es auch für mich nicht völlig chillig rüber nach Italia. Das liegt vor allem daran, dass man insgesamt drei Länder tangiert, somit drei verschiedene Schaffner und drei verschiedene Zöllner mein Abteil überfallen. Am aggressivsten wohl der deutsche Zoll, der richtig gestapo-mäßig den Zug stürmt: “Wo wollen Sie hin? Was machen Sie da?” Geht Dich doch eigentlich nen Scheiß an, oder? Schließlich verlasse ich Deutschland, Fragen hat hier nur der Schweizer zu stellen. Der Schweizer wiederrum bestätigt mal wieder alle Klischees, klopft höflich am Abteil und ist nach 5 Sekunden und einem netten “Grüezi” schon wieder verschwunden. Das Lachen kann ich mir beinahe nicht verkneifen, als in Como der Italiener in den Zug kommt: “Saaaaaalve” – das klingt für mich einfach noch zu sehr nach Asterix. Gallien bleibt gallisch! Rucksack kontrollieren, dann verschwindet die römische Division auch schon wieder – und der Weg nach Milano ist frei. Total übermüdet komme ich dort am Bahnhof an, dass in der Nacht die Uhren umgestellt worden sind und eine Stunde geklaut wurde, hilft auch nicht unbedingt. Pezzo di merda! So, orientieren wir uns mal grob. Aha, da vorne gibt’s frischen O-Saft, da unten geht’s zur Metro und hier hängt ja schon ein Stadtplan. Bestens, alles, was man braucht. Die Via Salmoiraghi ist somit schnell gefunden, an der Metro-Station “Lotto” unweit des Stadio Meazza soll es raus gehen. Ob die Jugendherberge “Piero Rotta” wirklich ein Sechser ist, wird sich noch heraus stellen, jedenfalls meint der Kunde an der Rezeption: “You have luck – room number 1, bed number A, you are the first!” Wie viel “luck” ich da habe und was für Gestalten im room number 1 lauern, möchte ich allerdings erst am Nachmittag heraus finden, jetzt erst mal Rucksack hier bunkern und ab zurück zum Bahnhof. Gazzetta dello Sport antischen, aha, sehr schön, Novara-Spezia wie geplant um 15 Uhr. Juve-Roma – sollte eigentlich abends steigen – wurde wegen dem scheiß Europapokal (so eine sinnlose Veranstaltung…) bereits auf gestern Abend gelegt werden. Das ist zwar ärgerlich, aber war bereits in Deutschland schon bekannt. Werden es also nur zwei Spiele. Blättern wir die rosa Zeitung mal etwas durch: die beiden Mailänder Vereine (schon pervers, wie viel Geld in dieser Stadt von beiden Vereinen für Spielergehälter ausgegeben wird) haben sich gestern nicht wirklich mit Ruhm bekleckert (Inter kommt mit 0:1 bei Parma unter die Räder, Milan immerhin 3:1 zu Hause gegen Florenz). In der Metro fällt mir inzwischen auf, dass der Jugendliche mir gegenüber eine “Boys Inter”-Mütze trägt, schon krass irgendwie. Wenn man mal schaut, was für Mitgliederzahlen die italienischen Ultra’-Gruppen haben, da kann einem wirklich Angst und Bange werden. Ist hier halt wirklich “way of life” und entsprechend sieht man auch in der Metro immer mal wieder Typen, die entsprechend gekleidet sind. Eskalation gibt es zumindest im Milano deswegen keine, zwischen Inter und Milan gibt es ja einen Waffenstillstand, nachdem es hier nach dem Derby vor ein paar Jahren Tote gab und man zum Teil mit Pistolen aufeinander los gegangen ist. Heute heißt die Tagesaufgabe allerdings Novara und da