Dresdner Fans wehren sich
31.10.2006
Während DFB und DFL auf einem Gewalt-Gipfel das weitere Vorgehen gegen Gewalt in Fußballstadien klären wollen, warnt das Fanprojekt Dresden vor voreiligen Strafen und hofft auf Besonnenheit.
In Berlin eskalierte die Situation teilweise
Man sollte auf die Rechtstaatlichkeit vertrauen und abwarten, wie die Vorfälle in Berlin beim Regionalliga-Spiel zwischen Hertha BSC II und Dynamo Dresden von den Behörden aufgearbeitet werden, gab Fanprojektleiter Torsten Rudolph zu bedenken.
Der szenekundige Fachmann warnte vor pauschalen Brandmarkungen. "Dann", sagte er, "reagieren die Fans wie sie immer reagieren: Sie fühlen sich stigmatisiert und in eine Ecke gedrängt." Der laufende Prozess der Selbstreinigung werde dadurch aufgehalten. "Wir sind mit unserer Arbeit in Dresden auf einem guten Weg. Die Gefahr ist dann, dass sich die Vernünftigen auch noch zurückziehen", betonte Rudolph.
Stattdessen forderte er den DFB auf, sich als Moderator anzubieten und im aktuellen Fall zwischen den Dresdnern und den beteiligten Stellen in Berlin zu vermitteln. "Unser Anliegen ist seit Jahren: Redet, bevor ihr Druck aufbaut", sagte Rudolph.
Auch Drittligist Dynamo Dresden bot er erneut Hilfe an. "Seit den Vorfällen hat sich niemand bei uns gemeldet. Ich wünsche mir, dass unsere Dienste mehr angenommen werden", sagte der angehende Sozialarbeiter.
Fanprojekt mit vielen Aktionen
Seit vier Jahren arbeitet das Dresdner Fanprojekt mit Fußballanhängern. Der jährliche Etat von derzeit 90.000 Euro, finanziert zu gleichen Teilen von DFB, Land Sachsen und der Stadt Dresden, ist für die zahlreichen Projekte knapp und muss durch Kooperationspartner Dynamo Dresden und Sponsorenhilfe aufgestockt werden.
Mit Schulprojekten, U16-Aktionen und Fantreffs sollen Aggressivität und Gewalt vor allem bei jugendlichen Anhängern eingedämmt werden. Auch bei Stadionverboten, Sucht- und Schuldenfällen oder familiären Problemen bieten die drei hauptamtlichen Pädagogen sowie etliche Ehrenamtliche ihre Hilfe an.
Die Einflussnahme auf die kleine Gruppe der gewaltbereiten Anhänger sei indes schwierig. "Sie wollen sich abkapseln. Es braucht Zeit, um Zugang zu bekommen", erklärte Rudolph. Zu allen Spielen der Sachsen stehen die Fanbetreuer daher selbst in den Blöcken, um sich als Ansprechpartner anzubieten oder bei Konflikten Einfluss nehmen zu können.
Wochen im Voraus finden Gespräche mit den jeweiligen Verantwortlichen der Polizei statt, in denen darauf hingewiesen wird, die Repressionen gering zu halten. "Wir sind die, die die Wünsche der Fans kennen. Wir sehen uns als Dolmetscher zwischen den Fans und den Sicherheitsvertretern", sagte Rudolph.
Die Wünsche der Fans sind nach Ansicht des Szenekenners vergleichsweise einfach. "Die Fans wollen Verständnis für ihr Fansein und ihre Subkultur", sagte er. "Fans erleben ein permanentes Verbot", bemerkte Rudolph. Die erhofften Freiräume würden stetig verkleinert, Zäune aufgezogen, Preise für Stehplätze erhöht, Schlachtenbummler per Video überwacht, die Polizeipräsenz verstärkt. "Eine Kettenreaktion beginnt, schon bei geringem Druck eskaliert die Situation."
Quelle: Sportal.de (
http://www.sportal.de/de/nncs/fussball/ ... 00000.html)