ärger ich mich schon mal ziemlich, dass am Fahrkartenschalter die Schlange viel zu lang ist. Pezzo di merda. Moment mal, was ist das denn da hinten? Aaahh, Automaten, ziemdlich geil und viel besser als die Teile in Deutschland. Tipp, tipp, tipp, alles auch in deutscher Sprache zu haben, bis hin zur Nachtzugreservierung alles kein Thema, bestens. Keine Minute dauert es, da halte ich mein Ticket für knapp 4 Euro nach Novara in der Hand. Ab in den Interregio in Richtung Turin, kurz noch ein Schinkenbrötchen kaufen und kurze Zeit später läuft der Zug auch schon im schönen Novara ein. Hier ist am Bahnhof schon alles voller Carabinieri, schließlich heißt der Gegner heute ja auch La Spezia. Also lunger ich hier noch ne Stunde am Bahnhof rum, so recht will sich allerdings nichts tun, also ab zum Stadio Silvio Pialo. Gemütlich mit dem Bus durch die Stadt, schöne Altbaufassaden gibt’s hier, dazu Sonnenschein – wirklich dufte… Das kann man auch übers Stadion sagen, große Tribüne in blau inklusive Stadtwappen, rundum weitläufige unüberdachte Tribünen. Noch geht hier aber gar nichts, also Karte kaufen für 12 Euro für die Gegengerade (auch kein Schnäppchen…) und noch mal kurz in die Stadt, um wirklich leckeren Cappucino zu schlürfen (und das, obwohl ich ja sonst wirklich kein Koffein-Fan bin). Hmmmmm, guddi! Beim Gang rund ums Stadion fallen besonders die vielen Hakenkreuz-Graffs der Heimgruppe “Zoo” auf, dazu ein wirklich schickes Graffittie vor der Heimkurve – das weckt Hoffnungen auf das Spiel. Etwa eine Stunde vor Anpfiff treffen dann auch die Gästefans mit viel Polizeibegleitung am Stadion ein, der sector ospiti füllt sich mit etwa 700 Schwarz-Weißen. Drüben bei Novara sind es etwa 250 Ultras, unterm Strich rund 3.000 Zuschauer im Stadion. Auf beiden Seiten natürlich viel Stoff im Einsatz, bei La Spezia gibt es hinter den Fahnen der “Ultras Spezia” und “Irriducibili” zudem eine schicke Choreo mit schwarz-weiß-schwarz-weißen Papier-Schals zu sehen. Stimmungsmäßig behält natürlich Spezia alleine schon aufgrund der Masse die absolute Oberhand, ständig sind zudem sämtliche große Fahnen am schwenken (darunter auch welche der “Boys Parma” und “Ultras Tito” von Sampdoria Genua, mit denen Spezia eine Freundschaft bindet; am Zaun hängt auch die Fahne “Diffidati Boys” von Parma, welche auf die Stadionverbotler hinweist). Was beide Seiten hier melodisch abliefern, ist absolute Top-Leistung, die Lieder sind der absolute Hamemr – hab ich aber ehrlich gesagt auch gar nicht anders erwartet. Schön ist auch immer wieder zu sehen, dass relativ viel in Richtung “Diffidati” (=Stadionverbotler) gesungen wird, man sich also sehr solidarisch verhält. Spezia zeigt zur zweiten Halbzeit weiterhin das Spruchband “Liberate Tommasi”, was vom ganzen Stadion mit Applaus belohnt wird. Tommasi ist ein kleiner Junge aus Parma, der an Leukämie erkrankt ist. Er wurde schon vor Wochen entführt, vermutlich von jemanden, der Zoff mit seinem Vater hatte. In allen italienischen Stadion zeigen Ultras derzeit das Spruchband “Liberate Tommasi” – und in Deutschland geht man noch immer nach dem Prinzip vor “keine Politik im Stadion”, ich lach mich schlap… Naja, eigentlich ist es zum weinen. Sportlich ist hier Spezia als Tabellenzweiter der klare Favorit, kann sich aber nicht so recht gegen Novara durchsetzen, es steht nur 1:1, gegen Ende der zweiten Halbzeit können die Gastgeber sogar einen umstrittetenen Elfmeter verwandeln. Im sector ospiti dreht nun alles heftig am Rad, Flaschen und weiterer Unrat fliegt aufs Spielfeld. Die Polizei greift sich schon mal ihre Schilder und Knüppel und geht in Stellung, die Gästefans hängen jedoch alle ihrer rund 30 Zaunfahnen ab und wollen das Stadion verlassen. Die Carabinieri sind damit wohl nicht so ganz einverstanden, es geht etwas rund, ansonsten sieht man nicht viel, sondern hört nur, was da wohl vorm Stadion vor sich geht. Unterm Strich also ne mega-geile Vorstellung, die hier beide Seiten abgeliefert haben, viel hüpfen, viele Schalparaden, sehr viel Bewegung im Block, gute Lautstärke und vor allem Fahnen im Dauereinsatz – mit das beste, was ich je gesehen hab. Bestens. Mit dem Bus geht es zurück in die Stadt, der Zug nach Milano fährt erst wieder in rund einer Stunde, also kann ich mir bei diesem Traum-Wetter noch ein wenig die Innenstadt ansehen. Sehr nett das ganze, enge Gassen, viele Arcaden, schöne Altbauten und Plätze. Auch die Bewohner des 100.000-Einwohner-Städtchens zieht es in ihren Stadtkern, jeder knuspert ein Gelatti, die Eisdielen sind hemmungslos überfüllt. Ja, hier macht es wirklich Spaß zu flanieren, die Eindrücke werden in nicht geringer Zahl auf dem Speicherchip der Digicam festgehalten. Es darf noch ein Döner am Bahnhof sein (tatsächlich mal ein ausländischer Döner, der fast wie der deutsche schmeckt bzw. fast sogar noch besser), dann wird die Partnerstadt von Koblenz auch schon verlassen. Wieder in Milano angekommen dann ein ganz anderes Bild. Klar, diese Stadt steht wie kaum eine andere für Mode und dementsprechend treten auch die Einwohner auf. Wirklich, wohl noch nie bin ich wegen einer Jogginghose und einem Kapu so sehr angestarrt worden. Andererseits finde ich es aber auch mega-krank, dass hier die Hälfte selbst in der Metro mit Sonnenbrille rumläuft. Auffallend ist hier besonders die viele Mode-Werbung an allen Ecken und Enden der Stadt, schon heftig. Nun ja, also streif ich noch ein wenig durch die 4,5-Millionen-Einwohner-Metropole (in der gesamten Agglomeration wohnen sogar 7 Millionen Menschen) und schau mir dann mal an, was für Typen so in meinem Zimmer rumlungern. Aha, ein Engländer muss es natürlich sein, na super. “Hi, I’m from Liverpool.” Toll, das interessiert mich ja brennend… Können wir es kurz machen, ja? Ich bin Tim, komme aus Germany und werd mich jetzt mal ne Runde unter die Dusche stellen – ciao! Blöderweise haben die Zimmer hier keine Steckdosen, also geht es in einen Raum im Untergeschoss der Jugendherberge, wo es Saft fürs Handy und Lesespass in Form von Killerauges neuen Fanzines für die Augen gibt. Mit den Spaniern wird für der Tür noch eine geraucht (in Italien ist es verboten, in Gebäuden eine zu qualmen), dann ist auch mein “Freund” aus Liverpool – der nebenbei gesagt ziemlich am schnarchen ist – endlich eingepennt. Guter Plan, schließlich geht es morgen weiter.

Italien Serie B am 27.3.2006
Piacenza Calcio vs. US Cremonese
2:1
Ain’t no sunshine when she’s gone. Oh, hier scheint ja jemand ziemlich guten Musikgeschmack zu haben. Allerdings: Mit diesem alten Klassiker weckt die Jugendherberge hier seine Kunden über die Lautsprecher. Hm, das macht Spaß, auch wenn check-out time hier schon um 9.30 Uhr ist. Ok, kurz nen Frühstück einwerfen, dann wieder ab zum Bahnhof, unterwegs natürlich noch kurz die Gazzetta dello Sport antischen. Auffallend: Gelegentlich gibt die Zeitung hier sogar an, wie viele Taler die Heimvereine bei den Spielen eingenommen haben, schon gestern fiel mir in Novara auf, dass vorm Stadion sogar ein Wagen der “Guarda fi finanzia” stand – also auch so gesehen weht hier ein anderer Wind in Italien. Für fetzige 5 Euro geht es mit der Bimmelbahn ins 72 km entfernte Piacenza, wo heute das Po-Derby ansteht. Schon bei der Einfahrt in die 100.000-Einwohner-Stadt merkt man schnell, dass es sich hier um eine weniger attraktive Industire-Stadt handelt, kein Vergleich zu Novara gestern. Leider ist hier in der Heimatstadt von Flilippo Inzaghi das Stadion im Süden der Stadt, der Bahnhof im Nordosten und die einzige Jugendherberge im Südwesten. Orrrrrrrrrrrrr… Naja, es sind ja noch 9 Stunden bis zum Anpfiff im Stadio Leonardo Garilli, also wird auf den Bus verzichtet und die Stadt per pedes erkundet. Rund um den Bahnhof sind die Gassen verdammt eng, alles Einbahnstraßen, auch wenn der Putz hier und dort verdächtig bröckelt. Man kommt sich ein wenig wie in Tschechien vor. Auch etwas weiter weg vom Stadtkern wird die Stadt nicht wirklich schön, zwar tauchen immer mal wieder kleine Statuen an den zahlreichen Kreisverkehren auf, aber nichts besonderes. Gut, also mit den paar Brocken italienisch durchboxen und mit “Scusi… Via Zoni?” die gesuchte Straße finden. Ganze eineinhalb Stunden streife ich dabei durch die Stadt, das ist ganz schön anstrengend. Hab mich da mit den Größenverhältnissen wohl doch etwas verschätzt. Die Jugendherberge soll allerdings erst um 16 Uhr ihre Pforten öffenen, ist ja noch massig Zeit, also mal zum Stadion dackeln. Dort leicht erschöpft angekommen (sind jetzt unterm Strich schon rund 15 km, die ich heute durch Piacenza gelaufen bin) suche ich leicht planlos nach einem Kassenhäuschen. Wie ich schon im Augenwinkel bemerke, lungern ein paar Jugendliche auf Fahrrädern herum und haben mich ihrererseits auch genau im Winkel. Naja, könnte hier vielleicht etwas heiß werden, gehen wir mal unauffällig weiter. Die Typen kommen jedoch immer näher, ziehen ihre Kreise um mich, so langsam werde ich jetzt schon nervös. Was also machen? Einfach mal dumm stellen: “Scusi… Bigletteria?” Das war das Stichwort: “Cremona? Cremona?” brüllen die Typen, der erste packt schon mal sein Messer aus. Na klar, wie ich’s mir schon gedacht habe: Das sind Späher der Ultras Piacenza, die halten mich jetzt dummerweise für einen Gästefan. Was also machen? Natürlich verneine ich, aber wenig überraschend glauben die mir nicht. Irgendwann musste ich ja mal in so eine Situation geraten, in Belgrad hatte ich schon fest mit so was gerechnet, aber hier in Italien auf einem verlassenen Parkplatz ist das auch nicht unbedingt besser. Scheiße. Alter, pack mal das Messer weg, ich bin Deutscher! Hilft nix. “Cremona? Vafanculo!” Na gut, packen wir mal den Ausweis aus und hoffen wir mal, dass für die Typen mein Name nicht allzu italienisch klingt. Ein prüfender Blick, dann wandert das Messer wieder in die Tasche. Puh… Glück gehabt. Meine Fresse… Jetzt aber nix wie weg hier, kein Blickkontakt mehr, zurück auf die Straße, wo immerhin ein paar Rentner mit ihren Hunden spazieren gehen. Einer der Typen bleibt aber recht hartnäckig und fährt mit seinem Fahrrad neben mir her: “What are you doing here?” Ok, gehen wir also in Offensive, es hilft ja nix. Jetzt soll es sich mal lohnen, schon seit Jahren “Supertifo” zu lesen, recht forsch jongliere ich mit den Begriffen “Diffidati”, “sector ospiti” etc. herum, sage ihm, ich sei deutscher Ultra’ und wolle mal ein wenig das Land studieren, aus dem diese Subkultur nach Deutschland kam. Ja, im Grunde sei es eine Bildungsreise, ein Stück weit beneide man bei uns die italienischen Ultras. Der Kerl wird hellhörig, bittet mich doch dort vorne auf der Parkbank Platz zu nehmen. Ich biete ihm eine Zigarette an, endlich fängt der Typ mal an zu lächeln; “My name is Andrea.” So kommt es dann: Fast zwei Stunden sitzen wir auf der Bank, labern über Gott und die Welt, von der Jogginghose bis hin zur Stadionwurst. Natürlich kann er mit seinen italienischen Messerstecher-Geschichten klar punkten, bei meinen Storys kann er doch eher grinsen: “German Ultras are singing ‘Forza’? Haha, do you not have an own language?” Auch als ich ihm so sage, wie viele Mitglieder deutsche Gruppen so in der Regel haben, fragt er mehr als verwundert nach, ob ich da nicht die ein oder andere Zahl vergessen habe, ebenso bei den Gründungsdaten der Gruppen. Englisch spricht er nämlich nicht wirklich gut (was will man auch erwarten, wenn einer die Schule schwänzt, um vorm Stadion am Derby-Tag den Späher zu machen, hehe), speziell bei den Zahlen benutzt man die gute, alte Zeichensprache. Doch bei einem ist man sich mehr als einig: “England has no style!” Hehe, so sehe ich das auch, hier in Italien weiß man eben, was eine Subkultur ist – und der englsiche Fußball hat keine. Er nennt mir eben noch schnell die wichtigsten Daten des Tages (wann die Gästefans ankommen, wann die Steine fliegen etc.), will noch eben nach Hause, um sich zu bewaffnen (Gürtelschnalle muss sein) und mir einen Schal zu besorgen. Bitte was? Einen Schal? “Yeah, for my ultra’-friend from Germany!” Außerdem würde er mich gerne in die Curva Nord einladen. Haha, Du bist ja lustig, vor zwei Stunden wolltest Du mich noch fast abstechen, jetzt lässte Dich in Sachen Gastfreundschaft aber alles andere als lumpen. Alles klar, treffen wir uns um 17 Uhr wieder hier, ich schlapp derweil mal wieder zur Jugendherberge. Unbedingt solle ich aber die großen Straßen meiden und sehr aufpassen, viele Ultras würden heute mit Messer rumlaufen – hehe, keine Angst, nach dem Schrecken, den Ihr mir eingejagd hab, halte ich ab sofort gleich drei Augen offen, da brauchste keine Angst haben… Unterwegs wird’s dann in einem Café recht lustig, ist es in Italien doch so üblich, sein Getränk eben mal schnell an der Theke im Stehen einzunehmen und dann gleich zu verschwinden. Ich setzt mich aber gemütlich hin, ganz deutsch halt. Die Bedienung kommt an und sabbelt irgendwas auf italienisch, ich verstehe kein Wort. Parlo italiano? No, no, Germania… Die Alte gibt aber nicht auf, hebt ihr ohnehin schon knappes T-Shirt hoch und zeigt auf ihren Bauch. Ne schnelle Nummer? Nee, Tim, das kann nicht sein, für solche Faxen fehlt Dir eindeutig das entsprechende Aussehen. Aber was will die? Orrr, klar, jetzt, wo sie mit der Karte rumfuchtelt, fällt’s mir auch auf: “Mangare, mangare…” Wenn man schon so nen geistigen Aussetzer hat wie ich in diesem Moment (dieses Wort ist eigentlich jedem bekannt), dann könnte man es ja immer noch vom französischen “manger” herleiten. Na toll, Bedienung und ich lachen uns mal eben halb kaputt, nette Situationskomik – dafür gibt’s auch Trinkgeld. Also, dann mal in Richtung Jugendherberger – und: “sorry, we are full.” Orr, nee, oder? Wo ist denn hier das nächste Hotel? Aaah, prima, nur drei Querstraßen entfernt, aber: 135 Euro die Nacht. Bitte was? Ist das hier etwas ne Touri-Stadt? Doch wohl nicht… Ihr könnt mich mal, penn ich heute Nacht halt wieder in Milano im Sechser im Lotto. Dann mal wieder ab gen Stadio. Vorher noch ab in den Supermarkt, Kippen kaufen (vielen Dank an all diejenigen, die mir in Hoffenheim abgeraten haben Zigaretten zu kaufen, da die in Italien viiieeel billiger seien – ja, genau…) und Bier für die Jungs der Curva Nord, man will sich ja nicht lumpen lassen. Die Idee kommt gut an, auch wenn die die gleiche Idee hatten für mich da auch schon ein paar Bierchen stehen, dazu ein “Ultras Piacenza”-Schal, der eigentlich nur für Mitglieder ist. Mille grazie... Schnell noch meinen Ausweis abgeben, damit die mir ne Karte holen können (seit dieser Saison werden in den obersten beiden Ligen die Karten personalisiert), und dann labern wir noch ne ganze Weile. Vor allem die Politik bleibt nicht außen vor, gilt die Curva Nord in Piacenza als ziemlich rechts, Cremona hingegen als eher links. Schon faszinierend, wie sich hier jeder zum Wohle der Kurve unterordnet. Andrea zum Beispiel trägt eher längere Haare, ist dem Marihuana-Genuss abseits vom Fußball nicht abgeneigt und macht eigentlich einen eher linken Eindruck. Doch hier zählt, was die Kurve sagt. Nächsten Sonntag ist in Italien Wahl, wo macht Andrea sein Kreuz? “Neofascisti”, sagt er wie selbstverständlich und zeigt mir gleich stolz die Di Canio-Fotos auf seinem Handy. Vorm Stadion ist inzwischen schon eine Menge los, die ersten Spruchbänder hängen an der Straße (!), vorm Wurststand toben rund 300 Ultras wie wild rum – solche Szenen gibt es in Deutschland teilweise nicht mal im Stadion. Vor allem die zahlreich anwesende Polizei kann sich einiges anhören. Besonders gefällt mir folgendes Ritual: Vor ein paar Jahren – so erzählt mir Andrea – flog mal bei einem wichtigen Spiel ein Ball vom Spielfeld in den Piacenza-Block. Der Ball wurde nicht zurück gegeben und mit dem Ding wird heute vor jedem Heimpsiel auf der Straße hin und her gespielt. Entsprechend zerfleddert und unaufgepumpt sieht das Teil auch aus, aber sehr geile Tradition, wie ich finde. Fliegt der Ball mal in einen Vorgarten, schickt irgendein 40-jähriger Ultra’ seinen Sohn über den Zaun und weiter geht’s. Hammer! Im wahrstens Sinne des Wortes göttlich ist es, wie der Capo und seine Vorgänger hier verehrt werden. Stolz erzählt mir Andrea, dass er Davide – so heißt der aktuelle – gerade die Hand geschüttelt hat, wilde Geschichten existieren rund um die Gestalten. Nun ja, bei Davide glaub ich das, der Typ ist etwa 25 Meter breit, kahl rasiert und hat ein rotes eisernes Kreuz quer über den Schädel rasiert. Den Sicherheitsabstand halte ich penibel genau ein. Ist schon faszinierend, was hier so los ist, dazu die Gesänge – göttlich!! Dann geht’s aber etwa eine 45 Minuten vor Anpfiff rund, als die Gästebusse ankommen. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Die Heim-Ultras drehen sämtliche Flaschencontainer vor der Curva Nord um (da hat die Stadt auch nicht gerade den besten Standort dafür ausgewählt, hehe), das gibt natürlich reichlich Munition. Etwa 400 Leute rennen mit Gürtel in der Hand in Richtung Gästeblock, die Polizei hat alle Hände voll zu tun – und Andrea hat nichts besseres zu tun, als mir zu sagen, ich soll dicht hinter ihm bleiben. Na toll, der Kerl läuft in der zweiten Reihe… Naja, was soll’s, rennen wir eben mit. Etwa 25 Bengalos prasseln auf die Carabinieri nieder, dazu das bestimmt Zehnfache an Flaschen und Steinen. Hier geht’s wirklich zu wie im Krieg. Die Polizei fackelt auch nicht lange rum und schießt mehrere Tränengas-Granaten blind in die Menge, alles ist total vernebelt, ich zieh mich erst mal mehrere Hundert Meter zurück – hier ist eben auch die Polizei ultra’ é basta. Das ist doch etwas viel fürs zweite Spiel in Italein, so etwas habe ich selbst mit dem FC Zürich noch nie erlebt. Die Carabinieri prügeln derweil alles was nach Fan aussieht in die Curva Nord, auch für mich gibt es ein paar Schlagstockhiebe, also rein da. In der Curva Nord angekommen gibt es erstmal Schulterklopfen von Andrea und seinen Kumpels, habe sich der “ultra’-friend from Germany” doch tapfer geschlagen. Mag sein, aber jetzt brauch ich erst mal ne Pause, außerdem hab ich für meinen Geschmack noch eine Spur zu viel Tränengas in die Augen, ich schau mir die erste Halbzeit mal vom Rand aus an… So, mal einen Überblick verschaffen: Etwa 400 Gästefans, rund 2500 in der Curva Nord. 3000 Gästefans waren beim Hinspiel in Cremona, so Andrea. Von der Curva Nord gibt es ein Wunderkerzen-Intro und Spruchbänder, bei Cremonese Doppelhalter. Die Stimmung ist auf beiden Seiten gut, natürlich wirft man sich hier und dort das ein oder andere Schimpfwort an den Kopf. Auch hier wird sich gesanglich mit den “Diffidati” verbrüdert (bei Piacenza sollen es inzwischen weit über 200 Stadionverbote sein – so viele Mitglieder haben nur die wenigstens Gruppen in Deutschland), das ist schön. Ab der Halbzeitpause – inzwischen stehe auch ich mitten im Pöbel, nachdem Andrea übers Megaphon wild “Stoccarda, Stoccarda” (so nennt sich Stuttgart auf italenisch) begrüllt hat und danach die ganze Curva Nord auf mich gestarrt hat (orrrr, geht das vielleicht auch eine Spur dezenter?) – wird es bunt. Wie Andrea sagt, wurde soeben der Gästeblock von draußen mit Steinen beworfen, die Gästefans sind darüber natürlich alles andere als erfreut und hoolen wohl ziemlich bei sich im Block rum. Das findet allerdings die Polizei alles andere als lustig und schießt mal wieder fröhlich Tränengas-Granaten in den Block, was ich zuerst für eine Pyro-Einlage des Anhangs aus Cremona halte. Das Zeug zieht über den Platz, selbst hier drüben in der Curva Nord kriegen die meisten rote Auge. Die Spieler verlassen den Platz, das Spiel steht wohl kurz vorm Abbruch. Krass. Die Piacenza-Typen lassen sich auch nicht lange bitten, rund 200 von ihnen stürmen in Richtung Ausgang und attackieren die Polizei. Die sieht man immer wieder wie von der Tarantel gestochen im Stadioninnenraum Zuflucht finden, nach einem geplanten Rückzug sah das auch nicht aus… Kurzum: Mehr als krass, was hier beim Po-Derby abgeht. Nach 10 Minuten kommen die Spieler wieder auf den Platz, leider hat mich diese Unterbrechung den Abpfiff gekostet, da der Zug nach Milano bereits um 23.12 Uhr fahren soll. Schade, so muss ich die Curva Nord ein paar Minuten vor Abpfiff verlassen, werde aber ausgiebig von den anderen verabschiedet und bekomme eine Einladung, unbedingt mal wiederzukommen: “Now you are a friend of Curva Nord.” Trotzdem: Der Schal wird schnell eingepackt, wer weiß, ob da nicht der ein oder andere Diffidati aus Cremona ums Stadion schleicht und mich beobachtet. Also ständig umdrehen, gehörige Aufmerksamkeit jedem Rascheln im Gebüsch schenken und so schnell es geht weg hier. Der Fußweg zum Bahnhof beträgt etwa 40 Minuten, die Zeit ist also knapp bemessen. So komme ich völlig verschwitzt (hmmm, lecker…) und gerade mal zwei Minuten vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof an. Schnell noch Ticket lösen, dann aber los – puh. Andrea klingelt derweil besorgt durch, ob alles geklappt hat – jaja, passt schon. Zwei Tage später wird er mir mitteilen, dass es nach dem Spiel noch heftige Straßenschlachten gab und er der einzige von seinen Freunden ist, der sich an diesem Abend kein Stadionverbot eingehandelt hat. Zurück in Milano geht es wieder ab in die Jugendherberge (gerade noch die letzte Metro erwischt), leider verirre ich mich leicht im nächtlichen San Siro und komme erst um halb 2 Uhr an. Kein Problem an der Rezeption, schließlich scheint Andrea den Kerl vorher ziemlich zurecht gewiesen zu haben, mir ja ein Bett zu geben. Jaja, my ultra’-friend from Italy, hehe… Schnell abruhen, um 9.30 Uhr muss ich den Laden ja schon wieder verlassen.
Gegen 21 Uhr soll erst der Nachtzug nach Stoccarda abrollen, also noch viel Zeit für Sightseeing, Pizza essen und das Stadio Meazza. Leider regnet es heute in Milano, die Stadt wirkt somit relativ trist. Nach drei Stunden ist auch schon fast alles gesehen, was man gesehen haben muss (nur den Mentalita’ Ultras-Shop hab ich leider nicht gefunden), was also machen? Genau, knöpfen wir uns den Mailänder Dom vor, den Duoma Santa Maria Nascente. Im 14. Jahrhundert begannen die Bauarbeiten, 1858 wurde das imposante Bauwerk erst fertig gestellt. Ziemlich Wahnsinn. Bestimtm eineinhalb Stundne flaniere ich durch den Dom, schaue mir alle Fenster und die detailverliebten Türen an und gerate nicht nur ein Mal ins Schwärmen. Da der Dom zudem Schutz vor dem Regen bietet, häng ich gleich noch zwei Stunden dran und widme mich voll und ganz der neuen “Blickfang Ost”-Ausgabe (auch wenn die Leute blöd schauen), somit hab ich also knapp vier Stunden im Mailänder Dom verbracht. Amen. Dann aber mal wieder ab zum Bahnhof, noch mal kurz McDonald’s Italien antesten (etwas teurer, dafür bessere Pommes), “Supertifos” für die Meute in Deutschland kaufen und ab in den Nachtzug. Aaahhhh, dieses Mal leider 4 deutsche Voll-Spinner mit im Abteil: Geschäftsmann, 2 Plauener (die ständig erzählen, wie toll es in der Toskana war) und eine Mode-Muschel, die hier offensichtlich ihrem Kaufrausch erlegen ist. Und als Höhepunkt will man mir verbieten, MP3-Player zu hören, weil das störend sei. Parlo italiano? Hehe, einen auf dumm zu machen sollte die Situation doch retten, doch die Alte zieht mir tatsächlich die Stöpsel aus dem Ohr. Na toll, lebt alleine in Euerm Zoo, ab Chiasso wechsel ich das Abteil, auch wenn der Schaffner noch so sehr rumproletet – schlaf Du doch da drin! Somit kann die Nacht einigermaßen ungestört verbracht werden (wenn der deutsche Zoll nicht mal wieder das Abteil gestürmt hätte), lustig wird es nur noch, als im Stuttgart Hbf-McDonald’s meine Bestellung in astreinem Deutsch aufgebe, die beiden Vollnasen aus Plauen direkt hinter mir stehen und doof schauen. Parlo italiano? Egal, ich komme wieder!
Überlinger

Beitrag von Überlinger »

Kannst du mir denn den "bösen" Hoffe-Bericht schicken? :wink:
Tüten-Tim

Beitrag von Tüten-Tim »

:arrow: Bericht ist hier halt noch in der Alpha-Version, später im Heft dann mit deutlich mehr Infos, Spruchband-Übersetzungen von den Kontaktleuten in Italien ( :wink: ), mit weniger Rechtschreibfehlern, etc., also keine PN-Panik schieben...
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